Zum Inhalt springen

Luční Chvojno

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Luční Chvojno

Hilfe zu Wappen
Luční Chvojno (Tschechien)
Luční Chvojno (Tschechien)
Basisdaten
Staat: Tschechien Tschechien
Region: Ústecký kraj
Bezirk: Ústí nad Labem
Geographische Lage: 50° 43′ N, 14° 3′ OKoordinaten: 50° 43′ 23″ N, 14° 3′ 16″ O

Luční Chvojno (bis 1948 Německé Chvojno; deutsch Deutschkahn, Deutsch-Kahn oder Deutsch Kahn) ist ein Ortsteil der Gemeinde Velké Chvojno (Böhmisch Kahn) in Tschechien. Er liegt ca. sieben Kilometer nordöstlich des Stadtzentrums von Ústí nad Labem (Aussig), ca. 1,5 Kilometer südöstlich von Velké Chvojno (Böhmisch Kahn) und gehört zum Okres Ústí nad Labem.

Luční Chvojno befindet sich im Norden des linkselbischen Teils des Böhmischen Mittelgebirges auf der sogenannten Deutsch-Kahner Hochfläche. Nachbarorte bzw. -ortsteile sind Velké Chvojno (Böhmisch Kahn) im Nordwesten, Čermná (Leukersdorf) im Nordosten, Mnichov (München) im Osten, Žďár (Saara) im Westen und Arnultovice (Arnsdorf) im Südwesten.

Velké Chvojno (Böhmisch Kahn) Čermná (Leukersdorf)
Žďár (Saara) Kompassrose, die auf Nachbargemeinden zeigt Mnichov (München)
Arnultovice (Arnsdorf)

Im Jahr 1169 erhielt der Johanniterorden von König Vladislav II. umfangreiche Schenkungen von Waldgebieten, darunter solche in der Region um Tetschen in Böhmen.[1][2][3] Die Johanniter waren seit etwa 1156 in Böhmen präsent; unter der Herrschaft Vladislavs II. weiteten sie ihren Grundbesitz durch gezielte Schenkungen aus.[4] Im Zuge der hochmittelalterlichen Ostsiedlung wurde das übertragene Waldgebiet durch deutschsprachige Siedler – vorwiegend Bauern aus Thüringen, Franken oder Niedersachsen – gerodet und in Ackerland umgewandelt.[1][3][5] Die planmäßige Anlage des Dorfes folgte dem für bisher unerschlossene Waldgebiete typischen Siedlungstyp des Waldhufendorfes: Die Gehöfte wurden in einer Talmulde an einer Quelle aufgereiht, die noch heute den Ortsteich speist.[1]

Der frühere Ortsteil „Am Steinberge“ südlich des Dorfes ist wahrscheinlich der Überrest einer vorkolonisationszeitlichen Siedlung. Der Flurname „am alten Schlosse“ nahe der Straße nach Böhmisch Kahn sowie der als „Die alte Gasse“ bekannte Verbindungsweg deuten darauf hin, dass dort einst ein Herrensitz mit einem zugehörigen Meierhof bestand.

Am 15. Oktober 1387 veräußerten die damaligen Grundherren Johann von Wartenberg und weitere Angehörige seiner Familie das Dorf an die Stadt Tetschen.[6][7] Die Herren von Wartenberg gehörten dem böhmischen Herrengeschlecht der Markwartinger an und unterhielten seit dem frühen 14. Jahrhundert enge Verbindungen zur Herrschaft Tetschen. Deutsch Kahn verblieb bis zur Revolution von 1848/1849 im Kaisertum Österreich im Besitz der Stadt Tetschen.[8]

Im Jahr 1654 bestand das Dorf aus 32 Häusern, darunter 17 Bauernhöfe, ein Kleinbauernhof sowie 14 Häuslerwohnungen.

Das Gebäude mit der Hausnummer 29 fungierte als Erbgericht. Ein Freibrief aus dem Jahr 1486 belegt,[9] dass das Dorf über ein „freies Gericht“ und damit über eine begrenzte Selbstverwaltungshoheit in Rechtssachen verfügte. Die damit verbundenen Privilegien umfassten das Recht zur Bierherstellung und zum Bierverkauf, zur Schlachtung, zum Backen, zum Salzhandel sowie zur Jagd.[10][7] Als Gegenleistung war das Dorf verpflichtet, der Stadt Tetschen jährlich einen Hasen und drei Hühner zu liefern.[9] Eine Gerichtsordnung aus dem Jahr 1616 regelte die Aufgaben des Dorfrichters: Er hatte Gerichtstage abzuhalten, Vergehen zu ahnden und dem Stadtrat von Tetschen Bericht zu erstatten; bei Pflichtverletzungen drohten ihm Strafen.[11]

Im Jahr 1767 wurde eine Kapelle im Barockstil errichtet, die 1978 einstürzte.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Auflösung Österreich-Ungarns 1918 wurde der Ort Teil der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik. Infolge des Münchner Abkommens vom September 1938 wurde das überwiegend deutschsprachige Sudetenland und damit auch Deutsch Kahn dem Deutschen Reich angegliedert; der Ort gehörte fortan zum Landkreis Aussig. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde die Region erneut Teil der Tschechoslowakei. Die deutschböhmische Bevölkerung wurde auf Grundlage der sogenannten Beneš-Dekrete aus dem Ort vertrieben.[12] Im Jahr 1980 erfolgte die Eingemeindung nach Libouchec; seit dem 1. Januar 1998 gehört das Dorf zur Gemeinde Velké Chvojno.

Ehemalige Baudenkmale

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Kapelle auf Weg von Luční Chvojno nach Arnultovice (Arnsdorf), der frühbarocke Bau aus dem 18. Jahrhundert fiel 1978 zusammen
  • Pestsäule neben der Kapelle bei Luční Chvojno, sie wurde in den 1970er Jahren bei landwirtschaftlichen Arbeiten beseitigt
  • Emil Neder: Zur Geschichte von Deutschkahn. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 3. Jahrgang, Nr. 1. Selbstverlag, 1923, S. 24.
  • Emil Neder: Zur Geschichte von Deutschkahn. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 5. Jahrgang, Nr. 2. Selbstverlag, 1925, S. 76 ff.
  • Dr. Franz Wünsch: Geschichtliches über Deutschkahn. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 16. Jahrgang, Nr. 1. Selbstverlag, 1936, S. 26 ff.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. 1 2 3 Oberlehrer Emil Richter: Dorf und Gut Johnsdorf. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Dr. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 1. Jahrgang, 1921, 1. Heft. Selbstverlag, 1921, S. 18 ff.
  2. Smoliński, Marek: Inmitten der Kreuzzüge und deren ideologischen und wirtschaftlichen Hintergrunds. Der Johanniterorden und die Pläne der Christianisierung und Eroberung des Prussenlandes in der frühen Organisierungsphase des Ordens in Polen, Pommern und Pommerellen (bis 1201). 2017, OCLC 1151230758, S. 311.
  3. 1 2 Emil Richter: Zur Geschichte des Dörfchens Bohna. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Dr. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 15. Jahrgang, 1935, 3. Heft. Selbstverlag, 1935, S. 113 ff.
  4. Prinz, Friedrich: Böhmen und Mähren. In: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Siedler, Berlin 1993, ISBN 3-88680-202-7, S. 68 f.
  5. Higounet, Charles: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter. Siedler, Berlin 1986, ISBN 3-88680-141-1, S. 140 ff.
  6. Emil Neder: Zur Geschichte von Deutschkahn. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Franz Josef Umlauft. (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 3. Jahrgang., Heft Nr. 1. Selbstverlag, 1923, S. 24.
  7. 1 2 Dr. Franz Wünsch: Geschichtliches über Deutschkahn. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 16. Jahrgang, Nr. 1. Selbstverlag, 1936, S. 26.
  8. Franz Josef Umlauft: Die Herrschaftszugehörigkeit der Dörfer des Aussig-Karbitzer Bezirkes vor dem Jahre 1848. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 1. Jahrgang, 1921, 1. Heft. Selbstverlag, 1921, S. 16 f.
  9. 1 2 Emil Neder: Zur Geschichte von Deutschkahn. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 5. Jahrgang, Nr. 2. Selbstverlag, 1925, S. 76 f.
  10. Emil Neder: Zur Geschichte von Deutschkahn. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 5. Jahrgang, Nr. 2. Selbstverlag, 1925, S. 76.
  11. Emil Neder: Zur Geschichte von Deutschkahn. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 5. Jahrgang, Nr. 2. Selbstverlag, 1925, S. 77 ff.
  12. Staněk, Tomáš: Verfolgung 1945. Die Stellung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien (außerhalb der Lager und Gefängnisse). Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2002, ISBN 3-205-99065-X.