Pseudorutil kristallisiert im hexagonalen Kristallsystem und entwickelt plattige oder blättrige bis faserige Kristalle, kommt aber auch in Form körniger bis massiger Mineral-Aggregate vor. Das Mineral ist im Allgemeinen undurchsichtig und nur in sehr dünnen Schichten durchsichtig. Die Oberflächen der hellbraunen bis schwarzen, auf frischen Brüchen auch stahlgrauen Kristalle zeigen einen meist eher schwachen Metallglanz. Im Durchlicht erscheint das Mineral auch dunkelrot. Seine Strichfarbe ist dagegen immer rötlichbraun.
Als G. Teufer und A. K. Temple Anfang der 1960er Jahre Umwandlungsprodukte von Ilmenit aus Florida und New Jersey in den USA, Kollam (ehemals Quilon) in Indien sowie aus Brasilien chemisch analysierten, entdeckten sie neben Rutil auch ein bisher unbekanntes Eisen-Titan-Oxid mit der idealisierten (theoretischen) Zusammensetzung Fe2O3·3TiO2 (Oxidformel), was der Summenformel Fe2Ti3O9 entspricht. Bei ihren 1966 veröffentlichten Untersuchungsergebnissen gaben Teufer und Temple dieser Phase den Namen Pseudorutil, in Anlehnung an dessen chemischer und äußerlicher Verwandtschaft zum Rutil mit dem Zusatz des griechischen Wortstammesψευδώ [pseudó] für falsch, unecht bzw. vorgetäuscht aufgrund der entsprechenden Verwechslungsgefahr.
Keines der untersuchten Proben aus den genannten Vorkommen wurde jedoch als Typmaterial benannt, was Ian E. Grey, John A. Watts und Peter Bayliss veranlasste, nach geeignetem Neotyp-Material für eine Neuanalyse des Minerals zu suchen. Sie fanden geeignetes Material auf South Neptune Island rund 70km südsüdöstlich von Port Lincoln in Südaustralien und konnten Pseudorutil als Umwandlungsprodukt von Ilmenit mit einem Massenanteil von rund 40Gew.-%Fe203 und 60Gew.-%Ti02 und der idealisierten Zusammensetzung Fe3+2Ti4+3O9 bestätigen.[6]
1994 wurde Pseudorutil mit der anhand des Neotyp-Materials neu definierten Formel von der CNMNC der International Mineralogical Association (IMA) offiziell als eigenständige Mineralart anerkannt.[7]
Die von der IMA zuletzt 2009 aktualisierte[9]9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Pseudorutil in die Abteilung „Metall:Sauerstoff = 2:3, 3:5 und vergleichbare“ ein. Diese ist weiter unterteilt nach der relativen Größe der beteiligten Kationen, so dass das Mineral entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „Mit mittelgroßen Kationen“ zu finden ist, wo es als einziges Mitglied eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer 4.CB.25 bildet.
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Pseudorutil die System- und Mineralnummer 08.04.02.01. Dies entspricht ebenfalls der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung „Mehrfache Oxide mit Nb, Ta und Ti“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Mehrfache Oxide mit Nb, Ta und Ti mit verschiedenen Formeln“ als einziges Mitglied in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 08.04.02.
Als seltene Mineralbildung konnte Pseudorutil nur an wenigen Orten nachgewiesen werden, wobei weltweit bisher rund 30 Vorkommen dokumentiert sind.[10] Außer an seiner Typlokalität Neptune Island konnte das Mineral in Australien noch bei Carapooee, am Lake Boga und bei St Arnaud im Bundesstaat Victoria gefunden werden.
A. K. Temple:Alteration of ilmenite. In: Economic Geology. Band61, 1966, S.695–714, doi:10.2113/gsecongeo.61.4.695 (englisch).
G. Teufer, A. K. Temple:Pseudorutile – a new mineral intermediate between ilmenite and rutile in the natural alteration of ilmenite. In: Nature. Band211, 1966, S.179–181, doi:10.1038/211179B0 (englisch).
↑Michael Fleischer:New mineral names. In: American Mineralogist. Band54, 1969, S.330 (englisch, rruff.info[PDF; 328kB; abgerufen am 24.Januar 2024]).
123456Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.195 (englisch).
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Pseudorutile. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 56kB; abgerufen am 24.Januar 2024]).
↑Ian E. Grey, John A. Watts, Peter Bayliss:Mineralogical nomenclature: pseudorutile revalidated and neotype given. In: Mineralogical Magazine. Band58, 1994, S.597–600 (englisch, rruff.info[PDF; 249kB; abgerufen am 24.Januar 2024]).
↑John Leslie Jambor, N. N. Pertsev, A. C. Roberts:New mineral names. In: American Mineralogist. Band80, 1995, S.845–850 (englisch, rruff.info[PDF; 1,1MB; abgerufen am 24.Januar 2024]).
↑Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.