Notwendige und hinreichende Bedingung
Notwendige Bedingung und hinreichende Bedingung sind Begriffe aus der Theorie wissenschaftlicher Erklärungen, die Bedingungen in zwei verschiedene Typen unterteilen. Die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Bedingendem und Bedingtem werden auch in der Logik, vor allem in der Aussagenlogik, behandelt.
Kausal verstanden betreffen beide Begriffe die Frage, ob bestimmte Ereignisse als Ursachen anderer Ereignisse unersetzlich sind, und ob andere Ereignisse zwangsläufig einträten, wenn die bestimmten Ereignisse vorliegen würden (vgl. auch Kontrafaktizität). Davon zu unterscheiden ist der rein aussagenlogische Gebrauch, bei dem notwendige und hinreichende Bedingungen Beziehungen zwischen Aussagen beschreiben, ohne dass damit kausale Abhängigkeiten behauptet werden.[1]
Überblick
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Notwendige Bedingung
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Aussagenlogisch betrachtet ist eine notwendige Bedingung für eine Aussage eine Aussage, die zwingend wahr (erfüllt) sein muss, wenn wahr ist. Es kommt also nicht vor, dass erfüllt ist, ohne dass erfüllt ist.
Der Zusammenhang wird durch die symbolische Schreibweise ausgedrückt, sprich „K impliziert B“ oder „aus K folgt B“. Im Deutschen wird dies oft auch als „ nur wenn “ formuliert; logisch ist das äquivalent zu „wenn , dann “, pragmatisch können die Formulierungen jedoch unterschiedliche Rollen von Konditionalsätzen markieren (z. B. „reason for thinking“ vs. „reason why“).[2] In der Aussagenlogik ist äquivalent zur Kontraposition .[3]
Der Pfeil, der den Zusammenhang symbolisiert, steht für die mögliche Schlussfolgerung. Wenn sicher ist, dass erfüllt ist, kann man sicher sein, dass auch erfüllt ist; es kann also von auf geschlossen werden. Dabei ist es unerheblich, ob zeitlich vor oder nach stattfindet. Oft geht es gerade darum, aus dem Vorliegen von einen Schluss auf die vorangegangenen Bedingungen anzustellen. Gibt es mehrere notwendige Bedingungen , d. h. gilt , so müssen alle gleichzeitig erfüllt sein, wenn erfüllt ist (logische Konjunktion):
Gibt es verschiedene, voneinander logisch unabhängige, notwendige Bedingungen, sodass für alle Paare von Bedingungen mit gilt, so kann keine für sich allein hinreichend sein, da dies dem widerspräche, dass die anderen notwendig sind. Eine notwendige Bedingung ist also unersetzlich für das Eintreten eines Ereignisses. Wenn sie aber nicht zugleich hinreichend ist, genügt sie allein nicht, damit das Ereignis eintritt. Mit anderen Worten: Ohne sie geht es nicht (daher auch der Ausdruck lateinisch conditio sine qua non, vgl. Conditio-sine-qua-non-Formel), für das Eintreten von ist aber eventuell noch etwas anderes nötig.
Hinreichende Bedingung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine hinreichende Bedingung sorgt zwangsläufig (oder zumindest ceteris paribus) für das Eintreten des bedingten Ereignisses. Wenn die Bedingung nicht zugleich notwendig ist, dann gibt es andere hinreichende Bedingungen, die ebenfalls zum Eintreten des Ereignisses führen. Die hinreichende, nicht notwendige Bedingung ist also ersetzbar bzw. umgehbar (multiple Erfüllbarkeit). Mit anderen Worten: Wenn eine hinreichende Bedingung vorliegt, dann tritt das bedingte Ereignis zwangsläufig ein. Ist das Ereignis bereits eingetreten, kann aber nur auf seine notwendigen Bedingungen zurückgeschlossen werden, denn wenn eine in Betracht gezogene hinreichende Bedingung nicht notwendig ist, so muss es immer andere mögliche Bedingungen geben, die ebenso hinreichend sind. Welche der hinreichenden Bedingungen vorliegt, kann ausgehend vom bedingten Ereignis nicht entschieden werden. Aussagenlogisch betrachtet: Hat eine Aussage mehrere hinreichende Bedingungen , d. h. gelten die Subjunktionen , so genügt es, dass mindestens eine erfüllt ist (logische Disjunktion), damit gilt: .
Äquivalente Bedingung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine Bedingung, die sowohl notwendig als auch hinreichend ist, wird äquivalente Bedingung genannt. Aussagenlogisch ist dafür das Kürzel iff – engl. if and only if üblich; deutschsprachige Entsprechungen sind g. d. w., abgekürzt für genau dann, wenn und dann und nur dann, Formelzeichen . Alle Bedingungen, die zugleich notwendig und hinreichend für dasselbe Bedingte sind, sind untereinander logisch äquivalent. Bedingung und Bedingtes stehen somit in der logischen Relation des Bikonditionals: .
Ideengeschichtliche Einordnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Unterscheidung zwischen notwendigen und hinreichenden Bedingungen hat eine lange Vorgeschichte in der Wissenschaftstheorie und Kausalitätsforschung. John Stuart Mill formulierte in seinem System der Logik (1843) induktive Methoden – darunter die Differenz- und die Übereinstimmungsmethode –, die der Sache nach auf die Identifikation notwendiger und hinreichender Bedingungen für Kausalzusammenhänge zielen. Er präzisierte David Humes Regularitätsansatz, indem er den Begriff der Ursache als die Gesamtheit der hinreichenden Bedingungen eines Ereignisses fasste.[4]
In der neueren Diskussion werden notwendige und hinreichende Bedingungen zum einen in Kausalitäts- und Erklärungstheorien verwendet (z. B. Regularitätsansätze, INUS-Analysen, kontrafaktische Ansätze). Zum anderen werden sie in der Aussagenlogik und in begriffsanalytischen Kontexten als Beziehungen zwischen Aussagen bzw. als Schema von Definitionen („ genau dann, wenn …“) behandelt.[5]
Aussagenlogik und begriffsanalytischer Gebrauch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die formale Präzisierung der Begriffe erfolgte im Rahmen der modernen Aussagenlogik, vor allem durch die Arbeiten von Gottlob Frege und Bertrand Russell um die Jahrhundertwende. Die Subjunktion als wahrheitsfunktionaler Operator erlaubt es, notwendige und hinreichende Bedingungen exakt zu definieren. In der Aussagenlogik ist äquivalent zur Kontraposition .[6]
Notwendige und hinreichende Bedingung stehen in engem Zusammenhang. Im Rahmen der Aussagenlogik bedeutet (gesprochen „K impliziert B“) sowohl
- „ ist eine hinreichende Bedingung für “ als auch
- „ ist eine notwendige Bedingung für “.
In der Aussagenlogik lassen notwendige und hinreichende Bedingungen allein keine weiteren Schlüsse auf die Art des Zusammenhangs zwischen Bedingung und Bedingtem zu. So folgt aus nicht, dass zwischen und eine kausale oder gesetzesartige Abhängigkeit besteht. Ein Grund dafür ist, dass die materiale Implikation in der klassischen Logik zu den Paradoxien der materialen Implikation führt: Aus „nicht A“ oder aus „B“ folgt jeweils „wenn A, dann B“. Verwandt ist das klassische Problem der „Explosion“ (ex falso quodlibet), das in nichtklassischen Logiken ebenfalls durch Relevanzanforderungen eingeschränkt werden soll.[7][8]
Im Deutschen wird häufig auch als „ nur wenn “ ausgedrückt; logisch ist dies äquivalent zu „wenn , dann “, pragmatisch können die Formulierungen jedoch unterschiedliche Rollen von Konditionalsätzen markieren (z. B. „reason for thinking“ vs. „reason why“).[9]
In der Philosophie werden notwendige und hinreichende Bedingungen zudem häufig als Werkzeug der Begriffsanalyse verwendet, etwa wenn vorgeschlagen wird, einen Begriff durch Bedingungen der Form „ genau dann, wenn …“ zu klären.[10] Anwendungen dieser Analyseform finden sich unter anderem in der Erkenntnistheorie in der Diskussion um den Wissensbegriff (z. B. Analysevorschläge der Form „Wissen genau dann, wenn …“).[11]
Prominent ist dies in der Erkenntnistheorie: Die klassische Analyse von Wissen als „gerechtfertigte wahre Überzeugung“ versteht die einzelnen Bedingungen als notwendig und ihre Konjunktion als hinreichend. Gettier-Fälle werden als Gegenbeispiele gegen diese behauptete Hinreichendheit diskutiert.[12]
Gesetzesartigkeit und kontrafaktische Konditionale
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein Problem für die Überleitung von bloß logisch hinreichenden Bedingungen zu gesetzes- oder kausaltheoretisch relevanten Bedingungen ist die Unterscheidung zwischen gesetzesartigen und akzidentellen Generalisierungen: Im Anschluss an Nelson Goodman wird diskutiert, dass nur „projektible“ Prädikate (und die mit ihnen formulierten Generalisierungen) als Kandidaten für Naturgesetze gelten; damit ist nicht jede logisch passende Bedingungsformulierung automatisch tragfähig für Gesetzmäßigkeiten oder Kausalbeziehungen.[13] Auch für kontrafaktische Lesarten ist relevant, unter welchen Bedingungen kontrafaktische Konditionalsätze als gestützt gelten; Goodmans Diskussion kontrafaktischer Konditionale bildet hierfür einen wichtigen Bezugspunkt, der in späteren kontrafaktischen Kausalitätstheorien (z. B. bei David Lewis) aufgegriffen wurde.[14]
Kausalitätstheorien und Erklärung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bertrand Russell vertrat in „On the Notion of Cause“ (1912) die These, dass der klassische Kausalitätsbegriff in den fundamentalen physikalischen Theorien keine grundlegende Rolle spiele; seitdem wird u. a. diskutiert, ob Kausalität fundamental ist oder in reduktionistischen Theorien aus anderen Strukturen (z. B. Regularitäten oder kontrafaktischen Abhängigkeiten) abgeleitet werden kann.[15]
Carl Gustav Hempel griff die Begriffe in seinem deduktiv-nomologischen Erklärungsmodell auf: Eine wissenschaftliche Erklärung liefert Anfangsbedingungen und Gesetze, die zusammen hinreichend für das Eintreten des Explanandum-Ereignisses sind – d. h. das Explanandum folgt als logische Konsequenz aus dem Explanans.[16] Georg Henrik von Wright betonte die logische Rückübersetzbarkeit von hinreichenden und notwendigen Bedingungen (u. a. über Kontraposition): A ist genau dann eine hinreichende Bedingung für B, wenn die Abwesenheit von A eine notwendige Bedingung für die Abwesenheit von B ist – und umgekehrt.[17]
Für empirische Kausalverhältnisse gilt häufig, dass einzelne Faktoren weder allein notwendig noch allein hinreichend sind. Die INUS-Bedingung des australischen Philosophen John Leslie Mackie stellt ein geschachteltes Konzept dar: Gemeint ist ein nicht hinreichender, aber notwendiger Teil einer nicht notwendigen, aber hinreichenden Bedingung.[18] Dieses Konzept soll insbesondere der Erkenntnis gerecht werden, dass selten äquivalente Bedingungen für empirische Ereignisse ausgemacht werden können, selbst unter ceteris paribus-Klauseln.[19] Im Anschluss an humeanische Positionen und deren Weiterentwicklungen (insbesondere bei David Lewis) werden Kausalbeziehungen in reduktionistischen Ansätzen u. a. als Regularitäten oder als Ketten kontrafaktischer Abhängigkeiten diskutiert.[20][21]
Als Alternativen zu rein humeanischen Theorien werden u. a. prozess- bzw. transfertheoretische Ansätze (Kausalität als physikalischer Prozess) sowie nichtreduktionistische Dispositions- bzw. Kräftetheorien diskutiert, die Kausalität als notwendige Verbindung auffassen.[22]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Friedrich Kambartel: Bedingung. In: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 1. Schwabe, Basel 1971, S. Sp. 762–765.
- Nelson Goodman: Fact, Fiction, and Forecast. Harvard University Press, Cambridge, MA 1955.
- John Leslie Mackie: Causes and Conditions. In: American Philosophical Quarterly. Band 2, Nr. 4, 1965, S. 245–264.
- John Leslie Mackie: The Cement of the Universe. A Study of Causation. Clarendon Press, Oxford 1974, ISBN 0-19-824642-0.
- Georg Henrik von Wright: Causality and Determinism. Columbia University Press, New York 1974.
- Carl Gustav Hempel: Aspects of Scientific Explanation and Other Essays in the Philosophy of Science. Free Press, New York 1965.
- Michael Esfeld: Kausalität. In: Andreas Bartels; Manfred Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. Ein Studienbuch. mentis, Paderborn 2007, S. 89–107.
- Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022.
- Holger Andreas und Mario Guenther: Regularity and Inferential Theories of Causation. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2026.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Alex Broadbent: Causation. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. 2016, abgerufen am 22. April 2026 (englisch).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022., Abschnitt 4: „Inferences, Reasons for Thinking, and Reasons Why“.
- ↑ Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022., Abschnitt 4: „Inferences, Reasons for Thinking, and Reasons Why“.
- ↑ Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022.
- ↑ Alex Broadbent: Causation. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. 2016, abgerufen am 22. April 2026 (englisch)., Abschnitt 4a: „Regularity Theories“.
- ↑ Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022.
- ↑ Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022.
- ↑ N. J. J. Smith: The Logic of Conditionals. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2010.
- ↑ Edwin Mares; Robert K. Meyer: Relevance Logic. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2021.
- ↑ Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022., Abschnitt 4: „Inferences, Reasons for Thinking, and Reasons Why“.
- ↑ Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022.
- ↑ Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022.
- ↑ Brendel, Elke: Wissen. Berlin/Boston: De Gruyter 2013, Kap. 3 „Die klassische Wissenskonzeption und das Gettier-Problem“, S. 27–52. DOI: https://doi.org/10.1515/9783110220131.27
- ↑ Nelson Goodman: Fact, Fiction, and Forecast. Harvard University Press, Cambridge, MA 1955.
- ↑ Nelson Goodman: Fact, Fiction, and Forecast. Harvard University Press, Cambridge, MA 1955.
- ↑ Michael Esfeld: Kausalität. In: Andreas Bartels; Manfred Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. Ein Studienbuch. mentis, Paderborn 2007, S. 89–107.
- ↑ James Woodward: 20th Century Theories of Scientific Explanation. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2025., Abschnitt 2.1: „The Basic Idea“.
- ↑ Georg Henrik von Wright: Causality and Determinism. Columbia University Press, New York 1974., S. 7; zitiert nach Andrew Brennan: Necessary and Sufficient Conditions. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2022..
- ↑ John Leslie Mackie: Causes and Conditions. In: American Philosophical Quarterly. Band 2, Nr. 4, 1965, S. 245–264.
- ↑ John Leslie Mackie: The Cement of the Universe. A Study of Causation. Clarendon Press, Oxford 1974, ISBN 0-19-824642-0., Kap. 2.
- ↑ Michael Esfeld: Kausalität. In: Andreas Bartels; Manfred Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. Ein Studienbuch. mentis, Paderborn 2007, S. 89–107.
- ↑ Alex Broadbent: Causation. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. 2016, abgerufen am 22. April 2026 (englisch)., Abschnitt 4b: „Counterfactual Theories“.
- ↑ Michael Esfeld: Kausalität. In: Andreas Bartels; Manfred Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. Ein Studienbuch. mentis, Paderborn 2007, S. 89–107.