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Konrad Justinger

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Konrad Justinger (* vor 1370 wahrscheinlich in Rottweil; † 1438 in Zürich[1]), Stadtschreiber und Chronist von Bern.

Justinger stammte vermutlich aus Rottweil und war zusammen mit seinem Bruder Werner spätestens 1390 nach Bern eingewandert.

Der Geschlechtername Justinger war zuvor nicht in Bern bekannt.[2] Seine Herkunft kann nicht gänzlich offengelegt werden, allerdings wird eine Verbindung zu dem Geschlecht von Justingen aus dem Gebiet des Oberrheins vermutet.[2.1] Das Geburtsjahr Justingers kann nur durch eine relative Chronologie errechnet werden; vermutlich wurde er zwischen 1363 und 1373 geboren.[2.2]

Zu seiner Ausbildung ist wenig bekannt, wahrscheinlich hat er bis 1390 eine Ausbildung an der Lateinschule in Rottweil erhalten. Danach hat er vermutlich eine praktische Ausbildung an einer städtischen Kanzlei absolviert, ohne dabei die Notarsapprobation zu erreichen. Rottweil, Breisach oder Freiburg im Breisgau sind möglich, Kathrin Jost schliesst dabei nicht aus, dass auch bekanntere Kanzleischulen wie diejenigen von Ulm, Esslingen oder Konstanz infrage kommen.[2.3]

Die in der Forschung lange Zeit vorherrschende These, er sei ein Schüler Jakob Twingers von Königshofen gewesen, ist nicht belegbar, auch wenn sie nicht völlig auszuschliessen ist. Sicherlich kannte er aber Jakob Twingers Chronik, wie sich auch aus dem Vergleich mit Justingers eigenen Werken ergibt.[2.4]

Konrad Justinger hielt sich spätestens seit 1391 in Bern auf und erhielt die Berner Bürgerrechte.[2.5]

In einer einzigen Urkunde vom Januar 1400 wird er als Stadtschreiber bezeichnet und er bekleidete dieses Amt vermutlich nur ein Jahr lang, danach wird er wieder lediglich als schriber bezeichnet:[2.6]

«Ausdrücklich als Stadtschreiber Berns wird J. [Justinger] nur in einer Urkunde von 1400 bezeichnet, ansonsten taucht er als Schreiber (1406–07 als Bauherrenschreiber) und Notar auf. Seine Handschrift erscheint in einer Reihe von Berner Kanzleibüchern, so im Udelbuch von 1390, im Satzungenbuch von 1398, im Freiheitenbuch von 1431 sowie in einer Kopie des Habsburger Urbars nach 1415.»

Regula Schmid Keeling: Justinger, Konrad im Historischen Lexikon der Schweiz, 17. März 2010

Zwischen 1391 und 1422 sind 17 Urkunden aus Bern überliefert, in denen Justinger als Zeuge auftritt, dabei verfasste er die meisten Urkunden allem Anschein nach selbst.[2.7]

Anlässlich des Besuchs von König Sigismund in Bern 1414 war Justinger mit grosser Wahrscheinlichkeit in die Vorbereitungen eingebunden. Dies nicht als Schreiber, sondern als Mitverantwortlicher und Organisator einer Kommission mit weiteren Grossräten. Insbesondere deswegen ist davon auszugehen, dass er Mitglied des Rates der Zweihundert war. Besonders die in der Amtlichen Berner Chronik enthaltenen Passagen verweisen auf eine Augenzeugenschaft Konrad Justingers während König Sigismunds Aufenthalt:

«Detailliert wird hier über die Ankunft Sigismunds und seines umfangreichen Trosses in Bümpliz berichtet, über die Begrüssung durch die Deutschordensleute und einer grossen Schar von Knaben mit Fahnen und Kränzen, über den Empfang durch Schultheiss und Rat vor dem Stadttor und das Geleit zu Sigismunds Unterkunft im Predigerkloster. Ein wenig Selbstlob fehlt dabei auch nicht – das nächste Kapitel [in der Berner Chronik] ist mit ‹Das alle sachen wol geordenot warent› überschrieben – aber auch die Kosten des hohen Besuchs werden thematisiert.»[2.8][2.9]

Nach 1426 heiratete Konrad Justinger Anna Wirz, vermutlich in oder kurz vor dem Jahr 1430. Zunächst noch in Bern wohnhaft, übersiedelten sie 1432 in Wirz’ Heimatstadt Zürich.[1][2.10]

Insgesamt fehlte Justinger trotz seiner guten Beziehungen zum Bernischen Patriziat und seinem Sitz im Grossen Rat wohl das familiäre Netz, «das für einen Aufstieg in die höchsten Reihen der bernischen Gesellschaft unabdingbar war»[2.10]. Offen bleibt deswegen, warum er in einem hohen Heiratsalter von etwa 50 Jahren nicht in eine Berner Familie eingeheiratet hat, sondern eine Zürcherin ehelichte. Kathrin Jost bilanziert: «Vieles deutet darauf hin, dass Justinger Bern am Ende enttäuscht den Rücken kehrte, um seinen Lebensabend in Zürich zu verbringen, der Stadt seiner Ehefrau und ihrer Familie.»[2.10]

Konrad und Anna Justinger hatten zwei gemeinsame Kinder, einen Sohn namens Johannes und eine Tochter namens Regula. Der Sohn ist wahrscheinlich jung verstorben, Regula heiratete im Alter von ca. 30 Jahren Hans Kiel aus Zürich. Sie starb wenige Jahre später kinderlos.[2.11]

Um 1430 war Konrad Justinger bereits in Zürich begütert. Nach seinem Tod 1438 hinterliess er seiner Familie genügend Besitz und Vermögen für ihren Unterhalt. Nach dem Tod der letzten Überlebenden der Familie, Anna, die ungefähr um 1473 starb, fiel der Justinger’sche Nachlass hauptsächlich an die Stadt Basel.[2.11]

1388 kopierte Justinger eine Lehrschrift zur Zeitrechnung des Strassburger Chronisten Jakob Twinger von Königshofen (Computus novus chirometralis).[3]

Mit einem dem anschliessenden Werk Anonyme Stadtchronik oder Kleine Berner Chronik empfahl sich Konrad Justinger dem Berner Rat als Chronist für den Auftrag zur Berner Chronik, für die er heute bekannt ist:[1]

1420 beschloss der Rat der Stadt, angeregt durch den langjährigen Schultheissen Rudolf Hofmeister,[4]

«daß man der stat Bern vergangene und große sachen, die nemlich treflich nütze und gute zu wissende und zu hörende sint, zusamen bringen und mit der wahrheit zusamen lesen (sollte) usser alten büchren und kroniken, so die wahrheit bewisen, und von underwisung alter gelobsamer lüten, umb daz si und ihr nachkomen wissen mögen der vorgenant ir stat Berne harkomen und gelegenheit.»[5]

Justinger, der kurz zuvor von seinem Amt zurückgetreten war, erhielt den entsprechenden Auftrag. Er benutzte zur Abfassung seines Werkes nach eigenen Angaben „die briefe, so in der stat kisten ligent“, also die Urkunden des städtischen Archivs. Textvergleiche ergeben, dass er ferner die sogenannte Chronica de Berno, also die Einträge im Jahrzeitenbuch des Berner Münsters vom Anfang des 14. Jahrhunderts, und die kleine Narratio conflictus apud Laupen über die Schlacht von Laupen im Jahre 1339 hinzuzog, die ebenfalls noch im 14. Jahrhundert geschrieben worden war.[5]

Justingers Arbeit, welche sich auftragsgemäss bis zum Jahre 1420 und vielleicht auch bloss bis 1417 erstreckte, ist teilweise unzuverlässig in den chronologischen Angaben, zeichnet sich hingegen durch lebendige Erzählung und eine schlichte, aber kräftige Sprache aus. Besonders wertvoll ist die Aufzeichnung einiger historischer Volkslieder.[5]

  • J.-P. Bodmer: Chroniken und Chronisten im Spätmittelalter. Bern 1976, S. 10–15.
  • Richard Feller, Edgar Bonjour: Geschichtsschreibung der Schweiz vom Spätmittelalter zur Neuzeit. Basel und Stuttgart, 2. Aufl. 1979, S. 7–11.
  • R. Gamper: Die Zürcher Stadtchroniken und ihre Ausbreitung in die Ostschweiz. Zürich 1984, S. 147–154.
  • K. Kirchert: Städtische Geschichtsschreibung und Schulliteratur. Wiesbaden 1993, S. 49–57.
  • Eduard von Rodt: Die Burg Nydegg und die Stadtgründung Berns: nach der Chronik von Konrad Justinger. Bern 1919.
  • Hans Strahm: Der Chronist Conrad Justinger und seine Berner Chronik von 1420 (= Schriften der Berner Burgerbibliothek). Stämpfli Bern 1978.
  • G. L. Studer: Studien über Justinger. Bern 1861–1867.
  • Jean-François Bergier: Wilhelm Tell: Realität und Mythos. Aus dem Französisch übersetzt von Josef Winiger, List, München 1990, ISBN 3-471-77168-9; Römerhof, Zürich 2012, ISBN 978-3-905894-16-5.
  • Kathrin Jost: Konrad Justinger (ca. 1365–1438). Chronist und Finanzmann in Berns großer Zeit (= Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte: Vorträge und Forschungen. Sonderband 56). Thorbecke, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7995-6766-4 (Dissertation Universität Bern 2011, 488 Seiten (Volltext online) PDF, kostenfrei, 488 Seiten, 129 MB).

Zeitschriften- und Zeitungsartikel

  • Vinzenz Bartlome, Urs Martin Zahnd: Konrad Justingers Gründungssage. In: R. C. Schwinges (Hrsg.): Berns mutige Zeit: das 13. und 14. Jahrhundert neu entdeckt. Bern 2003, S. 20–24.
  • E. Bohnenblust: Die Geschichtsschreiber Berns: von Konrad Justinger bis Richard Feller. In: Bärner Brattig 4, 2004, S. 18–20.
  • Adolf Fluri: Konrad Justingers Handschrift. In: Anz. für schweiz. Gesch. NF 8, 1899, S. 128ff.
  • Adolf Fluri: Justinger und seine Chronik. In: Anz. für schweiz. Gesch. NF 10, 1906, S. 57ff.
  • A. Perrin: Verzeichnis der handschriftlichen Kopien von Konrad Justingers Berner Chronik. In: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 4, 1950, S. 204–229.

Biografische Nachschlagewerke

Einzelbelege und Anmerkungen

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  1. 1 2 3 Regula Schmid Keeling: Konrad Justinger. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 17. März 2010, abgerufen am 8. Juni 2019.
  2. Kathrin Jost: Konrad Justinger (ca. 1365–1438). Chronist und Finanzmann in Berns grosser Zeit. In: Vorträge und Forschungen Sonderband. 1. Auflage. Nr. 56. Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7995-6766-4, S. 42.
    1. S. 60
    2. S. 83
    3. S. 51, 58, 60
    4. S. 61
    5. S. 63
    6. S. 72
    7. S. 81
    8. S. 131
    9. S. 130f.
    10. 1 2 3 S. 155
    11. 1 2 S. 168
  3. Jean-François Bergier (siehe Literatur) vermutet sogar, dass Justinger selbst aus Strassburg stammte.
  4. Konrad Justinger: Berner Chronik. Hrsg.: Gottlieb Studer. Bern 1871, S. 2.
  5. 1 2 3 Blösch In: Allgemeine Deutsche Biographie.