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Nympha

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Nympha, oder die maskuline Namensform Nymphas[1], war eine frühchristliche Führungsperson einer Hauskirche im Neuen Testament (Kol 4,15–16 LUT). Ihre Erwähnung in dem paulinischen Brief, allgemein verortet im Jahr 60–80 n. Chr., führte zu der wissenschaftlichen Annahme, sie sei in der frühchristlichen Gemeinschaft im Tal des Lykos in Kleinasien (heute Türkei) ein etabliertes und einflussreiches Mitglied gewesen. Die meisten Forschenden sind sich heute einig, dass Nympha weiblich gewesen sei, abweichend zur männlichen Lesart, welche in manchen westlichen Textüberarbeitungen des 5. Jahrhunderts zu finden ist.

Biblische Erwähnung

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Die Informationen über Nympha stammen aus zwei kurzen Versen in Kol 4,15–16 LUT, einem Brief, der traditionellerweise als deuteropaulinischer Brief gilt und um 60–80 n. Chr. geschrieben wurde. Der Abschnitt lautet:

„Grüßt die Brüder und Schwestern in Laodikeia, Nympha und die Gemeinde in ihrem Haus. Und wenn der Brief bei euch gelesen ist, so sorgt dafür, dass er auch in der Gemeinde von Laodikeia gelesen wird, und dass ihr auch den von Laodikeia lest.“ (Kol 4,15–16 LUT)

Aus dem Text lässt sich Folgendes über Nympha schließen:

  1. Sie leitete eine Hausgemeinde, wie aus dem Ausdruck „die Gemeinde in ihrem Haus“ hervorgeht. Sie stand in Verbindung mit der christlichen Gemeinde in Laodikeia, einer Stadt im Lykos-Tal.[2]
  2. Sie wird ausdrücklich neben der größeren Gemeinde von Laodizea erwähnt, was darauf hindeutet, dass sie eine bedeutende Position innehatte.[2]
  3. Sie war Paulus oder dem Verfasser des Kolosserbriefes bekannt, wie aus der Aufforderung, sie zu grüßen, hervorgeht.[3]
  4. Sie war um die Zeit von Paulus’ Wirken und der Abfassung des Kolosserbriefes (62 n. Chr.) aktiv.[4][5]

Etymologie des Namens

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„Nympha“ ist ein weibliches Substantiv, das „eine Braut“ oder „eine Nymphe“ bedeutet. Sein Ursprung liegt im lateinischen Wort nympha, das vom griechischen Wort (νύμφη, nymphe)[6][7] abgeleitet ist. Laut Abarim Publications wird davon ausgegangen, dass es von einer sehr alten proto-indoeuropäischen Wurzel abgeleitet ist, die mit der Ehe verbunden ist. Diese etymologische Verbindung spiegelt sich in verwandten lateinischen Begriffen wie nuptiae (Hochzeit) und ihrer Ableitung nuptialis wider, die wiederum das englische Wort „nuptial“ hervorrufen.[8]

Vicky Balabanski spekuliert, dass der Name mit Naturgottheiten in der griechisch-römischen Religion in Verbindung gebracht wird. Somit könnte die heidnische Etymologie ihres Namens auf einen nichtjüdischen Hintergrund hinweisen. Sie schlägt auch vor, dass seine Verbindung zu monumentalen öffentlichen Brunnen (Nymphaea), die in alten anatolischen Städten wie Laodikeia üblich waren, auf mögliche Verbindungen zur Wasserinfrastruktur oder zum ländlichen Landbesitz hindeuten könnte. Darüber hinaus, obwohl die Bedeutung des Namens („Braut“) später im Kontext mit Hochzeiten in der christlichen Symbolik in Verbindung stand, fehlt diese in den paulinischen Schriften.[6]

Das Geschlecht des Namens Νυμφαν (Nymphan: Nympha/Nymphas) aus Kol 4,15 LUT ist in den frühen Manuskripten mehrdeutig, wenn in den griechischen Handschriften die Akzente fehlen, da die Akzente Aufschluss über das Genus geben. Die Varianz der Pronomen, die in Bezug auf das „Haus“ (oikon) genutzt werden, erschwert die Identifikation zusätzlich. Der früheste Textzeuge, der Codex Vaticanus (4. Jahrhundert), nutzt ein feminines Pronomen und weist somit auf eine weibliche Leitung hin. Spätere Texte aus dem frühen 5. Jahrhundert adaptierten ein maskulines Pronomen. Der Codex Sinaiticus (4. Jahrhundert) verwendet das Pronomen im Plural.[9]

Interpreationen spiegeln oftmals kulturelle Vorurteile wider, zum Beispiel gingen frühe Forschende von einer männlichen Führungsrolle aus, während Auslegende des mittleren 20. Jahrhunderts es als geschlechtsunbestimmt ansehen. Moderne Textkritik bevorzugt die feminine Lesart, da es unwahrscheinlich erscheint, dass die Abschreiber die originale maskuline Form in die feminine oder Pluralform veränderten.[9] James D. G. Dunn stimmt zu und erklärt, dass die weibliche Form „Nympha“ ursprünglich ist, anknüpfend an die Anerkennung von Frauen wie Phoebe und Junia durch Paulus.[3]

Der Bibelwissenschaftler Robert Wilson argumentiert, dass der Standort der Hausgemeinde davon abhängt, ob wir einen Bruch zwischen den beiden Teilen des Verses oder ob wir das ganze zusammen sehen. Als mögliche Standorte werden folgende Orte diskutiert:[10]

  1. Laodikeia: Das unmittelbare Umfeld von Kol 4,15–16 LUT erwähnt Laodikeia, wo Nympha getrennt von der allgemeinen Begrüßung an die Christen in Laodikeia erwähnt wird – eine Ansicht, die von der Mehrheit der Gelehrten geteilt wird.[10]
  2. Kolossä: Einige Theorien gehen davon aus, dass sich das Haus in Kolossä befand, etwa 16 Kilometer von Laodizea entfernt, obwohl der Text keine eindeutigen Hinweise auf diesen Ort liefert.[10]
  3. Hierapolis: Andere Wissenschaftler, eingeschlossen A.E. Edebe und D. Campbell, sprechen sich für diese Möglichkeit aus.[11][12]

Spekulation über mehrere Gemeinden in Laodikeia

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Wissenschaftler wie Dunn und Wayne A. Meeks behaupten, dass es wahrscheinlich mehrere Hausgmeinden gab, andere Wissenschaftler stimmen dagegen und sagen, dass es nur eine Gemeinde gab.[3][13]

Sozialer Kontext

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Die miteinander verbundenen urbanen Zentren des Lykos-Tals – Kolossä, Laodikeia und Hierapolis – teilten wirtschaftliche und religiöse Netzwerke. Paulus Anweisung zum Austausch von Briefen zwischen den Gemeinden (Kol 4,16) impliziert eine Zusammenarbeit zwischen deren Gemeinden.[3]

Rolle und möglicher ökonomischer Hintergrund

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Gesellschaftlicher Status

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Es scheint sich bei ihr um eine Hausbesitzerin bzw. Gastgeberin zu handeln.[14] J. Sumney und Beulah Wood vermuten, dass sie wahrscheinlich eine Witwe war.[14][9]

Auslegende mutmaßen, dass Nymphas Haus ein zentraler Treffpunkt für die Ekklesia in Laodikeia war, oder zumindest für einen signifikanten Teil der Ekklesia.[15][9][10][3] Das würde bedeuten, dass ihr Haus für eine solche Versammlung groß genug war.[9]

Laut D’Angelo steht Nymphas Leitung in Spannung zu den patriarchalen Haustafeln in Kolosser 3,18–4,1, welche die Unterordnung von Frauen, Kindern und Versklavten einfordern. D’Angelo argumentiert, dass Nymphas Prominenz die aktive Rolle belegt, die Frauen im entstehenden Christentum hatten – erst später wurden Frauen stärker marginalisiert.

Als ein früher kanonischer Text, der derartige gesellschaftliche Vorstellungen verwendet, markiert der Kolosserbrief einen Übergang zu den sozialen Hierarchien des griechisch-römischen Umfelds und signalisiert das Aufkommen einer paulinischen Schule, die kulturelle Normen integrierte, um das christliche Gemeinschaftsleben zu ordnen.[16]

Ökonomischer Hintergrund

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Forschende gehen davon aus, dass Nympha wahrscheinlich eine wohlhabende Frau gewesen sei, entsprechend ihrer Rolle als Gastgeberin einer Hausgemeinde und ihren möglichen Verbindungen zu regionalen Wirtschaftszweigen. James D. G. Dunn (1994) beschreibt, eine Hausgemeinde zu beherbergen bedürfe finanzielle Ressourcen, um Platz und Unterstützung für Zusammenkünfte zu gewährleisten, was sie in eine Linie mit anderen frühchristlichen Patronen und Patroninnen bringt.[3] Victoria S. Balabanski (2020) bringt ihren Namen in Verbindung mit der lukrativen Textilindustrie und Wasserinfrastruktur (nymphaea) des Lykostals und impliziert, dass ihr Haushalt möglicherweise in diesen Gewerben involviert war, welche signifikantes Kapital voraussetzten.[17] Ähnlich betont Robert McLachlan Wilson (2005), dass der Besitz eines Hauses, das groß genug war, um eine Gemeinde zu beherbergen, ein klares Indiz für Wohlstand in der Römischen Welt war.[10] Zusammengenommen argumentieren diese Forscher, dass Nymphas Hervorhebung in den paulinischen Grüßen und ihr sozialer Kontext auf ihren Status als wohlhabende Patronin hindeuten.

Einzelnachweise

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  1. Thomas Corsten: Mann oder Frau? Nympha und Nymphas in Laodikeia? In: Joseph Verheyden, Markus Öhler, Thomas Corsten (Hrsg.): Epigraphical evidence illustrating Paul's letter to the Colossians (= WUNT). Mohr Siebeck, Tübingen 2018, ISBN 3-16-155654-2, S. 215–219.
  2. a b J. L. Sumney: Colossians: A Commentary. Presbyterian Publishing Corporation 2008. S. 278–279.
  3. a b c d e f James D. G. Dunn: The epistles to the Colossians and to Philemon. Eerdmans 1994, S. 283–285.
  4. Letter of Paul to the Colossians | Summary & Facts | Britannica. In: www.britannica.com. Abgerufen am 31. Januar 2025.
  5. C. H. Talbert: Ephesians and Colossians (Paideia: Commentaries on the New Testament). Baker Publishing Group 2007, ISBN 978-0-8010-3128-1, S. 178.
  6. a b V. S. Balabanski: Colossians: An Earth Bible commentary: An eco-stoic reading. Bloomsbury Publishing 2020 doi:10.5040/9780567693013.
  7. The Century Dictionary and Cyclopedia: An Encyclopedic Lexicon of the English Language and a Pronouncing and Etymological Dictionary of Names in Geography, Biography, Mythology, History, Art, Etc., Together with Atlas of the World. (1895). United States: Century Company. p. 4047.
  8. The amazing name Nympha: meaning and etymology. Abarim Publications, abgerufen am 31. Januar 2025.
  9. a b c d e J. L. Sumney: Colossians: A Commentary. Presbyterian Publishing Corporation 2008, S. 278.
  10. a b c d e R. M. Wilson: Colossians and Philemon. Bloomsbury Academic 2005, S. 305. Online
  11. Edebe, D. A. E. (2012). Your Women Did Prophesy. United Kingdom: Xlibris US. p. 32.
  12. Campbell, D. A. (2014). Framing Paul: An Epistolary Biography. United Kingdom: Wm. B. Eerdmans Publishing Company. p. 278.
  13. W. A. Meeks: The first urban Christians: The social world of the Apostle Paul (2nd ed.). Yale University Press 2003, S. 76. Online
  14. a b Wood, B. (2011). The People Paul Admired: The House Church Leaders of the New Testament. United States: Wipf & Stock Publishers. p. 30.
  15. Thomaskutty, J. (2022). An Asian introduction to the New Testament. Augsburg Fortress Publishers. p. 317.
  16. Thurston, B. B. (2004). Women in the New Testament: Questions and Commentary. United States: Wipf & Stock Publishers. p. 133.
  17. Balabanski, V. S. (2020). Colossians: An Earth Bible commentary: An eco-stoic reading. Bloomsbury Publishing. doi:10.5040/9780567693013.