Petrarkismus
Petrarkismus beschreibt einen lyrischen Stil, der in der Frühen Neuzeit in Europa weite Verbreitung fand und sich inhaltlich und formal auf die Liebeslyrik Francesco Petrarcas bezog.
Petrarca (1304–1374), den August Buck als „Vater des europäischen Humanismus“[1] bezeichnete, hatte in seinem Canzoniere eine Liebeslyrik entwickelt, in der zum ersten Mal die Auswirkungen der unerfüllbaren Liebe auf das lyrische Ich erörtert werden. Damit nimmt er wichtige Ideen des Humanismus, wie zum Beispiel den Subjektivismus, vorweg.
Der Petrarkismus greift formal auf die von Petrarca verwendeten Gattungen, vor allem das Sonett und die Canzone, und auf die "hohe" Sprache zurück. Ebenso werden die Grundzüge der erotischen Situation übernommen: Der Sprecher oder die Sprecherin ist meist unglücklich verliebt in eine aus unterschiedlichen Gründen nicht erreichbare Person: mal stehen Standesunterschiede der Erfüllung der Liebe entgegen, nicht selten aber auch der Tod der geliebten Person.[2]
Pietro Bembo baute den Petrarkismus um das Konzept der platonischen Liebe herum auf, die sich im Verlangen nach und in der Betrachtung einer rein idealen Schönheit erschöpft. Dieses Konzept beeinflusste die Liebeslyrik und sogar die Denkweise des gesamten 16. Jahrhunderts maßgeblich und wurde in den folgenden Jahrhunderten immer wieder aufgegriffen und neu interpretiert. Insbesondere während der Epoche des europäischen Manierismus wurde der Petrarkismus zu einer Suche nach ewiger Schönheit. Der Petrarkismus wurde in dieser Zeit als notwendig angesehen für eine Dichtung, die Wahrheit und Schönheit, Lehre und schöpferisches Genie in sich vereint: Klarheit, Form und Distanz begünstigen die Suche nach der Universalität des schöpferischen Ausdrucks.
Neben diesem klassischen Petrarkismus findet sich aber auch der sogenannte weibliche Petrarkismus,[3] der die Geschlechterrollen umkehrt (z. B. Vittoria Colonna, Gaspara Stampa u. a.), sowie teils obszöne Parodien (z. B. bei Pietro Aretino).
Wirkmächtig war er weit über Italien hinaus. Berühmte Vertreter sind etwa Pierre de Ronsard oder Joachim du Bellay in Frankreich, Martin Opitz in Deutschland[4] oder auch William Shakespeare in England.[5]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Klaus W. Hempfer: „Die Pluralisierung des erotischen Diskurses in der europäischen Lyrik des 16. und 17. Jahrhunderts (Ariost, Ronsard, Shakespeare, Opitz)“. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift 38 (1988), S. 251–264.
- Klaus W. Hempfer, Gerhard Regn (Hrsg.): Der petrarkistische Diskurs. Spielräume und Grenzen. Stuttgart 1993.
- Thomas Borgstedt: „Petrarkismus“. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 3: P-Z, Hg. von Jan-Dirk Müller. Berlin, New York 2003, S. 59–62.
- Gerhard Regn: „Petrarkismus“. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Hg. von Gert Ueding. Bd. 6, Tübingen 2003, S. 911–921.
- Thomas Borgstedt: „Petrarkismus“. In: Francesco Petrarca 1304-1374. Werk und Wirkung im Spiegel der Biblioteca petrarchesca Reiner Speck. Hrsg. von Reiner Speck und Florian Neumann. Köln 2004, S. 127–151.
- Ulrike Schneider: Der weibliche Petrarkismus im Cinquecento: Transformationen des lyrischen Diskurses bei Vittoria Colonna und Gaspara Stampa, Stuttgart 2007.
- Stephan Leopold: Die Erotik der Petrarkisten. Poetik, Körperlichkeit und Subjektivität in romanischer Lyrik Früher Neuzeit. München: Wilhelm Fink, 2009. ISBN 978-3-7705-4901-6.
- Thomas Borgstedt: „Topik des deutschen Petrarkismus“. In: Th. Borgstedt: Topik des Sonetts. Gattungstheorie und Gattungsgeschichte. Tübingen 2009, S. 269–362.
- Der Petrarkismus – ein europäischer Gründungsmythos. Hg. von Michael Bernsen und Bernhard Huss. Göttingen 2011. ISBN 978-3-89971-842-3.
- Marc Föcking: „‚Vergine immaculata, senza emenda‘. Petrarcas ‚Vergine bella‘ und die Marienkanzonen des italienischen Petrarkismus“, in: Maria in den Konfessionen und Medien der frühen Neuzeit, Bernhard Jahn/Claudia Schindler (Hgg.), Berlin/Boston: De Gruyter, 2020, S. 289–312.
- Daniel Fliege: ‚E puro inchiostro il prezioso sangue‘ - Das Verhältnis von Petrarkismus und Evangelismus in den ‚Rime spirituali' von Vittoria Colonna (1546). Heidelberg 2021. ISBN 978-3-8253-4873-1.
- Thomas Borgstedt: „Seventeenth-century German Petrarchism between Satire and Sensibility“. In: Petrarchism. Competing Models for Early Modern Community Building (1400-1700). Hg. von Bernhard Huss. Heidelberg 2025, 157–172.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ August Buck: Die Medizin im Verständnis des Renaissancehumanismus. In: Deutsche Forschungsgemeinschaft: Humanismus und Medizin. Hrsg. von Rudolf Schmitz und Gundolf Keil, Acta humaniora der Verlag Chemie GmbH, Weinheim 1984 (= Mitteilung der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 181–198, hier: S. 181.
- ↑ Stephan Leopold: Die Erotik der Petrarkisten. Poetik, Körperlichkeit und Subjektivität in romanischer Lyrik Früher Neuzeit. München: Wilhelm Fink, 2009.
- ↑ Ulrike Schneider: Der weibliche Petrarkismus im Cinquecento: Transformationen des lyrischen Diskurses bei Vittoria Colonna und Gaspara Stampa, Stuttgart 2007.
- ↑ Thomas Borgstedt: „Seventeenth-century German Petrarchism between Satire and Sensibility“. In: Petrarchism. Competing Models for Early Modern Community Building (1400-1700). Hg. von Bernhard Huss. Heidelberg 2025, 157–172.
- ↑ Klaus W. Hempfer: „Die Pluralisierung des erotischen Diskurses in der europäischen Lyrik des 16. und 17. Jahrhunderts (Ariost, Ronsard, Shakespeare, Opitz)“. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift 38 (1988), S. 251–264.