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Newtons Brief

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Newtons Brief ist eine Erzählung von John Banville, die 1982 unter dem Titel The Newton Letter bei Secker & Warburg in London erschienen ist. Newtons Brief ist der letzte Band nach Doctor Copernicus (1976) und Kepler (1981), die zusammen unter dem Titel The Revolutions Trilogy im Londoner Verlag Picador 2000 neu herausgegeben worden sind. Thema des Romans ist die Differenz zwischen Erscheinung und Wirklichkeit, und wie ein Autor seinen Glauben an eine Beschreibbarkeit der Welt verliert.

Die Erzählung, geschrieben als Brief eines anonymen Autors an seinen Mentor Clio, beginnt mit den Worten „Die Worte lassen mich im Stich“.[1] Der Erzähler arbeitet seit langem an einem Buch über Isaac Newton, das Projekt ist jedoch ins Stocken gekommen, und er hat sich daher in Fern House in Südirland eingemietet, um das Buch endlich abzuschließen. Die Geschichte, der Punkt, an dem er hängen bleibt, sind die Vorwürfe, die Locke gegen Newton wegen dessen moralisch zweifelhaften Verhaltens erhoben hat und seiner Verstrickung in Affären mit Frauen, was Newton in seinem Brief empört abstreitet.

Das Haus ist ein düsterer alter Bau, der Erzähler bewohnt ein Gartenhaus auf dem Gelände. Bewohnt wird das Herrenhaus von Charlotte Lawless, die mit ihrer Gärtnerei die Familie ernährt, ihrer Nichte Ottilie, von ihrem Ehemann Edward, und es gibt noch den zehnjährigen Michael. Zu Besuch kommen gelegentlich die Mittlers mit ihren Kindern. Die Familie fasziniert ihn, er beobachtet sie und fängt an, ihr Verhalten zu interpretieren. Ottilie bietet sich ihm an, er beginnt mit ihr eine Affäre, aber er begehrt Charlotte, die ihn in ihrer meditativen Verschlossenheit fasziniert. Er beobachtet den Ehemann, einen chronischen Trinker, von dem er angewidert ist, und er macht sich seine Gedanken über die Herkunft des Knaben Michael. An seinem Buch weiter zu arbeiten, scheint er darüber zu vergessen.

Aber alles, was er da sieht und beschreibt, ist Produkt seiner Phantasie. Edward ist in der Endphase einer Krebserkrankung, Charlotte ist betäubt von Psychopharmaka, Ottilie keineswegs so naiv, wie er denkt, und Michael ist nicht das Kind aus einer Beziehung zwischen Edward und Ottilie.

Historischer und literarischer Hintergrund

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Newton und Locke kannten einander persönlich, es existiert ein Brief zwischen den beiden Exponenten der Europäischen Aufklärung. 1693 erlitt Newton nach fünf schlaflosen Nächten einen psychischen Zusammenbruch, der zu einem völligen Realitätsverlust führte, bei dem er der Überzeugung war, John Locke und Samuel Pepys hätten sich gegen ihn verschworen.[2] Nach dem Zusammenbruch befasste sich Newton intensiv mit esoterischen Themen, dem Okkultismus, der Alchemie, der Kabbalah.[3]

Der Brief, in dem es im Buch geht, und in dem Newton gegen Locke und Pepys polemisiert, ist jedoch fiktiv. In seiner Nachbemerkung zu Newtons Brief schreibt Banville, dass der „zweite“ Brief Newtons an Locke erfunden sei, aber Tonfall und einige Wendungen stammten aus Hugo von Hofmannsthals Brief des Lord Chandos. Banville selbst hat ein Vowort zu The Lord Chandos Letter geschrieben, einer Auswahl von Texten Hofmannsthals in englischer Übersetzung, die NYRB Classics 2005 herausgebracht hat.

Banville bezieht sich in seinem Buch in mehreren Aspekten auf Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften: Ottilie, Charlotte und Edward (Eduard) sind die Namen seiner Protagonisten. Es gibt ein Kind, und ein gewisser Mittler taucht auf, die Konstellation der Personen ist in beiden Werken kompliziert, und ihre Beziehung endet in einer Katastrophe. Und wie Susan Sherman in ihrem Essay ausführt, werden „sowohl in den Wahlverwandtschaften als auch in The Newton Letter [...] in der Erzählform und in der Beziehung der Protagonisten zur Natur die naturwissenschaftlichen Theorien des jeweiligen Jahrhunderts reflektiert“.[4]

„Indem er sich die Wahlverwandtschaften neu vergegenwärtigt, gruppiert Banville Goethes Personen unter einer wissenschaftlichen Metapher um, die impliziert, dass Relativität Bedingung jeder Wahrnehmung und jeden Wissens ist. […] Mr. Banville, der umfangreiche und sorgfältig dokumentierte fiktionale Biografien über Kopernikus und Kepler geschrieben hat, benutzt hier Auswirkungen der Wissenschaft, die er beschreibt, um die Biographie auf sie selbst zurückzuführen. Auf diesem Weg ist er zu einer höchst selbstbewußten und experimentellen Form gelangt, eine Form, die den Newton Brief zu seinem bisher eindrucksvollsten Werke macht“, schreibt Molly Hite von der Cornell University in ihrer Buchbesprechung in der New York Times.[5]

Martin Swales schreibt im London Review of Books: „John Banville has written a compassionate and vibrantly intelligent novel – and also a timely one. Readers of the recent plagiarism debate […] find here a book whose indebtedness to other literary works has nothing to do with derivativeness – nor with a self-regarding pan-literariness. Rather, Banville reminds us of the ways in which, and of the extent to which, literature can legitimately be made out of the issue of its own mode and being – and can thereby address profound issues of human cognition and behaviour.“[6][7]

Rezeption in Film

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Die Erzählung wurde 1984 mit dem Titel Reflections unter der Regie von Kevin Billington für Channel 4 verfilmt. John Banville schrieb das Drehbuch, die Hauptrollen sind mit Gabriel Byrne als Schreiber des Briefs, Donal McCann als Edward, Fionnula Flanagan als Charlotte und Harriet Walter als Ottilie besetzt.

deutsche Übersetzung
  • Rüdiger Imhof: John Banville. A critical introduction. Wolfhound Press, Dublin 1989, ISBN 0-86327-186-3
  • Rüdiger Imhof: The Newton Letter by John Banville. An Exercise in Literary Derivation, in: Irish University Review, Vol. 13, Nr. 2. 1983. S. 162–167.
  • Gundula Sharman: Elective Affinities with Ireland: John Banville’s The Newton Letter and Goethe’s Die Wahlverwandtschaften, in: The Novel in Anglo-German Context. Brill 2000. S. 369–383. (Internationale Forschungen zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft. 38.)
  • Ruth Frener: The Dark One and the Fair: John Banville’s Historians of the Imagination and their Gender Stereotypes, in: Barcelona English language and literature studies. 2000. S. 51–64.

Einzelnachweise

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  1. ↑ = „Words fail me“.
  2. ↑ Isaac Newton’s Personal Life The Newton Project, abgerufen am 25. Juni 2026
  3. ↑ Sir Isaac Newton, der Wissenschaftler und die Kabbalah Jüdische Rundschau, abgerufen am 10. Juli 2026
  4. ↑ Gundula Sharman: Elective Affinities with Ireland: John Banville’s The Newton Letter and Goethe’s Die Wahlverwandtschaften, in: The Novel in Anglo-German Context, Brill 2000. doi:10.1163/9789004486720_028
  5. ↑ Molly Hite: The Newton Letter The Newton Letter in: The New York Times, 19. Juli 1987, abgerufen am 4. Juli 2026
  6. ↑ deutsch = J.B. hat einen einfühlsamen und von Intelligenz sprühenden Roman geschrieben, und zugleich einen zeitlosen. Was die jüngste Plagiats-Debatte […] betrfft, findet der Leser hier ein Buch, dessen Bezüge zu anderen literarischen Werke nichts zu tun haben mit Nachahmung noch mit selbstbezoger Literarizität, Banville erinnert uns vielmehr daran, wie und bis zu welchem Ausmaß Literatur legitimerweise aus ihrer eigenen Art und Bedingung hervorgeht, und dadurch einen profunden Ausdruck menschlicher Erkenntnis und menschlichen Verhaltens anspricht”.
  7. ↑ Martin Swales: Creative Affinities in: London Review of Books, Vol. 4, Nr. 13.-15. Juli 1982