Zum Inhalt springen

Minimum Viable Product

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Ein Diagramm, das veranschaulicht, wie man mit der Entwicklung und Markteinführung eines minimalen funktionsfähigen Produkts beginnen kann, indem man zunächst das einfachste Produkt mit den wichtigsten Funktionen ausstattet, falls dies möglich ist und einem potenziellen Kunden frühzeitig vorstellt.

Ein Minimum Viable Product (MVP)[1][2], wörtlich ein „minimal brauchbares oder existenzfähiges Produkt“, ist die erste minimal funktionsfähige Iteration eines Produkts als Teil einer Produktentwicklung, die dazu dient, möglichst schnell aus dem Feedback von Erstbenutzern zu lernen und so Fehlentwicklungen an den Anforderungen der Nutzer vorbei zu verhindern.

Von Bedeutung in diesem Zusammenhang ist, dass die Iteration der Entwicklung oder Herstellung einen ersten „brauchbaren“ Nutzen bietet, sodass die Nutzer das Produkt auch einsetzen können.[3][4] Durch die frühe Veröffentlichung eines MVP können rasch Rückmeldungen von Nutzern eingeholt werden. Daraus lässt sich für die weitere Entwicklung lernen und das Produkt kann frühzeitig an Kundenwünsche angepasst oder verbessert werden.

Entstehungsgeschichte

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff des MVP entstammt dem Lean-Startup-Gedanken und wurde im Jahre 2001 (vgl. New Economy und Informationszeitalter) von dem Unternehmer Frank Robinson geprägt und von Steve Blank und Eric Ries popularisiert.[5]

Anwendungsbereiche

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff MVP wird im Zusammenhang mit agiler Softwareentwicklung bzw. agilem Projektmanagement[4] und anderen Produktentwicklungen verwendet. MVP ist zudem ein Element des Lean Managements.

Grundsätzlich versucht man in der Softwareentwicklung, im Ingenieurwesen, aber auch in vielen anderen Branchen[6], über konventionelle Methoden und Verfahren einen Prototyp zu entwickeln. Ein Prototyp in der Softwareentwicklung besitzt außerdem weitere eigene Unterscheidungsmerkmale. Dem MVP oder Prototyp ist synonym der Proof of Concept, der eine ähnliche Intention verfolgt. Eine Durchführbarkeitsstudie würde vorweg erfolgen. Bei der Produktentwicklung spielt zudem der Time-to-Market eine überragende Rolle.

Dabei unterscheiden sich die Anwendungsfälle der Benutzer eines MVP deutlich von denen der Entwicklung. Ersteres ist kategorisch der Validierung zuzuordnen, Letzteres dem Test und der Verifikation (siehe auch Verifikation und Validierung). Im Falle der industriellen Produktentwicklung, beispielsweise in der Automobilindustrie oder Luft- und Raumfahrt, spielen außerdem die Musterstände eine übergeordnete Rolle (siehe auch Bemusterung).

MVPs werden im Rahmen des Projektmanagements und des Scopemanagements von Produktmanagern, Business Analysten, Product Ownern und Projektmanagern gesteuert oder angefordert.

Ziel und Zwecke

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ziel der MVP-Strategie ist die Vermeidung von Produkten, die die Kunden gar nicht wollen oder diese von deren Funktion, Eigenschaften oder Qualität enttäuscht sein könnten.[7] Für solche Fälle ist das Inhalts- und Umfangsmanagement außerdem von entscheidender Bedeutung. Das MVP versucht dabei explizit, eine starre und lineare Entwicklung (vgl. Wasserfallmodell) zu vermeiden.

Das „schnell und einfach“ erstellte erste Produkt (MVP) wird nur mit den nötigsten „Kernfunktionen“ ausgestattet, z. B. (für einen Onlineservice) durch eine Landingpage. Das MVP wird sodann veröffentlicht, um das Feedback von (möglichen) Kunden einzuholen; dabei spielen frühzeitige Anwender eine besondere Rolle, die sich am besten in die Produktabsicht hineinversetzen können. Das Feedback sollte dann dazu genutzt werden, das MVP iterativ zu erweitern und zu verbessern, je nach gewähltem Vorgehensmodell der Entwicklung oder Herstellung. Die gewonnene Information über Kundenwünsche soll auch dazu beitragen, den Kapitaleinsatz auf das beste Produkt oder Eigenschaft eines Produkts zu lenken.

Das MVP verfolgt unter anderem die folgenden Zwecke:

Weitere Minimum-Konzepte

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Minimum Marketable Products

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Je nach Quelle unterscheidet sich die Definition eines Minimum Marketable Products (MMP) und die Abgrenzung zum MVP. Während die beiden Begriffe häufig synonym verwendet werden (vgl. Maurya[3]), wird in anderen Quellen ein MVP zu einem MMP weiterentwickelt. Das MVP stellt dabei eher ein Mockup oder eine Simulation des Produkts dar, um Kundenfeedback einzuholen und in die Entwicklung des Produkts einfließen zu lassen. Sobald das Produkt für die Nutzer real einsetzbar ist, wird es dann als MMP veröffentlicht. Diese Abgrenzung ist in diversen Quellen zu finden, wird aber auch kontrovers diskutiert.[9]

Minimum Viable Team

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das MVP-Konzept lässt sich auf andere Aspekte des Start-up-Unternehmens (Entrepreneurship) übertragen, so zum Beispiel das Minimum Viable Team (MVT), das bedeutet die minimale Belegschaft mit allen nötigen Kompetenzen, um das MVP zu verwirklichen.

Viele Entwickler mobiler und digitaler Produkte (vgl. Digital Economy) üben Kritik am MVP, da Kunden durch Plattformen (wie z. B. den App Stores) sehr leicht zwischen Konkurrenzprodukten wechseln können.[10] Produkte, die nicht den erwarteten Mindeststandard an Qualität bieten, sind Wettbewerbern unterlegen, die mit einem höheren Standard in den Markt einsteigen. Aus der Kritik am MVP-Ansatz haben sich mehrere neue Ansätze gebildet, zum Beispiel das Minimum Viable Experiment (MVE)[11] oder das Minimum Awesome Product (MAP).[12]

Insbesondere bei der Ablöse bestehender Produkte (Produktlebenszyklus) oder wenn vergleichbare Konkurrenzprodukte am Markt vorhanden sind, bietet die sehr reduzierte Funktionalität eines MVPs möglicherweise nicht genügend Nutzen, sodass das Produkt von den Kunden nicht angenommen wird und deshalb auch kein Nutzerfeedback eingeholt werden kann.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Regan Stevenson, Devin Burnell, Greg Fisher: The Minimum Viable Product (MVP): Theory and Practice. In: Journal of Management. Band 50, Nr. 8, November 2024, ISSN 0149-2063, S. 3202–3231, doi:10.1177/01492063241227154 (englisch, sagepub.com [abgerufen am 24. Oktober 2026]).
  2. ↑ Jason Lortie, Kevin Cox, Sean DeRosset, Regina Thompson, Scott Kelly: Unpacking the minimum viable product (MVP): a framework for use, goals and essential elements. In: Journal of Small Business and Enterprise Development. Band 32, Nr. 1, 21. Januar 2025, ISSN 1462-6004, S. 212–235, doi:10.1108/JSBED-02-2024-0075 (englisch, emerald.com [abgerufen am 24. Oktober 2026]).
  3. 1 2 Ash Maurya: Running Lean: Iterate from Plan A to a Plan That Works (= The Lean Series). 2. Auflage. O'Reilly, Sebastopol, CA 2012, ISBN 978-1-4493-0517-8 (englisch).
  4. 1 2 Ursula Kusay-Merkle: Minimum Viable Product & Minimum Marketable Features – Warum es so wichtig ist, in „Wellen“ oder „Häppchen“ zu denken. In: Agiles Projektmanagement im Berufsalltag. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-662-62809-6, S. 209–213, doi:10.1007/978-3-662-62810-2_14 (springer.com [abgerufen am 24. Oktober 2026]).
  5. ↑ Minimum Viable Product: 5 Fragen zum MVP. In: Computerwoche. 15. November 2023, abgerufen am 24. Oktober 2026.
  6. ↑ Jürgen Münch, Fabian Fagerholm, Patrik Johnson, Janne Pirttilahti, Juha Torkkel, Janne Jäarvinen: Creating Minimum Viable Products in Industry-Academia Collaborations. In: Lean Enterprise Software and Systems. Band 167. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-44929-1, S. 137–151, doi:10.1007/978-3-642-44930-7_9 (englisch, springer.com [abgerufen am 24. Oktober 2026]).
  7. ↑ 6 gefährliche Irrtümer zum Minimum Viable Product. In: startworks.de. 9. Juni 2016, abgerufen am 24. Oktober 2026.
  8. ↑ Dave Meier: The Accelerated Learning Handbook. McGraw Hill, New York 2000, ISBN 978-0-07-182216-9 (englisch, archive.org [abgerufen am 24. Oktober 2026]).
  9. ↑ The Minimum Viable Product and the Minimal Marketable Product. In: Roman Pichler. 9. Oktober 2013, abgerufen am 24. Oktober 2026 (britisches Englisch, Die Definition in diesem Artikel zielt auf eine synonyme Verwendung der beiden Begriffe ab.).
  10. ↑ The MVP is dead, long life to the MAP. (Minimum Awesome Product). In: Medium. 5. Februar 2018, abgerufen am 24. Oktober 2026.
  11. ↑ Death to the Minimum Viable Product! In: blog.validately.com. Lean Customer Research, 28. Januar 2015, archiviert vom Original am 19. Oktober 2018; abgerufen am 24. August 2021 (amerikanisches Englisch).
  12. ↑ Minimum Awesome Product in der App-Entwicklung. In: fluidmobile GmbH. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 9. Januar 2019; abgerufen am 11. Januar 2019 (deutsch).