Félix Pyat

Félix Aimé Pyat (geboren am 4. Oktober 1810 in Vierzon; gestorben am 3. August 1889 in Saint-Gratien) war ein französischer Journalist, Dramatiker und republikanischer Politiker unter der Julimonarchie, der Zweiten Republik, dem Zweiten Kaiserreich und der Dritten Republik. 1871 schloss er sich der Pariser Kommune an, zu deren prägenden Persönlichkeiten er zählte.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Julimonarchie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Sohn eines royalistischen Anwalts studierte er am Collège de Bourges, wo Jules Sandeau sein Kommilitone war, machte mit sechzehn Jahren sein Abitur und studierte Rechtswissenschaften an der Universität Paris.[1] 1831 wurde er selbst Anwalt.[1] Anschließend begann er seine journalistische Laufbahn beim Figaro (wo er George Sand einführte[1]), beim Charivari und bei der Revue démocratique. Er war auch Autor von Theaterstücken, von denen einige von dem beliebten Schauspieler Frédérick Lemaître aufgeführt wurden. Angetan von den humanistischen Thesen der Freimaurerei, wurde er am 19. März 1844 von der Pariser Loge La Clémente Amitié[2] in die Freimaurerei aufgenommen. 1848 duellierte er sich mit Pierre-Joseph Proudhon, der ihn in einer Zeitung als „Aristokraten der Demokratie“ bezeichnet hatte.[1][3]
Zweite Republik und Zweites Kaiserreich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der Februarrevolution 1848 ernannte ihn die Provisorische Regierung der Zweiten Republik zunächst zum Kommissar im Département Cher mit dem Rang eines Präfekten.[1] Danach wurde Pyat ins Innenministerium berufen und erhielt uneingeschränkte Befugnisse, sodass er einen Monat lang die Aufgaben des Generalkommissars wahrnahm.[1] Er wurde als linker Abgeordneter in die Verfassungsgebende Versammlung von 1848 gewählt.[1] Er stimmte gegen die Wiedereinführung der Zwangshaft, gegen die Strafverfolgung von Louis Blanc und Marc Caussidière, für die Abschaffung der Todesstrafe, für das Recht auf Arbeit, gegen die gesamte Verfassung, indem er beispielsweise am 5. Oktober 1848 die Abschaffung des Amtes des Präsidenten der Republik vorschlug, für die Amnestie, gegen den Feldzug nach Rom und für die Abschaffung der Getränkesteuer.[1] Er war 1848 gegen die Wahl von Louis Napoléon Bonaparte, der seiner Meinung nach ein neues Königtum ankündigte.[4]
Bei den Wahlen vom 13. Mai 1849 wurde er erneut in die Legislative Versammlung gewählt; er war in mehreren Wahlbezirken angetreten und nahm letztendlich die Wahl im Département Cher an. Als seine Fraktion ihn für das Amt des Sekretärs der Versammlung vorschlug, lehnte er ab.[1]

Nach den Unruhen vom 13. Juni 1849 musste er in die Schweiz, dann nach Brüssel und schließlich nach London fliehen. Dort gründete er die revolutionäre Partei „La commune révolutionnaire“ und veröffentlichte zahlreiche revolutionäre Texte. Er trat 1864 der Internationalen Arbeiterassoziation bei. 1869 kehrt er nach Frankreich zurück. Am 31. Dezember 1869 musste er sich vor Gericht verantworten, weil er zusammen mit Maurice Garreau[5], Ferdinand Gambon[6] und Marc Amédée Gromier[7] eine illegale öffentliche Wahlversammlung organisiert hatte.[8] Nach der Ermordung des Journalisten Victor Noir am 10. Januar 1870 rief er zum Aufstand auf und ging erneut ins Exil nach England. Er wurde in Abwesenheit vom Obersten Gerichtshof zu fünf Jahren Haft verurteilt.[1]
Pariser Kommune
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der Ausrufung der Republik am 4. September 1870 kehrte er nach Frankreich zurück und gründet eine Zeitung: Le Combat. Am 11. Februar 1871 wurde Le Combat auf Beschluss der Regierung der Nationalen Verteidigung verboten. Am 8. Februar 1871 wurde er in die Nationalversammlung gewählt, trat jedoch am 3. März zurück. Im Februar 1871 führte er Le Combat unter dem neuen Namen Le Vengeur fort, die Zeitung wurde jedoch schnell von General Vinoy, dem Militärgouverneur von Paris, verboten, während der Kommune jedoch wieder zugelassen. Am 26. März wurde er in den Rat der Kommune gewählt. Er war Mitglied der Exekutivkommission von 1871, der Finanzkommission und des Komitees für das öffentliche Wohl (vom 1. bis 8. Mai). Er beteiligte sich nicht an den Aufständen der Blutigen Woche und ging nach London. Nach der Amnestie von 1880 kehrte er nach Frankreich zurück.
Dritte Republik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zurück in Frankreich gründete er am 20. September 1880 zusammen mit den ehemaligen Kommunarden Gustave Paul Cluseret, Léo Melliet[9], Pierre Vésinier[10], Ferdinand Gambon und Eugène Protot[11] die Zeitung La Commune[12] (die nur zwei Monate lang erschien).[13] In zahlreichen Artikeln prangerte er die „versteckte Zusammenarbeit“ von Ferdinand Lassalle und Karl Marx mit Otto von Bismarck an und wetterte gegen die „Pseudosozialisten von jenseits des Rheins“ wie Karl Liebknecht, „dessen Kehrtwenden nicht mehr zu zählen sind“. Er griff die Parti ouvrier français an, der er ein zu lasches Programm vorwarf.[14] Es sei auch darauf hingewiesen, dass Pyat während seines Exils in London zusammen mit Vésinier „gegen den Generalrat der Internationale intrigierte“ und dass Karl Marx ihn als „das böse Genie der Kommune“ bezeichnete, während Jenny Marx ihn einen „vulgären Schreihals“ nannte.[15]
Pyat nahm 1887 an den Präsidentschaftswahlen unter der Flagge der Fraktion der extremen Linken teil, scheiterte jedoch mit nur zwei Stimmen in der ersten und einer Stimme in der zweiten Runde.[16]
Er wurde 1888 zum Abgeordneten des Départements Bouches-du-Rhône gewählt und setzte sich dabei auch gegen General Boulanger durch.[1] Pyat gehörte erneut der Fraktion der extremen Linken an. Er enthielt sich bei der Strafverfolgung von General Boulanger der Stimme, weil er die „Gerichtsbarkeit des Obersten Gerichtshofs als antirepublikanisch, unpopulär und gefährlich“ empfand.
Auch 1888 wiederholte er seine Äußerungen über die deutschen Sozialisten:
„Herr Bebel (Auguste) hat sich geirrt, zumindest was meine Meinung betrifft. Ich glaube, mich besser zu kennen als er mich kennt. Ich bin also nicht anarchistischer als er (...) Zweifellos unterscheidet sich mein Sozialismus von seinem: Ich bin Franzose, er ist Deutscher! Wie das Volk, so der Glaube! Ich glaube an die Prinzipien der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Ich glaube an das Recht der Schwachen und die Pflicht der Starken; ich glaube an ein höheres und gerechteres Ideal als die Vorrangstellung der Gewalt vor dem Recht, an ein Gesetz, das über dem Kampf ums Dasein steht: das Gesetz des Kampfes für Gerechtigkeit, das zweifellos weder darwinistisch noch teuflisch, sondern voltairianisch und menschlich ist. Diesen nationalen Sozialismus habe ich dem ausländischen Sozialismus in dem Artikel ‚Naturalisme et socialisme‘ (Naturalismus und Sozialismus) gegenübergestellt, der im November letzten Jahres in der Revue de Paris veröffentlicht wurde, und der deutsche Autor nimmt nun Rache an dem französischen Autor. Mit brüderlichen Grüßen.“
Félix Pyat starb am 3. August 1889 in Saint-Gratien, wo er seit 1881 lebte.[1] Er wurde auf dem Friedhof Père-Lachaise beigesetzt.[18]
Schriftstellerisches Schaffen
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In den 1830er und 1840er Jahren war Pyat als Journalist, Kritiker und Dramatiker erfolgreich, unterstützt von Schriftstellern wie Jules Janin, Henri de Latouche und George Sand. Wichtige Einflüsse waren Victor Hugo und Eugène Sue.[19] Die heftigen persönlichen Angriffe in einer Broschüre mit dem Titel Marie-Joseph Chénier et le prince des critiques (1844) als Antwort auf Jules Janin führten dazu, dass dieser ihn erfolgreich wegen Verleumdung verklagte, was Pyat einen sechsmonatigen Aufenthalt im Gefängnis Sainte-Pélagie einbrachte Die Zelle war gerade von Félicité de Lamennais geräumt worden; diese Verurteilung machte ihn zu einem kleinen politischen Märtyrer der Julimonarchie.[20] 1846 gab er die gesammelten Werke von Claude Tillier in vier Bänden heraus und verfasste eine ausführliche Einleitung zu Tilliers Biografie und Werk.[21] Pyats erfolgreichstes Werk war Le chiffonier de Paris aus dem Jahr 1848.[22] Dieses wurde zweimal auch verfilmt.[23]
Félix Pyat hat sowohl Prosawerke als auch Texte für das Theater verfasst. Die Bibliothèque nationale de France[24] führt eine Vielzahl von Werken auf, teilweise mit Verlinkungen auf Gallica. Eine weitere Quelle stellen das Internet-Archive[25] und Wikisource[26] dar.
Ehrungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Frankreich sind zahlreiche Straßen und Schulen nach Félix Pyat benannt.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Lowell L. Blaisdell: Félix Pyat, The "Evil Genius" of the Commune of Paris. In: Proceedings of the American Philosophical Society. 1988, JSTOR:986959.
- Jules Clère: Les Hommes de la Commune. Biographie complète de tous ses membres. Balitout, Questroy et Ce., 1871, S. 134–141 (google.de).
- Michel Colombet-Schieferer: Félix Pyat (1810–1889) Révolutionnaire Berrichon. Bénévent Editions, 2011, ISBN 978-2-7563-2017-5.
- Paul Delion: Les membres de la Commune et du Comité central. A. Lemerre éditeur, 1871, S. 172–180 (Werk auf Gallica).
- Bernard Noël: Dictionnaire de la Commune. L’Amourier Editions, 2021, ISBN 978-2-36418-060-4, S. 664 ff.
- Guy Sabatier: Felix Pyat (1810–1889) biographie. 2005.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Félix Pyat. In: Assemblée nationale. (französisch).
- PYAT Félix. In: Le Maitron. (französisch).
- Pyat, Felix. In: Dodis. (englisch).
- PYAT, Aimé Félix. In: Archives nationales. (französisch).
- Félix Pyat. In: Les Archives du speactacle. (französisch).
- Félix Pyat bei IMDb
- Pyat, Félix. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).
- Angaben zu Félix Pyat in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- Félix Pyat auf Wikisource
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b c d e f g h i j k l Siehe Dictionnaire des parlementaires français de 1789 à 1889 von Adolphe Robert und Gaston Cougny im Weblink der Assemblée nationale
- ↑ Angaben zu La Clémente Amitié in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ George Woodcock: Pierre-Joseph Proudhon. In: The anarchist library. Abgerufen am 5. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Sylvie Aprile: Aux origines du présidentialisme. In: Le Monde diplomatique. Abgerufen am 5. Januar 2026 (französisch, zugriffsbeschränkt).
- ↑ Michel Cordillot: GARREAU Maurice. In: Le Maitron. Abgerufen am 5. Januar 2026 (französisch).
- ↑ Charles, Ferdinand Gambon. In: Assemblée nationale. Abgerufen am 5. Januar 2026 (französisch).
- ↑ GROMIER Marc, Amédée. In: Le Maitron. Abgerufen am 5. Januar 2026 (französisch).
- ↑ Michèle Audin: Réunions publiques 1868-1870. In: La Commune de Paris. Abgerufen am 5. Januar 2026 (französisch).
- ↑ Nicolas, Cécile,François, Anne, Célestin dit Léo Melliet. In: Assemblée nationale. Abgerufen am 6. Januar 2026 (französisch).
- ↑ VÉSINIER Pierre. In: Le Maitron. Abgerufen am 6. Januar 2026 (französisch).
- ↑ PROTOT Eugène. In: Le Maitron. Abgerufen am 6. Januar 2026 (französisch).
- ↑ Angaben zu La commune in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ La Nouvelle revue vom 1. Januar 1937 auf Gallica
- ↑ Alexandre Zévaès: De l’introduction du marxisme en France. M. Rivière et Cie, 1947, S. 138 (Ausgabe auf Gallica).
- ↑ Centre d’études et de recherches marxistes: Lettres inédites de madame Marx et de sa fille Jenny. In: La Pensée : revue du rationalisme moderne. 1957, S. 80 (Ausgabe auf Gallica).
- ↑ Jean-Pierre Maury: Élection du président de la République 1887. In: Digithèque, Jean-Pierre Maury. Abgerufen am 6. Januar 2026 (französisch).
- ↑ Le credo de M. Félix Pyat. In: Le Petit Marseillais, 16 April 1888 auf Retronews. Abgerufen am 6. Januar 2026 (französisch).
- ↑ PYAT Félix (1810-1889). In: Amis et Passionnés du Père Lachaise. Abgerufen am 6. Januar 2026 (französisch).
- ↑ Siehe Literaturliste Blaisdell 1988, S. 332
- ↑ Siehe Literaturliste Blaisdell 1988, S. 333
- ↑ Œuvres de Claude Tillier. C. Sionest impr.-éditeur, 1846.
- ↑ Félix Pyat: Le chiffonnier de Paris. Ad. Mt. Schlesinger, 1848 (google.de).
- ↑ Siehe Weblink IMDb
- ↑ Siehe Weblink
- ↑ Félix Pyat. In: Internet Archive. Abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Siehe Weblink Wikisource
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Pyat, Félix |
| ALTERNATIVNAMEN | Pyat, Félix Aimé (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Journalist, Dramatiker und Politiker |
| GEBURTSDATUM | 4. Oktober 1810 |
| GEBURTSORT | Vierzon |
| STERBEDATUM | 3. August 1889 |
| STERBEORT | Saint-Gratien |