Sinti und Roma
Sinti und Roma ist in der Bundesrepublik Deutschland der Oberbegriff für die beiden Volksgruppen Sinti und Roma, die historisch als „Zigeuner“ bezeichnet wurden.
Die Sinti sind eine eigenständige Gruppe, die seit Jahrhunderten vor allem in Deutschland, Österreich und anderen deutschsprachigen Regionen lebt. Die Roma hingegen bilden eine vielfältige Gruppe mit zahlreichen Untergruppen, die vor allem in Ost- und Südosteuropa beheimatet sind. Auch in kultureller und religiöser Hinsicht weisen die beiden Gruppen jeweils eigene Traditionen auf.
Begriffsgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Bürgerrechtsbewegung der Roma in Europa entstand in den 1970er Jahren mit dem Ziel, Diskriminierung zu beseitigen und abwertenden Fremdbezeichnungen wie „Gypsy“ oder „Zigeuner“ abzuschaffen. 1978 wurde auf einem Treffen in Genf beschlossen, fortan die abwertenden Fremdbezeichnungen wie „Gypsy“ oder „Zigeuner“ durch die Eigenbezeichnung „Roma“, die aus der Romani-Sprache stammt, zu ersetzen.[1][2] Zunächst wurde „Roma“ als Bezeichnung für die Minderheit in Deutschland übernommen.[3][4][5][6]
Der Begriff Sinti und Roma hat sich in der Bundesrepublik seit den frühen 1980er Jahren als politischer Begriff etabliert und löste die Fremdbezeichnung „Zigeuner“ ab.[7][8][9] Die Reihenfolge der Bezeichnungen variiert je nach nationalem Kontext. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma verwendet die Bezeichnung „deutsche Sinti und Roma“, in Österreich stehen dagegen oft die Roma an erster Stelle. Dies spiegelt die jeweilige Größe und den Einfluss der Teilgruppen innerhalb der Minderheit wider.[10][11] Die Eigenbezeichnungen „Roma“ bzw. „Sinti“ sind seit Anfang bzw. Ende des 18. Jahrhunderts nachweisbar.[12] Auch in Italien ist in wissenschaftlichen Diskursen die Bezeichnung „Sinti e Rom“ gebräuchlich.[13]
"Sinti und Roma" wird in Medien und Politik als Oberbegriff verwendet, auch wenn Sinti bei dem betreffenden Thema keine Rolle spielen. Beispiele sind: "Sinti und Roma zieht es ins Revier" oder "Sinti und Roma in Albanien".[14] Einige Sinti lehnen das ab.[15] Inzwischen ist auch die Selbstbezeichnung Sinti:zze und Rom:nja verbreitet.[16][17][18]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im deutschsprachigen Raum gibt es seit etwa 600 Jahren Sinti und Manusch.[19] Roma sind im 19. Jahrhundert aus Osteuropa ins Deutsche Reich eingewandert.[20]
Sinti und Roma haben unterschiedliche historische, kulturellen und soziale Hintergründe, aber die gemeinsame Erfahrung von Verfolgung, insbesondere während des Nationalsozialismus, als beide Gruppen Opfer des Völkermords an den Sinti und Roma wurden.[7]
Anfang der 1990er befasste sich der Zentralrat nicht mit der Frage des Bleiberechts für osteuropäische Roma-Migranten, sondern unterstützte staatliche Bemühungen, die Lebensbedingungen in den ehemals jugoslawischen Herkunftsländern für Roma-Migranten rückkehrfreundlich zu gestalten.[21] In den 2000ern sprach sich der Vorsitzende des Zentralrats dafür aus, „keine Minderheitenangehörigen in den Kosovo abzuschieben“, solange der Kosovo für Rückkehrer unsicher ist. Das Rückführungsabkommen solle ausgesetzt und den bereits lange in Deutschland lebenden Kosovo-Roma dauerhafter Aufenthalt gewährt werden.[22]
Straßenbenennung und Denkmal
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In München gibt es seit 2002 im Stadtbezirk Schwanthalerhöhe einen Sinti-Roma-Platz,[23] in Wien-Floridsdorf seit dem Jahr 2001 einen Romaplatz[24] sowie einen Sintiweg.[25]
Im Echelmeyerpark in Saarbrücken wurde 2024 der Gedenkort „Nachhall“ von der Saarbrücker Bildhauerin und Klangkünstlerin Frauke Eckhardt eingeweiht. Er erinnert an die Opfer der Verfolgung von Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus.[26][27]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Romani, die von den Sinti und Roma gesprochene Sprache
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Zentralrat Deutscher Sinti und Roma
- Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg
- Sinti alle so? erschienen auf fluter.de am 28. Juli 2021 von Merfin Demir
- Germany. Roma/Sinti. In: World Directory of Minorities and Indigenous Peoples. Minority Rights Group (englisch).
- Representing Roma and Sinti (Forschungsprojekt zur fotografischen Darstellung der Minderheit)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Michael Zimmermann: Zigeunerpolitik und Zigeunerdiskurs im Europa des 20. Jahrhunderts. In: Michael Zimmermann (Hrsg.): Zwischen Erziehung und Vernichtung. Zigeunerpolitik und Zigeunerforschung im Europa des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2007, S. 13–70, hier S. 63; allgemein zur frühen Roma-Bürgerrechtsbewegung, aber auch zur „Wahl des Terminus ‚Rom‘ als offizielle Selbstbezeichnung“ siehe die Seite rombase der Uni Graz: Roma ( vom 18. Mai 2013 im Internet Archive).
- ↑ Siehe: History of the International Roma Day and international Roma movement (online).
- ↑ Siehe z. B. die gemeinsam von der Gesellschaft für bedrohte Völker und dem Verband deutscher Sinti herausgegebene Sonderausgabe der Zeitschrift pogrom zum III. Welt-Roma-Kongress, (Göttingen) 1981.
- ↑ Memorandum der International Romani Union (IRU) und des Verbands deutscher Sinti: „Die Mehrheit der deutschen Zigeuner bezeichnet sich als Sinti; die internationale Zigeunerbewegung bezeichnet das Volk der Zigeuner als Roma.“
- ↑ In: Sinti und Roma im ehemaligen KZ Bergen-Belsen am 27. Oktober 1979. Göttingen 1980, S. 136.
- ↑ Die Grünen-Fraktion im Landschaftsverband Westfalen-Lippe, GAL/Die Grünen Münster (Hrsg.): NS-Verfolgte 40 Jahre ausgegrenzt und vergessen. Dokumentation einer Anhörung vom 18. Februar 1989 in Münster. Münster 1989.
- ↑ a b Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Interdisziplinäre Fachtagung Antiziganismus vom 29.11. bis 01.12.2012. Call for papers vom 17. Februar 2012, abgerufen am 19. Februar 2024 (Hervorhebungen nicht im Original).
- ↑ Bundeszentrale für politische Bildung: Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma. 27. Juli 2023, abgerufen am 4. Mai 2025.
- ↑ Romani Oskar Rose: Wiedergutmachung nur den Starken? In: Tilman Zülch (Hrsg.): In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt. Zur Situation der Roma (Zigeuner) in Deutschland und Europa. Reinbek 1979, S. 257–261.
- ↑ Karola Fings, Ulrich F. Opfermann: Glossar [Lemma „Selbstbezeichnungen“]. In: Karola Fings, Ulrich F. Opfermann (Hrsg.): Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933–1945. Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung. Paderborn 2012, S. 337–359, hier S. 352.
- ↑ Siehe z. B. die Homepage des Kulturvereins österreichischer Roma (online ( vom 12. Januar 2012 im Internet Archive)).
- ↑ "Roma" nach: Waldheimer Lexikon der „rothwelschen“ und der „zigeunerischen Sprache“ eines unbekannten Verfassers, 1726, zit. in: Friedrich Kluge: Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der verwandten Geheimsprachen; Straßburg 1901 (ND 1987), S. 187f.; "Sende": Sulzer Zigeunerliste, 1787, zit. in: ebenda, S. 252; "Sinte": Johann Erich Biester: Ueber die Zigeuner; besonders im Königreich Preußen, in: Berlinische Monatsschrift, Bd. 21, 1793, S. 108–165.360–393, hier: S. 364 f.
- ↑ Paola Trevisan: Le ricerche sull’internamento dei Sinti e dei Rom in Italia durante il regime fascista. In: Hannes Obermair, Sabrina Michielli (Hrsg.): Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts im Vergleich – Culture della memoria del Novecento a confronto. (Hefte zur Bozner Stadtgeschichte 7). Stadtgemeinde Bozen: Bozen 2014. ISBN 978-88-907060-9-7, S. 189–205.
- ↑ Wilhelm Klümper: Zuwanderung. Sinti und Roma zieht es ins Revier. In: WAZ, 2. Januar 2014; chs: Sinti und Roma. Asylbewerberwelle vom Balkan beunruhigt Länder. In: Der Spiegel, 13. November 2010, siehe: [1]
- ↑ Abschnitt „Selbstbezeichnungen“ in: Karola Fings, Ulrich F. Opfermann: Glossar: Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933-1945. Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung. Paderborn 2012, S. 337–369, hier S. 352.
- ↑ Amadeu Antonio Stiftung: Antiziganismus: Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja, abgerufen am 14. Januar 2026.
- ↑ Heinrich-Böll-Stiftung: Sinti*zze und Rom*nja, abgerufen am 14. Januar 2026.
- ↑ Neue deutsche Medienmacher*innen e. V.: Antiziganismus, abgerufen am 14. Januar 2026 (dort mit der Benennung als „Rom*nja und Sinti*zze“).
- ↑ Bonaventura Vulcanius Brugensis: De Literis et Lingua Geatarum sine Gothorum. Leiden 1597, zit. nach: Kluge, S. 114.
- ↑ Siehe: Landesverband Deutscher Sinti und Roma NRW ( vom 22. August 2010 im Internet Archive); Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage, Deutscher Bundestag, 9. Wahlperiode, 21. Dezember 1982, Drucksache 9/2.360, S. 1; vgl. Karola Fings, Ulrich F. Opfermann: Glossar [Lemma „Selbstbezeichnungen“]. In: Karola Fings, Ulrich F. Opfermann (Hrsg.): Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933–1945. Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung. Paderborn 2012, S. 337–359, hier S. 352.
- ↑ Joachim S. Hohmann (Hrsg.): Sinti und Roma in Deutschland. Versuch einer Bilanz. Frankfurt am Main 1995, S. 231–251; siehe auch: idmedienpraxis.de ( vom 25. Mai 2013 im Internet Archive).
- ↑ Romani Rose: Zur Lage im Kosovo. Stellungnahme des Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma zur geplanten Abschiebung von mehr als 10.000 Roma aus Deutschland in den Kosovo. In: Hinterland. Vierteljahresmagazin des Bayerischen Flüchtlingsrats, Nr. 13, 12. Juni 2010, S. 4–5 (PDF ( vom 20. Januar 2012 im Internet Archive)).
- ↑ Sinti-Roma-Platz im Internetportal muenchen.de, abgerufen am 1. August 2022
- ↑ Romaplatz im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
- ↑ Sintiweg im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
- ↑ Einweihung Denkmal, Landesverband Deutscher Sinti & Roma Saarland
- ↑ Ort der Erinnerung an die Opfer der Verfolgung von Sinti und Roma, Landeshauptstadt Saarbrücken