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Lisea

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Denkmal für Lisea in Tarent (2025)

Lisea († 209 v. Chr.) war gemäß einer frühneuzeitlichen Sage eine der Göttin Athene geweihte Jungfrau im antiken Tarent, die im Angesicht der römischen Bedrohung den Freitod wählte.

Die Sage ist zur Zeit des Zweiten Punischen Krieges (218–201 v. Chr.) angesiedelt, in dem das ursprünglich von Spartanern gegründete jahrhundertelang griechisch dominierte Tarent (Taras) zwischen den Karthagern unter Hannibal und den Römern heftig umkämpft war. 209 v. Chr. gelang es dem römischen Feldherrn Fabius Maximus, die Stadt durch den Verrat des Anführers der bruttischen Kohorte endgültig einzunehmen. Nach ihrem Sieg plünderten die Römer die Stadt und versklavten angeblich 30'000 Einwohner.

Obwohl Titus Livius[1] und Plutarch[2] ausführlich über die Einnahme Tarents berichten, findet sich die Lisea-Episode in keiner antiken Quelle.[3] Ambrogio (Ambrosio) Merodio erwähnte sie im 17. Jahrhundert in seiner Historia Tarentina („Geschichte Tarents“), in den 1870er Jahren gestalteten sie Francesco Sferra und Domenico Ludovico De Vincentiis in ihren Stadtgeschichten aus: Bei der Erstürmung drangen römische Soldaten in den Tempel der Minerva (Athene) ein und wollten die hiesigen Jungfrauen vergewaltigen. Um dieser Schande zu entgehen, stürzte sich eine von ihnen mit dem Namen Lisea vom höchsten Punkt des Tempels in den Tod und die anderen folgten ihrem Beispiel.[4][5] Tief beeindruckt von ihrem Heroismus bereiteten die Römer ihnen ein ehrenvolles Begräbnis.[5]

2009 wurde in Tarent ein Denkmal zu Liseas Ehren platziert. Geschaffen wurde es von Fransesco Trani, einem lokalen Handwerker, der auch die drei Sirenen auf den Felsen des Mar Grande fertigte.[6] Es steht am östlichen Rand der Altstadtinsel, auf der Piazza Castello vor dem Castello Aragonese, und zeigt ein Standbild der nackten, nur mit einer Schärpe umhüllten Jungfrau auf einem Baumstumpf, der rückseitig die Signatur trägt: „LISEA / Fsco TRANI / 2009“. Die Statue ersetzte eine Holzskulptur der stadtbekannten Prostituierten Cinzella, weswegen viele Einheimische sie nach wie vor für diese halten.[7] 2024 wurde die ursprünglich ganz in klassischem Weiß gehaltene Statue bemalt. Die Schärpe ist seither gelb und der Baumstumpf schwarz.[6]

Gedenktafel für Lisea

Neben dem Denkmal steht eine hölzerne Gedenktafel, in die folgende pathetische, mit Gräzismen durchzogene Inschrift eingeritzt ist:

„Tarent, Akropolis, 209 v. Chr.
Tarent wird von einem aus Bruttium verraten und verkauft und von der barbarischen, blutrünstigen römischen Horde feige und tödlich ergriffen, die die Polis plündert, niedermetzelt und verwüstet. Der süßliche Geruch unseres Blutes steigt aus den bereits getränkten Gassen.
Lisea, die Schönste unter den Schönen, jung, reinste Jungfrau wie ihre Gefährtinnen – mit ihr Priesterinnen des Tempels der Athene, freie Frauen von spartanischem Geschlecht, der Stolz Tarents –, verweigert, verabscheut, verachtet es, sich der Gewalt, der Schändung, der Sklaverei Roms zu beugen.
Dem heiligen Schwur treu, ganz Tarent hingegeben, auf immer Athene hingegeben, zögern sie nicht und erklimmen die Zinnen des Tempels. Gemeinsam stürzen sie sich ins Leere und umarmen den Tod, letzter, höchster, verzweifelter Akt der Liebe für ihr Tarent.
Sie lebten als freie tarentinische Frauen. Sie schwuren und wählten, als freie tarentinische Frauen zu sterben, im Namen Spartas, nach den Gesetzen Spartas. Nun liegen sie auf immer in unseren Armen.
Tarent, spartanische Mutter, vergisst nicht.“

Das Lisea-Denkmal wurde 2022 als besonders eklatantes Beispiel für die starke Sexualisierung von Frauen in der Denkmalkultur Italiens kritisiert. Die erotische Konnotation werte das porträtierte Subjekt ab und beraube es zusammen mit seiner Kleidung seiner Geschichte.[8]

  • Francesco Sferra: Compendio della storia di Taranto. Latronico, Taranto 1873, S. 41, 55 (Google Books).
  • Domenico Ludovico De Vincentiis: Lisea e le vergini di Minerva. In: Storia di Taranto. Parte Politica. Volume 2. Latronico, Taranto 1878, S. 71 (Google Books).

Einzelnachweise

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  1. Titus Livius, Ab urbe condita 27, 15f.
  2. Plutarch, Fabius Maximus, 21f.
  3. Francesco Sferra: Compendio della storia di Taranto. Latronico, Taranto 1873, S. 41, 55 (Google Books).
  4. a b Domenico Ludovico De Vincentiis: Lisea e le vergini di Minerva. In: Storia di Taranto. Parte Politica. Volume 2. Latronico, Taranto 1878, S. 71 (Google Books).
  5. a b Enzo Ferrari: Se questa è Taranto. In: Buonasera 24, 13. Oktober 2024, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  6. Rosa Cavallo: Lisea oppure Cinzella? In: International Post, 15. Januar 2016, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  7. Alice D’Este: Statue di donne, il Veneto maglia nera per i monumenti al «femminile». In: Corriere del Veneto. 3. Januar 2022, abgerufen am 13. Oktober 2025.