Livia Cohen
Livia Philippine Charlotte Cohen (* 17. Oktober 1872 in Berlin; † 14. November 1957 ebenda) war eine deutsche Kunststickerin jüdischer Herkunft.
Werdegang
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Livia Cohen wuchs als Tochter von William Cohen (1842–1904)[1] und Amalie Cohen (geb. Engel; 1843–1929) mit ihrem älteren Bruder Hermann William Cohen (1868–1919)[2] in Berlin in einer Bankiersfamilie auf.[3] Sie studierte von April 1889 bis Juli 1891 an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin Kunststickerei und Ornamentzeichnen.[4] Die Oberklasse für Ornamentzeichnen und die Fachklasse Kunststickerei schloss sie mit „gutem bzw. recht gutem Erfolg“ ab.[5] Aus dieser Zeit sind nur wenige Werke erhalten, darunter eine mit Metallfadenstickerei verzierte Dokumentenmappe, die sie mit floralen Ornamenten und ihren Initialen versah.[6][7]
Am 2. Mai 1898 heiratete Livia Cohen in Berlin den nichtjüdischen Maler und Grafiker Karl Richard Alfred Kratz ((1871–1951)).[5][8][9] Diese „Mischehe“ bewahrte sie in der Zeit des Nationalsozialismus vor der Deportation von Juden aus Deutschland.[4] Sie und ihr Mann hatten aber unter den wachsenden Repressalien gegen jüdische Menschen zu leiden. So wurde Alfred Kratz im Februar 1938 aufgrund seiner Ehe mit einer Jüdin wegen fehlender „erforderlichen Eignung und Zuverlässigkeit, an der Förderung deutscher Kultur in Verantwortung gegenüber Volk und Reich mitzuwirken“ aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen. Das gleichzeitige Berufsverbot als Maler und Graphiker nahm dem Ehepaar den Verdienst.[10] In Folge vermietete es Zimmer in ihrem Einfamilienhaus in der Riemeisterstraße 96 in Berlin-Zehlendorf um den Lebensunterhalt zu bestreiten.[11][12] Zudem forderte das Finanzamt Zehlendorf Ende August 1938 von dem Ehepaar Kratz gemäß § 7 des Reichsfluchtsteuergesetzes 15.600 Reichsmark, was einem Viertel des Gesamtvermögens der Familie entsprach, das nach Vermögenssteuerbescheid vom 1. Januar 1935 mit 61.450 Reichsmark beziffert wurde.[13] Nachdem das Finanzamt auch noch die Judenvermögensabgabe forderte,[14] musste Livia Kratz ihr Haus in der Lothringerstr. 24 zwangsweise verkaufen.[15]
Das Ehepaar blieb auch nach dem Krieg mit wenig Einkommen in Berlin wohnen.[6] 1949 wurde Livia Kratz als „Opfer des Faschismus“ (OdF) anerkannt, da sie „unter der Verfogung in der Nazizeit an Gesundheit gelitten“ habe.[16] Anfang der 1950er Jahre lebte sie, ab 1951 verwitwet, wieder in der zeitweise von der amerikanischen Militärregierung beschlagnahmten Riemeisterstraße 96.[17] Auf ihren im April 1951 gestellten Antrag beim Entschädigungsamt Berlin wurde ihr eine Entschädigung von 254,55 DM brutto zugesprochen, ihr Antrag auf „Wiedergutmachung für Verluste beim Zwangsverkauf des Hauses“ Lothringerstr. 24 aber abgelehnt.[15] 1953 erhielt sie eine einmalige Zahlung von 330 DM für „Ansprüche aus Schaden im beruflichen Fortkommen“.[18] Livia Kratz starb im November 1957 in ihrer Berliner Wohnung in der Riemeisterstraße.
Ausstellungen und Werke in Museen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 2025 zeigte das Jüdische Museum Berlin die Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne, in der auch Livia Kratz unter ihrem Geburtsnamen Livia Cohen vertreten war.[19]
In der Sammlung des Jüdischen Museums in Berlin befindet sich ein Konvolut zu Livia Cohen, darunter das Fotoalbum der Familie Cohen, Dokumente wie ihr Abschlusszeugnis, Nachweis der Eheschließung, Heirats- und Sterbeurkunde, Schreiben von Gerichten und Ämtern sowie Besteck und Gegenstände aus ihrer Aussteuer, ein Gedichtband und neben weiteren textilen Arbeiten die von ihr bestickte Dokumentenmappe.[3][20][21]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 228, 248–249
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ William Cohen (1842-1904). In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- ↑ Erbschein für die Erben von Hermann William Cohen (1868-1919). In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- 1 2 Livia Kratz. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- 1 2 Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 228, 248–249
- 1 2 Bescheinigung der Eheschließung von Alfred Kratz (1871-1951) und Livia Cohen (1872-1957). In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- 1 2 Cohen, Livia. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- ↑ Dokumentenmappe von Livia Cohen (1874-1952). In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- ↑ Heiratsurkunde von Alfred Kratz (1871-1951) und Livia Cohen (1872-1957). In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- ↑ Kratz, Alfred. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 21: Knip–Krüger. E. A. Seemann, Leipzig 1927, S. 434–435 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Mitteilung des Ausschlusses von Alfred Kratz (1871-1951) aus der Reichskammer der bildenden Künste. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 27. März 2026.
- ↑ Brief von Livia Kratz, geb. Cohen (1872-1957) an das Entschädigungsamt Berlin. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 27. März 2026.
- ↑ Testamentsnachtrag von Alfred (1871-1951) und Livia Kratz (1872-1957). In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- ↑ Sicherheitsbescheid des Finanzamtes Zehlendorf. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- ↑ Schreiben des Finanzamtes an Livia Kratz, geb. Cohen (1872-1957). Berlin 13. November 1939. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 27. März 2026.
- 1 2 Schlussbescheid des Entschädigungsamtes Berlin für Livia Kratz, geb. Cohen (1872-1957). In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 27. März 2026.
- ↑ Bescheinigung des Bezirksamtes Berlin-Zehlendorf, Geschäftsstelle "Opfer des Faschismus" für Livia Kratz. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- ↑ Mitteilung des Amts für Kriegsschäden und Besatzungskosten. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- ↑ Schreiben des Entschädigungsamtes an Livia Kratz (1872-1957). In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- ↑ Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- ↑ Sammeldatensatz: Sammlung Cohen / Kratz. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 17. März 2026.
- ↑ Sammlung des Jüdischen Museums Berlin zu Livia Cohen, Inventar-Nr.: VAR 89/1/0
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Cohen, Livia |
| ALTERNATIVNAMEN | Cohen, Livia Philippine Charlotte; Kratz, Livia (Ehename) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Kunststickerin |
| GEBURTSDATUM | 17. Oktober 1872 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 14. November 1957 |
| STERBEORT | Berlin |