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Orchon-Runen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Orchon-Runen
Schrifttyp Abdschad
Sprachen Alttürkisch
Entstehung 600 n. Chr.
Verwendet in Zentralasien
Offiziell in Köktürkisches Reich
Abstammung Protosinaitische Schrift
 → phönizische Schrift
  → aramäische Schrift
   → syrische Schrift
    → sogdische Schrift (umstritten)
     → Orchon-Runen
Verwandte Altungarische Schrift

Protobulgarische Schrift Chasarische Schrift

Unicodeblock U+10C00 – U+10C4F
ISO 15924 Orkh

Orchon-Runen oder türkische Runen, auch als Turk-Runen oder alttürkische Schrift bezeichnet, sind ein zur Verschriftung der frühen Turksprachen verwendetes Alphabet. Die auf türkisch auch als Orhun Yazıtları („Orchon-Inschriften“) bezeichneten Schriftzeichen allgemein von rechts nach links geschrieben. Manche Inschriften sind jedoch mit um 90 Grad verdrehten Buchstaben vertikal geschrieben worden. Sie werden dann von unten nach oben gelesen.

Auch einzelne handschriftliche Zeugnisse dieser Runenschrift sind aufgefunden worden. In dieser Runen-ähnlichen Schrift sind die alttürkischen Inschriften aus der nördlichen Mongolei, am Orchon und an der Selenga sowie weitere vom oberen Jenissei verfasst.[1] Der einzig fast vollständig erhaltene längere handschriftliche Runentext ist das Irk Bitig, ein in der Höhle von Dunhuang aufgefundenes Orakelbuch, das die Deutung von 65 Omen aus einer Kombination von je 3 Würfeln enthält und wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert stammt.[2]

Zwei Seiten aus dem Irk Bitig, 9. Jahrhundert, Dunhuang, China

Ähnliche Schriftsysteme vom Talas schließen sich ihnen an.[3] Aber auch türkisch-nestorianische Handschriften, die den gleichen runenartigen Duktus aufweisen,[4] haben sich gefunden, vor allem in der Oase Turfan und in der Festung Miran.[5][6] Die Benutzung von zwei Punkten zum Trennen der Worte macht die Texte den zentralasiatischen Runen deutlich nahestehend.[7]

Bezeichnungen und Verwandtschaft

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Wegen ihrer Ähnlichkeit mit den nordisch-germanischen Runen werden die Schriftzeichen Runen genannt. Die Bezeichnung Orchon-Runen bezieht sich auf den Hauptfundort der Inschriftenstellen am Orchon. Nach den Kök-Türken, die damals am Orchon lebten, werden die alttürkischen Schriftzeichen türkische Runen[8] oder köktürkische Runen genannt. Die mit diesen Zeichen geschriebene Sprache wird auch als „Runentürkisch“ bezeichnet.

Der deutsche Sprachwissenschaftler Hans Jensen bezeichnete dieses alttürkische Schriftsystem auch als sibirische Schrift, eine Bezeichnung, was sich jedoch nicht durchsetzen konnte:

„Mit dem Ausdruck ‚sibirische Schrift‘ wollen wir diejenige Schrift bezeichnen, in der die sog. ‚alttürkischen Inschriften‘ geschrieben sind, die seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts an verschiedenenen Stellen Sibiriens und der Mongolei gefunden wurden, …“

Hans Jensen: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1969, Kapitel F. Die sibirische Schrift, S. 411.

An vielen Stellen in Tuwa sind bis heute an Felsen, Platten und Steinsäulen ebenfalls alttürkische Inschriften erhalten, die beweisen, dass auch die dortige turksprachige Bevölkerung in diesem Runen-artigen Schriftsystem verwendete. Diese turksprachige Bevölkerung wird heute den Jenissei-Kirgisen zugerechnet.[8]

Die Inschriften am oberen Jenissei, die gleichfalls in diesem Schriftsystem abgefasst sind, sind wesentlich jünger und vermutlich kirgisischer Herkunft, jedoch im Vergleich zu den köktürkischen Denkmälern in Gedanken und Sprache primitiver.[9]

Die ungarischen und protobulgarischen Schriftzeichen scheinen ebenfalls große formale Ähnlichkeit zu den Orchon-Runen zu haben. Die urbulgarischen Entsprechungen verwenden sogar fast den gleichen Lautwert wie das alttürkische Alphabet und können somit von jedem gelesen werden, der das Orchon-Alphabet beherrscht, wohingegen das altungarische Schriftsystem meistens einen anderen Lautwert aufweist. Jedoch lässt die Forschung den Schluss zu, dass die protobulgarischen Schriftzeichen die älteste Form bewahrt haben.[10]

Auch die Tatsache, dass das aramäische Alphabet in Georgien beheimatet ist, führt darauf zurück, dass die Orchon-Runen dem äußersten Westen des alttürkischen Bereichs entstammen. Man kann davon ausgehen, dass diese Schriftsysteme miteinander verwandt sind. Inwieweit sie sich gegenseitig beeinflusst haben oder gar von wem sie ursprünglich stammen, kann mit heutigem Wissensstand nicht zweifelsfrei bewiesen werden.[10]

Die Schrift ist als Old Turkic im Unicode vorhanden[11][12] und belegt dort den Bereich U+10C00–U+10C4F.

Kul-Tigin-Monument

Über die Herkunft gibt es im Wesentlichen drei Theorien:

  1. Die köktürkische Schrift hat sich aus den verschiedenen Klanabzeichen (Tamgas) der Stämme entwickelt, die in den vorchristlichen Jahrhunderten entstanden.[13]
  2. Die Orchon-Runen wurden aus der zentralasiatischen sogdischen Schrift übernommen und von den Kök-Türken weiterentwickelt.[14]
  3. Kombination der beiden ersten Theorien; zu den so entstandenen Zeichen seien dann noch iranische, griechische und neu erfundene Zeichen hinzugefügt worden. Diese Theorie wurde vor allem von Vilhelm Thomsen vertreten.

Heute wird mehrheitlich angenommen, dass sich das köktürkische Alphabet aus einem semitischen entwickelt habe und über die Vermittlung der iranischsprachigen Völker Zentralasiens zu den Kök-Türken gelangt sei.[15] Diese Vermutung hat nach Franz Altheim jedoch wenig Aussicht, sich zu bestätigen, da die Übernahme zur Entstehung der ersten alttürkischen Inschriften des Typs Orchon I im Talas-Tal kurz vor 600 n. Chr. stattgefunden haben muss.[16] Gegen eine Herleitung aus der sogdischen Schrift spricht seiner Meinung nach der Mangel an eindeutigen Übereinstimmungen.[16]

Silberschale von Issyk mit Schriftzeichen in Kuschana-schrift

Die Orchon-Runen ähneln der Kuschana-Schrift aus dem 4.–3. Jahrhundert v. Chr. Eine Beziehung zur alttürkischen Schrift ist jedoch ungeklärt und wird teilweise sogar angezweifelt.

Eine schmalere Variante der Orchon-Runen aus dem 8. Jahrhundert wurde in Sibirien gefunden. Nach diesem Fundort werden sie auch als Jenissei-Runen bezeichnet. Die wichtigsten Inschriften entstanden in der Zeit des zweiten Khaganats (682–745), besonders in den 20er- und 30er-Jahren des 8. Jahrhunderts und während des uigurischen Khaganats (745–840). Im 9. Jahrhundert wurden die Orchon-Runen durch die von der aramäischen Schrift abstammende uigurische Schrift ersetzt. Weitere alttürkische Relikte sind Felsbilder mit eingekerbten Tieren, meist als Steinbock, und menschlichen Figuren, dazu mit türkischen Runen.[17]

Franz Altheim deutet darauf hin, dass nicht die im Osten befindlichen Turkstämme als Schöpfer des alttürkischen Schriftsystems in Betracht kämen, sondern allein die Hunnen, und zwar die aus dem 3. Jahrhundert im Kaukasus sitzenden.[10]

Kyzyl-Inschrift in den mit den Orchon-Runen verwandten Jenissei-Runen (ca. 730 n. Chr.)

Als der junge Schwedenkönig Karl XII. 1709 in der Schlacht bei Poltawa eine schwere Niederlage gegen die Russen erlitt, gerieten einige schwedische Offiziere in russische Gefangenschaft. Unter ihnen war auch Philipp Johann Tabbert, der später den Familiennamen Strahlenberg annahm. Die Reise dieser Gefangenen nach Westsibirien endete 1711 in Tobolsk (Sibirien).

Als Strahlenberg 1722 nach Schweden zurückkehrte, veröffentlichte er die in Russland und Sibirien gesammelten Beobachtungen unter dem Titel „Europa und die nördl. und östl. Teile Asiens“ (Stockholm 1730). Die von Strahlenberg mitgeteilten Kenntnisse erweckten nicht nur in Schweden, sondern in ganz Europa großes Interesse. Das Buch wurde in kurzer Zeit ins Englische, Französische und Spanische übersetzt.

In seinem Buch machte Strahlenberg auch auf eine Ansammlung von Denkmälern mit runenähnlichen Steininschriften am Ufer des Jenissei aufmerksam. Dabei prägte er die Bezeichnung der damals noch unentzifferten sibirischen Schrift als „Runen“.

Die Nachricht von der Entdeckung von „Runen“ in Sibirien weckte in Europa jedoch nicht nur Begeisterung, sondern auch Ablehnung. Obwohl die Runenfunde aus Sibirien im 19. Jahrhundert in Europa schon hinlänglich bekannt waren, leugneten zuletzt der dänische Archäologe Jens Jacob Asmussen Worsaae und der Runologe Ludvig Wimmer die Entdeckungen und die damit verbundenen Schlussfolgerungen:

„Namentlich würde es von besonderem interesse und von besonderer bedeutung sein, wenn es glücken könnte, in irgend einem teile von Rußland aus einer so frühen zeit wie ungefähr dem Jahre 700 spuren der jüngeren skandinavischen runenschrift nachzuweisen, die, wie man gemeint hat, nicht aus der älteren entwickelt, sondern gerade das kennzeichen für ein in den Norden neu eingewandertes Volk sein sollte. Es ist jedoch bekannt, daß noch in ganz Rußland nicht die mindeste spur von runenschrift entdeckt ist, weder aus einer älteren noch aus einer jüngeren periode des eisenalters.“[18]

Dagegen führten finnische Archäologen die Erforschung der nahezu vergessenen und zerstreuten Denkmäler fort und gaben 1889 den ersten relativ vollständigen Korpus der Inschriften am Jenissei in einem Atlas heraus. Als im Jahre 1889 Nikolai Jadrinzew aus Irkutsk noch zwei ähnliche Inschriften an der Mündung des Orchon in die Selenga (Nördliche Mongolei) fand, stieg das Interesse weiter. Im Namen der finno-ugrischen Gesellschaft ging A. O. Heikel 1890–91 ins Orchon-Tal und kopierte alle Inschriften, die er fand. Ein neuer Atlas mit den gesammelten Kopien und Bildern der Orchon-Runen erschien 1892.

Unter Vorsitz des deutschen Turkologen Wilhelm Radloff begannen 1891 auch die russischen Wissenschaftler, an diesen Steinen zu arbeiten und ebenfalls bald einen Atlas zu veröffentlichen.

Durch die Funde vom Orchon-Tal hatte sich die Lage unerwartet verändert. Zu Strahlenbergs beschrifteten Steinen kamen zwei lange Inschriften hinzu. Die eine befand sich auf einem 332 cm hohen Stein, der an seiner ursprünglichen Stelle stand; beschriftet war ein Anteil von 231 cm Höhe. Das andere Monument lag um die Basis in vier einzelnen Bruchstücken verstreut.

Auf beiden Denkmälern gab es auch chinesische Texte. Aus diesen konnte man entnehmen, dass die Gedenksteine von den Kök-Türken stammten. Dementsprechend musste sich in der unbekannten Inschrift eine alte Turksprache verbergen. Nun begann unter den Sprachwissenschaftlern der Wettlauf um die Entzifferung der Buchstaben, den 1893 der dänische Sprachforscher Vilhelm Thomsen (1842–1927) gewann. Er schickte seine Lösung an die Königlich Dänische Akademie der Wissenschaften.[19] Diese Entdeckung besagte, dass es sich um eine Schrift mit 38 Zeichen handelte. Die Inschriften stammten aus den Jahren 732 und 734 und haben als älteste Dokumente der alttürkischen Sprache großen Wert.

Buchstabentafel

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Alttürkisches oder auch Kök-Türk-Alphabet (Klassisches Zeitalter der Kök-Türken)
Gebrauch Symbole Transliteration IPA-Transkription
Vokale A /a/, /e/
I /ɯ/, /i/, /j/
O /u/, /o/, /w/
U /ø/, /y/, /w/
Konsonanten harmonisiert mit
(¹) – hinten,
(²) – vorne
liegenden Vokalen
/b/
/d/
/g/
/l/
/n/
/r/
/s/
/t/
/j/
nur (¹) – Q
nur (²) – K
Q K /q/ /k/
mit allen
Vokalen
/ʧ/
-M /m/
-P /p/
/ʃ/
-Z /z/
-NG /ŋ/
Cluster + Vokale IÇ, ÇI, Ç /iʧ/, /ʧi/, /ʧ/
IQ, QI, Q /ɯq/, /qɯ/, /q/
OQ, UQ,
QO, QU, Q
ÖK, ÜK,
KÖ, KÜ, K
/oq/, /uq/,
/qo/, /qu/, /q/
/øk/, /yk/,
/kø/, /ky/, /k/
+ Konsonanten -NÇ /nʧ/
-NY /ɲ/
-LT /lt/, /ld/
-NT /nt/, /nd/
Worttrennungssymbole keine
(-) – keine Satzende-Zeichen
𐱅𐰭𐰼𐰃 – Inskription
T²NGR²I – Transliteration
/täŋri/ — IPA-Transkription
tanrı – Äquivalent in modernem Türkisch
‚der Himmelsgott‘ oder ‚der ewig blaue Himmel‘ — damit ist der höchste Gott stellvertretend im alttürkischen Sinne gemeint
‚Gott‘ — moderne Bedeutung

Der erste Satz auf der Orchon-Stele als Transkription ins lateinische Alphabet:

“BILGE:TONYUKUK:BEN:ÖZÜM:TABGAC:ILINGE:KILINDIM:TÜRK:BODUNU:TABGACKA:KÖRÜK:ERTI”

„Mein Name ist Bilge Tonyukuk. Ich wurde im Reich China (Tabgatsch)[20] geboren. Das türkische Volk gehörte zum Reich China (Tabgatsch).“

Der Unicodeblock Alttürkisch ist U+10C00–U+10C4F. Er wurde dem Unicode-Standard im Oktober 2009 mit Version 5.2 hinzugefügt. Er umfasst getrennte Orchon- und Jenissei-Varianten der Einzelzeichen.

Alttürkische Schrift[21]
  0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C D E F
U+10C0x 𐰀 𐰁 𐰂 𐰃 𐰄 𐰅 𐰆 𐰇 𐰈 𐰉 𐰊 𐰋 𐰌 𐰍 𐰎 𐰏
U+10C1x 𐰐 𐰑 𐰒 𐰓 𐰔 𐰕 𐰖 𐰗 𐰘 𐰙 𐰚 𐰛 𐰜 𐰝 𐰞 𐰟
U+10C2x 𐰠 𐰡 𐰢 𐰣 𐰤 𐰥 𐰦 𐰧 𐰨 𐰩 𐰪 𐰫 𐰬 𐰭 𐰮 𐰯
U+10C3x 𐰰 𐰱 𐰲 𐰳 𐰴 𐰵 𐰶 𐰷 𐰸 𐰹 𐰺 𐰻 𐰼 𐰽 𐰾 𐰿
U+10C4x 𐱀 𐱁 𐱂 𐱃 𐱄 𐱅 𐱆 𐱇 𐱈
Unicode version 6.1

Die Orchon-Runen sind ein Bestandteil des seit 2004 geschützten UNESCO-Weltkulturerbes Orchon-Tal:

Das geschützte Gebiet erstreckt sich beiderseits des Orchon-Flusses, der Wasser und Schutz bot – entscheidende Voraussetzungen für seine Rolle als wichtiger Knotenpunkt auf den alten Handelsrouten durch die Steppe und für seine Entwicklung zum Zentrum der riesigen zentralasiatischen Reiche. Konkret zeugt das Gebiet von türkischen Gedenkstätten aus dem 6. und 7. Jahrhundert, der uigurischen Hauptstadt Charbalgas aus dem 8. und 9. Jahrhundert, der mongolischen Hauptstadt Karakorum aus dem 13. und 14. Jahrhundert, dem ältesten erhaltenen mongolisch-buddhistischen Kloster Erdene Zuu, dem Einsiedeleikloster Tuvkhum, dem Westkloster Shankh, dem Palast auf dem Doit-Hügel, den antiken Städten Talyn Dorvoljin, Har Bondgor und Bayangöl Am, Hirschsteinen und alten Gräbern, den heiligen Bergen Hangai Ovoo und Undor Sant sowie archäologischen und ethnografischen Zeugnissen der langen und beständigen Tradition nomadischer Weidewirtschaft.[22]

Seit 2025 ist der 15. Dezember, in Erinnerung an den Tag der Entzifferung der Orchon-Runen am 15. Dezember 1893 durch den dänischen Sprachforscher Vilhelm Thomsen, der offizielle Welttag der türkischen Sprachfamilie.[23]

Orchon-Runen in der türkischsprachigen Wissenschaft und Kultur

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Orchon-Runen auf dem aserbeidschanischen 5-Manat Schein

Die Orchon-Runen sind ein zentraler Bestandteil der türkischsprachigen Erinnerungskultur. Das Türkische Präsidium für Internationale Kooperation und Koordination (TIKA) hat den Bau des Göktürk Museum und des Tonyukuk Museum[24] für die Denkmäler mit Orchon-Runen von Bilge Kağan, Köl Tigin und Tonyukuk sowie entsprechende Zufahrtsstraßen im Orchon-Tal in der Mongolei gefördert.[25] Die 2009 gegründete Türkische Akademie führt die Orchon-Runen in ihrem Emblem.[26] Von 2005 bis 2020 führte Aserbaidschan die Orchon-Runen auf der Rückseite der 5-Manat-Banknote. Vor allem das für die türkische Kulturgeschichte zentrale Schrift-Zitat „Türk“ ist ein allgemein sehr beliebtes und weit rezipiertes Motiv in der türkischsprachigen Wissenschaft und Popkultur. Besonders beliebt sind auch Bilder, Aufkleber, Kleidung, Schmuck und Tätowierungen mit Orchon-Runen.[27] Das steigende Interesse an den Orchon-Runen ist dabei nicht nur nationalhistorisch, sondern oft auch religiös motiviert, denn die Orchon-Runen sind zugleich auch die wichtigsten Quellen des Tengrismus und türksichen Schamanismus, die aktuell in den türkischsprachigen Gesellschaften[28] sowie auch weltweit steigende Aufmerksamkeit erfahren.[29] In Kasachsten wird seit 2014 der 18. Mai als „Tag der Türk-Schrift“ gefeiert. Dieser Tag wird in den türkischen Medien auch „Tag der Göktürk-Schrift“ genannt.[30] Der Turkologe Wolfgang-Ekkehard Scharlipp vergleicht die hohe Bedeutung der Orchon-Runen für die Türken mit der hohen Bedeutung der Runen für die Dänen:

Der dänische Runenstein von Jelling ist den Dänen neben der allgegenwärtigen rot-weißen Flagge und dem Königshaus nahezu ein Heiligtum, mit dem jede anständige Literaturgeschichte zu beginnen hat. Ihre Inschrit aus dem 10. Jahrhundert erreicht gerade mal die Länge einer mittleren Jenissej-Inschrift.[2]

Orchon-Runen als politisches Symbol

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In der Gegenwart werden Orchon-Runen – wie die meisten zentralen Symbole der türkischen Geschichte und Mythologie von türkischen Rechtsextremen wie den Anhängern der „Ülkücü“-Bewegung – den sogenannten „Grauen Wölfen“ – verwendet, die in Deutschland vom Bundesamt für Verfassungsschutz offiziell als rechtsextrem eingestuft werden[31] und in Frankreich seit 2020 verboten sind.[32]

  • Vilhelm Thomsen: Inscriptions de l'Orkhon. Déchiffrées (= Suomalais-ugrilaisen seuran toimituksia. Band 5.) Imprimerie de la Société de Littérature Finnoise, Helsingfors 1896 (archive.org).
  • David Diringer: The Alphabet. A Key to the History of Mankind. Priority. Band 3. Philosophical Library, New York 1948, S. 313–315.
  • James G. Février: Histoire de l'écriture. Bibliothèque historique. Payot, Paris 1948, S. 311–317.
  • Talât Tekin: A Grammar of Orkhon Turkic (= Indiana University publications – Uralic and Altaic series 69): Indiana University u. a., Bloomington 1968.
  • Hans Jensen: Sign, Symbol and Script. An account of ma's efforts to write. 3. Auflage. Putnam, New York 1969, S. 422–425.
  • D. D. Vasil'iev: Korpus tiurkskikh runicheskikh pamyatnikov Bassina Eniseya. Korpus der türkisch-runischen Denkmäler im Jenissei-Becken. USSR Academy of Science, Leningrad 1983.
  • Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. Eine Einführung in ihre Geschichte und Kultur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992, ISBN 3-534-11689-5.
  • György Kara: Aramaic Scripts for Altaic Languages. In: Peter T. Daniels, William Bright (Hrsg.): The World's Writing Systems. Oxford University Press, New York u. a. 1996, ISBN 0-19-507993-0, S. 536–558.
  • Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die alttürkische Literatur. Einführung in das vorislamische Schrifttum. Verlag auf dem Ruffel, Engelschoff 2005, ISBN 3-933847-14-1.

Einzelnachweise

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  1. Karl Jettmar: Geschichte Mittelasiens. Band 5, Ausgabe 5. Brill Archive, Leiden 1966, S. 163.
  2. a b Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die alttürkische Literatur. Einführung in das vorislamische Schrifttum. Verlag auf dem Ruffel, Engelschoff 2005, ISBN 3-933847-14-1, S. 32, 47 f., 92–93, 94.
  3. Franz Altheìm: Attila und die Hunnen. Baden-Baden 1951, S. 47.
  4. Georg Stadtmüller, in: Saeculum. Band 1. K. Alber, 1950, S. 302.
  5. Volker Adam, Jens Peter Loud, Andrew White: Bibliography old Turkish Studies. Harrassowitz, Wiesbaden 2000, S. 40.
  6. University of Bonn. Department of Linguistics and Cultural Studies of Central Asia, Issue 37, VGH Wissenschaftsverlag GmbH Verlag, 2008, S. 107.
  7. Klaus Röhrborn, Wolfgang Veenker: Runen, Tamgas und Graffiti aus Asien und Osteuropa. Harrassowitz, Wiesbaden 1985, S. 5.
  8. a b Werner Leimbach: Landeskunde von Tuwa. Das Gebiet des Jenissei-Oberlaufes. J. Perthes, Gotha 1936, S. 98.
  9. Herbert Franke: Saeculum Weltgeschichte. Herder, Freiburg 1965, S. 576.
  10. a b c Franz Altheim: Geschichte der Hunnen. Band 1. Walter de Gruyter, Berlin 1959, S. 285.
  11. Proposal for encoding the Old Turkic script in the SMP of the UCS. (PDF; 1,1 MB) 25. Januar 2008, abgerufen am 19. September 2011.
  12. Unicode 6.0 Character Code Charts – Old Turkic. (PDF; 81 kB) Abgerufen am 19. September 2011.
  13. Franz Altheim: Geschichte der Hunnen. Band 1, S. 118 f.
  14. George Campbell, Christopher Moseley: The Routledge Handbook of Scripts and Alphabets. Routledge, London/New York 2013, ISBN 978-0-415-56098-6, S. 40 (englisch).
  15. Gleb Kubarev und Napil Bazylchan: Die türkischen Imperien des 6.-10. Jh. n. Chr. Ein Überblick zur Politikgeschichte, zu den ethnokulturellen Besonderheiten, den schriftlichen Quellen sowie archäologischen Denkmälern. In: Thomas Stöllner und Zajnolla S. Samašev (Hrsg.): Unbekanntes Kasachstan. Archäologie im Herzen Asiens. Katalog zur Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum vom 26. Januar bis zum 30. Juni 2013. Deutsches Bergbau-Museum, Bochum 2013, ISBN 978-3-937203-64-5 (Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Bd. 192), S. 847–860 (online).
  16. a b Franz Altheim: Geschichte der Hunnen. Band 1, S. 271.
  17. Zentralasiatische Studien. Bde. 23–25. O. Harrassowitz, Wiesbaden 1993, S. 27.
  18. Ludvig Frands Adalbert Wimmer, Ferdinand Holthausen: Die Runenschrift. Berlin, Weidmann, 1887, S. 189 (archive.org [abgerufen am 9. Januar 2026] Wimmer zitiert J. J. A. Worsaae, Ruslands og det Skandinaviske Nordens bebyggelse og ældste kulturforhold: Bidrag til sammenlignende forhistorisk archæologie, Kopenhagen 1872, S. 417-418.).
  19. Vilhelm Thomsen: Déchiffrement des inscriptions de l’Orkhon et de l’Iénisséi. Notice préliminaire. In: Bulletin de l’Academie Royale du Danemark. 1893, S. 285–299 (archive.org).
  20. Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. S. 11:
  21. Unicode.org chart (PDF; 81 kB)
  22. Orkhon Valley Cultural Landscape. UNESCO World Heritage Centre, abgerufen am 8. Januar 2026 (englisch): „The inscribed property straddles the Orkhon River, which provides water and shelter, key requisites for its role as a staging post on the ancient trade routes across the steppes and for its development as the centre of the vast Central Asian empires. Specifically, the inscribed property provides evidence of the 6th-7th century Turkish memorial sites, the 8th-9th century Uighur capita of Khar Balgas, the 13th-14th century Mongol capital of Kharkhorum, the earliest surviving Mongol Buddhist monastery at Erdene Zuu, the Hermitage Monastery of Tuvkhum, the Shankh Western Monastery, the palace at Doit Hill, the ancient towns of Talyn Dorvoljin, Har Bondgor, and Bayangol Am, deer stones and ancient graves, the sacred mountains of Hangai Ovoo and Undor Sant and archaeological and ethnographic evidence attesting to the long and enduring tradition of nomadic pastoralism.“
  23. UN marks first World Turkic Language Family Day | UN News. 14. Dezember 2025, abgerufen am 8. Januar 2026 (englisch).
  24. The Inscriptions That Shed Light on Turkish History Will Be Preserved in a Museum Building in Mongolia. In: TİKA. 17. November 2022, abgerufen am 8. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  25. Moğolistan’da Türk Tarihine Işık Tutan Göktürk Müzesine Destek. In: TİKA. 1. September 2016, abgerufen am 8. Januar 2026 (türkisch).
  26. Turkic Academy: Logos. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  27. Yeni Şafak: Kazakistan'da Göktürk Yazısı Günü | Kültür Sanat Haberleri. Abgerufen am 9. Januar 2026 (türkisch).
  28. Jolaman Bulan, Tussipkhan Imammadi, Aiymzhan Ryskiyeva, Asset Kuranbek: Revival of Tengrism in Kazakhstan as ancient belief of the Kazakh nation: Prospects and Challenges. In: Occasional Papers on Religion in Eastern Europe. Band 45, Nr. 5, 1. Januar 2025, ISSN 2693-2229, doi:10.55221/2693-2229.2615 (georgefox.edu [abgerufen am 9. Januar 2026]).
  29. Frédérique Verley: Schamanismus: Ich habe nicht daran geglaubt, bis ich es selbst ausprobiert habe. 1. April 2024, abgerufen am 9. Januar 2026.
  30. Türk Keneşi Genel Sekreteri Halil Akıncı Uluslararası `Türk Yazı Günü` Forumuna katıldı. Abgerufen am 9. Januar 2026 (türkisch).
  31. Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.): Türkischer Rechtsextremismus. Die „Grauen Wölfe“ in Deutschland. Ideologie, Organisation, Kennzeichen, Köln 2023, S. 15 ff.
  32. Frankreich löst ultranationalistische "Graue Wölfe" auf. 4. November 2020, abgerufen am 9. Januar 2026.