Liselotte de Booy

Liselotte de Booy (* um 1915; † unbekannt) war eine deutsche Schönheitskönigin und Schauspielerin sowie ein Fotomodell in den 1930er Jahren.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Über Jugendjahre, Ausbildung und Familie von Liselotte de Booy ist wenig bekannt.
Als Siebzehnjährige[1] nahm sie Anfang 1932 in Berlin an einem Schönheitswettbewerb teil und wurde zunächst Zweite. Nachdem bekannt wurde, dass die ursprüngliche Siegerin, Ruth Bohnen aus Karlsruhe, bereits verheiratet war und bei ihrer Bewerbung falsche Angaben zu ihrem Familienstand gemacht hatte, musste diese ihren Titel zurückgeben. Kurz darauf wurde Liselotte de Booy bei einer Nachwahl der Titel Miss Germany 1932 zugesprochen. Dieser Vorgang erregte Aufmerksamkeit in den nationalen und internationalen Printmedien. Fotos der neuen Gewinnerin erschienen unter anderem am 7. Februar 1932 im Lübecker Volkboten mit der Bildunterschrift „Was es alles für Sorgen gibt“,[2] und in den USA brachte die Washington Post einen kurzen Bericht dazu unter der Überschrift „Hausfrau Out, Fraulein Wins“.[3]
Kurze Zeit nach ihrem Titelgewinn in Deutschland nahm Liselotte de Booy Mitte Februar 1932 in Frankreich auch an der Wahl zur Miss Europe teil. Das englische Wochenmagazin The Illustrated London News berichtete in seiner Ausgabe vom 13. Februar 1932, dass sich die aktuellen Schönheitsköniginnen aus siebzehn europäischen Ländern zunächst in Paris getroffen hätten, um dann gemeinsam nach Nizza zu reisen. Dort sollte aus ihrer Mitte die Miss Europe 1932 gewählt werden. Die Entscheidung in Nizza sollte ein Künstlerkomitee unter Vorsitz des französischen Journalisten und Schriftstellers Maurice de Waleffe treffen, der in Frankreich 1920 den Wettbewerb Miss France unter dem Namen La plus belle femme de France („Die schönste Frau Frankreichs“) begründet hatte. Ergänzend zum kurzen Text war eine ganze Magazinseite der Illustrated London News mit Fotografien von 15 der 17 Kandidatinnen gefüllt.[4]
Ein weiterer internationaler Wettbewerb um den Titel „Miss Universe“, den Maurice de Waleffe erst 1930 etabliert hatte, war anschließend in Südamerika vorgesehen. Ihre Vorgängerinnen waren nach Rio der Janeiro (1930) und Buenos Aires (1931) gereist, und Liselotte de Booey sollte 1932 ursprünglich nach Chile fliegen. Dort brach jedoch eine Revolution aus, und die Veranstaltung wurde in die belgische Stadt Spa verlegt.

Während bis 1930 die Schönheitsköniginnen zumeist als fröhliche, unbeschwerte und sportliche junge Frauen dargestellt wurden, schlug Liselotte de Booy wie auch schon ihre Vorgängerin Ruth Ingrid Richard ernstere Töne an und wollte zeigen, dass mehr in ihr steckte als bloße Schönheit.[5] Die Kulturzeitschrift Der Querschnitt veröffentlichte Ende April 1932 im Rahmen der Reihe Galerie bürgerlicher Mädchen in neun Selbstbildnissen einen ganzseitigen Aufsatz von Liselotte de Booy. Darin reflektierte de Booy unter dem Titel Herausgeschmissene Nächte über die Oberflächlichkeit und Sinnlosigkeit von Mode, Bällen, Tänzen und Männern und äußerte sich abfällig über junge Frauen, die ihre Nächte „verbummelten“. Ihr Text endete mit dem Resümee:
„Der Durchschnittsmensch von heute, besonders der Großstadtmensch, ist, um ehrlich zu sein, von einer unverantwortlichen Oberflächlichkeit. Es besteht kaum eine Beziehung von ihm, von seinem kleinen Alltag zum Weltgeschehen und zum Göttlichen. Auch das rechte Verhältnis zur Natur fehlt ihm. Wie weit sind wir vom wahren Sinn des Lebens entfernt.“[6]
Dieser Aufsatz von de Booy wurde 1994 in die von der University of California Press (USA) herausgegebene Quellensammlung The Weimar Republic Sourcebook aufgenommen, die ausgewählte dokumentarische und kulturelle Texte zur Weimarer Republik bündelt. Unter dem Titel Wasted Nights ist de Booys Text dort im Kapitel „Visions of Plenty: Mass Consumption, Fashion, and Advertising“ („Visionen des Überflusses: Massenkonsum, Mode und Werbung“) neben Beiträgen weiterer deutscher Autorinnen und Autoren der Zeit enthalten, darunter Vicky Baum, Franz Hessel und Wolf Zucker.[7] Im Juli 1932 erschien in der Zeitschrift Das Magazin eine mehrseitige Reportage über ihre Flugreise mit der Lufthansa zur Wahl der „Miss Universum“ in Spa, bei der sie von ihrer Mutter begleitet wurde. Der im Tagebuchstil aus der Ich-Perspektive geschriebene Beitrag von Liselotte de Booy ist mit mehreren Fotos bebildert (de Booy im Gespräch mit dem Piloten vor dem Start, de Booys „letzter Blick auf Tempelhof“, „mit 3200 PS über Frankreich“, de Booys Ankunft). Sie schreibt darin:
„[…] Wir sind alle nicht im geringsten Schönheitsköniginnen, wir sind einfache junge Mädchen, die nicht allein nach rein ästhetischen Gesichtspunkten gewählt worden sind, sondern auch als typische Vertreterinnen ihres Landes gelten sollen. Vielleicht trägt diese Zusammenkunft junger Mädchen mehr zur internationalen Verständigung bei als manch eine große Konferenz?“[8]
Später war Liselotte de Booy – vermutlich nach einer Eheschließung – auch unter dem Doppelnamen de Booy-Schulze bekannt.[9] Ihr weiteres Leben ist nicht öffentlich dokumentiert.
Im Jahr 2022 waren de Booy und weitere Schönheitsköniginnen der Weimarer Republik Gegenstand einer Dissertation an der Universität Erlangen-Nürnberg zum Thema Weibliche Handlungsmacht und Mobilität: Kommerzielle Schönheitskonkurrenzen in Deutschland, 1909–1933.[10]
Trivia
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Berliner Zigarettenfabrik Garbáty gab 1934 als „Beilage zur Edelzigarette Kurmark“ eine Serie von insgesamt 300 Sammelbildern heraus, die in ein zugehöriges Sammelalbum mit dem Titel Moderne Schönheitsgalerie – international verbreitet als Gallery of Modern Beauty – eingeklebt werden konnten. Das Zigarettenbild Nr. 250 zeigt ein Foto von Liselotte de Boy (auf dem Originalsammelbild falsch geschrieben); als Fotograf wird auf der Rückseite nur „Binder“ angegeben.[11]
In den Packungen von Garbátys weiteren Zigarettenmarken „Club“ und „Liga“ waren Sammelbilder der Serie Die schönsten Frauen der Welt enthalten, die auf „echten Bromsilber-Fotos“ 190 Schönheitsköniginnen als Ganzfigurenaufnahmen zeigten. Auf einem der Fotos ist Liselotte de Booy im Freien zu sehen; sie trägt ein helles, ärmelloses Oberteil und einen langen dunklen Rock, dazu Schuhe mit Absatz.
Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Herausgeschmissene Nächte. In: Der Querschnitt. Band 12, Heft 4, Propyläen-Verlag, Berlin April 1932, S. 285.
- Wasted Nights. In: Anton Kaes, Martin Jay und Edward Dimendberg (Hrsg.): The Weimar Republic Sourcebook. University of California Press, 1994, S. 672 (archive.org, englische Übersetzung)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Veit Didczuneit, Dirk Külow: Miss Germany. Die deutsche Schönheitskönigin. S & L MedienContor, Hamburg 1998, ISBN 3-931962-94-6.
- Corinna Schattauer: Weibliche Handlungsmacht und Mobilität: Kommerzielle Schönheitskonkurrenzen in Deutschland, 1909–1933 (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Band 271). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2024, doi:10.13109/9783666302824 (Dissertation an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2022)).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Gregor Harlip (Fotograf): „Miss Germany 1932“. Liselotte de Booy, eine 17jährige Blondine (Bildunterschrift). In: Das Magazin. Nr. 91, März 1932, S. 40 (Digitalisat).
- ↑ Was es alles für Sorgen gibt. In: Lübecker Volksbote vom 7. Februar 1932, S. 7 (Digitalisat).
- ↑ Hausfrau Out, Fraulein Wins. In: The Washington Post. 28. Februar 1932, S. A 5 (englisch, archive.org).
- ↑ The Search for a “Miss Europe” and “Miss Universe”: Competitors in the World Beauty Competition. In: The Illustrated London News. Band 180. London 13. Februar 1932, S. 239 (englisch, archive.org).
- ↑ siehe Schattauer: Weibliche Handlungsmacht, S. 193.
- ↑ Liselotte de Booy: Herausgeschmissene Nächte. Von Liselotte de Booy (Miss Germany 1932). In: Der Querschnitt. 12. Jg., Nr. 4. Propyläen Verlag, Berlin April 1932, S. 285 (arthistoricum.net – mit Foto).
- ↑ Wasted Nights. In: Anton Kaes, Martin Jay und Edward Dimendberg (Hrsg.): The Weimar Republic Sourcebook. University of California Press, 1994, S. 672 (archive.org).
- ↑ Liselotte de Booy: Ich fliege zur Wahl der „Miss Universum“. „Miss Germany“ berichtet über ihren Flug mit der Lufthansa nach Spa. In: Das Magazin. Nr. 95, Juli 1932, S. 7–10 (Digitalisat).
- ↑ Alexander Barth: Schönheit im Wandel der Zeit. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung. 30. August 2018, abgerufen am 23. Mai 2026 (mit Porträtfoto).
- ↑ siehe Schattauer: Weibliche Handlungsmacht, S. 193, 194, 207, 216, 269, 270.
- ↑ Moderne Schönheitsgalerie. In: virtual-history.com. Abgerufen am 13. Mai 2026 (englisch, Link zum Bild).
| Vorgängerin | Amt | Nachfolgerin |
|---|---|---|
| Ruth Ingrid Richard, Daisy d’Ora | Miss Germany 1932 | Charlotte Hartmann |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Booy, Liselotte de |
| ALTERNATIVNAMEN | Booy-Schulze, Liselotte de |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Schönheitskönigin, Schauspielerin und Fotomodell |
| GEBURTSDATUM | um 1915 |
| STERBEDATUM | nach 1932 |