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Giacomo Puccini

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Giacomo Puccini

Giacomo Antonio Domenico Michele Secondo Maria Puccini (italienisch [ˈdʒaːkomo putˈtʃiːni]; * 22. Dezember 1858 in Lucca; † 29. November 1924 in Brüssel) war ein italienischer Komponist. Er ist insbesondere bekannt für seine Opern, die zu den wichtigsten Werken des Verismo gehören.

Herkunft und Familie

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Puccini stammte aus einer Musikerfamilie. Seine Eltern waren Albina Magi und Michele Puccini. Dieser war Leiter der Stadtkapelle von Lucca, Organist am Dom und Komponist von Opern und Messen, sein Großvater Domenico Puccini war ebenfalls ein Komponist von Orchesterwerken und Klavierstücken, und schon sein Ururgroßvater Giacomo Puccini war Komponist und Organist. Als Ursprungsort der Familie Puccini gilt das 20 Kilometer von Lucca, dem Geburtsort des Opernkomponisten, entfernte Dorf Celle dei Puccini (heute Ortsteil von Pescaglia), in dem Ururgroßvater Giacomo Puccini geboren wurde.[1.1] Kurz nach Puccinis Geburt wurde mit dem Sardinischen Krieg der Zweite Italienische Unabhängigkeitskrieg geführt, nach dessen Ende das Königreich Italien entstand.[1.2]

Puccini war erste Sohn seiner Eltern.[1.3] Seine Geschwister waren:[1.4]

  • Zemi (geb. Oktober 1853; starb wenige Monate nach der Geburt)
  • Otilia (geb. o. get. 23. Januar 1851), heiratete später Massimo del Carlo (Augenarzt und später Bürgermeister von Lucca)
  • Tomaide (geb. o. get. 14. April 1852), heiratete Enrivo Gherardi (verwitweter Bankbeamter)
  • Nitteti (geb. o. get. 27. Oktober 1854), heiratete Alberto Marsili (Anwalt)
  • Iginia (geb. o. get. 19. November 1856), ging ins Kloster und wurde Oberin
  • Ramelde (geb. o. get. 18. Dezember 1859), heiratete Raffaelo Franceschini (Finanzamtsleiter)
  • Macrina (geb. o. get. 13. September 1862)
  • Michele (geb. o. get. 13. April 1864)

Er wurde am 23. Dezember 1858 unter dem Namen Giacomo Antonio Domenico Michele Secondo Maria in der Kirche San Giovanni getauft.[1.3] Puccinis Eltern entstammten dem damaligen gehobenen Bürgertum, die nicht besonders reich war, aber auch nicht arm.[1.4] Wie der Vater entstammte auch die Mutter einer musikalischen Familie.[1.5] Am 23. Januar 1864 starb Vater Michele; Mutter Albina erhielt eine Pension von 72 Lire (heute: etwa 615 Euro).[1.6]

Puccini erhielt eine ordentliche Schulbildung, und zwar sehr wahrscheinlich als externer Absolvent der geistlichen Seminare, die an die Hauptkirchen von Lucca, Sani Michele und San Martino, angeschlossen waren, war jedoch ein schlechter Schüler.[1.7] Onkel Fortunato Magi unterstützte die Familie mit der Hälfte seines Gehalts und gab Puccini zusätzlichen Musikunterricht.[1.7]

Istituto Musicale Pacini

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Im Jahr 1871 wechselte Puccini von der Seminarschule an das Istituto Musicale Pacini, um in der Tradition der Familie Berufsmusiker zu werden, wo er den Unterricht mehr schlecht als recht absolvierte.[1.8] So meinte einer seiner Lehrer angeblich:[1.8]

„Er kommt nur in die Schule, um seinen Hosenboden abzusitzen. Er passt auf nichts auf, Er klopft immer auf seinen Tisch, als ob das ein Klavier wäre. Niemals liest er ein Buch.“

Ihn interessierte eher das Machen von Musik.[1.8] Dementsprechend erhielt er erste Preise wie zum Beispiel in der Orgelklasse im Jahr 1875 und für Komposition und Kontrapunkt im Jahr 1878.[1.8] Ein enges Verhältnis entwickelte Puccini am Istituto Musicale Pacini zu Carlo Angeloni, Lehrer am Istituto für Gesang und Kompositionstheorie, der auch Puccinis Leidenschaft für die Jagd geweckt haben soll, distanzierte sich aber von ihm, als Angeloni ein Vierteljahrhundert später starb.[1.9]

Für den Lebensunterhalt betätigte Puccini sich als Orgelspieler an den weniger wichtigen Kirchen der Stadt und nahm mit Carlo Della Nina den einzigen Schüler seines Lebens an.[1.10] Im Zusammenhang mit seiner Kirchenmusik- und Unterrichtstätigkeit unternahm Puccini auch seine ersten kompositorischen Versuche.[1.10] Viele Anekdoten aus dieser Zeit hat Puccini später als erfunden bezeichnet, aber zumindest seinem priesterlichen Bekannten Don Pietro Panichelli gegenüber zugegeben, dass er zu dieser Zeit Geld, das er für sein Orgelspiel erhielt und für den Familienhaushalt bestimmt war, unterschlagen hat und einnmal Pfeifen aus einer Kirchenorgel als Altmetall verkauft hat.[1.11] Dass er in einem Bordell nahe des Doms verkehrte und dort eine Freundin namens Lola hatte, gilt zumindest als nicht unwahrscheinlich.[1.12] Ein besonderer Bezugspunkt für intellektuellen Austausch war für ihn auch noch Jahrzehnte später das „Caffè Caselli“ (heute Cafè „De Simo“) an der alten Hauptstraße, das dem Vater seines späteren Freundes Alfredo Caselli gehörte.[1.12] Er war sehr an Oper interessiert und besuchte das Teatro del Giglio, wo er Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi sah.[1.12] Als prägend beschrieb Puccini die Aufführung von Aida im Jahr 1876 in Pisa, von der er noch im Jahr 1903 berichtete, dass er für sie zu Fuß eine Gesamtstrecke von 40 Kilometern nach Pisa und zurück gewandert sei.[1.13]

In dieser Zeit spielte Puccini zum Gelderwerb im „Cafè Buon Gusto“ in einer Tanzkapelle, die vom Geiger Augusto Michelangeli geleitet wurde, der auch am Instituto Pacini unterrichtete und am Teatro del Giglio dirigierte.[1.14]

Anfang des Jahres 1870 starb die jüngste Schwester, die siebenjährige Macrina.[1.14] Mitte März 1872 heiratete die älteste Schwester Ottilia den Arzt Massimo del Carlo; beide bleiben in Lucca.[1.14] Anfang 1875 trat Schwester Iginia als Suor Giulia Enrichetta dem Orden der Augustinerinnen im Kloster von Vicopelago fünf Kilometer entfernt von Lucca bei.[1.14]

In politischer Hinsicht war Puccini enttäuscht, dass Korruption an die Stelle des abgeschafften Absolutismus trat und der politische Neubeginn im politischen Alltag unterging.[1.15] Sowohl in Lucca als auch in ganz Italien gab es viele Auswanderungen ins Ausland.[1.16] Das politische Leben im Italien jener Zeit war eine Mischung aus revolutionärem Aufbruch, bürokratischer Kleinkrämerei, sozialen Spannungen, wirtschaftlicher Depression, aufklärerischem Freidenkertum und klerikaler Reaktion.[1.16] Für Puccini bedeutete der Wegfall des Absolutismus in erster Linie die Unabhängigkeit von aristokratischen Dienstherren.[1.16]

Puccini strebte den Weggang nach Mailand an.[1.16] In Mailand bestand das angesehenste Konservatoriums Italiens; Mailand bot die Beziehungen, die ein erfolgreicher Komponist brauchte; schließlich war das Teatro alla Scala das bedeutendste Opernhaus im Königreich und eines der weltweit ersten überhaupt.[1.16] Aus Puccinis Anfangszeit sind das Preludio a Orchestra (SC 1), das Vexilla regnis prodeunt für zweistimmigen Männerchor und Orgel (SC 7) und die Romanze A te für Singstimme un Klavier (SC 8), die lange verschollene, aber fragmentarisch wiederaufgetauchte Kantate I figli dell'Italia bella erhalten.[1.17] Öffentlichen Erfolg hatte Puccini mit dem am 29. April 1877 am Istituto Pacini uraufgeführten Mottetto per San Paolino für Solobariton, vierstimmigen gemischten Chor und großes Orchester (SC 2).[1.18] Sein umfangreichstes und musikalisch bedeutendstes Werk ist die Messa a 4 voci (SC 6).[1.19]

Konservatorium in Mailand

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Da die Familie sich eine Studienaufenthalt Puccinis in Mailand aus eigener Kraft nicht leisten konnte, bat seine Mutter Königin Margherita erfolgreich um Hilfe, die ihm ein einjähriges Stipendium von 100 Lire gewährte; weitere finanzielle Hilfe kam von Onkel Cerù.[1.20] Im Herbst 1880 trat Puccini die Reise nach Mailand an.[1.20]

Am 14. Oktober 1880 reichte Puccini sein Aufnahmegesuch beim Mailänder Conservatorio Giuseppe Verdi ein.[1.21] Als Adresse gab er Via Unione 7 bei seinem vierzehn Jahre älteren Vetter Carlo Biagini an, dem Sohn von Michele Puccinis Schwester Clara.[1.21] Diese Adresse gab er auch weiterhin als seine offizielle Adresse an, auch als er wenige Wochen später in die Via (heute Corso) Monforte 26 wenige hundert Meter vom Konservatorium entfernt umzog.[1.21]

Eigentlich war Puccini schon zu alt für den Eintritt am Konservatorium, doch konnte er wegen seines guten Ergebnisses bei der Aufnahmeprüfung und der Empfehlung seines Lehrers Fortunato Magi trotzdem an das Konservatorium.[1.21] In seiner Anfangszeit knüpfte Puccini erste Kontakte zu seinem lucchesischen Landsmann Alfredo Catalani, dessen erste Opernerfolge bevorstanden, und zu Signora Luca, der siebzigjährigen Chefin des gleichnamigen Musikverlages, der unter anderem die italienischen Rechte an Richard Wagners Opern besaß.[1.21] Seine ersten Stunden in Komposition hatte Puccini bei Professor Antonio Bazzini.[1.22]

Puccini konzentrierte sich ganz auf seine Studien, ohne aber das gesellschaftliche Leben zu vernachlässigen.[1.23] Zunächst klagte er dennoch, dass er aus Geldmangel nicht in die Oper gehen konnte, was sich dank der finanziellen Unterstützung durch seine Mutter bald änderte.[1.24] Die Scala könne er, so klagte er, auf Grund der dortigen hohen Preise, dennoch nicht besuchen.[1.24] Auch zeigte er sich enttäuscht von Frau Lucca, die, obwohl Verfechterin von Richard Wagner, der Macht des großen Traditionsverlags Ricordi unterworfen war und damit der Konvention Giuseppe Verdis.[1.24] Trotzdem berichtete er in den Briefen an seine Familie von weiteren Premieren an der Scala, wobei unklar ist, wieviel er davon wirklich gesehen hat, da er sparsam mit seinem Geld umgehen musste.[1.25] Aus diesem Grund zog er Anfang Februar 1881 der günstigeren Miete wegen aus der Via Monforte in die Via Zecca Vecchia 10 und wohnte ab Mai 1881 in der Vicolo San Carlo 2.[1.26]

In diese Zeit fiel die Heirat seiner zweitältesten Schwester Tomaide.[1.26] Am Konservatorium gehörte Puccini zu den besten Studenten, aber nicht wegen seines Fleißes, sondern wegen seiner Begabung.[1.26] So bekam er wegen unentschuldigten Fehlens schon nach zwei Monaten eine Geldstrafe von 10 Lire.[1.26] Bagazzi, inzwischen Direktor des Konservatoriums, schrieb an Puccinis Mutter, dass ihr Sohn faul war und oft fehlte und trotz Bagazzis Empfehlung wegen der großen Konkurrenz in Mailand nicht mit einer profitablen Stelle rechnen könne.[1.26]

Für Puccini war der Unterricht am Konservatorium eher eine Last, der aus den traditionellen Grundlagen von Harmonielehre, Kontrapunkt und klassischer Instrumentation bestand und die moderne Oper vernachlässigte.[1.27] In diesem Zusammenhang könnte die Anekdote stimmen, Puccini habe seinem neuen Lehrer Amilcare Ponchielli mehrfach die gleiche Fuge, nur in verschiedenen Tonarten, abgeliefert.[1.28] Für Puccini interessanter könnte die Anfertigung von Solfèges, also Übungsstücken zur Gehör und Gesangsbildung, gewesen sein.[1.28] Zu dieser Zeit war er beeindruckt von Carl Maria von Webers Der Freischütz und las die Instrumentationslehre von Hector Berlioz.[1.28] Am Konservatorium lernte Puccini den fünf Jahre jüngeren Pietro Mascagni kennen (wahrscheinlich durch den gemeinsamen Lehrer Ponchielli); ob sie auch zusammen wohnten, ist allerdings unklar.[1.28] Eine prägende Erfahrung war für beide der gemeinsame Kauf eine Klavierauszugs von Richard Wagners Parsifal.[1.29] Puccini verehrte Wagner, obwohl er wahrscheinlich bis dahin noch keine Wagner-Aufführung gesehen hat.[1.30]

Puccini schloss – offenbar Bazzinis Rat folgend, fleißiger zu sein – das zweite Konservatoriumsjahr mit noch besseren Noten ab als das erste.[1.30] In diese Zeit fällt im Juni/Juli 1882 die Komposition seines konventionellen Preludio sinfonico in A-Dur für Orchester (SC 32) sowie zwischen Frühjahr 1882 und Frühjahr 1883 die Komposition seines nach 2000 rekonstruierten, reiferen Streichquartetts (SC 50, 31, 34, 52, 56), aus dem er später unter anderem in Le Villi, Manon Lescaut und Madama Butterfly Themen übernahm.[1.30]

Im dritten Studienjahr litt Puccini unter Geldnot, da das Stipendium von Königin Margherita nur für das erste Jahr gegolten hatte und das zweite durch familiäre Mittel finanziert wurde, die nun knapp wurden.[1.30] Seine briefliche Bitte an den Bürgermeister von Lucca um finanzielle Unterstützung blieb ohne Erfolg.[1.31] So scheint die Familie, vor allem Onkel Cerú, doch noch einige Mittel aufgebracht zu haben.[1.32]

Puccini scheint auch die Komposition einer eigenen Oper ins Auge gefasst zu haben, denn er bittet Onkel Cerú, Bruder Michele solle eine gewissen Medarse Capelletti fragen, ob dieser nichts von dem Libretto wisse, das er Puccini versprochen hatte.[1.32] Ponchielli sah sich zu erneuten Ermahnungen veranlasst, Puccini müsse fleißiger sein.[1.32]

Inzwischen hatte Puccinis Schwester Ramelde den Steuerbeamten Rafaello Franceschini geheiratet, mit dem Puccini noch zahlreiche Aktivitäten verbinden sollten.[1.32] Seine musikalischen Fähigkeiten schulte Puccini nun durch Theaterbesuche und durch das Schreiben eigener Musik und schreibt auffällig oft Lieder auf Texte von Antonio Ghislanzoni: Melancolia (SC 38), Salve Regina (SC 39), Storiella d'amore (SC 40) und Ad una morta! (SC 41).[1.33]

Giulio Ricordi

Anfang Juni 1883 begannen die Abschlussprüfungen am Konservatorium.[1.34] Von den schriftlichen Aufgaben sind noch zwei vorhanden, und zwar eine vierstimmige Fuge (SC 53) und eine klavierbegleitete Gesangsszene mit den Anfangsworten Mentìa l'avviso (SC 54). Der schwierigste Prüfungsteil war das Capriccio Sinfonico, aus dem er später Teile für den Beginn seiner Oper La Bohème verwendete.[2] und das bei bestandenem Examen zur öffentlichen Aufführung bestimmt war.[1.34] Puccini erreicht beim Examen eines der besten Ergebnisse.[1.34] Puccini schreibt an seine Familie, dass er nach einer erfolgreichen Aufführung des Capriccio Sinfonico (wahrscheinlich durch Ponchielli) dem Verleger Ricordi vorgestellt werden solle; auch Verlegerin Lucca würde das Werk erhalten.[1.34]

Puccinis Mutter schrieb nach dem erfolgreichen Examen ihres Sohnes einen Brief an Ponchielli und bat ihn, da es auf ein sicheres Einkommen ankäme, sich bei Rcordi und Lucca für ihren Sohn einzusetzen.[1.35] Puccini reagierte wütend: ein solches Vorgehen wirke sich bei Leuten wie Ponchielli und Bagazzi eher negativ aus.[1.35]

Die Uraufführung des Capriccio Sinfonico stand wegen seines Anspruchs und wegen der Unerfahrenheit der Studenten, die im Orchester spielten, unter keinem guten Stern, wurde aber vom erfahrenen Dirigenten Franco Faccio, dem musikalischen Chef der Scala, gerettet.[1.35] Das Stück wurde zunächst von den Konservatoriumsprofessoren Dominiceti, Bazzini und Ponchielli und später von der zeitgenössischen Kritik gelobt.[1.36] Am 16. Juli, dem Tag des Abschlusskonzerts, bei dem das Capriccio erneut erklang, erhielt Puccini sein Abschlussdiplom mit sehr guten 164 von 200 Punkten.[1.37] Doch mahnte Ponchielli an einem Brief an Puccinis Mutter, auch nach dem Erfolg des Capricccio werde dieser Geduld brauchen; auch Ponchielli selbst habe sich anfangs mit bescheidenen Ämtern zufriedengeben müssen.[1.37]

Ponchielli regte Puccini an, an einem Wettbewerb des Verlags Sonzogno teilzunehmen, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die italienische Musik zu fördern.[1.38] Der Librettist solle Ferdinando Fontana werden, dessen Librettovorschlag Puccinis angeblicher Art der sinfonisch beschreibenden Komposition entspreche und aus dem die spätere Schwarzwald-Oper Le Villi wurde, in der ein junger Mann seine Verlobte betrügt, woraufhin ihr und andere Geister an ihm Rache nehmen.[1.38][1.39] Ponchielli vermittelte den Kontakt zwischen Puccini und Fontana, der eine günstigere Bezahlung als sonst akzeptierte.[1.38] Puccini reiste nach Lucca und begann sogleich mit der Komposition.[1.38] Am 4. Oktober druckte die Musikzeitschrift La Musica Popolare aus dem Verlag Sonzogno Puccinis Lied Soriella d'amore.[1.40] Gegen Ende der Arbeiten an Le Villi wurde die Zeit knapp.[1.40] Erst am 31. Dezember, dem letzten Tag der Abgabefrist, lieferte Puccini die Oper beim Preisgericht ab, in dem Ponchielli, Faccio und andere Professoren des Konservatoriums saßen.[1.40]

Nach der Komposition von Le Villi zog Puccini wieder für längere Zeit nach Mailand in die Piazza San Simpoliciano, Haus Nr. 2.[1.40] Dort hoffte er auf eine Empfehlung Ponchiellis an Ricordi, die Ponchielli jedoch hinauszögerte.[1.40] Puccini suchte auch vergeblich Kontakt zu Catalani, der gerade nicht in Mailand und laut Puccinis Mutter ein Egoist war.[1.41] Mehr Erfolg hatte Puccini beim Verlag Lucca, der einen Klavierauszug des Capriccio zu vier Händen mit einer Widmung an den Fürsten Carlo Poniatowski veröffentlichte.[1.41]

In dieser Zeit erkrankte Puccinis Mutter, die sich selbst eher um die Karriere ihres Sohnes sorgte.[1.41] Schließlich empfahl Ponchielli Puccini doch noch, jedoch ohne nachhaltigen Erfolg, bei Ricordi, und Puccini ging beim Wettbewerb mit seiner Oper leer aus.[1.42] Die Vorschläge seiner Mutter, Unterricht zu geben oder sich bei Ricordi als Dirigent für eine Ponchielli-Oper verpflichten zu lassen, waren nicht sein Fall – das Einzige, was er wollte, war selber komponieren.[1.43]

Nitteti heiratete als letzte von Puccinis Schwestern den Anwalt Alberto Marsili.[1.43] Ende März kam Puccinis kleiner Bruder Michele, der auch am Konservatorium studieren wollte, zur Aufnahmeprüfung für einige Tage nach Mailand.[1.43]

Im Salon des reichen und kunstbegeisterten Exzentrikers Marco Sala spielte Puccini Le Villi in Anwesenheit von Arrigo Boito und angeblich auch Giovannina Luca und Catalina am Klavier vor.[1.43] Die Anwesenden beschlossen, Le Villi im Teatro al Verme aufzuführen.[1.43] Mitte Mai hatte Fontana einen Großteil des benötigten Geldes beisammen.[1.44]

Inzwischen verschaffte Puccini für Michele eine Stelle bei dem Mailänder Musikalienhändler Pigna und zog in die Piazza Beccaria 13 um, wohnte allerdings auch jetzt noch nicht mit Michele zusammen.[1.43]

Eine Stelle im Briefwechsel zwischen Puccini und seiner Mutter aus dem Jahr 1884, in der von einer gewissen „Capua“ die Rede ist, lässt die Veröffentlichung der Tre Menuetti für Streichquartett (SC 61), die Puccini bei Pigna publizierte, auf eben jenes Jahr 1884 festlegen.[1.44] Sie wurden früher auf 1890 datiert.[1.44] Bei der erwähnten „Capua“ handelt es sich um Vittoria Augusta die Bourbone, Principessa di Capua, die Widmungsträgerin der ersten drei der Menuette.[1.44] Nachdem Puccinis Mutter vergeblich versucht hatte, die Principessa, die wenige Kilometer nördlich von Lucca wohnte, wegen der Erlaubnis einer Widmung zu kontaktieren, bat sie ihren Sohn, es selbst zu versuchen.[1.44] Es lässt sich nicht feststellen, ob die Menuette direkt vor Drucklegung oder schon deutlich vorher entstanden sind.[1.45]

Am 31. Mai 1884 wurde die Premiere von Le Villi im Teatro al Verme ein sensationeller Erfolg.[1.46] Auch die zweite, dritte und eine ursprünglich nicht geplante vierte Aufführung waren gut besucht.[1.46] Puccini konnte mit einem Mal alle Schulden bezahlen.[1.46]

Nach diesem Erfolg erwarb Ricordi alle Rechte an Le Villi und beauftragte Fontana und Puccini mit einer weiteren Oper.[1.47] Nachdem die großen Erfolge des bereits 70-jährigen Verdi Geschichte waren, suchte Ricordi nach jungen Opernkomponisten.[1.47] Auch Verdi äußerte sich einem Freund gegenüber lobend über Le Villi.[1.48] Trotz des Erfolges erkannte Ricordi, dass Le Villi für weitere Aufführungen überarbeitet und länger werden müsste.[1.48]

Puccini zog sich für die nötige Überarbeitung nach Lucca zurück.[1.48] Dort wurde Puccini mit dem schlechten Gesundheitszustand seiner Mutter konfrontiert.[1.48] Er bestand darauf, einen bekannten Arzt in Pisa zu konsultieren, der einen Magenkatarrh und Leberbeschwerden diagnostizierte.[1.48]

Zwischendurch fuhr er nach Turin, wo eine Aufführung des Cappriccio Sinfonico geplant war.[1.49] Puccini nutzte den Turinaufenthalt, um Don Bosco um religiöse Hilfe für die kranke Mutter zu bitten.[1.50] Puccinis Mutter werde, so sagt Don Bosco, gesund werden, wenn sie auf Gott vertraut; er versprach, für Puccinis Mutter zu beten.[1.50] In musikalischer Hinsicht traf sich Puccini mit Turins führendem Musikkritiker, dem Grafen Valletta; auch Dirigent Franco Faccio war anwesend.[1.50] Das Cappriccio wurde auch in Turin ein großer Erfolg und wurde mehrmals aufgeführt.[1.50]

Doch sogleich musste Puccini eilends nach Hause nach Lucca zurückkehren, als seine Mutter am 17. Juli im Alter von 54 Jahren starb.[1.50] Puccini traf dieser Schicksalsschlag schwer.[1.50] Nach Erledigung der Formalitäten – Verteilung und Verkauf des Nachlasses übernahm Onkel Cerú – reiste Puccini nach Mailand, setzte die Überarbeitung von Le Villi fort und erweiterte die Oper unter anderem vo einem auf zwei Akte.[1.51]

Gleichzeitig drängte Fontana, Puccini solle sich für einen seiner Librettovorschläge für die nächste Oper entscheiden, für die Puccini sich bei Ricordi verpflichtet hatte.[1.51] Ob unter diesen Vorschlägen schon das Libretto für Puccinis nächste Oper Edgar dabei war, ist unklar.[1.51] In Lucca las Puccini in der Gazzetta musicale die erste, allerdings fehlerhafte mehrseitige, von Fontana verfasste Biografie über sich.[1.51] Nach Lehrer Bazzinis Beschwerde, warum er nicht vorkomme, wurde dieser Fehler in der nächsten Version berichtigt.[1.51]

Die erste Aufführung der überarbeiteten Le Villi-Oper fand in Turin statt.[1.51] Puccini und Fontana klagten in einem gemeinsamen Brief an Ricordi über die mangelnde Qualität der Musiker.[1.52] Im Gegensatz zu Puccini glaubte Fontana an einen Erfolg.[1.52] Für eine Aufführung an der Scala müssten die Vorbereitungen jedoch gewissenhater sein.[1.52] Villana schrieb eine wohlwollende Kritik, die Reaktion des Pulikums fiel jedoch mäßig aus.[1.52] An der Scala fand dagegen am 24. Januar 1885 die erste von 13 Aufführungen statt.[1.52] Die Verdi-Sängerin Teresa Stolz äußerte sich in einem Brief an den mit ihr befreundeten Verdi kritisch über die Oper.[1.53]

Am 1. Februar 1885 veröffentlichte Giulio Ricordi in Gazzetta musicale ein Plädoyer für Puccini, das den jungen, an der deutschen Operntradition orientierten Nachwuchs-Komponisten daran erinnern sollte, dass er Italiener sei.[1.54]

Nach den Mailänder Aufführungen bon Le Villi fuhr Piccini nach Lucca, um sich auf die Arbeit an seinem nächsten Projekt zu konzentrieren, und zwar die Oper Edgar nach einem Libretto von Fontana[1.54] über Edgar, der vor dem Hintergrund der Kriege gegen die Flamen zwischen zwei Frauen steht.[1.55] Daneben vermarktete er Li Villi und nutzte die Chance zur Aufführung seines Opernerstlings in Bologna durch den bedeutenden Dirigenten Luigi Mancinelli.[1.56] Eine Aufführung in Lucca lehnte Puccini jedoch ab, das das Orchester hier zu schlecht sei.[1.57]

Elvira Bonturi Puccini im Jahr 1910

Am Ende des Jahres erwähnte Puccini in einem Gruß an Fontana das erste Mal seine Lebenspartnerin Elvira Bontuni.[1.57] Die am 13. Juni 1860 geborene Elvira hatte zwei Kinder aus ihrer ersten Ehe mit dem lucchesischen Kaufmann Narciso Gemignani (1857–1903): die am 5. April 1880 geborene Tochter Fosca und den Sohn Renato (1885–1957).[1.57] Ein Brief Puccinis belegt, dass beide Männer sich gut kannten, vielleicht schon in ihrer Jugend.[1.57] Am 22. Dezember 1886 wurde Puccinis und Elviras gemeinsamer Sohn Antonio geboren, woraufhin Elvira ihren Ehemann und gemeinsam mit Puccini Lucca verließ.[1.57] Bei ihrem Weggang nahm Elvira die sechsjährige Tochter Fosca mit und ließ das Baby Renato bei ihrem Ehemann zurück.[1.57] Narciso Gemignani gab sich mit den Umständen zufrieden, obwohl das bürgerliche Recht auf seiner Seite gewesen wäre, was bedeuten könnte, dass er Fosca für Puccinis Tochter hielt.[1.58] Falls dem so gewesen wäre, hätten Puccini und Elvira bereits vor seinem Studium in Mailand eine Affäre gehabt, was sich aber auf Grund der dürftigen Quellenlage nicht mehr aufklären lässt.[1.59]

Im Mai 1886 bat Puccini seinen Verleger, seine eigentlich im Juni ablaufende Dotation zu verlängern, da er noch Zeit für die Komposition von Edgar bräuchte und noch seinen Bruder unterstützen müsse.[1.59] Biograf Dieter Schickling vermutet den wahren Grund für diese Bitte darin, dass Puccini nun eine Frau und deren Tochter zu versorgen hatte.[1.59] In diese Zeit fällt die erste Aufführung von Le Villi außerhalb Italiens, und zwar in Buenos Aires.[1.59]

Gedenktafel in Monza

Im Sommer und Herbst arbeitete Puccini weiter an Edgar.[1.59] Der Autograph erlaubt dabei wenig Einblick in Puccinis Schaffensprozess.[1.60] In dieser Zeit half Fontana Puccini neben der Arbeit am Libretto auch in dessen familiärer Situation und verschaffte dem Paar kurz vor der Geburt des Sohnes Antonio eine Wohnung in Monza nahe bei Mailand, wo das Paar sicherer vor gesellschaftlicher Verurteilung war als in der Großstadt Mailand.[1.61] Am 22. Dezember wurde schließlich Sohn Antonio Ferdinando Maria geboren.[1.61]

Am 5. Februar 1887 wurde Le Villi im damals österreichischen Triest uraufgeführt, wodurch Puccini die mit Spannung erwartete Mailänder Uraufführung von Verdis Otello verpasste, aber rechtzeitig zur zweiten Otello-Aufführung nach Mailand zurückkehrte.[1.61] Verdi kombinierte in Otello Wagners Musiksprache mit der italienischen, woraufhin Puccini große Teile des Edgar umkomponierte.[1.61] Biograf Schickling sieht in dem Kurswechsel und der damit verbundenen Unsicherheit verheerende Folgen für die musikalische Qualität des Edgar.[1.61]

Ende März reisten Puccini und Elvira trotz des sozialen Drucks wegen ihrer Flucht vor gerade mal einem Jahr nach Lucca, kehrten aber recht schnell wieder nach Monza zurück.[1.62] Aus finanziellen Gründen gaben sie ihre Wohnung in Monza auf; Elvira lebte nun mit den Kindern bei ihrer Mutter und ihrer Schwester in Florenz und Puccini unter anderem in Fontanas Sommerfrische in Bergamasco.[1.62]

In Italien begann zu dieser Zeit eine neue politische Epoche, als nach dem Tod von Agostino Depretis Ende Juli 1887 Francesco Crispi an die Macht kam, der sich vom alten Bündnispartner Frankreich lösen wollte und mit seinem Zollkrieg gegen Frankreich wirtschaftliche Turbulenzen in Italien auslöste.[1.62]

Puccini zeigte sich inzwischen optimistisch, da der Edgar fast fertig sei, Ricordi mit seiner Arbeit zufrieden sei, der Edgar in Rom oder vielleicht auch an der Scala uraufgeführt werden solle und Mancinelli den Edgar für Madrid haben wolle.[1.63] Dennoch musste Fontana zwischenzeitlich Ricordi für Puccini um Geld für Reisekosten und Notenpapier bitten.[1.63] Ende Oktober beendete Puccini die Arbeit an Edgar, doch niemand wollte die neue Oper spielen, auch nicht in Mailand, wohin Puccini in die Via Solferino 27 zog, seine Mailänder Adresse für die nächsten 15 Jahre, da die Scala gerade mit den Vorbereitungen für Wagners Lohengrin beschäftigt war.[1.63] In dieser Zeit brachte Schwester Ramelde ihr erstes Kind, Tochter Albina, zur Welt.[1.63]

Zu Beginn des Jahres 1888 wurde eine Aufführung von Le Villi in Neapel zum Fiasko.[1.64] Die Angst vor der unberechenbaren Reaktion des Publikums sollte Puccini von nun an nie mehr loslassen.[1.65] Während er auf eine Aufführungsmöglichkeit für Edgar wartete, finden sich in dessen Autograf nur wenige Bearbeitungsspuren.[1.65] In einem Brief von 1888 schrieb er, er arbeite bereits an einer dritten Oper, wobei unklar ist, ob er Manon Lescaut oder ein anderes, aufgegebenes Opernprojekt meinte.[1.65] Am 1. März 1888 komponierte er die Mattinata Sole e amore (SC 63) die im selben Jahr in der Genueser Musikzeitschrift Paganini veröffentlicht wurde.[1.66]

Am 2. Juli fand in Bologna die erste italienische Aufführung von Wagners Tristan und Isolde statt; möglicherweise hat auch Puccini sie besucht.[1.67] Der Verlag Lucca und seine Wagner-Rechte wurden kurz zuvor von Puccinis Verlag Ricordi aufgekauft.[1.67] Von seinem schweizerischen Ferienort Vacallo aus besuchte Puccini gemeinsam mit Fontana die Bayreuther Festspiele, wo die beiden auf jeden Fall Parsifal und Die Meistersinger von Nürnberg gesehen haben.[1.67]

Nach seiner Rückkehr aus Bayreuth blieb Puccini mindestens bis November in Vacallo und nahm Korrekturen am Edgar vor, schlossaber die Partitur ab.[1.67] Die Beteiligten an Edgar erwarteten mit Spannung die Premiere des Edgar, zu der auch Verdi erwartet wurde, aber nicht kam.[1.67]

Am Premierenabend am 21. April 1889 reagierte das Publikum merklich kühl.[1.67] Auch die Kritiker reagierten zurückhaltend und warfen Puccini Eklektizismus vor, da einiges nach Charles Gounod klinge und einiges nach Georges Bizet.[1.68] Nach zwei weiteren Aufführungen wurde Edgar vom Spielplan genommen und an der Scala zu Puccinis Lebzeiten nie mehr aufgeführt.[1.69]

Einige Abende nach der Uraufführung beschlossen Puccini, Fontana und Ricodi, Edgar in dieser Saison nicht mehr aufzuführen, sondern bis zur Winterspielzeit gründlich zu überarbeiten.[1.70] Eine Woche später fuhren Puccini, Fontana und Carignani, der den Klavierauszug des Edgar geschrieben hat, zur Erholung für ein paar Tage nach Cernobbio.[1.70] Puccini schrieb von dort aus, er plane als nächstes Projekt Tosca; Ricordi möge bitte die Rechte erwerben.[1.70] Die Idee zu Tosca stammte von Fontana, doch schien Ricordi damit gar nicht einverstanden, denn zur Komposition von Tosca kam es erst zehn Jahre später.[1.70] Nach Puccinis Rückkehr nach Mailand kam es, offenbar auf Ricordis Betreiben hin, zu Plänen einer Vertonung von Dostojewskis Schuld und Sühne.[1.70] Doch wenig später reizte es Puccini viel mehr, Manon Lescaut über das junge Mädchen Manom Lescaut zu schreiben, das ins Kloster geschickt werden soll, sich aber in Renato Des Grieux verliebt.[1.71] Am 15. Juli schloss Ricordi mit dem Theaterautor Marco Praga und dem Journalisten Domenico Oliva einen Vertrag über das Libretto.[1.70] Doch zunächst schickte Ricordi nach Bayreuth, um Wagners Meistersinger für eine italienische Erstaufführung vorzubereiten.[1.72]

Nach wenigen Tagen kehrte Puccini von Bayreuth, wo er neben den Meistersingern vielleicht auch Tristan und Isolde und wohl auch den Parsifal gehört hat, zurück und zog sich in sein Sommerdomizil Vacallo zurück und fing an, die Le Villi-Oper für weitere Aufführungen und die Edgar-Oper, von der ein Klavierauszug veröffentlicht werden sollte, zu überarbeiten, die Meistersinger für eine italienische Aufführung zu kürzen sowie die neue Oper Manon Lescaut (SC 64) zu komponieren.[1.73] Nicht ohne Neid stellte Puccinis lucchesischer Kollege Alfredo Catalani fest, dass nicht er, sondern Puccini der Komponist des nun einzigen Verlages Ricordi und wohl auch Verdis Nachfolger werden würde.[1.73]

Puccini glaubte irrigerweise, Manon Lescaut innerhalb eines Jahres vollenden zu können.[1.74] Die Arbeiten an der Oper verzögerten sich jedoch auf Grund der musikalischen Erfahrungen, die Puccini bei der Beschäftigung mit den Meistersingern gewann.[1.74]

Zunächst musste Puccini sich mit familiären Angelegenheiten beschäftigen.[1.74] So beschloss Bruder Michele, wohl deprimiert von den Karriereaussichten in Italien, nach Amerika auszuwandern.[1.74] Zur Finanzierung der Auswanderung verkauften die beiden Brüder die ihnen seit dem Tod der Mutter gehörende, in der Via di Poggio in Lucca gelegene Wohnung an den wohlhabenden Schwager Rafaello Franceschini.[1.74] Die Überschreibung war wahrscheinlich nur eine Art Sicherheit für das von Franceschini überlassene Geld, denn fast genau fünf Jahre später kaufte Puccini die Wohnung wieder zurück.[1.74] Anfang Oktober 1889 reiste Michele nach Buenos Aires und hielt sich zunächst mit Privatunterricht über Wasser und nahm schließlich eine Stelle als Musiklehrer in Jujuy in Nordargentinien an.[1.74]

Luigi Illica

Ende Oktober 1889 waren die ersten drei Akte des Librettos für Manon Lescaut fertig.[1.74] Im Nachlass des Librettisten Luigi Illica findet sich eine Librettoskizze für Manon Lescaut – wohl ein erster Nachweis für die Zusammenarbeit mit Ilica.[1.74] In diesen Tagen schrieb Puccini auch eine Gelegenheitsarbeit mit dem Streichquartett Crisantemi (SC 65), das dem Andenken des im Januar 1890 verstorbenen Amedeo von Sayvoen gewidmet ist, dem zweiten Sohn von König Viktor Emanuel II.[1.74]

Arturo Toscanini (1908)

Inzwischen wurde Le Villi in Verona und Brescia aufgeführt, in Brescia unter dem Dirigat des noch jungen Arturo Toscanini, der später der führende Puccini-Dirigent wurde.[1.75]

Die geplante Wiederaufführung des Edgar musste jedoch verschoben werden, weil der Tenor erkrankte, was Puccini auch finanziell betraf, da er für die Tahtiemen bereits einen Vorschuss von 2.000 bis 3.000 Lire erhalten hat.[1.76] Mitte April starb der Mann seiner Schwester Nitteti, Alberto Marsili.[1.76] Puccini musste darauf hinweisen, dass er zu keiner finanziellen Unterstützung seiner Schwester im Stande war.[1.76] Zusätzlich verlangte Onkel Cerù seine finanzielle Unterstützung für Puccinis Studium mit Zinsen zurück.[1.76] Puccini konnte nachweisen, dass er mit Le Villi kaum mehr als 6.000 Lire statt der von Cerù vermuteten 40.000 Lire verdient hat.[1.76] Puccini spielte mit dem Gedanken, nach Südamerika auszuwandern und dort Musiklehrer zu werden.[1.76]

Stattdessen begann Puccini im März 1890 mit der Instrumentation von Manon Lescaut.[1.76] Zwar hatte Puccini sich seit seiner Mailänder Studienzeit mit Wagners Musik beschäftigt, sich mit ihr aber erst im Rahmen seiner Überarbeitung der Neistersinger genauer auseinandergesetzt, was sich auch auf die Musik des Manon Lescaut auswirkte.[1.77]

Am 17. Mai 1890 wurde die Oper Cavalleria rusticana von Puccinis Studienfreund Pietro Mascagni mit großem Erfolg uraufgeführt, mit der dieser den Wettbewerb des Verlages Sonzogno gewonnen hatte.[1.77] In seinem Glückwunschtelegramm an Mascagni schrieb Puccini, wie in dieser Oper hätten beide sich die Zukunft vorgestellt.[1.78] Da Puccini annahm, dass Verdi von der neuartigen Entwicklung der Oper nichts hielt, äußerte er sich Verdi gegenüber in der ersten von wahrscheinlich nur zwei persönlichen Begegnungen (obwohl Puccini und Verdi in Mailand lange Zeit nahe beieinander wohnten) jedoch komplett negativ über Cavalleria rusticana.[1.79]

Danach hielt Puccini sich im Sommer und im Herbst in Vacallo auf, um weiter an Manon Lescaut zu arbeiten.[1.79] Oliva berichtete Ricordi, die Arbeit sei bald abgeschlossen.[1.79] Puccini äußerte sich in einem langen Brief jedoch unzufrieden mit der Arbeit seiner beiden Librettisten, woraufhin Praga sich von dem Projekt zurückzog und durch Ruggero Leoncavallo ersetzt wurde.[1.79] Im Januar 1891 war die Instrumentation des ersten Aktes beendet.[1.79]

Anscheinend fühlte Puccini sich in dieser Arbeitsphase durch Frau und Kinder gestört, denn trotz Elviras erheblichen Widerstands schickte er sie und die Tochter Ende März zu ihren Verwandten nach Florenz; der Sohn kam zu Schwester Tomaide in Lucca.[1.79]

In dieser Zeit erfuhr Puccini, dass Bruder Michele am 12. März 1891 gestorben war.[1.79] Einzelheiten erfuhr Puccini von südamerikanischen Freunden erst Wochen später; demnach führte Michele eine Liebesaffäre mit der Frau eines Senators, verletzte diesen in einem Duell und musste zunächst nach Buenos Aires und dann in das brasilianische Rio de Janeiro fliehen, wo er einer Gelbfieber-Epidemie zum Opfer fiel.[1.79] Puccini war vom Tod des Bruders noch mehr getroffen als von dem der Mutter.[1.80]

Anfang Mai reiste Puccini nach Lucca und traf Elvira einige Tage im nahen San Martino.[1.80]

Inzwischen wollte Ricordi Manon Lescaut in der nächsten Karnevalssaison in Turin aufführen und war der Meinung, dass bei den zwischenzeitlichen Fortschritten in der Kompositionsarbeit die Oper bald fertiggestellt sein müsste.[1.80] Die unterschiedlichen Grade der Fertigstellungen innerhalb der Oper zeigen, dass Puccini so durcheinander wie sonst nicht mehr in seiner Karriere an der Oper gearbeitet hat.[1.80]

Puccini kümmerte sich auch um die geplante Edgar-Aufführung und forderte in einem Brief an den Bürgermeister von Lucca erstklassige Musiker und Sänger; die voraussichtlichen Kosten betrugen 6.000 Lire.[1.80]

Gedenktafel in Torre del Lago.

In dieser Zeit entstand Puccinis neues ständiges Domizil Torre del Lago am See von Lago di Massaciuccoli.[1.80] Dieter Schickling geht davon aus, dass Puccini den zwanzig Kilometer von Lucca entfernten See bereits seit seiner Kindheit kannte, sich jedoch im Sommer 1891 entschloss, sich hier niederzulassen.[1.80] Ab Juli 1891 wohnte Puccini bei einem gewissen Andreozzi, mietete dann mit Elvira zwei Zimmer bei einem Bauern namens Venanzio Barsuglia.[1.80] Diese Unterkunft sollte wohl dazu dienen, ohne Heimlichkeiten mit Elvira zusammenleben zu können.[1.81] Torre Lago wurde bald aber auch zur neuen Heimat, wo er in einfachen Bauern oder armen Künstlern neue Freunde fand und sich der Jagd widmete.[1.82] Dieter Schickling sieht in Puccinis Neigung für die Jagd einen Männlichkeitswahn repräsentiert, der Puccinis Verhältnis zu seinen Mitmenschen bestimmte.[1.82] Demnach unterschied er zwischen seinen zärtlichen Frauenfreundschaften und seinen robusten Beziehungen zu Männern, was sich auch in seinen Opern widerspiegelte.[1.82]

Am 5. September 1891 fand die Aufführung des Edgar, bei der auch die Principessa di Capua anwesend war, statt und wurde trotz der mäßigen musikalischen Qualität der Proben und publizistischer Scharmützel – man vermutete familiäre Protektion, da der Bürgermeister von Lucca mit Puccini verschwägert war – ein voller Erfolg.[1.82] Edgar wurde in Lucca insgesamt dreizehnmal gespielt.[1.82]

Mit Luigi Illica fand Puccini einen neuen (den vierten) Librettisten für Manon Lescaut.[1.83] Er war mit Fontana befreundet, der Illica für Manon Lescaut empfohlen haben soll.[1.83]

Die für Madrid schon seit Jahren geplante Aufführung des Edgar geriet kurzfristig in Gefahr, als der ursprünglich für die Titelrolle vorgesehene Tenor aus den Proben ausstieg, war aber gerettet, als Francesco Tamagno einsprang, auch wenn sie nochmal um drei Wochen in den März hinein verschoben werden musste.[1.83] Die historische Erstaufführung der dreiaktigen Neufassung des Edgar fand damit schließlich am 28. Januar 1892 in Ferrara statt, die ein großer Erfolg wurde.[1.83] In Ferrara traf Puccini auch den noch jungen Giulio Gatti-Casazza (später Direktor der Scala und der Metropolitan Opera).[1.83]

Wenig später reiste Puccini nach Madrid, wo er sich unwohl fühlte, unter anderem, weil er die Sprache der Leute nicht verstand.[1.83] Auch die Proben erwiesen sich als schwierig, weil Partitur und Stimmen immer wieder handschriftlich korrigiert werden mussten.[1.83] Bis auf Tamagno hielt Puccini nichts von den Musikern und Sängern.[1.83] Am 19. März 1892 fand dennoch eine erfolgreiche Premiere statt; bei der zweiten Vorstellung bat Königinwitwe Maria Christina Puccini in ihre Loge, um ihm zu gratulieren.[1.84]

In der Zwischenzeit überarbeitete Illica das Libretto von Manon Lecaut und versah es mit mehr Logik und Handlung. Puccini zielte jedoch auf Diskontinuität und Handlungsarmut ab; menschliche Situationen waren ihm wichtiger.[1.84] In dieser Arbeitsphase wurde auch Giuseppe Giacosa als Autorenfunktionär hinsichtlich möglicher Urheberrechtsprobleme in Bezug auf die erste drei Librettisten der Oper hinzugezogen; laut Dieter Schickling gibt es entgegen anderer Biografenmeinungen keine Hinweise darauf, dass Giacosa direkt am Libretto gearbeitet hätte.[1.84] Für die nächste Arbeitsphase reiste Puccini nach Vacallo, da es ihm in Torre di Lago zu heiß war.[1.84] Hier ist auch wieder Leoncavallo am Libretto beteiligt, der gerade mit seiner Oper Der Bajazzo einen eigenen Erfolg hatte.[1.85] Im Oktober 1892 war die Kompositionsarbeit am Manon Lescaut beendet.[1.86]

Am 20. November 1892 kündigte La Gazzetta musicale einen deutschen, um hundert Takte gekürzten Klavierauszug von Le Villi an.[1.86] Italien hatte sich Deutschland immer mehr zum Vorbild genommen.[1.87] Der erhoffte Erfolg von Le Villi in Deutschland blieb jedoch aus.[1.88]

Im November 1892 reiste Puccini nach Hamburg und fühlte sich dort wegen seiner Sprachunkundigkeit – er reiste alleine – nicht wohl.[1.88] Die Deutschen hielt er für ungeschliffene Menschen, war aber begeistert von dem von Gustav Mahler geleiteten Orchester, der zwar schon Wagner aufgeführt hatte, jedoch mit Puccinis Opern nicht so recht warm werden konnte.[1.88] Der Hamburger Le Villi-Premiere folgten sieben weitere Aufführungen.[1.88] Puccini reiste weiter nach Berlin, Dresden, Wien und Mailand und bemühte sich dort, jedoch vergeblich, um weitere Le Villi-Aufführungen.[1.88] In Wien lernte er Baron Angelo Eisner kennen, der in den nächsten Jahrzehnten Pucinis Wiener Agent wurde.[1.88] In Wien erreichte Puccini auch ein Brief von Ricordi, der sich besorgt zeigte, Puccinis Manon Lescaut könne im Schatten der acht Jahre älteren Manon-Oper von Jules Massenet stehen und andererseits die Suche nach einem neuen Libretto zur Vertonung ansprach.[1.89] Illica habe auch schon einen neuen Stoff im Auge, womit Ricordi aber wahrscheinlich nicht La Bohème meinte, sondern eine von Ilicas zahlreichen, von Puccini abgelehnten Ideen unter dem vorläufigen Titel Le Nozze di Nane.[1.90] Illica beklagte sich in diesem Zusammenhang auch bei Ricordi über Puccini, der den Librettisten ins Handwerk pfuschte, obwohl diese wüssten, was ein gutes Libretto ist.[1.90] Nach Meinung von Biograf Dieter Schick gab jedoch der Erfolg Puccini recht, der mit seiner Arbeitsweise, nur das zu komponieren, was er selber gut fand, so manche Dutzendware der Librettisten vor der Vergessenheit rettete.[1.90]

Als am 1. Januar 1893 in Turin die Proben zu Manon Lescaut begannen, war Puccini zunächst skeptisch wegen der schlechten Qualität der Sänger, war dann aber überzeugt vom Erfolg der Premiere, da alle die Oper für fantastisch hielten.[1.90] Ricordi konnte nur bedingt bei den Proben anwesend sein, da er zeitgleich mit der Premiere von Verdis Falstaff beschäftigt war.[1.90] Die Premiere von Manon Lescaut am 1. Februar 1893 wurde ein überwältigender Erfolg bei Publikum und Kritik.[1.90] Am 9. Februar 1893, dem Tag der Falstaff-Premiere, signierte Verdi eine Fotografie für Puccini, in dem er seinen Nachfolger gefunden hatte.[1.90] Bis Ende März folgen sechzehn Vorstellungen von Manon Lescaut.[1.90] Im folgenden Sommer nehmen zahlreiche italienische Städte die Oper auf den Spielplan sowie viele andere Städte im Ausland wie Buenos Aires, Rio de Janeiro, St. Petersburg, Madrid und Hamburg.[1.91]

Auf einer Bahnreise von Turin nach Mailand soll Puccini erstmals die Geschichte von La Bohème als nächstes Opernprojekt ins Auge gefasst haben.[1.92] Es geht darin um drei verarmte, miteinander befreundete Künstler, von denen sich einer in die an Tuberkulose leidende Mimi verliebt, die schließlich stirbt.

Zunächst musste Puccini sich damit auseinandersetzen, dass sich das Interesse anderer Opernhäuser an Manon Lescaut in Grenzen hielt, was für seine Karriere als Opernkomponist das Ende hätte bedeuten können.[1.93] Vielleicht aus diesem Grund überarbeitete Puccini Anfang März bei einem Aufenthalt in Lucca ältere Werke, und zwar das Cappriccio Sinfonico und die Missa.[1.93]

Ruggero Leoncavallo
Giuseppe Giacosa

Doch dann kam es zu einem Streit mit Leoncavallo, der ebenfalls eine La Bohème-Oper plante.[1.94] Es ist möglich, dass Leoncavallo von Ricordi einige Monate, bevor Puccini sich für den Stoff interessierte, mit einem Libretto für Puccini beauftragt wurde, sich dann aber entschloss, den Stoff für seinen neuen Verlag Sonzogno selber zu vertonen.[1.93] Zwar hätte es keine Urheberrechtsprobleme gegeben, doch wäre möglicherweise einer dem anderen mit einer Premiere in die Quere kommen können.[1.93] Am 20. März kündigte Sonzognos Zeitung Il secoloan, dass Leoncavallo an einer Bohème-Oper arbeitete, woraufhin Puccini im Corriere della Sera antwortete, dass er seit der Premiere von Manon Lescaut an der Bohème-Idee arbeitete.[1.93] Mitte April trafen sich Puccini, Illica und Giacosa zu einem ersten ausführlichen Gespräch.[1.95]

Inzwischen wollte Schwager Francheschini Puccinis Geburtswohnung in Lucca verkaufen, doch Puccini, der die Wohnung unter keinen Umständen in fremde Hände geben wollte, versicherte ihm, mit Manon Lescaut bald soviel Geld zu verdienen, dass er die auf fünf Jahre befristete Rückkaufoption wahrnehmen könne.[1.95]

Bei einem Treffen am 1. Juni zeigten sich die Beteiigten mit dem bisherigen Stand des Librettos zufrieden.[1.96] Zugleich beklagte Ricordi, dass Puccini lieber zweitrangige Proben seiner Opern zu besuchte, statt an La Bohème weiter zu arbeiten, was eigentlich das dringlichere Projekt sei.[1.97] Puccini erholte sich im Sommer und im Herbst in Torre di Lago und kaufte sich für diesen Aufenthalt von dem Profit der Manon Lescaut ein Fahrrad, während Ilica weiter am Libretto der Bohème arbeitete.[1.97]

In dieser Zeit soll Puccinis ehemaliger Konservatoriumsprofessor diesem die Kompositionsprofessur am Konservatorium angeboten haben, da diese wegen Catalanis frühem Tod mit 39 Jahren freigeworden war.[1.97] Doch trotz der Zukunftsaussichten lehnte Puccini ab, da ihm das Komponieren viel mehr lag als das Unterrichten.[1.97]

Am 8. September besuchte Puccini die von Alessandro Pomé dirigierte Premiere von Manon Lescaut in Lucca.[1.97] Wenige Tage später fand eine Galavorstellung in Anwesenheit des Kultusministers und Schriftstellers Ferdinando Martini statt.[1.97] Insgesamt wurde der Manon vierzehnmal aufgeführt.[1.97]

Anfang Oktober zog sich Giacosa unerwartet aus unbekannten Gründen vom Bohème-Projekt zurück, möglicherweise aber wegen Pucccinis dauernder Änderungswünsche.[1.97] Puccini war ohnehin bereit, den Bohème-Stoff aufzugeben, denn als er in Hamburg die erste fremdsprachige Manon-Aufführung besuchte, schrieb er an Illica, dass er auch etwas anderes finden könnte.[1.97] Illica und Ricordi gerieten wegen der Konkurrenzsituation mit Leoncavallo und des bereits investierten Geldes in Alarmbereitschaft, und Ricordi erwartete nach Puccinis Rückkehr aus Hamburg mit diesem ein ernstes Gespräch.[1.98] Möglicherweise war Puccini auch gegen die in Frankreich spielende Bohème eingenommen, nachdem im August im französischen Aigues-Mortes italienische Gastarbeiter von französischen Einheimischen angegriffen worden waren.[1.99] In Hamburg wurde die Premiere wegen Erkrankung der Hauptdarstellerin verschoben und Puccini musste wegen anderweitiger Verpflichtungen vor dem neuen Aufführungstermin abreisen, sah aber dadurch die Premieren des Manon in Bologna und Rom.[1.99] Ricordi mahnte Puccini, an der Bohème weiterzuarbeiten, doch Illica hegte Zweifel und wandte sich bereits seinem nächsten Projekt zu.[1.99]

Puccini reiste mit Elvira zu Manon-Proben nach Neapel, wo die Aufführung des Manon ein voller Erfolg wurde.[1.99] Bei der Aufführung am 7. Februar 1894 an der Mailänder Scala war Puccini bis auf den Tenor Cremonini mit den Sänger und Musikern unzufrieden.[1.99] Zumindest wurde Olga Olghine, die Sängerin der Titelrolle durch die junge Ericlea Darclée (später die erste Tosca) ersetzt.[1.100]

Zu dieser Zeit setzte Puccini gegen Illica die Streichung des damals vorgesehenen dritten Aktes durch, in dem die Trennung von Mimi und Rodolfo gezeigt wurde und ohne den der vierte Akt nicht mehr verständlich war.[1.100] Wie bei Manon Lescaut war ihm die Darstellung menschlicher Situationen wichtiger als Logik.[1.100] Zudem fand er einmal mehr den Stoff bedeutungslos, den bereits Illica schon mal beklagt hatte, was Puccini, nachdem er keinen anderen Opernstoff gefunden hatte, Monate lang daran hinderte, überhaupt eine Note für die Bohème zu komponieren.[1.100]

Mitte März 1894 reiste Puccini zur Jagd in Torre del Lago mit Schwager Franceschini, zur Überführung von Catalanis sterblichen Überresten nach Lucca und zur Premiere des Manon Lescaut in Pisa unter Arturo Toscanini.[1.100] Einen Monat später wurde die Oper in Budapest von Arthur Nikisch dirigiert und fand zu Puccinis Freude großen Erfolg.[1.100]

Anfang Mai reiste Puccini zu der von Ricordi verhandelten Pemiere des Manon Lescaut nach London.[1.94] Durch das Londoner Klima und die Sprachbarriere fühlte Puccini sich unwohl.[1.94] Trotz der wenige Monate zuvor ausgetauschten Olga Olghine wurde der Manon in London ein großer Erfolg.[1.94] Puccini speiste beim italienischen Botschafter und freundete sich mit dem Komponistenkollegen Paolo Tosti an.[1.94] Nach seiner Rückkehr kehrte er nach Torre del Lago zurück, wo er sich mit Illica traf und beide an der Bohème weiterarbeiteten.[1.94] Puccini liebäugelte mit der Erzählung Die Wölfin (La Lupa) von Giovanni Verga, in der eine sizilianische Frau einen deutlich jüngeren Mann liebt, ihn mit ihrer Tochter verheiratet, weiterhin Leidenschaft für ihn hegt und von ihm schließlich mit einer Axt erschlagen wird.[1.94] Verga schrieb in Ricordis Auftrag einen Entwurf für das Libretto.[1.94] Ende Mai reiste Puccini mit Freunden nach Sizilien, um Verga zu treffen und das dortige Milieu kennenzulernen.[1.94] Sie waren von dem subtropischen, für Norditaliener schon afrikanisch anmutenden Klima berauscht und machten einen Abstecher nach Malta.[1.101] Da sie während vierzehn Tagen Reise wegen der Entfernungen Schiff und Zug brauchten, blieben für Sizilien lediglich fünf Tage übrig, die zum Kennenlernen von Land und Leuten zu knapp waren.[1.101] Puccini kam lediglich zum Fotografieren von Bewohnern und Bauernhäusern.[1.101] Auf der Rückreise traf Puccini auf dem Schiff Richard Wagners Stieftochter Blandine von Bülow und erzählte ihr von seinem Verga-Projekt, von dem sie ihm abriet.[1.101]

Wieder in Torre del Lago, benachrichtigte Puccini Anfang Juli Ricordi, man solle abwarten, wie das Publikum auf die Aufführung von Vergas Erzählung als Theaterstück reagiere, Puccini habe inzwischen an der Bohème weitergearbeitet, deren Szenen-Tohuwabohu ihm auch nicht gefalle, Illica solle auch andere Stücke von Murger lesen.[1.101] Biograf Dieter Schickling zufolge hat sich Puccini hiermit zu seinen eigenen Interessen bekannt, denen die Liebe zwischen Mimi und Rodolfo eher liegt als die Liebesgeschichte in der Wölfin.[1.101] Puccini brauche in diesem Sinne die Banalität zwischenmenschlicher Beziehungen zur Inspiration, die vom „Verismo“ implizierte Wahrheit erschrecke ihn eher.[1.101] In diesem Zusammenhang lehnte Puccini auch den Vorschlag des neapolitanischen Ricordi-Filialleiters Carlo Clausetti ab, Gabriele D’Annunzio als Librettist zu gewinnen.[1.102]

Nun arbeitete Puccini umso ernsthafter an der Bohème, vielleicht gerade weil ihre Grundstruktur so eng mit Manon Lescaut verwandt war.[1.103] Ricordi freute sich über Puccinis jetzt ernsthaften Einsatz für die Bohème.[1.103] Illica dagegen hatte wegen Puccinis dauernder Änderungswünsche keine Motivation mehr, weiter an der Bohème zu arbeiten.[1.103] Puccini, Rcordi und Illica versuchten in Torre de Lago, alle Unstimmigkeiten zu beseitigen, doch bereits kurz darauf verlangte Puccini von Illica und Giacosa zu deren Unmut, rhythmisch passende Verse zu seinen bereits vorhandenen musikalischen Ideen zu liefern.[1.103] Ende August war der erste Akt fertig und als Illica Ricordi das fertige Libretto vorlas, war dieser zu Tränen gerührt.[1.103] Für das nächste Frühjahr war die Uraufführung geplant.[1.103]

Mit Manon Lescaut wurde in Philadelphia das erste Mal ein Werk Puccinis in Nordamerika gespielt.[1.103] Während einer nächtlichen Jagd auf dem Massaciuccoli-See wurde Puccini wegen Wilderei verhaftet und beim folgenden Prozess vor dem Tribunal von Bagni San Giuliano freigesprochen.[1.103]

Zu dieser Zeit gründete sich in einer schilfbedeckten Holzhütte, die dem Schuster Giovanni Cragnani gehörte und in der er die einzige Kneipe des Dorfes betrieb, gegenüber von Puccinis Domizil ein Freundeskreis namens „Club La Bohème“.[1.104] Dessen Mitglieder mussten schwören, „es sich gutgehen zu lassen und noch besser zu essen“; der Präsident hatte den Kassierer am Einziehen von Mitgliedsbeiträgen zu hindern; diesem war es wiederum getattet, mit der Kasse durchzubrennen; alle erlaubten Spiele waren ebenso wie die Weisheit und das Schweigen, streng verboten.[1.104] Viele Anekdoten ranken sich um diesen „Club“, dessen Gesellschaft Puccini als Ausgleich zum Komponieren brauchte.[1.104]

Derweil beanspruchte Puccini Illicas Nerven mit Kürzungsvorschlägen zum eigentlich schon fertigen Schlussduett des ersten Akts der Bohème.[1.104] Auch Giacosa ist so wütend über die Veränderungen im gedruckten Libretto, dass er sich weigert, Puccinis weitere Korrekturen vorzunehmen.[1.104] Vergeblich verlangte er von Puccini, zum Text der ersten Fassung zurückzukehren.[1.104]

Mit beißendem Spott reagierte Puccini auf einen Prozess, der gegen ihn in Terre del Lago wegen Ruhestörung angestrengt worden war, wo er trotzdem lieber gewesen wäre als im winterlichen Mailand.[1.104] Noch zufriedener ist er, als das Libretto zu seiner vorläufigen Zufriedenheit fertiggestellt wurde.[1.105] Am 21. Januar 1895 begann er mit der Instrumentation des ersten Aktes der Bohème.[1.106] Die erste Arbeit an der Partitur erfolgte in Mailand.[1.106]

Bis Herbst 1895 verbrachte Puccini wenig Zeit in Torre del Lago, höchstwahrscheinlich, weil ihm die Wohnung im Haus des Venanzio Barsuglia nicht zur Verfügung steht, worauf auch eine Bemerkung in einem Brief an Schwager Francescini wohl von Februar 1895 hindeutet, dass er hoffentlich bald ein Häuschen auf dem Land habe.[1.106] Diese Hoffnung beruht auf Einnahmen aus bevorstehenden Manon Lescaut-Aufführungen unter anderem im Januar in Warschau, im Februar in Alexandria sowie ferner in St. Petersburg, Turin, Bari, Bologna, Parma, San Remo und Moskau.[1.106] Anfang März besucht er die Proben zu Manon Lescaut in Livorno.[1.106] Puccinis Freund Pietro Mascagni hatte versprochen, den Manon in Livorno zu dirigieren, jedoch im letzten Moment abgesagt.[1.106] Zusätzlich ärgerte Puccini sich über das Ensemble, zu dem erneut Olga Olghine gehörte.[1.106] Zusätzlich ärgerte Puccini sich über seine Verwandten und Freunde aus Lucca, die die nahe gelegene Vorstellung nicht besucht haben.[1.106]

Nach seiner Rückkehr nach Mailand bat Puccini Giacosa um den revidierten letzten Akt der Bohème; anscheinend komponierte er, während er den ersten Akt instrumentierte, am vierten weiter.[1.106] Für die weitere Arbeit an der Bohème, der er sich ab Mitte Mai drei Monate lang widmen wollte, schien im Mailand ungeeignet, und in Torre del Lago hatte er keine Wohnung mehr.[1.107] Daher suchte er als neue Bleibe eine ruhige Villa in den lucchesischen Bergen.[1.108] Am 8. Juni wurde der erste Akt fertig instrumentiert.[1.108] Ende Mai fanden Raffaelo und Ramelde Franceschini mit der Villa del Castellaccio eine passende Bleibe für Puccini.[1.108]

Ricordi zeigte sich inzwischen zufrieden un optmistisch bezüglich des Fortschritts der Bohème.[1.108] Carignani kam nach Castellaccio, um den Klavierauszug des ersten Akts zu erstellen, während Puccini bis zum 19. Juli den zweiten Akt komponierte und instrumentierte.[1.108] Bereits vor dem 19. Juli hatte er begonnen, den dritten Akt zu komponieren.[1.108] Auch für den dritten Akt wünschte Puccini wieder Textkorrekturen.[1.108] Gleichzeitig stand mit Tosca bereits Puccinis nächstes Opernprojekt fest, da Alberto Franchetti den Kompositionsauftrag kurz vorher abgegeben hatte (laut Dieter Schickling tat er dies entgegen der Meinung anderer Biografen freiwillig).[1.108] Gleichzeitig interessieren sich bereits die ersten Opernhäuser in Rom, Turin, Triest, Neapel bis hin nach Warsachau für die noch nicht fertige Bohème.[1.108] An Ricordi schrieb Puccini, der Kronprinz habe sich lobend über Manon Lescaut geäußert, und bat um eine Ergänzung des Finales des zweiten Aktes und weitere Änderungen im Text des dritten Aktes, wofür der Notenstich unterbrochen werden musste.[1.108] Vom 10, bis 18. September instrumentierte Puccini den dritten Akt und begann mit de Komposition des vierte Aktes.[1.109] Ricordi beklagte sich über den Wust an Vortragsbezeichnungen in der Partitur, doch hielt Puccini diese, da er an der Kompetenz der Dirigenten zweifelte, für nötig.[1.109] Gegen Puccinis Willen setzte Ricordi dagegen die Uraufführung wie bei Manon Lescaut in Turin statt in Rom oder Neapel an.[1.109]

Puccini reiste mit Elvira nach Florenz und sah dort Sartous Tosca-Bühnenstück und reiste nach vier Monaten nach Torre del Lago.[1.109] Hierfür mietete er im Herbst 1895 seine nächste Wohnung am Massaciuccoli-See.[1.109]

Währenddessen bereiteten Ricordi, Illica, Giacos und der Bühnenbildner Hohentein die szenische Gestaltung der Bohème vor.[1.110] Puccini schlug Arthur Nikisch als Dirigent vor, während Ricordi Vanzo bevorzugte.[1.110] Im späten November 1895 war die Komposition der Bohème und bis zum 10. Dezember die Instrumentation beendet.[1.110] Puccini bot die Widmung dem mit ihm befreundeten Marchese Ginori an, der Puccinis Verbindung zum reichen Landadel darstellte.[1.110] Im Herbt 1896 schrieb Puccini für Ginori das Lied Avanti Urania! (SC 68) nach einem Text des gemeinsamen Freundes Renato Fucini. In dieser Zeit begann Giacosa mit dem Libretto für Puccinis nächste Oper Tosca, während mit Arturo Toscanini der Uraufführungsdirigent für die Bohème feststand, der sechs Wochen vor der Uraufführung die italienische Erstaufführung der Götterdämmerung dirigierte.[1.111]

In diesen Tagen verlangte Minsterpräsident Francesco Crispi das Protektorat über Äthiopien, was in einem militärischen Desaster endete und eine der Grundlagen für den italienischen Faschimus legte.[1.112]

Anfang des Jahres 1896 fuhr Puccini zu den Proben für die Bohème nach Turin, wo ihn Toscanini und das Orchester begeisterten.[1.113] Am 1. Februar 1896 fand die Uraufführung statt und fand durchschnittliche Resonanz.[1.113] Die Reaktion auf die Bohème machte Puccini unempfindlich gegen die Verlockung der Wiederholung von Erfolgen; stattdessen wollte er von nun an immer wieder Besseres.[1.113]

Nach dem mäßigen Erfolg de Premiere kümmerte sich Puccini zunächst in Rom, Neapel, Palermo und Florenz um weitere, möglichst perfekte Aufführungen der Bohème.[1.114] In Rom hielt er während der Proben im Teatro Argentina viel von Rosina Storchio, der Darstellerin der Musetta.[1.114] Doch auch in Rom wurde die Bohème trotz der Auszeichnung Puccinis mit dem Komturkreuz des italienischen Kronen-Ordens ein eher mäßiger Erfolg.[1.114] Die zweite Vorstellung fand zugunsten der Verwundeten im Italienisch-Äthiopischen Krieg statt und wurde von Königin Margarethe besucht.[1.114] Ein größerer Erfolg wurde die Premiere in Neapel, während sich der Erfolg der Bohème auch in Turin langsam einstellte.[1.114] Bis zu Puccinis nächster Oper Tosca wurde La Bohème in mehreren Dutzend Theatern auf vier Kontinenten gespielt; ein Erfolg, der in dieser Form vorher nur Verdi gelungen war.[1.114] Der endgültige Durchbruch für die Bohème wurde die Premiere im Teatro Politeama Garibaldi unter Dirigent Leopoldo Mugnone, der neben Toscanini zum wichtigsten Puccini-Dirigenten wurde, in Palermo am 24. April 1896; bei dieser Gelegenheit kündigte Puccini auch die Tosca als sein nächstes Opernprojekt an.[1.115]

Es fanden erste Besprechungen mit Illica zur Tosca statt[1.116], in der es um die Liebesgeschichte der Hauptperson Tosca im Jahr 1800 vor dem Hintergrund der Besetzung des Kirchenstaats durch die französischen Truppen geht.[1.117] Anfang Juni fuhr er zur Arbeit an der Tosca nach Torre del Lago, wo er seiner sechs Jahre zuvor verwitweten Schwester Nitteti Marsili eine monatliche Rente von 30 Lire, fünf Prozent seiner regelmäßigen Einkünfte, aussetzte.[1.116] Nach ersten Entwürfen für das Libretto begann er Mitte Augst 1896 mit der Komposition der Tosca.[1.116] Laut Giacosa bestand das Grundproblem der Oper darin, dass sie ein hochdramatisches Theaterstück mit permanenten Auseinandersetzungen zwischen konfliktreichen Figuren sei, was es schwierig mache, die notwendigen solistischen Lyrismen einzufügen.[1.116] Trotz anderslautender Drohungen setzte Giacosa seiner Mitarbeit an der Tosca fort.[1.116] Entgegen seiner Behauptungen gegenüber Ricordi, er habe an der Tosca gearbeitet, suchte Puccini nach den Anstrengungen der La Bohème-Komposition im Sommer und Herbst 1896 Entspannung bei der Jagd und bei Festgelagen und beim Besuch von Manon- und La Bohème-Vorstellungen.[1.118]

Auch als er Anfang Dezember 1896 nach Mailand reiste, interessieierte ihn die Aufführung der Bohème an der Scala mehr als die Tosca.[1.119] Zu dieser Zeit fand Puccinis erster nachweisbarer Kontakt mit dem Dichter Giovanni Pascoli statt, der vergeblich anfragte, ob Puccini nicht einen Text von ihm vertonen wolle.[1.119]

Um den 10. April 1897 brach Puccini mit Giulio Ricordis Sohn Tito zur Premiere der Bohème in Manchester am 22. April.[1.119] Puccini zeigte sich entsetzt über das englische Klima und die musikalische Qualität der für die Premiere zuständigen Carl Rosa Opera Company; trotzdem wurde die Premiere ein Erfolg.[1.119] In Mailand nahm Puccini mit Schadenfreude den Misserfolg von Leoncavallos La Bohème zur Kenntnis.[1.119]

Enrico Caruso im Jahr 1910

Während Puccini mit der Tosca nur sehr langsam vorankam, musste er auf Ricordis Wunsch nach Berlin zur dortigen Bohème-Premiere am 22. Juni 1897.[1.120]

Wohl in diesem Sommer begegnete Puccini das erste Mal dem Sänger Enrico Caruso.[1.120] Entgegen anderslautender Legenden war Puccini laut Biograf Dieter Schickling nicht Carusos Entdecker.[1.120] Caruso war zu dieser Zeit einer von vielen jungen Tenören und hatte bereits 1894 debütiert.[1.120] Als Caruso Puccini besuchte und ihm vorsang, fand Puccini Carusos gesangliche Fähigkeiten gut.[1.120] Die einzige Premiere, die Caruso in einer Puccini-Oper sang, war La fanciulla del West im Jahr 1910.[1.120]

Mitte September 1897 reiste Puccini zur Wiener Premiere der Bohème am 5. Oktober im Theater an der Wien.[1.120] Deren neuer Direktor Gustav Mahler hatte beide Bohème-Opern gehört und jene von Puccini empfohlen, während sein Vorgänger die von Leoncavallo angenommen hatte.[1.120] Während der Premiere von Puccinis Bohème soll Mahler in seiner Loge höhnisch gelacht haben, was Puccini ihm ein Leben lang übel nahm.[1.120] Die Premiere wurde ein Erfolg, obwohl der wagnerkritische Musikkritiker Eduard Hanslick kritisierte, der möglicherweise die Seelenverwandtschaft zu Wagner spürte.[1.120] Puccini selbst war mit der Aufführung nicht ganz zufrieden.[1.120]

Ende November 1897 fuhr er nach Rom, um als Mitglied der staatlichen Musikkommission tätig zu sein.[1.120] Wenige Tage später sträubte er sich gegen diese Tätigkeit, wurde aber der Öffentlichkeitswirkung wegen von Ricordi gezwungen, sie weiterzuführen.[1.120] Zu dieser Zeit traf er in Rom das erste Mal en jungen Priester Petro Panichelli, mit dem er sich befreundete und der einer von Puccinis frühen Biografen werden sollte.[1.120]

Langsam nahm Puccini auch die Arbeit an der Tosca wieder auf, wobei Don Pietro Panichelli ihn für das Finale des ersten Aktes darüber informierte, wie in Rom das Te Deum gesungen wurde sowie für den Anfang des dritten Aktes über den Klang der größten Glocke des Petersdoms.[1.121] Gleichzeitig wurde Puccini aber von anderen Ideen abgelenkt wie Alphonse Daudets Tartarin von Tarascon oder einer Maria Antonietta.[1.121] Ab Januar 1898 konzentrierte er sich komplett auf die Komposition der Tosca.[1.122]

Kurz vorher komponierte er im Dezember 1897 den den italienischen Jägern gewidmeten Marschgesang Inno a Diana (SC 70) nach einem Text des neapolitanischen Journalisten Carlo Abeniacar.[1.122]

Anfang April 1897 verhandelte Puccini durch Vermittlung des lzucchesischen Marchese Mansi mit Graf Minutoli den Kauf eines Anwesens in Aquilata nahe dem Massaciuccoli-See, wo er eine Villa mit etwa bäuerlichen Land als Ersatz für die beim Grafen Gronatelli gemietete Villa in Torre del Lago bauen wollte.[1.122] Puccini fasste auch eine Villa in Monte San Quirico im den Bergen zwischen Lucca und Viareggio ins Auge.[1.122]

Als Nächstes fuhr er für zweieinhalb Monate mit Elvira und Fosca zur französischen Premiere der Bohème nach Paris.[1.122] In dieser Zeit erlebte der junge Nationalstaat Italien seine schwerste Krise, als nach Straßenunruhen sowie Kämpfen zwischen Demonstranten und Truppen die amtirende Regierung zurücktrat und eine Militärdiktatur unter General Luigi Pelloux entstand.[1.123] In Paris äußerte sich Puccini: «Ich würde das Parlament und die Abgeordneten abschaffen, so lästig sind mir diese ewigen Geschwätz-Fabrikanten. Wenn ich zu bestimmen hätte, würde ich gern zum seligen ‚Carlo Dolovio‘ zurückkehren.» (gemeint war der verflossene lucchesische Bourbonen-Herzog Carlo Lodovico).[1.124]

Anfangs war Ouccini in Paris gänzlich mit den Proben zur Bohème beschäftigt, an deren Erfolg er glaubte, und erreichte bei Victorien Sardou, dass dieser den Änderungen seines Tosca-Stückes für die Oper zustimmte.[1.124] Sardou selbst zeigte sich in erster Linie am Profit interessiert, aber auch zufrieden mit Illicas und Giacosas Librettobearbeitung.[1.124] Nach einem Monat bekam er wieder Sehnsucht nach der Toskana ud zeigte sich entsetzt über die Geschehnisse in Italien.[1.124] Anfang Juni kam Illica nach Paris und fand die dortige Bohème -Inszenierung ausgezeichnet.[1.125] Puccini bekam auch Besuch von anderen Freunden wie Caselli aus Lucca und Luigi Pieri aus Mailand.[1.125] Die Bohème-Premiere am 13. Juni 1898 wurde beim Publikum im Gegensatz zur Kritik ein Erfolg, was Puccini zufriedenstellte, da nun auch ein Italiener eine französische Oper schreiben konnte.[1.125] In der Woche danach reiste Puccini wieder nach Italien, um an der Tosca weiterzuschreiben.[1.125] Zunächst blieb er drei Wochen in Torre del Lago und konnte dann um den 20. Juli mit seiner Familie nach Monsagrati ziehen.[1.125] In den ersten vier Wochen in der neuen Villa kompoierte er sehr konzentriert an der Tosca und wegen der Hitze nur nachts.[1.125] In der Zweischenzeit scheiterte der Aquilata-Kauf, woraufhin Puccini schließlich in Chiatri ein Grundstück für den Bau einer Villa erwarb.[1.125] Bis Ende September blieb er in Monsarati und arbeitete nun gemächlicher an der Tosca.[1.125] Kurz vor seinem bevorstehenden 40. Geburtstag befand sich Puccini in einer Midlife-Crisis.[1.126]

Anfang Januar 1899 reiste Puccini zur Wiederaufnahme der Bohème wieder nach Paris, wo Sardou einigw Textveränderungen für die Tosca vorschlägt.[1.126] Laut Biograf Dieter Schickling sind die Unterschiede zwischen der literarischen Vorlage und der Tosca-Oper nicht so gro0 wie von Puccini und seinen Biografen behauptet; diese hätten übertrieben, um die Eigenleistung der Opernversion zu betonen.[1.126] Nach seiner Rückkehr arbeitete er einen Monat lang weiter an der Tosca.[1.126]

Das nächste Vierteljahrhundert verbrachte Puccini in Totre del Lago.[1.127] Dort instrumentierte er ab dem 23. Februar 1899 denzweiten Akt der Tosca und tauschte sich mit Giacosa über den dritten Akt aus.[1.127]

Zwischendurch entstanden das dem Sohn des jung verstorbenenen lzcchesischen Arztes Giuglemo Lippi gewidmete Wiegenlied E l’uccellino (SC 71) nach einem Text seines alten Freundes Renato Fucini sowie der Marsch Scossa elettrica (Elektrischer Schlag) für Klavier (SC 72), der in einem Sonderheft zu Ehren Alessandro Voltas anlässlich eines Weltkongresses der Telegrafsten in Alessandro Voltas Vaterstadt Como publiziert wurde.[1.127]

Überraschend kann Puccini mit dem Haus des Jagdhüters Venanzio Barsuglia auch im geliebten Torre del Lago eine eigene Bleibe erwerben, womit im Sommer 1899 nahe beieiander zwei Puccini-Häuser entstehen.[1.127]

Vom 20. August bis 29. September instrumentierte Puccini stückweise den dritten Akt der Tosca ud schickte ihn dementsprechend an Ricordi.[1.127] Zu egänzen war nur noch das Lied des Hirtenjungen im römischen Dialekt, den seine Librettisten nicht ausreichend beherrschten, weswegen der Literat Luigi Zanazzo aushalf.".[1.128]

Puccini muste sih gegen Ricordis ungewohnt heftige Kritik wehren, als er im dritten Akt der Tosca das letzte große Duett aus dem gestrichenen vierten Akt des Edgar übernahm.[1.129] Ricordi hielt die Übernahme für unwürdig, während nach Puccinis Meinung die Musik passte und nicht „eine gleichmäßige und ruhige Situation wie in einem anderen Liebesgeschwätz sein“ konnte.[1.129] Puccini setzte sich am Ende durch.[1.129]

Inzwischen kamen die Arbeiten am Haus in Torre del Lsagolangsam zum Ende.[1.129] Puccini machte sich, kaum dass auch die Tosca beendet war, bereits auf die Suche nach dem nächsten Opernstoff.[1.129] Puccini schwqnk zwishe zwei Einaktern des Neapoltaners Robeto Bracco, Dostojewskis Aus einem Totenhaus, Jean Richepins La Glu, Maurice Maeterlincks Pelléas et Mélisande, Émile Zolas Die Sünde des Abbé Mouret, Gabriele D’Annunzios Città morta und auch wieder Alphonse Daudets Tartarin von Tarascon. Honoré de Balzacs Le dernier des Chouans und Pierre Louÿs Aphrodite.[1.130]

Anfang Dezember reiste Pucci mit Elvira und Fosca zu Proben der Tosca nach Rom.[1.131] Unter der Militärdiktatur von General Pelloux warem die Proben zu der Oper, die eine republikanische REvolte hundert Jahre vorher schilderte, entsprechend angespannt.[1.130] Zur Uraufführung am 14. Januar 1900, bei der ein Minister anwesen war und zu der die Königin erwartet wure, soll es eine Bombendrohung gegeben haben.[1.131] Dennoch wurde die Uraufführung für Puccini ein großer Erfolg.[1.131]

Nach seiner Rückkehr nach Torre del Lago musste Puccini Mitte Februar gleich wieder nach Turin zur dortigen Tosca-Inszenierung am 20. Februar 1900 unter dem Dirigat von Alessandro Pomè, der sieben Jahre zuvor in Turin schon Manon Lescaut uraufgeführt hatte.[1.132] Unmittelbar vor den Turiner Proben hatte Puccini Kontakt zu D’Annunzio in Bezug auf ein Opernprojekt über den Grafwn Ugolino della Gherardesca, woraus aber nichts wurde.[1.132]

Um die Turner Premiere herum reiste Puccini mehrmals zwischen Torre del Lago und Mailand hn- und her, was wohl an einer Liebesgeschichte lag, die ihn damals beschäftigte.[1.132] Es handelte sich um eine Frau, die Puccini bei den Proben in Turin kennengelernt hatte, angeblich Corinna hieß und die von Elvira später abfällig als „la piemontese“ und „la torinese“ bezeichnet wurde.[1.132] Ihe Identität wurde von den vielen Eingeweihten sorgfältig geheim gehalten.[1.132] Fest schien nur zu stehen, dass sie au Turin stamte und viel jünger als Puccini war.[1.132] Ihre einzige Erwähnung außerhalb von Puccinis Umfeld stammte siebzig Jahre später von der 90jährigen Clelia Carena, der Mutter des Musikwissenschaftlers und damals prominenten Journalisten Massimo Mila.[1.132] Wie sie ihrem Sohn erzählte, habe sie Corinna aus der Schule gekannt, ihr Nachname könnte Agnelotti oder Agnoletti gelautet haben.[1.133][3] Die Beziehung mit Corinna dauerte drei Jahre und die Auflösung weitere neun Monate.[1.134] Laut Dieter Schickling war Corinna nach Elvira Puccinis zweite große Liebe.[1.134]

Während der Tosca-Proben in Mailand zog Giuseppe Rovanis Cento anni, 1750-1850 als nächsten Opernstoff in Betracht, verwarf die Ideee aber schnell wieder.[1.134] Inzwischen wurde de am 17. März 1900 von Toscanini dirigierte Tosca in Mailand ein großer Erfolg.[1.134]

Ende März 1900 beschloss der Stadtrat von Viareggio, zu dem Tore del Lago gehört, Puccini zum Ehrenbürger zu ernennen.[1.134] Anfang April wurde Puccinis dortige Villa fertig.[1.134] Gegenüber Illica spricht Puccini davon,Tartarin de Taracon, , die Erzählungen von Paul de Kock und zwei Erzähklungen von Carlo Goldoni im Auge zu haben.[1.134] Offenbar wollte er zu dieser Zeit ein komisches Thema vertonen, um sich mit Verdi zu messen; mehrfach spricht er in dieser Zeit von Verdis Falstaff.[1.134]

Das erste Juniwochenende verbrachten Puccini und Corinna heimlich in Torre del Lago, nachdem er mit ihr schon Tage zuvor anonym in Hotels in Mailand und Genua übernachtet hat.[1.135] Pagni berichtet von einer Epoisode, wonach jemand die beiden im Bahnhof von Pisa gesehen hätte und dies Puccinis in Pisa lebender Schwester erzählt und damit ernste familiäre Verwicklungen ausgelöst hätte.[1.135] Erzählungen in Torredel Lago wussten zu berichten, Elvira sei den beiden später im Pinienwald von Viagreggio gefolgt, hbe Corinna mit einem Schirm traktiert und ihre Nase zerkratzt.[1.135]

Madame Butterfly

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Auf der Reise von Mailanf nach Torre del Lago im Juni schreibt Puccini, kurz bevor er nach London zur zweiten ausländischen Tosca-Premiere aufnricht, Ilica von seinen sicher scheinenden Vorstellungen, als nächstes den Tartarin zu vertoneh.[1.135] Puccini genießt seinen Aufenthalt in London, trifft sich häigig mit italienischen Einwanderern, speist beim italienischen Botschafter, wird vom Bankier Rothschild eingeladen und streift durch die Londoner Slums.[1.135]

Am 21. Juni sah er ime Duke of York's-Theater das Stück Madame Butterfly von David Belasco.[1.135] Belasco behauptete später, Puccini habe ihn direkt nach der Vorstellung aufgesucht und um die Opernrechte an dem Stück gebeten.[1.135] Biograf Dieter Schickling zufolge sei dies wenig glaubwürdig, Puccini habe stattdessen, unter anderem wegen seiner mangelhaften Englischkenntnisse, eine Weile gebraucht, um Madame Butterfly als nächsten Opernstoff in Betracht zu ziehen.[1.135]

Die Londoner Premiere der Tosca am 12. Juni im Covent Garden wurde ein „vollständiger Triumph“.[1.136] Puccini vereinbarte für das nächste Jahr schon die amerikanische Erstaufführung.[1.137] In Paris fragte er Émile Zola nach den Rechten für Abbé Mouret, die aber schon an Jules Massenet vergeben waren.[1.137]

Nach einem Monat Großstadfttrubel brauchte Puccini nun die Ruhe in Torre del Lago, während Elvira und Foca lieber in Mailand bleiben wollten.[1.137] In Torre del Lago stellte Puccini fest, dass seine Einkünfte allein im ersten Halbjahr 27.000 Lire betrugen, etwa das Achtzigfache eines durchschnittlichen Arbeitereinkommens.[1.137]

Die politsche Lage war noch immer angespannt.[1.137] General Pelloux hatte in den vorangwgangenen zwei Jahren weder die sozialen Unruhen beruhigen noch die Staatsfinanzrn sanieren können.[1.137] Nach starken Gewinnen der Sozialisten bei den Parlamentswahlen am 28. Juni trat Pelloux sofort zurück.[1.137] Am 29. Juli wurde König Umberto I. in Monza aus Rache für die bei den Mailänder Streiks erschossenen Arbeiter von einem Anrchisten ermordet; sein Nachfolger wurde sein Sohn Viktor Emanuel -III.[1.137]

In Puccinis erhaltener Korrespondenz dieser Zeit gibt es keine offensichtlichen Bezüge zud iesen Ereignissen.[1.138] Vielmehr beklagt er sich, dass weder Giacosa noch Illica ihm neue Ideen vorgeschlagen hätten.[1.138] Maria Antoinetta mochte er nicht aufgreifen, vielleicht weil er vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse keinen Königsmord auf die Bühne bringen wollte.[1.138] Stattdessen erwog er als ernsthafte Option, Madame Butterfly' zu vertonen.[1.138]

Wenige Tage später fuhr Puccini nach Lucca zu Proben für die Tosca-Premiere am 27. September am Teatro del Giglio, wo die Tosca mit 17 Vorstellungen ein großer Erfolg wurde.[1.138] Als Puccini Anfang November zu einer Bohème-Auffführung nach Brüssel reiste, musste er innerfamiliäre Probleme schlichten, als Elvira ihm einen bösen Brief schrieb und er sich wegen Elviras Verwandtschaft wie ein Fremder im eigenen Haus fühlte, was Biograf Dieter Schickling als bequeme Entschuldigung für sein Verhältnis mit Corinna sieht.[1.138] Auch das von ihm geliebte ruhige Landleben spielt eine Rolle ebenso wie Puccinis väterliche Proteste gegen Foscas damaligenFreund, einen in seinen Augen unwürdigen Cellospieler.[1.138] Puccini hätte als Freund für Fosca dann schon lieber den Tenor Leonardi gesehen, den Fosca später auch tatsächlich heiratete.[1.138]

Aus Belgien korrespondierte Puccini mit Illica über Maria Antoinetta, die nun doch wieder im Fokus seines Interesses stand, und regte an, der königlichen Hauptfigur eine Revolutionärin als Kontrast gegenüberzustellen.[1.139] Er ließ diese Idee bald wieder fallen, wohl weil ihm in seinem Zwiespalt zwischen Elvira und Corinna ein solcher weiblicher Gegensatz bereits begegnet ist.[1.139]

Vor der Brüsseler Premiere der Bohème hörte er Don Quixote und Ein Heldenleben, die jüngsten sinfonischen Dichtung von Richard Strauss, unter dem Dirigat ihres Komponisten, der bald Puccinis einziger Erfolsgskonkonkurrent in Sachen Oper wurde, und schrieb ihm einen Bewunderungsbrief auf französisch.[1.139]

Für die Premiere in Bologna am 17. November besuchte Puccini Tosca-Proben, wo er das miteinander verheiratete Solistenduo Ada Giachetti und Enrico Caruso gut fand, die Aufführung insgesamt aber trotz des erprobten Dirigenten Leopoldo Mugnone ziemlich schlecht.[1.139] Mit einer Probe am Premierentag, weil ihm die Regie nicht gefiel, überanstrengte er Ada Giachetti so sehr, dass sie fast ohne Stimme war.[1.139]

Puccini, dessen nächster Opernstoff noch nicht feststand, bekam von allen Seiten neue Vorschläge:[1.139] Gerhart Hauptmanns 'Die Weber, Victor Hugos Les Misérables, Edmond Rostands Cyrano de Bergerac, Felice Cavallottis Lea, Benjamin Constants Adolphe und Francesco Stabilis Cecco d'Ascoli.[1.139] Doch noch immer hoffte Puccini auf Madame Butterfly und darauf, die Rechte an dem Opernstoff zu erhalten.[1.139] Puccini stellte sich zwei Akte vor, von denen der eine in Nordamerika, der andere in Japa spielen sollte.[1.139]

Anfang Dezember verließ Puccini Torre del Lago und traf sich mit Corinna in Turin oder in Mailand, vielleicht auch schon im abgelegenen neuen Haus un Chiatri.[1.139]

Wenig später debütierte Enrico Caruso an der Scala in einer Wiederaufführung der Bohème unter Toscanini.[1.140] Doch krankheitsbedingt enttäuschte Caruso das Publikum so sehr, dass sich kein Applaus für ihn rührte.[1.140] Puccini zog sich nach Torre del Lago zurück und verzichtete so sogar darauf, Furtwänglers erste Tristan und Isolde-Aufführung in Mailand zu sehen.[1.140]

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Am 14. Januar 1900 fand die Uraufführung der Oper Tosca am Teatro Costanzi in Rom statt.

Im Jahr 1903 war Puccini, der schnelle Automobile liebte, in einen schweren Autounfall verwickelt, an dessen Folgen er einige Monate litt. Somit war er eines der ersten prominenten Opfer des motorisierten Stra“enverkehrs.

Puccini im Jahr 1908

Am 3. Januar 1904 heiratete Puccini seine Lebensgefährtin, Elvira Bonturi (* 13. Juni 1860, † 9. Juli 1930), mit der er bereits einen Sohn hatte, Antonio (auch Tonio oder Anton; * 23. Dezember 1886; † 21. Februar 1946).

Die Uraufführung seiner Oper Madama Butterfly am 17. Februar 1904 war ein außerordentlicher Misserfolg. Nach einer Überarbeitung u. a. durch seinen Freund und Kollegen Alfred Brüggemann wurde die Oper drei Monate später am Teatro Grande von Brescia erneut aufgeführt und nun begeistert aufgenommen.

Mit La fanciulla del West erlebte er am 10. Dezember 1910 sein glanzvolles Debüt an der Metropolitan Opera in New York. Es dirigierte Arturo Toscanini, die männliche Hauptrolle sang Enrico Caruso, den Part der Minnie Emmy Destinn. Am 14. Dezember 1918 wurden an der Metropolitan Opera die zu einem Triptychon (Il trittico) zusammengefassten Einakter Il tabarro, Suor Angelica und Gianni Schicchi uraufgeführt.

Von 1919 bis 1921 lebte Puccini in Orbetello in der Maremma, wo er auf dem Strand der Tagliata einen alten Aussichtsturm, heute Torre Puccini genannt, aus der Zeit der spanischen Herrschaft kaufte und bewohnte. Hier begann er die Komposition seiner letzten Oper, Turandot, die er unvollendet hinterließ.

Im Jahre 1921 siedelte er nach Torre del Lago (heute als Torre del Lago Puccini, ein Stadtbezirk von Viareggio bekannt) über. Bereits im Jahr 1900 hatte er sich dort ein Haus gekauft. Der passionierte Raucher starb am 29. November 1924 in einer Brüsseler Klinik wenige Tage nach einer Halsoperation wegen Kehlkopfkrebs. Die Gedenkrede bei der Trauerfeier im Mailänder Dom hielt Benito Mussolini.

Puccinis letzte Oper, Turandot, wurde am 25. April 1926 an der Mailänder Scala unter der Leitung Toscaninis in der unvollendeten Fassung uraufgeführt. Toscanini brach die Aufführung an der entsprechenden Stelle mit den Worten ab: „An dieser Stelle starb der Maestro.“ In den folgenden Vorstellungen wurde das Stück mit dem von Franco Alfano nach Entwürfen des Komponisten vollendeten Schluss aufgeführt.

Die Grabstätte Puccinis und seiner Frau befindet sich in seinem Haus in Torre del Lago. Der italienische Staat hat Puccinis Geburtshaus in Lucca, das heute ein Museum beherbergt, zugleich mit den Geburtshäusern von Gioachino Rossini und Giuseppe Verdi, mit dem europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet.

Das künstlerische Schaffen Giacomo Puccinis erstreckte sich von 1884 bis 1924. In dieser Zeit entstanden seine zwölf Opern. Die geringe Zahl seiner Werke scheint unter anderem im frühen Erfolg des Komponisten begründet zu sein, der ihm rasch zu Wohlstand verhalf und der Notwendigkeit enthob, immer neue Stücke zu komponieren. So konnte er etwa seiner Vorliebe für das Reisen ausgiebig nachgehen. Auch legte Puccini generell eine langsame, aber gründliche Arbeitsweise an den Tag. Der enorme Erfolg seiner Werke, der noch zu Lebzeiten einsetzte, hält bis in die Gegenwart an. Er ist einer der häufigsten aufgeführten Opernkomponisten, zusammen mit Mozart und Verdi.[4]

Das Puccini-Denkmal in Lucca, erschaffen von Vito Tongiani
Aleardo Villa (1865–1906), Giacomo Puccini zu Pferd auf seinem Anwesen am Lago di Massaciuccoli, Öl auf Leinwand, Privatsammlung

Sonstige Werke (Auswahl)

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  • Luigi Ricci: Puccini interprete di se stesso, Ricordi, Mailand 1954 (rist. 2003, ISBN 88-7592-725-1).
  • Mosco Carner: Puccini. Biografia critica. Il Saggiatore, Mailand 1961.
  • Antonino Titone: Vissi d'arte: Puccini e il disfacimento del melodramma. Feltrinelli, Milano 1972.
  • Enzo Siciliano: Puccini. Rizzoli, Mailand 1976 (italienisch).
  • Wolfgang Marggraf: Giacomo Puccini (= Reclams Universal-Bibliothek 703). Philipp Reclam jun., Leipzig 1977, (keine ISBN).
  • Howard Greenfeld: Puccini – Sein Leben und seine Welt. Athenäum, Königstein/Taunus 1981, ISBN 3-7610-8181-2.
  • Dieter Schickling: Puccini – Biografie. Carus, Stuttgart 2017 [1983], ISBN 978-3-89948-282-9.
  • Clemens Höslinger: Giacomo Puccini. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (= rororo Bildmonografien). Rowohlt, Reinbek 1984, ISBN 3-499-50325-5.
  • Giorgio Magri: L'uomo Puccini. Mursia, Mailand 1992, ISBN 88-425-1263-X (italienisch).
  • Michele Girardi: Giacomo Puccini. L'arte internazionale di un musicista italiano. Marsilio, Venedig 1995, ISBN 88-317-5818-7 (italienisch).
  • Fedele d'Amico: L'albero del bene e del male – naturalismo e decadentismo in Puccini (raccolta di scritti a cura di Jacopo Pellegrini), Maria Pacini Fazzi, Lucca 2000, ISBN 88-7246-403-X (italienisch).
  • Eduardo Rescigno: Dizionario Pucciniano. Ricordi/BMG Publications, San Giuliano Milanese 2004, ISBN 88-7592-767-7 (italienisch).
  • Julian Budden: Puccini. (ed. originale: Puccini – His Life and Works) (= Master Musicians Series). Oxford University Press, Oxford 2002, ISBN 0-19-816468-8 (englisch).
  • Benedikt Stegemann: Orpheus, der klingende Opernführer, Folge 2: Giacomo Puccini. Ricordi, München 2006, ISBN 978-3-938809-52-5.
  • Georg Gerry Tremmel: John Luther Long (1861–1927): „Madame Butterfly“ (1898). Das literarische Konzept der amerikanischen Kurzgeschichte im historischen Kontext. Logos, Berlin 2007, ISBN 978-3-8325-1076-3.
  • Michael Klonovsky: Der Schmerz der Schönheit. Über Giacomo Puccini. Berlin Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-8270-0771-1.
  • Helmut Krausser: Die kleinen Gärten des Maestro Puccini. Dokumentar-Roman, DuMont, Köln 2008, ISBN 978-3-8321-7989-2.
  • Adrian Mourby: „Scandalissimo! Puccini's sex life exposed.“ In: The Independent. 6. Juli 2008.
  • Clemens Höslinger: Wien war mir immer sympathisch. Giacomo Puccinis Spuren in Wien. Zum 150. Geburtstag des Komponisten. In: Michael Jahn (Hrsg.): Aus Archiv und Oper. Fünf Jahre rism-osterreich (2004–2009). (= Veröffentlichungen des rism-österreich A/12). Verlag Der Apfel, Wien 2009, S. 42–58. ISBN 978-3-85450-242-5.
  • Michael Jahn: Wildwest in der Hofoper. Rezensionen zu Puccini-Erstaufführungen in Wien. In: Ders. (Hrsg.): Verismo, Verträge, Verschollen. Schriften zur Wiener Operngeschichte 7 (= Veröffentlichungen des rism-österreich B/9). Verlag Der Apfel, Wien 2009, S. 181–261. ISBN 978-3-85450-289-0.
  • Helmut Krausser: Zwei ungleiche Rivalen. Puccini und Franchetti. C. Bertelsmann, München 2010, ISBN 978-3-570-58011-0.
  • Arnold Jacobshagen: Giacomo Puccini und seine Zeit, Laaber, Lilienthal 2024, ISBN 978-3-89007-807-6.

Der Asteroid (4579) Puccini wurde 1991 nach ihm benannt.[7] Gleiches gilt für den Puccini Spur, einen Gebirgskamm auf der Alexander-I.-Insel in der Antarktis.

Commons: Giacomo Puccini – Album mit Bildern und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Dieter Schickling: Puccini – Biografie. Carus, Stuttgart 2017 [1983]
    1. S. 18.
    2. S. 29-30.
    3. a b S. 30.
    4. a b S. 30-31.
    5. S. 31.
    6. S. 32-33.
    7. a b S. 33.
    8. a b c d S. 34.
    9. S. 34-35.
    10. a b S. 35.
    11. S. 35-36.
    12. a b c S. 36.
    13. S. 36-37.
    14. a b c d S. 37.
    15. S. 37-38.
    16. a b c d e S. 38.
    17. S. 38-39.
    18. S. 39.
    19. S. 39-40.
    20. a b S. 40.
    21. a b c d e S. 42.
    22. S. 43.
    23. S. 43-44.
    24. a b c S. 44.
    25. S. 44-45.
    26. a b c d e S. 45.
    27. S. 45-46.
    28. a b c d S. 46.
    29. S. 46-47.
    30. a b c d S. 47.
    31. S. 47-48.
    32. a b c d S. 48.
    33. S. 49-51.
    34. a b c d S. 51.
    35. a b c S. 52.
    36. S. 52-53.
    37. a b S. 53.
    38. a b c d S. 54.
    39. S. 67-71.
    40. a b c d e S. 55.
    41. a b c S. 56.
    42. S. 56-57.
    43. a b c d e f S. 57.
    44. a b c d e S. 58.
    45. S. 58-59.
    46. a b c S. 59-60.
    47. a b S. 60.
    48. a b c d e S. 61.
    49. S. 61-62.
    50. a b c d e f S. 62.
    51. a b c d e f S. 63.
    52. a b c d e S. 64.
    53. S. 64-65.
    54. a b S. 73.
    55. S. 83-87.
    56. S. 73-74.
    57. a b c d e f S. 74.
    58. S. 74-75.
    59. a b c d e S. 75.
    60. S. 75-76.
    61. a b c d e S. 76.
    62. a b c S. 77.
    63. a b c d S. 78.
    64. S. 78-79.
    65. a b c S. 79.
    66. S. 79-80.
    67. a b c d e f S. 80.
    68. S. 80-81.
    69. S. 81.
    70. a b c d e f S. 88.
    71. S. 103-111.
    72. S. 88-89.
    73. a b S. 89.
    74. a b c d e f g h i j S. 90.
    75. S. 90-91.
    76. a b c d e f g S. 91.
    77. a b S. 92.
    78. S. 92-93.
    79. a b c d e f g h S. 93.
    80. a b c d e f g h S. 94.
    81. S. 94-95.
    82. a b c d e S. 95.
    83. a b c d e f g h S. 96.
    84. a b c d S. 97.
    85. S. 97-98.
    86. a b S. 98.
    87. S. 98-99.
    88. a b c d e f S. 99.
    89. S. 99-100.
    90. a b c d e f g h S. 100.
    91. S. 100-101.
    92. S. 128-136.
    93. a b c d e S. 112.
    94. a b c d e f g h i S. 117.
    95. a b S. 113.
    96. S. 113-114.
    97. a b c d e f g h i S. 114.
    98. S. 114-115.
    99. a b c d e S. 115.
    100. a b c d e f S. 116.
    101. a b c d e f g S. 118.
    102. S. 118-119.
    103. a b c d e f g h S. 119.
    104. a b c d e f g S. 120.
    105. S. 120-121.
    106. a b c d e f g h i S. 121.
    107. S. 121-122.
    108. a b c d e f g h i j S. 122.
    109. a b c d e S. 123.
    110. a b c d S. 124.
    111. S. 124-125.
    112. S. 125.
    113. a b c S. 126.
    114. a b c d e f S. 137.
    115. S. 137-138.
    116. a b c d e S. 138.
    117. S. 150-157.
    118. S. 138-139.
    119. a b c d e S. 139.
    120. a b c d e f g h i j k l m n S. 140.
    121. a b S. 140-141.
    122. a b c d e S. 141.
    123. S. 141-142.
    124. a b c d S. 142.
    125. a b c d e f g h S. 143.
    126. a b c d S. 144.
    127. a b c d e S. 145.
    128. S. 145-146.
    129. a b c d e S. 146.
    130. a b S. 146-147.
    131. a b c S. 147.
    132. a b c d e f g S. 158.
    133. S. 158-159.
    134. a b c d e f g h S. 159.
    135. a b c d e f g h S. 160.
    136. S. 160-161.
    137. a b c d e f g h S. 161.
    138. a b c d e f g h S. 162.
    139. a b c d e f g h i j S. 163.
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