asch-Schāfiʿī

Muhammad ibn Idrīs asch-Schāfiʿī (arabisch محمد بن إدريس الشافعي, DMG Muḥammad ibn Idrīs aš-Šāfiʿī; geb. 767 in Palästina; gest. 20. Januar 820 in al-Fustāt in Ägypten) war ein bedeutender islamischer Rechtsgelehrter, auf den eine eigene Rechtsschule zurückgeführt wird, die als schafiitisch bezeichnet wird. Er gilt bei Schafiiten, Malikiten und Hanbaliten als der eigentliche Begründer der Wissenschaft der Usūl al-fiqh. Die frühen Quellen über sein Leben vermitteln den Eindruck, dass er den Kalām ablehnte, und überliefern zahlreiche kalām-kritische Aussagen von ihm.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Asch-Schāfiʿī gehörte zum mekkanischen Stamm der Quraisch und war ein Nachkomme von al-Muttalib, dem Bruder von Hāschim ibn ʿAbd Manāf. Nach Ibn Abī Hātim ar-Rāzī (gest. 939) wurde er entweder in Ashkelon oder im Jemen geboren, während die meisten anderen Biographen Gaza als Geburtsort angeben. Im Alter von zwei Jahren (oder nach der Quelle, die seine Geburt im Jemen ansiedelt, zehn Jahren) wurde asch-Schāfiʿī von seiner verwitweten und offenbar völlig mittellosen Mutter nach Mekka gebracht, wo sie Verwandte hatten. Hier interessierte sich der Junge eifrig für Poesie und Bogenschießen.[1] Der Hadith-Wissenschaft scheint er in dieser Zeit noch ziemlich ferngestanden zu haben. Der Genealoge Musʿab az-Zubairī (gest. 851) wird mit der Aussage zitiert: „Als sich mein Vater (sc. ʿAbdallāh ibn Musʿab) und asch-Schāfiʿī gegenseitig Verse vortrugen, fielen asch-Schāfiʿī Gedichte der Hudhail ein, die er aus dem Gedächtnis rezitierte. Und er sagte: Bring dies keinem der Hadith-Leute (ahl al-ḥadīṯ) bei, denn sie können dies nicht ertragen.“[2]
Außerdem besuchte asch-Schāfiʿī in Mekka die Lehrsitzungen von Muslim ibn Chālid az-Zandschī (st. 795/96), der als Mufti der Stadt fungierte, und Sufyān ibn ʿUyaina (st. 813). Nachdem er mit 15 Jahren von Chālid die Erlaubnis erhalten hatte, Fatwas zu erstellen, wandte er sich um 786 Mālik ibn Anas in Medina zu und wurde sein Schüler. Dies blieb er etwas zehn Jahre lang, bis Mālik im Jahre 795 starb.[3] Seine Dankbarkeit gegenüber Mālik soll er einmal in die folgenden Worte gefasst haben: „Wenn von Gelehrten die Rede ist, ist Mālik der Star (naǧm), und niemand hat mir mehr Gunst erwiesen als Mālik ibn Anas.“[4]
Sodann übernahm asch-Schāfiʿī ein Amt in Nadschrān im Jemen.[5] Hier wurde er in alidische Umtriebe verwickelt. So huldigte er dem Hasaniden Yahyā ibn ʿAbdallāh. Deswegen wurde er später auch des Schiitentums verdächtigt.[6] Zusammen mit neun Aliden wurde er 803 in Ketten vor den Kalifen Hārūn ar-Raschīd gebracht.[7]
Dank der Intervention des bedeutenden Juristen asch-Schaibānī wurde asch-Schāfiʿī im Gegensatz zu den anderen neun Mitangeklagten vom Kalifen begnadigt, möglicherweise nach Verbüßung einer Gefängnisstrafe. Er wurde zu einem regelmäßigen Besucher von asch-Schaibānīs Kreis und widmete ihm später eine Widerlegung.[5] Bei einem Streitgespräch mit asch-Schaibānī soll er einmal auf die Überlegenheit seines Lehrers Mālik gegenüber asch-Schaibānīs Lehrer Abū Hanīfa gepocht haben.[8] Nach diesem ersten Irak-Aufenthalt kehrte asch-Schāfiʿī nach Mekka zurück, wo er etwa neun Jahre blieb und sich als Lehrer betätigte. Ab 810 lehrte er wieder in Bagdad. 813, wahrscheinlich nach einem weiteren Besuch im Hedschas, war asch-Schāfiʿī erneut in Bagdad, allerdings nur für wenige Monate. Es war wahrscheinlich die Zeit danach, dass Ahmad ibn Hanbal (gest. 855) al-Schāfiʿī in Mekka traf.[5]
Um 814 ließ sich asch-Schāfiʿī in Fustāt nieder, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 820 in der ʿAmr-Moschee lehrte.[9] Die Umstände seines Todes im Alter von 54 Jahren, am letzten Tag des Radschab 204 (= 20. Januar 820), sind unklar: Einige behaupten, er sei an den Folgen eines gewaltsamen Angriffs durch einen fanatischen Malikiten gestorben, andere sprechen von Krankheit.[10]
Schüler
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach Ibn ʿAbd al-Barr gehörten zu asch-Schāfiʿīs Schülern in Mekka Abū Bakr al-Hamīdī (gest. 835) und Abū Ishāq al-Muttalibī.[11] In Bagdad gehörten zu seinen Schülern az-Zaʿfarānī (gest. 874), al-Husain al-Karābīsī (gest. 862/63), Abū Thaur (gest. 854), Ahmad ibn Hanbal (gest. 855) und Abū ʿUbaid al-Qāsim ibn Sallām (gest. 838).[12] Und die führenden Überlieferer seiner Lehre in Ägypten waren Harmala (gest. 857), Abū Yaʿqūb al-Buwaitī (gest. 846), al-Muzanī (gest. 877), Yūnus ibn ʿAbd al-Aʿlā (gest. 879), ar-Rabīʿ ibn Sulaimān al-Murādī (gest. 884) und ʿAbdallāh ibn ʿAbd al-Hakam, der Vater von Ibn ʿAbd al-Hakam.[13]
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Asch-Schāfiʿī hat 113 bis 140 Schriften verfasst, von denen 109 bei Ibn an-Nadīm aufgeführt werden.[14]
ar-Risāla
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]ar-Risāla („Sendschreiben“). Asch-Schāfiʿī nannte sein Buch selbst al-Kitāb. Der Titel "Sendschreiben" bezieht sich darauf, dass asch-Schāfiʿī dieses Werk als Antwort auf Bitten des Traditionisten ʿAbd ar-Rahmān ibn Mahdī (st. 813) abfasste und ihm zuschickte.[15] ʿAbd ar-Rahmān hatte ihn gebeten, ein Werk abzufassen, das sich mit rechtlichen Aussagen des Korans, den historischen Berichten, die sich auf sie beziehen, und der Beweiskraft des Idschmāʿ befasst und Klarheit über die abrogierenden und abrogrierten Aussagen von Koran und prophetischer Sunna schafft.[16] Das Buch gilt als das erste Werk zu den Usūl al-fiqh, allerdings kommt dieser Ausdruck an keiner Stelle des Werks vor.[17]
Nach Lowry dreht sich asch-Schāfiʿīs Risāla vor allem um das juristisch-hermeneutische Konzept des bayān ("Erläuterung"). Nach diesem Konzept ist das islamische Gesetz grundsätzlich in Koran und Sunna enthalten, wobei sich die einzelnen rechtlichen Regeln auf fünferlei Art aus diesen Quellen ergeben: (1) aus dem Koran allein; (2) aus Koran und Sunna zusammen, wobei beide auf dasselbe hinauslaufen; (3) aus Koran und Sunna zusammen, wobei die Sunna den Koran erläutert; (4) aus der Sunna allein; (5) aus keiner der beiden Rechtsquellen. In letztgenanntem Fall ist eigene Urteilsbemühung (Idschtihād) erforderlich.[18]
Nach al-Baihaqī hat asch-Schāfiʿī zwei ar-Risāla betitelte Schriften verfasst, eine alte und eine neue.[19] Fachr ad-Dīn ar-Rāzī gibt an, dass asch-Schāfiʿī seine Risāla in Bagdad abgefasst und dann nach seiner Übersiedlung nach Ägypten neu geschrieben habe.[20]
Kitāb al-Umm
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kitāb al-Umm („Das grundlegende Werk“). Es handelt sich um eine Sammlung von Abhandlungen asch-Schāfiʿīs, die erst nach seinem Tode von Schülern besorgt und unter diesem Titel verbreitet wurde. Zwar nahm sein Schüler Rabīʿ ibn Sulaimān für sich in Anspruch, die Sammlung zusammengestellt zu haben, doch hatte er sie in Wirklichkeit Yūsuf ibn Yahyā al-Buwaitī (gest. 845), einem anderen Schüler asch-Schāfiʿīs, übernommen.[21] Zu den Werken, die in ihm zusammengestellt wurden, gehören Iḫtilāf al-ʿIrāqīyīn, Iḫtilāf Mālik wa-š-Šāfiʿī, Ǧimāʿ al-ʿilm und Ibṭāl al-istiḥsān.[22] Die moderne Druckausgabe umfasst sieben Bände. Sein Schüler al-Muzanī verfasste dazu einen Auszug (muḫtaṣar).
Iḫtilāf Mālik wa-š-Šāfiʿī ist eine Widerlegung von Mālik ibn Anas, die in ihrer überlieferten Form das Werk eines Schülers von asch-Schāfiʿī ist.[3] Nach dem Bericht al-Baihaqīs, der sich auf ein Werk des basrischen Traditionariers Zakarīyā ibn Yahyā as-Sādschī (gest. 920) stützt, war der Grund für die Abfassung des Werks, dass asch-Schāfiʿī gehört hatte, dass es in al-Andalus eine Kappe Māliks gab, die von den Muslimen für das Regengebet verwendet wurde. Außerdem hätten die Malikiten den Aussagen Māliks höhere Autorität zugesprochen als den Aussagen des Gottesgesandten. Demgegenüber betonte asch-Schāfiʿī die Fehlbarkeit Māliks. Die von asch-Schāfiʿī abgelehnte übermäßige Verehrung Māliks durch seine Anhänger habe ihn schließlich veranlasst, dieses Buch gegen Mālik zu schreiben.[23] Die Malikiten nahmen ihm die Abfassung des Werks sehr übel.[3]
Andere Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Kitāb Iḫtilāf al-ḥadīṯ ("Buch über das Widersprüchliche im Hadith"). Das Werk ist am Rande des Kitāb al-Umm abgedruckt worden.[24]
- Aḥkām al-Qurʾān, Buch zur juristischen Koraninterpretation asch-Schāfiʿīs, von al-Baihaqī (gest. 1066) zusammengestellt.[24]
- Musnad, eine Sammlung von Traditionen, die von Abū l-ʿAbbās Muhammad ibn Yaʿqūb al-Asamm (gest. 861) aus verschiedenen Schriften asch-Schāfiʿīs zusammengestellt wurde und später mehrfach kommentiert wurde.[25]
- Außerdem wird ein dogmatisches Vermächtnis (waṣīya) von asch-Schāfiʿī überliefert.[26]
- Hāddschi Chalīfa schreibt ihm außerdem ein Werk mit dem Titel at-Tanqīḥ fī ʿilm al-qiyāfa über die Kunst des Spurenlesens zu.[27]
- Ein Buch über die Fadā'il der Quraisch.[28]
Ahmad ibn Hanbal soll die Bücher asch-Schāfiʿīs, die er in Ägypten verfasst hatte, denjenigen aus seiner irakischen Zeit vorgezogen haben, weil er meinte, dass asch-Schāfiʿī erst nach seiner Übersiedlung nach Ägypten sein Fach richtig beherrschte.[29]
Nachwirkung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Stellung in der schafiitischen Rechtsschule
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach überlieferten Aussagen seiner Schüler wünschte sich asch-Schāfiʿī, dass sich sein Wissen möglichst schnell verbreitete, wollte aber nicht, dass es ihm zugeschrieben wurde.[30] Seine Schüler forderte außerdem dazu auf, ihm gegenüber keinen Taqlīd zu betreiben.[31] Dennoch bildete sich nach seinem Tod ein eigener Madhhab um seine Lehren mit Zentrum in Ägypten. Von dort verbreitete er sich im 10. Jahrhundert in den Irak und nach Chorasan.[32]
Mehrere Schāfiʿiten, darunter al-Baihaqī (st. 1066), Fachr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1209) und Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī (gest. 1449), verfassten später Werke über die „hervorragenden Eigenschaften“ (manāqib) asch-Schāfiʿīs.[33] Der chorasanische Gelehrte al-Dschuwainī (gest. 1085) sah in asch-Schāfiʿī einen Rechtsgelehrten, der einen guten Kompromiss zwischen der utilitaristischen Tendenz von Mālik ibn Anas und dem zu sehr auf die Einzelheiten ausgerichteten Ansatz Abū Hanīfas gefunden hatte. In seiner Werbeschrift für den schafiitischen Madhhab mit dem Titel Muġīṯ al-ḫalq fī tarǧīḥ al-qaul al-ḥaqq schreibt er:
„Mālik hat es bei der Berücksichtigung der allgemeinen Interessen (maṣāliḥ mursala), die nicht auf Belege des religiösen Gesetzes gestützt sind, zu weit getrieben. Abū Hanīfa hat seinen Blick auf die Partikularitäten, praktischen Anwendungen und Einzelheiten beschränkt, ohne den Grundprinzipien Beachtung zu schenken. Asch-Schāfiʿī dagegen – Gott habe Wohlgefallen an ihm – verbindet die Prinzipien (qawāʿid) mit den praktischen Anwendungen (furūʿ). So ist der von ihm eingeschlagene Weg (maḏhab) der geradeste Weg und sein Streben dasjenige, das am treffsichersten ist.“
Der Bagdader Rechtsgelehrte Ibn ad-Dahhān (gest. 1196) führt in seinem Werk Taqwīm an-naẓar den Ausspruch an, dass der Grund für die Kürze des Lebens asch-Schāfiʿīs der Erhalt der Meinungsdifferenzen gewesen sei, weil in dem Fall, dass er länger gelebt hätte, diese beseitigt worden wären.[35]
Die Verehrung von asch-Schāfiʿīs Grab
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Asch-Schāfiʿī stand auch schon früh im Rufe eines Heiligen. Nach einem Bericht al-Maqrīzīs trat im Jahre 1081 Nizām al-Mulk, der Wesir des Seldschukenreichs, mit seinem fatimidischen Kollegen Badr al-Dschamali in briefliche Verhandlungen, um die Überreste asch-Schāfiʿīs nach Bagdad überführen zu lassen, weil er damit seine Nizāmīya-Schule, in der asch-Schāfiʿīs Rechtssystem gelehrt wurde, ausstatten wollte. Als jedoch Badr al-Dschamali mit seinen Leuten daranging, den Leichnam asch-Schāfiʿīs zu exhumieren, kam es zu heftigen Protesten der örtlichen Bevölkerung, die den Wesir und seinen Oberherrn, den Kalifen al-Mustansir jedoch nicht davon abhielten, an dem Unternehmen festzuhalten. Al-Maqrīzī berichtet, dass nun aber durch ein wunderhaftes Eingreifen asch-Schāfiʿīs der Plan vereitelt wurde. Just zu dem Augenblick, als sich die Bauleute daran machten, die Ziegeln des Grabes abzutragen, trat nämlich ein betörender Duft aus seinem Grab, der diese für eine Stunde ohnmächtig werden ließ. Als sie wieder aufwachten, sollen sie sich geweigert haben, das Unternehmen fortzusetzen, und das Grab wieder verschlossen haben.[36]
Im Jahre 1211 ließ al-Malik al-Kamil über dem Grab asch-Schāfiʿīs ein Mausoleum errichten. Der Kuppelbau (qubba) liegt weit im Südosten des Kairoer Gräberviertels. Der reich verzierte hölzerne Sarg wurde früher in einer Jahreswallfahrt (maulid, mausim) aufgesucht. In weiteren Grabstätten der Anlage sind der Erbauer der Moschee und seine Familie beigesetzt.
Wertschätzung außerhalb der schafiitischen Rechtsschule
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auch außerhalb seiner Rechtsschule wird asch-Schāfiʿī als Rechtsdenker geschätzt. Ahmad ibn Hanbal wird mit der Aussage zitiert, dass asch-Schāfiʿī in vier Dingen ein Philosoph gewesen sei: in der Lexik (luġa), im Dissens der Menschen (iḫtilāf an-nās), in der Semantik (maʿānī) und im Fiqh.[37] Hanbaliten versuchten aufzuzeigen, dass asch-Schāfiʿī mit ihnen in der Ablehnung des Kalām übereinstimmte. Ibn Qaiyim al-Dschauzīya (st. 1350) schloss dies unter anderem aus der Tatsache, dass in der erweiterten Hamdala am Anfang von asch-Schāfiʿīs Risāla Gott als derjenige beschrieben wird, „der so ist, wie er sich selbst beschrieben hat, und über dem steht, womit ihn die Menschen beschrieben haben“ (allaḏī huwa kamā waṣafa nafsah, wa-fauqa mā yaṣifuhū bihi ḫalquh).[38] Ibn al-ʿImād (gest. 1679) überlieferte von ihm den Ausspruch: „Es gibt nichts, was mir mehr verhasst ist als der Kalām und seine Anhänger“ (mā šaiʾun abġaḍu ilaiya min al-kalām wa-ahli-hī).[39]
Asch-Schāfiʿī als Begründer der Usūl al-fiqh
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die schafiitischen Gelehrten betrachteten asch-Schāfiʿī schon früh als den Begründer der Usūl al-fiqh. So schrieb al-Dschuwainī in Muġīṯ al-ḫalq über ihn: „Er war der Erste, der die Prinzipien (uṣūl) in eine Ordnung brachte, die Beweise leicht zugänglich machte, ordnete und erklärte, worüber er seine Abhandlung verfasste.“[40] Fachr ad-Dīn ar-Rāzī erklärte in seinem Manāqib-Werk, die Menschen seien sich darüber einig, dass der erste, der ein Werk über Usūl al-fiqh verfasst habe, asch-Schāfiʿī gewesen sei. Er habe ihre Themen geordnet, ihre verschiedenen Teile von einander geschieden und der Stärke nach in ein hierarchisches System gebracht.[41] Sein Verhältnis zu den Usūl al-fiqh entspreche dem Verhältnis von Aristoteles zur Logik und dem Verhältnis von al-Chalīl ibn Ahmad zur arabischen Metrik. Zwar hätten schon vor Aristoteles die Menschen Beweise durchführen und schon vor al-Chalīl ibn Ahmad Dichter Verse schmieden können, doch hätten die beiden in ihren Gebieten die universalen Gesetze festgelegt. So sei es auch mit asch-Schāfiʿī: Die Menschen hätten zwar schon vor ihm Fragen des Fiqh behandelt, jedoch noch kein universales Gesetz besessen, auf das sie bei der Einordnung der religionsgesetzlichen Beweise zurückgreifen konnten. Dieses habe erst asch-Schāfiʿī entwickelt. So sei seine Stellung hinsichtlich der „Wissenschaft vom Religionsgesetz“ (ʿilm aš-šarʿ) vergleichbar der Stellung von Aristoteles zur „Verstandeswissenschaft“ (ʿilm al-ʿaql).[42]
Zwei schafiitische Autoren des 14. Jahrhunderts, as-Subkī (gest. 1370) und az-Zarkaschī (gest. 1392), lieferten in ihren Werken lange Listen von Usūl-al-fiqh-Büchern, die sie jeweils mit der Risāla asch-Schāfiʿīs beginnen ließen.[43] Zu dieser Zeit verbreitete sich die Auffassung von asch-Schāfiʿī als Begründer der Usūl al-fiqh auch bei Gelehrten anderer Rechtsschulen.[44] So erklärt Ibn Chaldūn (gest. 1406) in seiner Muqaddima, dass asch-Schāfiʿī der erste sei, der über Usūl al-fiqh geschrieben habe. Er habe darüber seine berühmte Risāla diktiert, in der er über Gebote und Verbote, über bayān (Erläuterung) und ḫabar (Bericht), Abrogation und die Stellung des wörtlichen angeführten Grunds (ʿilla manṣūṣa) beim Qiyās gesprochen habe. Später hätten die Rechtsgelehrten der Hanafiten darüber geschrieben, jene Grundlagen erörtert und ausgearbeitet.[45]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Arabische Quellen
- Ibn Abī Ḥātim ar-Rāzī (gest. 938): Ādāb aš-Šāfiʿī wa-manāqibu-hū. Ed. ʿAbd al-Ġanī ʿAbd al-Ḫāliq. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Kairo 2003. (archive.org).
- al-Baihaqī (gest. 1066): Manāqib aš-Šāfiʿī. Ed. Aḥmad Ṣaqar. Dār at-Tūrāṯ, Kairo, 1970, (archive.org).
- Ibn ʿAbd al-Barr (gest. 1071): al-Intiqāʾ fī faḍāʾil al-aʾimma aṯ-ṯalāṯa al-fuqahāʾ. Kairo 1932. S. 65–120. (Textarchiv – Internet Archive).
- al-Ḫaṭīb al-Baġdādī (gest. 1071): Taʾrīḫ Baġdād. Ed. Muṣṭafā ʿAbd al-Qādir ʿAṭā. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 2004. Bd. II, S. 54–70. (Textarchiv – Internet Archive).
- al-Ǧuwainī (gest. 1085): Muġīṯ al-ḫalq fī tarǧīḥ al-qaul al-ḥaqq. Kairo 1934. Digitalisat
- Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1209): Manāqib al-imām aš-Šāfiʿī. Ed. Aḥmad Ḥiǧāzī as-Saqqā. Maktabat al-Kullīya al-Azharīya, Kairo, 1986. (archive.org).
- Yāqūt ar-Rūmī (gest. 1229): Muʿǧam al-udabāʾ. Ed. Iḥsān ʿAbbās. Dār al-Ġarb al-islāmī, Beirut 1993. S. 2393–2418. (Textarchiv – Internet Archive).
- Šams ad-Dīn aḏ-Ḏahabī (gest. 1348): Siyar aʿlām an-nubalāʾ. Ed. Šuʿaib al-Arnaʾūṭ und Ḥusain al-Asad. Muʾassasat ar-Risāla, Beirut, 1982. Bd. X, S. 5–98. Digitalisat
- Muḥammad ibn ʿAbd ar-Raḥmān al-ʿUṯmānī: Ṭabaqāt al-fuqahāʾ al-kubrā. Ed. Muḥyī d-Dīn ʿAlī Naǧīb. Dār al-Bašāʾir al-islāmīya, Beirut 2013. S. 180–196. Digitalisat
- Sekundärliteratur
- Paul-Richard Berger: „Safiʿi“. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Bautz, Herzberg 1994. Bd. VIII, Sp. 1172–1176. Memento Archive.org
- E. Chaumont: al-S̲h̲āfiʿī. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden 1995. Bd. IX, S. 181a-185a.
- Wael B. Hallaq: “Was al-Shafiʿi the Master Architect of Islamic Jurisprudence?” in: International Journal of Middle East Studies 25 (1993) 587–605. Wieder abgedruckt in Hallaq: Law and Legal theory in Classical and Medieval Islam. Aldershot 1995.
- W. Heffening: al-S̲h̲āfiʿī. In: Enzyklopädie des Islam. Brill, Leiden 1934. Bd. IV, S. 271a–273a. (Textarchiv – Internet Archive).
- Henri Laoust: Šâf'î et le kalâm d’après Râzi. In: Recherches d’islamologie: Recueil d'articles offert à Georges C. Anawati et Louis Gardet. Éditions Peeters, Louvain 1978. S. 389–401.
- Joseph Lowry: Early Islamic Legal Theory. The Risāla of Muḥammad ibn Idrīs al-Shāfiʿī. Leiden 2007.
- George Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. in Studia Islamica 59 (1984) 5–47. - Wieder abgedruckt in George Makdisi: Religion, Law and Learning in Classical Islam Hampshire 1991.
- Stephennie Mulder: The Mausoleum of Imam Al-Shafiʿi. In: Muqarnas 23 (2006) 15–46.
- Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Band I, Brill, Leiden 1967, S. 484–490.
- Ferdinand Wüstenfeld: "Der Imâm el-Schâfi`í, seine Schüler und Anhänger bis zum J. 300 d.H." in Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen 36 (1890) 1–105 (eudml.org).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Chaumont: "al-Shāfiʿī". 1995, S. 181b.
- ↑ Yāqūt ar-Rūmī: Muʿǧam al-udabāʾ. 1993, S. 2403.
- ↑ a b c Chaumont: "al-Shāfiʿī". 1995, S. 182a.
- ↑ Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ min faḍāʾil aṯ-ṯalāṯa al-aʾimma al-fuqahāʾ. 1932, S. 23.
- ↑ a b c Chaumont: "al-Shāfiʿī". 1995, S. 182b.
- ↑ aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1982, Bd. X, S. 58.
- ↑ Heffening: „al-Shāfiʿī“ 1934, S. 271.
- ↑ Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ min faḍāʾil aṯ-ṯalāṯa al-aʾimma al-fuqahāʾ. 1932, S. 23f.
- ↑ Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 484f.
- ↑ Chaumont: "al-Shāfiʿī". 1995, S. 183a.
- ↑ Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ fī faḍāʾil al-aʾimma aṯ-ṯalāṯa al-fuqahāʾ. 1932, S. 104–105.
- ↑ Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ fī faḍāʾil al-aʾimma aṯ-ṯalāṯa al-fuqahāʾ. 1932, S. 105–107.
- ↑ Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ fī faḍāʾil al-aʾimma aṯ-ṯalāṯa al-fuqahāʾ. 1932, S. 109–113.
- ↑ Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 486.
- ↑ Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 488.
- ↑ Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. 1984, S. 6.
- ↑ Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. 1984, S. 9.
- ↑ Lowry: Early Islamic Legal Theory. The Risāla of Muḥammad ibn Idrīs al-Shāfiʿī. 2007, S. 23f.
- ↑ al-Baihaqī: Manāqib aš-Šāfiʿī. 1970, S. 246.
- ↑ ar-Rāzī: Manāqib al-imām aš-Šāfiʿī. 1986, S. 157.
- ↑ Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 486f.
- ↑ Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 487.
- ↑ al-Baihaqī: Manāqib aš-Šāfiʿī. 1970, S. 508f.
- ↑ a b Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 489.
- ↑ Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 488f.
- ↑ F. Kern: „Ein dogmatisches Vermächtnis des Imām aš-Šāfiʿī“ in Mitteilungen des Seminars für Orientalische Sprachen 13 (1910) 141–145.
- ↑ Hāǧǧi Ḫalīfa: Kašf aẓ-ẓunūn ʿan asāmī al-kutub wa-l-funūn. Dār Iḥyāʾ at-turāṯ al-ʿArabī, Beirut ohne Datum. S. 500 (Textarchiv – Internet Archive)
- ↑ al-Baihaqī: Manāqib aš-Šāfiʿī. 1970, Bd. I, S. 247.
- ↑ aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1982, Bd. X, S. 55.
- ↑ Ibn Abī Ḥātim ar-Rāzī: Ādāb aš-Šāfiʿī wa-manāqibu-hū. 2003, S. 68.
- ↑ Ibn Abī Ḥātim ar-Rāzī: Ādāb aš-Šāfiʿī wa-manāqibu-hū. 2003, S. 69.
- ↑ Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. 1984, S. 20.
- ↑ Vgl. Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 486.
- ↑ al-Ǧuwainī: Muġīṯ al-ḫalq fī tarǧīḥ al-qaul al-ḥaqq. 1934. S. 78.
- ↑ Ibn ad-Dahhān: Kitāb Taqwīm an-naẓar fī masāʾil ḫilāfīya ḏāʾiʿa wa-nubaḏ maḏhabīya nāfiʿa. Ed. Ṣāliḥ Ibn-Nāṣir Ibn-Ṣāliḥ al-Ḫuzaim. Maktabat ar-Rušd, Riad 2001. Bd. I, S. 56. Online-Version
- ↑ al-Maqrīzī: al-Mawāʿiẓ wa-l-iʿtibār bi-ḏikr al-Ḫiṭaṭ wa-l-āṯār. Ed. M. Zaynihim, M. aš-Šarqāwī. 3 Bde. Kairo 1998. Bd. III, S. 692f.
- ↑ al-Baihaqī: Manāqib aš-Šāfiʿī. 1970, Bd. II, S. 41.
- ↑ Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. 1984, S. 41.
- ↑ Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. 1984, S. 17f.
- ↑ al-Ǧuwainī: Muġīṯ al-ḫalq fī tarǧīḥ al-qaul al-ḥaqq. 1934. S. 34.
- ↑ ar-Rāzī: Manāqib al-imām aš-Šāfiʿī. 1986, S. 153.
- ↑ ar-Rāzī: Manāqib al-imām aš-Šāfiʿī. 1986, S. 156f.
- ↑ Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. 1984, S. 30–32.
- ↑ Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. 1984, S. 6.
- ↑ Ibn Ḫaldūn: al-Muqaddima. Ed. Étienne Marc Quatremère. Paris, 1858. Bd. III, S. 21 Digitalisat
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schāfiʿī, asch- |
| ALTERNATIVNAMEN | Schafii, Muhammad ibn Idris al-; Schafii, Muhammad ibn Idris asch-; محمد بن إدريس الشافعي (arabisch); Muḥammad b. Idrīs aš-Šāfiʿī |
| KURZBESCHREIBUNG | islamischer Rechtsgelehrter |
| GEBURTSDATUM | 767 |
| GEBURTSORT | Palästina |
| STERBEDATUM | 820 |
| STERBEORT | Fustāt (Alt Kairo) |