Shcherbinait kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem und entwickelt nadelige, nach der c-Achse [001] gestreckte Kristalle sowie Rotationszwillinge mit der a-Achse [100] als Drehachse bis etwa einen Zentimeter Länge mit einem glasähnlichen Glanz auf den Oberflächen. Er findet sich aber auch in Form feinfaseriger Mineral-Aggregate. Das durchscheinende Mineral ist von gelbgrüner bis goldgelber, im Durchlicht auch strohgelber, Farbe. Als idiochromatisches Mineral hinterlässt Shcherbinait auch auf der Strichtafel einen blassgelben Strich.
Shcherbinait wurde erstmals in Mineralproben entdeckt, die am Vulkan Besymjanny auf der Halbinsel Kamtschatka im russischen Föderationskreis Ferner Osten gesammelt wurden. Die Analyse und eine erste Beschreibung wurde zunächst 1970 durch Leonid Fjodorowitsch Borissenko (1922–2000;[9] russisch: Леонид Федорович Борисенко), E. K. Serafimowa, M. E. Kasakowa und N. G. Shumyatskaya (russisch: Л. Ф. Борисенко, Е. К. Серафимова, М. Е. Казакова, Н. Г. Шумяцкая) unter dem Titel „Erster Fund von kristallinem V2O5 in den Produkten von Vulkanausbrüchen in Kamtschatka“ (russisch: Первая находка кристаллической V2O5 в продуктах вулкалических извержений Камчатки) veröffentlicht.
Die eigentliche Erstbeschreibung als Mineral erfolgte durch Borissenko, der das Mineral nach dem russischen Geochemiker und Mineralogen Wladimir Witaljewitsch Schtscherbina (englisch: Vladimir Vital’evich Shcherbina; russisch: Владимир Витальевич Щербина; 1907–1978[10]) benannte. Die korrekte Transkription ins Deutsche wäre demnach Schtscherbinait. Von der International Mineralogical Association (IMA) wurde das Mineral allerdings mit der englischen Schreibweise des Namens (Shcherbinaite) anerkannt,[1] die auch im Deutschen (ohne das im Englischen angehängte ‚e‘) übernommen wurde.[11][8]
Die Untersuchungsergebnisse und der gewählte Name wurden 1971 zur Prüfung an die IMA (interne Eingangs-Nr.: 1971-021[1]) gesandt, die den Shcherbinait als eigenständige Mineralart anerkannte. Die Publikation der Erstbeschreibung folgte ein Jahr später im russischen Fachmagazin Записки Всесоюзного Минералогического Общества [Sapiski Wsessojusnogo Mineralogitscheskogo Obschtschestwa] und wurde 1973 mit der Publikation der New Mineral Names im englischsprachigen Fachmagazin American Mineralogist nochmals bestätigt.
Bereits in der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Shcherbinait (als Vanadinocker) zur Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort zur Abteilung der „MxOy-Verbindungen mit M:O<1:2“, wo er zusammen mit dem Tantalocker Tantit die „Vanadinoxid“-Gruppe mit der System-Nr. IV/E.01 bildete.
Im Lapis-Mineralienverzeichnis nach Stefan Weiß, das sich aus Rücksicht auf private Sammler und institutionelle Sammlungen noch nach dieser alten Form der Systematik von Karl Hugo Strunz richtet, erhielt das Mineral die System- und Mineral-Nr. IV/G.09-10. In der „Lapis-Systematik“ entspricht dies ebenfalls der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung „Vanadiumoxide (Polyvanadate mit V4+/5+)“, wobei in den Gruppen IV/G.09 bis 12 die Schichtvanadate, als typische Vanadiumbronzen eingeordnet sind. Shcherbinait bildet hier zusammen mit Bassoit und Cavoit eine eigenständige, aber unbenannte Gruppe (Stand 2018).[8]
Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte[12]9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Shcherbinait ebenfalls in die Abteilung der „V[5,6]-Vanadate“ ein. Diese ist allerdings weiter unterteilt nach der Struktur der Vanadatkomplexe, so dass das Mineral entsprechend seinem Aufbau in der Unterabteilung „Schichtvanadate (Phyllovanadate)“ zu finden ist, wo es als einziges Mitglied die unbenannte Gruppe 4.HE.10 bildet.
Auch die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Shcherbinait in die Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort in die Abteilung der „Oxidminerale“ ein. Hier ist er als einziges Mitglied in der unbenannten Gruppe 04.06.01 innerhalb der Unterabteilung „Einfache nicht klassifizierte Oxide“ zu finden.
In der idealen (theoretischen) Zusammensetzung von Shcherbinait (V2O5) besteht das Mineral aus Vanadium (V5+) und Sauerstoff (O2−) im Stoffmengenverhältnis von 2:5, was einem Massenanteil (Gewichts-%) von 56,02Gew.-%V und 43,98Gew.-%O.[11]
Bei der Analyse der natürlichen Mineralproben aus der Typlokalität am Kamtschatka-Vulkan Besymjanny konnte neben 39Gew.-%V2O5 noch 3,9Gew.-%Na2O bei einem durch die Analyse verursachten Glühverlust (LOI, Loss on ignition) von 12,5Gew.-% gemessen werden.[13]
Des Weiteren kennt man Shcherbinait nur noch aus einer metamorphen Massiv-Sulfid-Lagerstätte mit Zink-Vererzungen etwa 11km südöstlich von Vihanti in der westfinnischen Landschaft Nordösterbotten und vom Vulkan Colima im mexikanischen Bundesstaat Jalisco (Stand 2020).[14]
Auch in der Kupfer-Grube „Cliff-Mine“ am Oberen See (englischLake Superior) in der kanadischen Provinz Ontario soll Vanadinocker als erdiges, gelbliches Pulver auf Quarz gefunden worden sein.[4][3]
Л. Ф. Борисенко, Е. К. Серафимова, М. Е. Казакова, Н. Г. Шумяцкая:Первая находка кристаллической V2O5в продуктах вулкалических извержений Камчатки. In: Доклады Академии наук. Band193, Nr.3, 1970, S.683–686 (russisch, englische Übersetzung: L. F. Borisenko, E. K. Serafimova, M. E. Kazakova, N. G. Shumyatskaya: The first find of crystalline V2O5 in the products of Kamchatka volcanic eruptions. In: Doklady Akademii Nauk).
Л. Ф. Борисенко:О новом Минерале – Щербинаите. In: Записки Всесоюзного Минералогического Общества. Band101, Nr.4, 1972, S.464–464 (russisch, rruff.info[PDF; 53kB; abgerufen am 28.Februar 2023] englische Übersetzung: L. F. Borisenko: The new mineral shcherbinaite).
Michael Fleischer:New Mineral Names. In: American Mineralogist. Band58, 1973, S.560–562 (englisch, rruff.info[PDF; 358kB; abgerufen am 29.November 2020]).
R. Enjalbert, J. Galy:A refinement of the structure of V2O5. In: Acta Crystallographica. C42, 1986, S.1467–1469, doi:10.1107/S0108270186091825 (englisch).
Igor V. Pekov:Minerals first discovered on the territory of the former Soviet Union. 1. Auflage. Ocean Pictures, Moscow 1998, ISBN 5-900395-16-2, S.185,296.
123Hans Jürgen Rösler:Lehrbuch der Mineralogie. 4. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1987, ISBN 3-342-00288-3, S.417.
12345Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.259 (englisch).
12345678910
Shcherbinaite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 71kB; abgerufen am 29.November 2020]).
1234Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
↑Borisenkoite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 29.November 2020(englisch).
↑Shcherbinaite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 28.Februar 2023(englisch).