Satz vom Minimum und Maximum

Der Satz vom Minimum und Maximum[1] (auch Extremwertsatz[2] oder Satz von Weierstraß[3]) ist ein mathematischer Lehrsatz aus dem Gebiet der Analysis, der eine Aussage über die Existenz von Extremwerten trifft. Er besagt:
- Jede auf einem kompakten Intervall definierte stetige reelle Funktion ist beschränkt und nimmt ihr (absolutes) Maximum sowie (absolutes) Minimum an.[4][5]
Der Satz ist ein reiner Existenzsatz. Er ist nicht konstruktiv, das heißt er liefert (im Gegensatz zu den Methoden der Kurvendiskussion) kein Verfahren, die Extremstellen tatsächlich zu bestimmen. Er ist jedoch von grundlegender Bedeutung für den logisch strengen Aufbau der Analysis, da wichtige Sätze auf ihm aufbauen.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Frühzeit der Analysis wurden anschauliche Resultate wie der Satz vom Minimum und Maximum meistens als „offensichtlich wahr“ angesehen und bedenkenlos verwendet. Ein Bedürfnis, auch solche Sätze zu beweisen, um der Analysis ein solides Fundament zu verleihen, kam erst im 19. Jahrhundert auf. So wurde der Satz vom Minimum und Maximum erstmals in den 1830er Jahren von Bernard Bolzano in seiner Arbeit Functionenlehre bewiesen, welche jedoch bis 1930 unveröffentlicht blieb.[6] Von Karl Weierstraß, der sich ebenfalls um die logisch fundierte Aufarbeitung der Analysis verdient gemacht hat, wurde der Satz in seinen Vorlesungen von 1861 als „Hauptlehrsatz“ bezeichnet und ebenfalls bewiesen.[7] Seine Schüler trugen zur Verbreitung der Weierstraßschen Strenge bei, wodurch der Satz schließlich fester Bestandteil der mathematischen universitären Grundausbildung wurde.[8]
Aussage
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ist eine stetige Funktion, so gibt es stets Punkte derart, dass für alle die Ungleichung erfüllt ist.[9][10]
Beispiele
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Eine wichtige Klasse von Funktionen sind die Polynomfunktionen. Da jede Polynomfunktion stetig ist, nimmt sie auf einem kompakten Intervall ihr Maximum und ihr Minimum an. Dabei können die Extremwerte in den Randpunkten des Intervalls liegen.
- Die Funktion ist auf dem kompakten Intervall definiert. Außerdem ist sie dort stetig, da sie nur aus stetigen Funktionen zusammengesetzt ist. Nach dem Satz vom Maximum und Minimum nimmt sie auf ihr Maximum und Minimum an.[11] Ein Nachweis der Extremstellen mithilfe der Differentialrechnung wäre hier sehr aufwändig.
Gegenbeispiele
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Alle Voraussetzungen des Satzes sind für die Schlussfolgerung unverzichtbar, das heißt das Intervall muss beschränkt und abgeschlossen sein und die Funktion muss stetig sein. Ist auch nur eine Voraussetzung nicht erfüllt, gilt der Satz nicht mehr, wie die folgenden Beispiele zeigen:
- Die Funktion ist stetig und der Definitionsbereich ist abgeschlossen, aber nicht beschränkt. Die Funktion wächst unbegrenzt und nimmt folglich kein Maximum an.[8]
- Die Funktion ist stetig und der Definitionsbereich ist beschränkt, aber nicht abgeschlossen. Die Funktion besitzt bei eine Polstelle und nimmt folglich kein Maximum an.[12]
- Die Funktion mit für und ist auf einem abgeschlossenen und beschränkten Intervall definiert, aber im Punkt nicht stetig. Sie besitzt kein Minimum, da die Funktionswerte sich zwar dem Infimum für beliebig nähern, sie dieses jedoch nicht erreichen.
Beweis
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Standardmäßig wird zunächst die Beschränktheit der Funktion gezeigt und dann die Existenz von Minimum und Maximum. Im Folgenden werden beide Beweise als Widerspruchsbeweis geführt.
Beschränktheit: Angenommen, wäre nicht beschränkt, dann gäbe es eine Folge im Intervall mit . Da alle Folgenglieder im (beschränkten) Intervall liegen, gibt es nach dem Satz von Bolzano-Weierstraß eine konvergente Teilfolge . Deren Grenzwert liegt wegen ebenfalls in . Da stetig ist, konvergiert die Folge , und zwar gegen . Als konvergente Folge muss sie aber beschränkt sein, was der zu Beginn des Beweises erhaltenen Abschätzung widerspricht. Also war die Annahme falsch, das heißt ist beschränkt.
Existenz von Minimum und Maximum: Da wie schon gezeigt beschränkt ist, hat sie ein Supremum . Angenommen, wäre nicht auch das Maximum der Funktion. Dann gilt einerseits für alle , aber die Funktionswerte kommen andererseits beliebig nahe, da die kleinste obere Schranke ist. Sei mit
- .
Da der Nenner wegen stets positiv bleibt, ist auf wohldefiniert und sogar stetig. Es wurde im ersten Teil des Beweises schon gezeigt, dass dann nach oben beschränkt ist. Andererseits wird der Nenner aber beliebig klein, was zu einem Widerspruch führt.
Der Beweis für das Minimum geht analog, indem man die durch definierte Funktion betrachtet, die ebenfalls stetig, aber unbeschränkt ist, falls für alle gilt.[13][12][14]
Folgerungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Aus dem Satz vom Minimum und Maximum folgt zusammen mit dem Zwischenwertsatz:
- Mithilfe des Satzes vom Minimum und Maximum lässt sich der Satz von Rolle beweisen. Dieser wiederum wird oft zum Beweis des Mittelwertsatzes der Differentialrechnung genutzt, mit dem zahlreiche Verfahren der Kurvendiskussion mathematisch gerechtfertigt werden. Das unterstreicht die grundlegende Bedeutung des Satzes vom Minimum und Maximum.
Verallgemeinerungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Satz gilt auch unter der schwächeren Voraussetzung, dass die Funktion lediglich halbstetig ist (siehe Beweisarchiv). Zudem bleibt der Satz gültig, wenn die Funktion auf einem kompakten Hausdorff-Raum definiert ist:
- Sei ein kompakter Hausdorff-Raum und eine stetige Funktion. Dann ist beschränkt und nimmt ihr Maximum und Minimum an.[16]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Christian Blatter: Analysis I (= Heidelberger Taschenbücher. Band 151). Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York 1974, ISBN 3-540-06738-8 (zbMATH Open).
- Horst Schubert: Topologie. Eine Einführung (= Mathematische Leitfäden). 4. Auflage. B. G. Teubner Verlag, Stuttgart 1975, ISBN 3-519-12200-6 (MR0423277).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Konrad Königsberger: Analysis 1. 6. Auflage. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-40371-X, S. 90.
- ↑ Vladimir A. Zorich: Analysis I. Springer, Berlin / Heidelberg 2006, ISBN 3-540-33277-4, S. 168.
- ↑ Adrian Constantin: Analysis I. 1. Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg 2024, ISBN 978-3-662-68219-7, S. 189.
- ↑ dtv-Atlas Schulmathematik. 2. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003, ISBN 3-423-03099-2, S. 111.
- ↑ Otto Forster, Florian Lindemann: Analysis. 1: Differential- und Integralrechnung einer Veränderlichen. 13. Auflage. Springer Spektrum, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-658-40129-0, S. 164.
- ↑ Paul Rusnock, Angus Kerr-Lawson: Bolzano and uniform continuity. In: Historia Mathematica. Band 32, Nr. 3, 2005, S. 303–311 (sciencedirect.com).
- ↑ vgl. auch Karl Weierstraß: Einleitung in die Theorie der analytischen Funktionen. Vorlesung Berlin 1878 in einer Mitschrift von Adolf Hurwitz. Springer 1988, ISBN 978-3-528-06334-4, S. 91 f.
- 1 2 Ernst Hairer, Gerhard Wanner: Analysis in historischer Entwicklung. Springer, Berlin / Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-13766-2, S. 224.
- ↑ I. N. Bronstein, K. A. Semendjajew: Taschenbuch der Mathematik. 5. Auflage. Verlag Harri Deutsch, Thun / Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-8171-2005-2, S. 62.
- ↑ Edmund Weitz: Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker: Mit vielen Grafiken und Algorithmen in Python. 2. Aufl. 2021. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-662-62617-7.
- ↑ Satz vom Minimum und Maximum – „Mathe für Nicht-Freaks“ – Wikibooks, Sammlung freier Lehr-, Sach- und Fachbücher. Abgerufen am 25. Mai 2026.
- 1 2 Karl Strubecker: Einführung in die Höhere Mathematik. Band I: Grundlagen. R. Oldenbourg, München / Wien 1966, S. 700 f.
- ↑ Jürgen Appell: Analysis in Beispielen und Gegenbeispielen. 2. Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg 2021, ISBN 978-3-662-63432-5, S. 48 f.
- ↑ Theodor Bröcker: Analysis I. Spektrum Akademischer Verlag, 1995, S. 58.
- ↑ Harro Heuser: Lehrbuch der Analysis Teil 1. 17. Auflage. Teubner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8348-0777-9, S. 226.
- ↑ Otto Forster, Florian Lindemann: Analysis 2. 12. Auflage. Springer Spektrum, Wiesbaden 2025, ISBN 978-3-658-45811-9, S. 58.