Musée des Années Trente

Das Musée des Années Trente ist ein städtisches Museum in Boulogne-Billancourt, einem westlichen Vorort von Paris im Département Hauts-de-Seine, das auf die Kunst, das Kunsthandwerk und das Industriedesign der 1930er Jahre spezialisiert ist.[1] Das Museum befindet sich im Espace Landowski.[2]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gründung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Museum wurde 1939 anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zum Dekret von 1925 gegründet, durch das die Gemeinde Boulogne offiziell in Boulogne-Billancourt umbenannt worden war. Die Gründungsidee stand unter dem Leitgedanken der „Modernität, Hochzeit der Künste und der Industrie“. Das kommunale Haus war ursprünglich in den Räumlichkeiten des Rathauses untergebracht und wurde von Dr. Albert Besançon, dem ersten Konservator, mit dem Ziel eingerichtet, disparate Sammlungen zum kulturellen und industriellen Erbe von Boulogne-Billancourt zusammenzuführen.[3]
Neuausrichtung unter Emmanuel Bréon (ab 1983)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Im Jahr 1983 übernahm Emmanuel Bréon die Nachfolge des im Alter von 103 Jahren verstorbenen Dr. Besançon und gab der Museumspolitik eine neue Richtung, indem er das Haus auf die Erforschung des Erbes der 1930er Jahre ausrichtete – einer für Boulogne-Billancourt sowohl industriell als auch kulturell bedeutsamen Dekade. In jener Zeit zog die vergleichsweise erschwingliche Preis- und Ateliersituation zahlreiche Künstler, Architekten, Maler, Bildhauer und Filmschaffende in die Stadt. Emmanuel Bréon war Direktor des Museums von 1983 bis 2008; anschließend wurde er Direktor des Musée national de l'Orangerie des Tuileries (2008–2011) und später Leiter der Abteilung Gemälde an der Cité de l’architecture et du patrimoine im Palais de Chaillot.[3]
Bréon und seine Mitarbeiterin Michèle Lefrançois sichteten seit 1983 systematisch das lokale Erbe, organisierten Ausstellungen und wandten sich an die Familien der in Boulogne-Billancourt ansässig gewesenen Künstler, um Schenkungen und Deposita zu verhandeln. Nach eigenen Angaben Bréons machen Ankäufe nur etwa zehn Prozent des Sammlungsbestands aus, vornehmlich Möbel; ganze Bildhauer-Nachlässe wurden von Nachkommen der Künstler geschenkt, und zahlreiche Gemälde wurden im Rahmen der Neuverteilung nationaler Sammlungsbestände dem Museum zugewiesen.[3]
Umbenennung und Umzug (1994/1998)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1994 wurde das Haus in Musée des Années 30 umbenannt. 1998 bezog es seine neuen Räumlichkeiten im Espace Paul-Landowski.[3]
Boulogne-Billancourt als Künstlerstadt der 1930er Jahre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Die Ansiedlung eines Museums für die Kunst und Künstler der 1930er Jahre in Boulogne-Billancourt ist kein Zufall. In jener Dekade erlebte die Stadt ihre künstlerische Blütezeit: Bildhauer wie Paul Landowski, Jacques Lipchitz und Oscar Miestchaninoff, Maler wie Alfred Lombart und Juan Gris sowie zahlreiche Keramiker ließen sich dort nieder. Der Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler veranstaltete an seinem Wohnsitz die berühmten „dimanches de Boulogne“, bei denen er avantgardistische Künstler (u. a. Picasso, Gris, Masson), Bildhauer (Lipchitz), Musiker (Satie), Schriftsteller (Desnos, Jacob, Malraux, Leiris), Architekten (Le Corbusier) und Filmschaffende (Roland Tual) empfing.
In diesem Zentrum der Luft- und Raumfahrt-, Automobil- und Filmindustrie errichteten die Architekten Le Corbusier, Robert Mallet-Stevens und Raymond Fischer Bauten, die von Jacques-Émile Ruhlmann oder Jules und André Leleu ausgestattet wurden; Bildhauer wie Jacques Lipchitz arbeiteten dort.
Gebäude (Espace Landowski)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Espace Landowski beherbergt neben dem Museum auch ein kommunales Kino und eine Mediathek. Das Gebäude wurde 1998 nach Plänen des Büros Lobjoy & Bouvier fertiggestellt. Es liegt gegenüber dem von Architekt Tony Garnier entworfenen Rathaus von Boulogne-Billancourt und orientiert sich in seiner Architektursprache am Art déco. Im Inneren strukturiert eine große überdachte Halle als verbindendes Element die verschiedenen Programmbereiche. Wände aus poliertem oder sandgestrahltem Beton wechseln mit verglasten Bändern ab, die durch Paneele aus weißem Beton betont werden. Proportionen und Profilierungen nehmen das Formenrepertoire der 1930er Jahre auf, die die Identität dieses Stadtviertels von Boulogne geprägt haben.[2]
Sammlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Museum verfügt über eine Ausstellungsfläche von 3.000 m², auf der 800 Gemälde, 1.500 Skulpturen, 20.000 Zeichnungen sowie Möbel, Keramiken, Originalplakate und Archivdokumente präsentiert werden. Die Sammlung ist auf vier Ebenen verteilt.[4]
Die Sammlungen zeigen eine charakteristische Eigenheit der Ästhetik der 1930er Jahre: die Rückkehr zu Realismus und Klassizismus. Dieses wenig ausgestellte Kunstschaffen ist durch Künstler wie Bernard Boutet de Monvel, Alfred Courmes, Maurice Denis, George Desvallières, Amédée Dubois de La Patellière, Eugène Poughéon, Henry de Waroquier, Joseph Bernard und Paul Landowski vertreten.[4]
Das Museum präsentiert die Themenbereiche Porträt, Sakralkunst, Kolonialkunst und École de Paris und zeigt dazu Gemälde, Skulpturen sowie Kunsthandwerks- und Möbelobjekte. Bedeutende Künstlernamen der Sammlung sind Jacques-Émile Ruhlmann, Jules Leleu, Jan und Joël Martel, Tamara de Lempicka sowie Maurice Denis und Bernard Boutet de Monvel.[4]
Das Museum präsentiert auch eine Reihe orientalistischer Werke. Vertreten sind Maler des Ministeriums für Übersee und Kolonien sowie Stipendiaten der Villa Abd-el-Tif. Den eigentlichen Ausgangspunkt der orientalistischen Sammlung bildete die Ausstellung „Coloniales“, die das Museum von 1989 bis 1990 organisierte, dabei wurden zahlreiche Werke aus den Depots des Musée des Arts africains et océaniens gezeigt, von denen einige als Dauerleihgabe im Musée des Années Trente verblieben und den Grundstock der Kolonialmalereisammlung bildeten.[4]
Zu den herausragenden Möbelstücken der Sammlung zählt ein Kabinett mit Panzerholz von Jacques-Émile Ruhlmann (1922).
Werke (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Jacques-Émile Ruhlmann, (Möbeldetail)
- Bernard Boutet de Monvel – Porträt des Grafen Pierre de Quinsonas, 1913
- George Desvallières – La Greca, 1910
- Pablo Gargallo, Harlekin mit Flöte, 1931
- Évariste Jonchère – Der afrikanische Rhythmus, 1951
Paul-Landowski-Fonds
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seit 2017 beherbergt das Musée des Années Trente den Bestand des ehemaligen Musée-jardin Paul-Landowski aus Boulogne-Billancourt.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bestände und Kataloge des Museums
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Emmanuel Bréon, Michèle Lefrançois: Le musée des années 30. Éditions Somogy, Paris 1998, (Erweiterte und aktualisierte Neuauflage. Somogy, Paris 2007).
- Christophe Caveda (Hrsg.): Les collections du Musée des Années 30. Ville de Boulogne-Billancourt, Boulogne-Billancourt 2011.
- Emmanuel Bréon: Paul Landowski (1875–1961). Guide de sculpture. Musée-Jardin Paul Landowski, Boulogne-Billancourt 1999.
- Véronique David, Carole Bouvet: Le fonds d’atelier de Marguerite Huré au Musée des Années 30 de Boulogne-Billancourt. In: In Situ. Revue des patrimoines. Nr. 3, 2003.
Das Museum im Kontext von Stadtgeschichte und Architektur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ville de Boulogne-Billancourt (Hrsg.): Boulogne-Billancourt. Ville d'art et d'essai des années 30. Imprimerie Nationale, Paris 1992.
- Espace Landowski (Hrsg.): Boulogne-Billancourt. Parcours industriel. Ville de Boulogne-Billancourt, Boulogne-Billancourt 2002.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Musée des Années 30. Abgerufen am 28. Mai 2026.
- 1 2 Espace Landowski. Abgerufen am 28. Mai 2026.
- 1 2 3 4 musée des années trente - POP. Abgerufen am 28. Mai 2026.
- 1 2 3 4 Accueil. 21. Mai 2026, abgerufen am 28. Mai 2026 (französisch).
Koordinaten: 48° 50′ 10″ N, 2° 14′ 21″ O