Paul Reininger
Paul Reininger (* um 1755 vermutlich bei Aflenz; † 11. November 1788 auf dem Schloßberg in Graz)[1] war ein obersteirischer Bauernknecht und Serienmörder, der zwischen 1779 und 1786 im Mürztal sechs Menschen tötete. In der Volksüberlieferung wurde er unter dem Namen Herzerlfresser von Kindberg (auch Herzlfresser, Herzensfresser oder Herzfresser) bekannt, weil er bei einer seiner Taten das Herz des Opfers herausgeschnitten und teilweise verzehrt haben soll. Der Fall zählt zu den frühesten kriminalhistorisch gut dokumentierten Serienverbrechen in der Steiermark.
Herkunft und Lebensumstände
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Reininger wurde als unehelicher Sohn eines Hirten geboren. Den Vater verlor er früh; die Mutter verdiente als Magd den Lebensunterhalt. Im Alter von etwa drei Jahren kam er zu seinem Taufpaten, wo er fünf Jahre von dessen Dienstboten aufgezogen wurde. Anschließend hütete er fünf Jahre lang Schafe, ehe er mit 13 Jahren als Knecht in den bäuerlichen Dienst eintrat. In den folgenden Jahren wechselte er fast jährlich seinen Dienstherrn und konnte bei seinem Verhör 16 verschiedene Arbeitgeber namentlich aufzählen, ein Umstand, der im damaligen ländlichen Gefüge als ungünstig galt.[2][3]
Ein im April 1786 in Kapfenberg erstelltes wundärztliches Gutachten beschrieb ihn als etwa 32- oder 33-jährigen Mann von kräftig-muskulösem Körperbau, 5 Schuh 3 Zoll (etwa 1,66 m) groß, mit schwarzem Haar und Bart, grauen Augen „mit einem falschen Blicke“, gesunder Konstitution und „ziemlich guter Vernunft“. Das Temperament wurde als „cholerisch-sanguinisch“ mit einem Hang zur „Wollust und Fröhlichkeit“ beschrieben.[4] Reininger war katholisch und nach eigenen Angaben dem religiösen Leben fern; er habe selten gebetet, nicht aufrichtig gebeichtet und seine Tötungsdelikte nie zur Sprache gebracht.[3]
Die Mordtaten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die nachweisbaren Taten erstrecken sich über sieben Jahre. Die Datierungen und Tatumstände sind durch ein 1786 in Graz gedrucktes anonymes Heft sowie durch die 1816 veröffentlichte Darstellung des Juristen Cajetan Wanggo überliefert, der noch Zugriff auf die heute weitgehend verschollenen Originalakten hatte.[3]
Constanzia P. (1779)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am Fronleichnamstag 1779 tötete Reininger eine Dienstmagd, die in zeitgenössischen Quellen nur mit dem Anfangsbuchstaben „P.“ erscheint und mit ihm eine intime Beziehung unterhalten haben soll. Nach einer Aussprache im Wald soll er sie mit einem Messerstich in den Hals getötet haben. Als Beweggrund gab er die Furcht an, für ein mögliches uneheliches Kind unterhaltspflichtig und überdies gerichtlich gestraft zu werden. Diese erste Tat fand vermutlich im Gebiet von Aflenz statt.[3]
Mord in der Badstube (1782)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]An einem Sonntag im Fasching 1782 verspielte und vertrank Reininger in einem Wirtshaus seinen gesamten Lohn. Aus Geldnot drang er nachts in eine etwa eine halbe Stunde entfernt gelegene Badstube ein, in der eine ältere, kranke Näherin wohnte, erdrosselte sie und entwendete rund einen Gulden.[3]
Elisabeth Leitner (1782)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am Fronleichnamstag desselben Jahres traf Reininger auf dem Herzogberg bei Kindberg auf die siebenjährige Hirtin Elisabeth Leitner, die einen Ziegenbock hütete. Da er das Tier für die Anfertigung einer Lederhose haben wollte, gab er vor, es vom Bauern gekauft zu haben. Als das Mädchen ihm folgte und die Täuschung bemerkte, tötete er es mit einem Stich in den Hals. Anschließend öffnete er den Leichnam und entnahm das Herz; eine Hälfte verzehrte er sogleich, die andere verwahrte er in seiner Truhe. Diese Herzhälfte wurde nach seiner Festnahme 1786 dort tatsächlich aufgefunden. Im Pfarrtotenbuch wurde die Tat durchziehenden „Zigeunern“ zugeschrieben (a cinganis occisa).[3][5]
Frau bei Seewiesen (1783)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am Leonhardstag (6. November) 1783 traf Reininger beim Behauen von Dreschflegelschwengeln in einem Buchenwald nahe Seewiesen auf eine etwa fünfzigjährige Magd, die zur Leonhardi-Wallfahrt unterwegs war. Nachdem er bemerkt hatte, dass sie Geld bei sich trug, tötete er sie mit einem Schnitt durch den Hals und entwendete 57 Kreuzer.[3]
Barbara Lammer (1783)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nur wenige Tage später, am Martinstag (11. November) 1783, machte Reininger der 18-jährigen Magd Barbara Lammer aus Göriach bei einer Hochzeit in Turnau eine Liebeserklärung, die diese abwies. In den frühen Morgenstunden lauerte er ihr auf dem Heimweg auf. Nach einem Streit erstach er sie. Der Leichnam wurde erst rund ein halbes Jahr später aufgefunden und am 26. April 1784 begraben.[3][6]
Magdalena Angerer (1786)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die letzte und für die Aufdeckung der Mordserie entscheidende Tat ereignete sich am 15. Jänner 1786. Die 38-jährige Dienstmagd Magdalena Angerer, kurz vor ihrer Hochzeit stehend, hatte in der Kindberger Pfarrkirche das Hochamt besucht und trug auf dem Heimweg zur Möstlmühle ihren Brautkranz in einer Holzschachtel bei sich. Reininger, der zuvor in einem Gasthaus stark getrunken und sein Geld verspielt hatte, traf am späten Nachmittag mit ihr zusammen, lockte sie unter einem Vorwand vom Weg ab und erstach sie. Er entkleidete die Leiche, öffnete den Brustkorb, entnahm das Herz und weitere innere Organe und trennte Kopf, eine Hand und einen Fuß ab. Die Kleidung und den Brautkranz nahm er mit nach Hause.
Der Leichnam wurde am 2. Februar 1786, dem Tag Mariä Lichtmess, von einem Bauern entdeckt, der durch das laute Krächzen von Raben auf die Fundstelle aufmerksam geworden war. Beim Lokalaugenschein am folgenden Tag wurden die Verstümmelungen protokolliert; das Herz fehlte. Die Bestattung erfolgte am 7. Februar; im Totenbuch der Pfarre ist der Vermerk a latrone occisa („von einem Räuber getötet“) festgehalten.[3][7]
Aufdeckung und Ermittlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zunächst geriet der Sohn aus erster Ehe des Bräutigams in Verdacht, da er der erneuten Heirat seines Vaters ablehnend gegenübergestanden hatte; sein Alibi konnte jedoch belegt werden. Einen Monat später, am 7. März 1786, zeigten zwei Bauern Reininger beim Landgericht Wieden bei Kapfenberg an. Sie verwiesen auf dessen Lebenswandel, auf das Verspielen größerer Geldsummen am Tattag und auf Zeugen, die ihn in Tatortnähe gesehen hatten. Bei der Durchsuchung seiner Truhe fanden sich die blutbefleckten Kleidungsstücke und der Brautkranz der Ermordeten sowie die mehrere Jahre alte Herzhälfte des Mädchens Elisabeth Leitner. Reininger wurde festgenommen.
Bereits am 16. März lag in Klagenfurt beim Inner- und Oberösterreichischen Appellations- und Kriminalobergericht ein summarisches Verhör vor; mit der Prozessführung wurde der Bannrichter Karl Unruhe beauftragt. In den nachfolgenden Verhören, die durch den Landgerichtsverwalter Franz Prinkhofer geleitet wurden, gestand Reininger nicht nur den Mord an Magdalena Angerer, sondern auch die fünf vorangegangenen Tötungsdelikte.[3]
Urteil und Strafvollzug
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 24. April 1786 verhängte das Landgericht Wieden das Todesurteil. Vorgesehen war eine Hinrichtung mit dem Rad nach mehreren vorangehenden Marterstationen, darunter Brennen mit der glühenden Zange und das Schneiden von Hautriemen. Anschließend sollte der Leichnam in das Rad geflochten und über einem aufgerichteten Galgen ausgestellt werden.
Kaiser Joseph II., dessen Justizreformen die Anwendung der Todesstrafe weitgehend zurückdrängten, wandelte das Urteil am 16. Juni 1786 in eine als „Todesstrafe auf Raten“ geltende Kombinationsstrafe um: Reininger sollte an drei aufeinanderfolgenden Tagen je 100 Stockstreiche erhalten, anschließend auf dem Grazer Schloßberg in einem „ewigen Gefängnis“ bei Wasser und Brot angeschmiedet werden und vierteljährlich weitere 50 Stockstreiche vor den Augen der übrigen Häftlinge erleiden.
Der erste Teil der Strafe wurde am 4., 5. und 6. Juli 1786 am Richtplatz des Landgerichts Wieden vollzogen, ungewöhnlicherweise durch den Scharfrichter persönlich. Zeitgenössische Berichte schildern, dass Reininger nach den ersten 40 Schlägen mehrfach in Ohnmacht fiel und gelabt werden musste; ein Geistlicher war zur Sterbebegleitung bereitgestellt. Reininger überlebte und wurde am 12. August 1786 unter großem öffentlichem Interesse auf den Grazer Schloßberg überstellt. Dort starb er schließlich am 11. November 1788 im Alter von 32 Jahren laut Totenbuch an Dysenterie[1]; sein Tod wurde in der Grätzer Zeitung vom 15. November 1788 berichtet.[3]
Motiv und Aberglaube
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In seinen Aussagen führte Reininger als Beweggründe Bosheit, einen inneren Drang, an noch warmen Körpern „herumzumetzgern“, und vor allem den Aberglauben an, der Verzehr von Menschenherzen verleihe übernatürliche Fähigkeiten. Ein anderer Knecht habe ihm erzählt, dass derjenige, der die Herzen dreier Menschen esse, sich unsichtbar machen könne und Glück im Spiel und beim Kegelscheiben habe, sofern er an Spieltagen nüchtern davon koste. Bei der Tat an Elisabeth Leitner gab er zusätzlich Neugier auf den inneren Aufbau des menschlichen Körpers und das Verlangen nach einem noch zuckenden Herzen an. Als das Herz Magdalena Angerers vor dem Verzehr bereits blutverschmiert war, habe ihn Ekel überkommen.[3] Weiters gab er an, er sei aufgrund seiner nicht-religiösen Lebensführung „in die Dienstbarkeit Satans verfallen“.[4]
Der Glaube an die magische Wirkung verzehrter Herzen, insbesondere von Kinder- oder Jungfrauenherzen, ist in europäischen Volksüberlieferungen breit belegt und im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens dokumentiert. Zugeschrieben wurden ihm Unsichtbarkeit, Schussfestigkeit, Reichtum, Schmerzunempfindlichkeit gegenüber Folter und ähnliche Eigenschaften. Der Kriminalist Gustav Pscholka warf 1912 zudem die Frage nach einem sexuellen Tatmotiv auf, da Reininger selbst angab, sein Unglück komme „von der Hurerei“.[3]
Rezeption und Volksüberlieferung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Fall erregte schon zur Zeit der Verurteilung großes Aufsehen. Ein Augenzeuge der Bestrafung verfasste noch 1786 ein anonymes Druckheft mit dem Titel Verbrechen und Strafe des beruechtigten Maedchenmoerders und Herzenfressers, Paul R****, das in der Steiermärkischen Landesbibliothek erhalten ist. 1816 veröffentlichte Cajetan Wanggo eine ausführliche Darstellung im Aufmerksamen (einem Beiblatt der Grazer Zeitung), die sich auf die Originalakten stützte. Spätere wissenschaftliche Auseinandersetzungen lieferten Johann Schmut (1911), der die Identität des Täters und seines Umfelds anhand der Pfarrmatriken rekonstruierte, sowie Gustav Pscholka, der den Fall 1912 in dem von Hans Gross herausgegebenen Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik einordnete.[3]
In der mündlichen Überlieferung des Mürztals wurde die historische Faktenlage erheblich überformt. Frühe Aufzeichnungen, etwa von Peter Rosegger (1895) und vom Benediktiner Romuald Pramberger (1935 und 1938), zeigen typische Sagenmotive: Die Opferzahl wird auf sieben oder neun erhöht, alle Opfer werden als Bräute oder Jungfrauen dargestellt, und der Täter wird durch ein heldenhaft entkommendes letztes Opfer überführt. Der Familienname Reininger verlor sich in der mündlichen Tradition; in der Sagenfassung erscheint der Mörder lediglich als „Herzensfresser Paul“ oder „Pauli“. Im 20. Jahrhundert diente die Figur regional auch als pädagogisches Schreckmittel zur Disziplinierung von Kindern.[3] Die Verbrechen wurden einer vernachlässigten Erziehung zugeschrieben.[4]
Herzlfressermarterl und Erinnerungsorte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am vermutlichen Tatort der letzten Mordtat am Herzogberg bei Kindberg wurde nach Aufdeckung der Verbrechen ein Marterl (Bildstock) errichtet. Es liegt an einem Hohlweg, der vom Schloss Oberkindberg hinaufführt und seither als Herzlfresserweg bezeichnet wird. Das Marterl trägt ein Votivbild, das die Ermordung Magdalena Angerers darstellt, sowie Verstexte. In der Nähe befindet sich eine kleine Höhle, die in der Volksüberlieferung als Herzlfresserhöhle bezeichnet wird; in ihr soll Reininger der Sage nach gehaust haben, tatsächlich diente sie ihm vermutlich nur kurzfristig zum Verbergen der Überreste seines dritten Opfers.
Eine zeitweise als „Herzenfresserburg“ bezeichnete Ruine in der Umgebung wurde von Johann Schmut 1911 als spätere Feldschmiede eines Steinbruchs identifiziert, die mit den Taten Reiningers in keinerlei historischem Zusammenhang steht.[3]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Anonymus: Verbrechen und Strafe des beruechtigten Maedchenmoerders und Herzenfressers, Paul R****. Graz 1786.
- Johann Schmut: Über die Entstehung der Kindberger Herzensfressersage. In: Blätter zur Geschichte und Heimatkunde der Alpenländer (= Beilage zu Nr. 29 des Grazer Tagblatts; vom 29. Jan. 1911), 2. Jg., Nr. 29, Graz 1911, S. 113–115.
- Gustav Pscholka: Der Herzfresser von Kindberg. In: Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik, hrsg. von Hans Gross, Band 48, Leipzig 1912, S. 62–73.
- Franz Josef Böhm: Der Herzensfresser von Kindberg. Eine Erinnerung an eine vergessene Geschichte im Mürztal. In: Mürztaler Kalender für Stadt und Land 1929, Mürzzuschlag 1929.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Sterbebuch I 1784–1818 - 1628 | Graz-Karlau-Strafhaus | Steiermark: Rk. Diözese Graz-Seckau | Österreich | Matricula Online. S. 16, abgerufen am 17. Mai 2026.
- ↑ Christian Bachhiesl: Das Böse, die Vernunft und das Verbrechen. Bemerkungen zur Interpretation eines Falles von Herzfresserei aus dem 18. Jahrhundert. In: Historisches Jahrbuch der Stadt Graz. Band 41. Graz 2011, S. 397–423 (academia.edu).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 Franz Jäger: Der Kindberger Herzlfresser. Eine Mürztaler Schauergeschichte „im Wandel der Zeit“. In: Sonderbände der Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark. Band 26. Graz 2010, S. 405–422 (historischerverein-stmk.at [PDF]).
- 1 2 3 Cajetan Wanggo: Der Herzenfresser. Eine steyermärkische Kriminal-Geschichte aus dem Jahre 1786. In: Der Aufmerksame. Nr. 41. Graz 6. April 1816, S. 2–3.
- ↑ Sterbebuch 4 1758–1799 - 10113 | Kindberg | Steiermark: Rk. Diözese Graz-Seckau | Österreich | Matricula Online. S. 93, abgerufen am 17. Mai 2026.
- ↑ Sterbebuch B 1741–1785 - 14863 | Aflenz | Steiermark: Rk. Diözese Graz-Seckau | Österreich | Matricula Online. S. 169, abgerufen am 17. Mai 2026.
- ↑ Sterbebuch 4 1758–1799 - 10113 | Kindberg | Steiermark: Rk. Diözese Graz-Seckau | Österreich | Matricula Online. S. 110, abgerufen am 17. Mai 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Reininger, Paul |
| ALTERNATIVNAMEN | Herzerlfresser von Kindberg; Herzlfresser von Kindberg |
| KURZBESCHREIBUNG | österreichischer Serienmörder |
| GEBURTSDATUM | um 1755 |
| GEBURTSORT | unsicher: bei Aflenz |
| STERBEDATUM | 11. November 1788 |
| STERBEORT | Graz |