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Kapitulation (Roman)

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Buchcover Kapitulation
von Michel Decar (2023)
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Kapitulation von Michel Decar ist ein in der Ich-Perspektive erzählter Gegenwartsroman, der 2023 im berliner März Verlag veröffentlicht wurde. Die Geschichte erzählt vom Beschluss des dreißigjährigen, erfolglosen Lyrikers László Carassin, nach einer unerwarteten Verleihung eines Kunstförderpreises mit dem Schreiben aufzuhören und mit dem Geld eine Reise durch Europa zu machen.

Der Roman folgt einer kreisförmigen Erzählstruktur, die László über mehrere Stationen schließlich wieder an seinen Ausgangspunkt zurückführt, ohne dass seine ambitionierten Pläne je zur Vollendung gelangen. Er wurde in der Literaturkritik als „locker-flockiger Künstlerroman“ mit Bezügen zur Tradition des literarischen Taugenichts und des Schelmenromans eingeordnet, der mit trockenem Humor und pointierter Prosa zugleich den prekären Kunstbetrieb der Gegenwart reflektiert.

Ausgangssituation

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László Carassin, gerade dreißig Jahre alt, ist seit Jahren als Lyriker erfolglos.[1] Seine Gedichte sind auf Blogs und in Underground-Heften erschienen, ohne dass sich eine nennenswerte Leserschaft dafür gefunden oder er damit Geld verdient hätte.[2] Einzig ein Gedicht aus seinem so genannten Wasser-Zyklus wurde einmal abgedruckt, was dem Erzähler als größter bisheriger literarischer Erfolg gilt.[3] Er lebt in einer Wohngemeinschaft mit einem Drehbuchautor in der Lilienthalstraße am Südstern in Berlin-Kreuzberg, wo beide kaum die Miete aufbringen können. Neben der beruflichen Erfolglosigkeit ist László in eine zerrüttete Liebesbeziehung zu Mercedes Czeminski verstrickt, die er selbst als „melodramatische On-Off-Operette“ bezeichnet.[2] Die Beziehung ist zu Beginn des Romans zerbrochen, und die Erinnerung an Mercedes zieht sich fortan als Leitmotiv durch das gesamte Erzählgeschehen.[1]

In diese Situation hinein erhält László unvermittelt die Nachricht, dass ihm die Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg den Kunstförderpreis ihres Hauses verleiht, dotiert mit 7500 Euro. Warum er ausgezeichnet wird, versteht er selbst nicht. Er soll laut Mitteilung der Stifterin „zusammen mit anderen hoffnungsvollen Talenten“ geehrt werden.[2] Das Preisgeld empfindet er als „absurd schiefe Summe“ – zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben, zumindest im von ihm sogenannten „schrecklichen Berlin“.[1] Gleichwohl fasst er den Gedanken, mit dem Geld aus Berlin zu fliehen und vielleicht an der bulgarischen Riviera einen Minigolfplatz zu eröffnen.[2]

Die Preisverleihung in Wolfsburg

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Zunächst muss László nach Wolfsburg reisen, um den Preis und das Preisgeld in Empfang zu nehmen. Die Übergabe findet auf einer Gala im Ritz-Carlton-Hotel statt, bei der er seine Gedichte vor dem Publikum vorträgt. Die teilnahmslosen „Sparkassen-Gesichter“ der Veranstaltung lösen bei ihm tiefe Niedergeschlagenheit aus.[4] Noch am selben Abend beschließt er, sein Schriftstellerleben zu beenden und mit dem Preisgeld in 100-Euro-Scheinen eine neue Existenz zu beginnen.[5] Er erklärt Mitreisenden im Zug, er sei nunmehr „Ex-Schriftsteller“.[6] Der zuvor erwogene Minigolfplan an der bulgarischen Riviera wird abgewandelt und schließlich verworfen.[4] Nach einem kurzen Aufenthalt in Brno entscheidet sich László spontan, zu seinem Onkel Bernát nach Zánka am Balaton in Ungarn zu fahren.[6]

Am Balaton und das Millionen-Gedicht-Plan

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Bei Onkel Bernát, der ein Anwesen mit einem Wohnwagen im Garten besitzt, richtet sich László ein, um seinen selbst ausgerufenen „Ruhestand“ zu genießen. Er lebt in den Tag hinein, gibt sich dem Nichtstun hin und entwickelt eine ausformulierte Philosophie der Faulheit, die er seinem Freund Diamantis so darlegt: „Allgemein ist Arbeit unnatürlich. Weißt du, was natürlich ist? Freizeit. Arbeit dagegen ist ein Fetisch, den sich die Rechten ausgedacht haben. Arbeit ist kein essenzielles Bedürfnis, Freizeit ist es.“[4] Zugleich wird ihm klar, dass das Preisgeld rascher schwindet als erwartet: „Mich kotzte es an, arm zu sein. Warum hat mir die Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg nur 7.500 Euro in den Umschlag gesteckt, warum nicht 10.000 oder 15.000?“[7]

Onkel Bernát, der selbst von zahllosen gescheiterten „Eine-Million-Euro“-Geschäftsideen berichten kann, pflanzt seinem Neffen die Idee ein, das ultimative Gedicht zu schreiben[7] – ein „1-Million-Euro-Gedicht“, in dem nach Bernáts Rezept „alle Tiere der Welt vorkommen müssten und Liebe und Eifersucht, und alle Hauptfiguren müssten sterben, und zwar auf die tragischste Weise, genau in dem Moment, in dem man sie lieb gewonnen hat“. Diese Idee bewegt László dazu, seine Selbstbezeichnung als Ex-Schriftsteller fallen zu lassen und die Arbeit am Langgedicht aufzunehmen.[1]

Nikosia und das Fragment

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Da am verregneten Balaton die nötige Stimmung für das große Gedicht nicht aufkommt, bricht László nach Zypern auf. In Nikosia macht er sich mit viel Enthusiasmus an die Niederschrift, doch auch dort stellt sich die erhoffte Inspiration nicht ein: „Nikosia ist völlig unmöglich. Unmöglich zum Leben, unmöglich zum Atmen, eine regelrechte Schnapsidee ist es gewesen, hier Gedichte zu schreiben. Dieses Wüstenklima hat mich in drei Wochen mehr ruiniert als das schreckliche Berlin in drei Jahren“.[6] Die letzten verbliebenen Reste des Preisgeldes zerrinnen auf den Thekentresen der Stadt. Zehn linierte Notizhefte füllt er mit Gedichtfragmenten, doch das vollendete Werk bleibt aus.[1] In Momenten der Erschöpfung erwägt er, das Epos zu einem einzelnen Punkt zu kondensieren: „Vielleicht würde das Gedicht nur aus einem Wort bestehen. Vielleicht nur aus einem Buchstaben oder einem Satzzeichen. Ja, dachte ich, ein Punkt. Dieses Gedicht würde nur aus einem Punkt bestehen. Ein Punkt, der wie die Sonne am Himmel steht.“[4]

Das Ende der Reise

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In einer Bar in Nikosia begegnet László der Figur Tigris Lawrence, der er unmittelbar verfällt und nach Odessa folgt. Die zehn mit Gedichten gefüllten Notizhefte lässt er zurück. Sie interessieren ihn in diesem Moment nicht mehr.[1] Tigris hat eine Wohnung und eine Kreditkarte. Eine Weile befindet sich László in einem Zustand, den er selbst als Glück beschreibt, bis sich auch dieses Glück auflöst.[6] Mit aufgebrauchtem Preisgeld und gescheiterten Plänen endet seine Reise in dem Zustand, mit dem sie begann: Am Ende steht László wieder am Ausgangspunkt.[8][9] Der Roman schließt mit der offenbleibenden Frage nach der Natur der titelgebenden „Kapitulation“.[6]

László Carassin ist der Ich-Erzähler und Protagonist des Romans.[3] Zu seinen Gedichtwerken gehören eine Dinosaurierlyrik, Weltraumnovellen und ein Zyklus über seinen Škoda.[7] Titelgedichte lauten etwa George W. Bush besucht den Flugzeugträger USS Nightingale oder Easyjetflug 4614.[6] László ist ausgeprägt egozentrisch, neigt zu dramatischen Formulierungen[3] und stürzt sich laut Rezensionen mit Haut und Haar in jede Situation. Die Kritik beschrieb ihn als Figur, die gleichermaßen glücklich und unglücklich sein kann und keinen Mittelweg kennt.[6]

Mercedes Czeminski ist Lászlós ehemalige Lebensgefährtin, mit der er eine lang andauernde, zerrissene Beziehung verbindet.[1] Sie taucht im Romantext als Erinnerungsfigur auf und ist mit dem Berliner Lokal „Tannenbaum“ verknüpft, das László mit ihr in Verbindung bringt.[2] Die Beziehung bildet den emotionalen Hintergrund der Reise. Onkel Bernát lebt in Zánka am Balaton, ein Träumer gescheiterter Großprojekte.[6][3] Diamantis ist Lászlós Freund, an den László am Balaton seine Arbeitsphilosophie richtet.[4] Tigris Lawrence ist eine Frau, der László in einer Bar in Nikosia begegnet und nach Odessa folgt.[1]

Publikation und Lesungen

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Kapitulation erschien als dritter Roman Michel Decars im neu gegründeten Berliner MÄRZ Verlag.[10] Dieser war 1969 erstmals gegründet und 1987 aufgelöst worden.[11] 2021 wurde er von Barbara Kalender und Richard Stoiber neu gegründet.[12] In der Laudatio des Berliner Verlagspreises 2025 wurde Kapitulation als eines der prägenden Werke des Verlagsprogramms gewürdigt, das den Verlag im zeitgenössischen Literaturbetrieb positionierte.[13] Der MÄRZ Verlag erhielt 2025 den Großen Berliner Verlagspreis, den die Jury ihm als „Verlag der Gegenkultur, der Kritik und des Experiments“ verlieh.[14]

Vorablesungen fanden am 1. Juli 2023 statt, unter anderem bei der Gartenmesse „Kleine Verlage am Großen Wannsee“ des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB).[15] Der Roman wurde im literarischen Herbstprogramm 2023 präsentiert, so las Decar im Rahmen der Veranstaltung „Wort(g)arten 2023“ am 16. November 2023 in der fabrik Potsdam aus dem Buch.[16] Im März 2024 stellte er den Roman bei einem gemeinsamen Verlagsabend des MÄRZ Verlags im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Salon für Text & Musik“ vor, bei der die Verleger Barbara Kalender und Richard Stoiber ihre aktuellen Werke präsentierten.[10]

Erzählperspektive und Erzählzeit

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Der Roman ist als Ich-Erzählung gestaltet. Der Erzähler ist identisch mit dem Protagonisten László Carassin.[2][3] Die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild des Erzählers und dem, was der Text dem Leser über die Figur zeigt, wurde in der Rezeption der Literaturkritikerin Marlen Hobrack in der taz als zentrales komisches Verfahren des Romans benannt. Der Protagonist leide – für sich selbst undurchsichtig, für die Leser jedoch sehr offensichtlich – an Selbstüberschätzung und Selbsttäuschung. Diese Fallhöhe erzeuge die komische Wirkung des Textes.[7]

Die Erzählzeit umfasst einen überschaubaren Zeitraum, der die Stationen der Reise von der Preisverleihung bis zur Rückkehr abdeckt.[8] Der Protagonist ist zu Beginn dreißig Jahre alt.[4] Die Schauplätze sind real-geographisch verortet: Berlin-Kreuzberg (Lilienthalstraße am Südstern), Wolfsburg (Ritz-Carlton), Brno, Zánka am Balaton, Nikosia und Odessa.[6] Die Gegenwart der Handlungszeit ist durch Alltagsreferenzen auf zeitgenössische Wirklichkeit verankert.[7] Der Rezensent Michael Opitz hob hervor, Decar gelinge es, „viel gegenwärtiges Flair einzufangen“.[4]

Aufbau und Handlungsstruktur

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Der Roman folgt einer Reisestruktur, die in der Literaturkritik als Kreisbewegung beschrieben wurde. Die Reise führt letztendlich zum Ausgangspunkt zurück und lässt den Erzähler verändert zurückkehren.[3] Die Reisestationen folgen der sich rasch wandelnden Stimmungslage des Protagonisten.[6] Hobrack wies in ihrer Kritik auf das erzählerische Verfahren hin, literarische Versprechen zu machen und dann fallen zu lassen. So treten zu Beginn zwei Herren mit Bürstenhaarschnitt auf, die einen kriminalliterarischen Handlungsstrang andeuten und dann spurlos verschwinden. Ebenso erscheinen wiederkehrende Dingsymbole wie Uhrenmagazine, denen László geradezu kosmische Bedeutung beimisst – „als Reiseführer in die Tiefen des bundesrepublikanischen Unterbewusstseins, als Sternenkarte und Kodex für das Unaussprechliche“ –, ohne dass ihnen ein erzählerischer Status signifikant zugewiesen wird.[7]

Gattung und Stilmittel

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Der Roman wird in der Literaturkritik als Künstlerroman eingeordnet und enthält Elemente des Schelmenromans.[17] Als stilistische Merkmale nannten Rezensionen trockenen Humor, schlagfertige Dialoge und eine pointenreiche Prosa mit „flüssigem und griffigem Sound“.[6][9] Der Deutschlandfunk-Rezensent Maximilian Mengeringhaus charakterisierte den Text als „locker-flockigen Künstlerroman voller Schnapsideen und herausragender Entertainerqualitäten“.[1] Die Besprechung der Schriftstellerin Britta Röder auf booknerds.de hob hervor, Decar jongliere bewusst mit allen Klischees des Künstlertypus – Realitätsferne, Umgang mit Geld, Egozentrismus, Maßlosigkeit – und bereite dem Scheitern eine „knallbunte Bühne“.[9]

Literarische Bezüge

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In der Rezeption wurde als zentraler literarischer Bezugsrahmen die Tradition des literarischen Taugenichts hervorgehoben. Der Deutschlandfunk-Rezensent Michael Opitz zog explizit den Vergleich mit Joseph von Eichendorffs Erzählung Aus dem Leben eines Taugenichts (1826) und betonte zugleich, Decar sei „auf einen solchen Vergleich vordergründig nicht aus“. Er schreibe über einen Unbekümmerten, dem soziale Hierarchien und bürgerliche Wertevorstellungen wenig bedeuteten.[4] In der Verlagsankündigung wurde der Vergleich mit J. D. Salingers Protagonisten Holden Caulfield aus The Catcher in the Rye (1951) gezogen.[18] Maximilian Mengeringhaus nannte Decars Stil in seiner Besprechung von Januar 2024 vergleichbar mit den Büchern Jörg Fausers, „hätte der mehr Humor gehabt“.[19] Britta Röder bezeichnete László in ihrer Rezension als zeitgenössischen Don Quijote, für den „das Ringen um die Wahrhaftigkeit in der Kunst eine echte Lebensfrage“ darstelle.[9]

Thematische Bezüge

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Mehrere Rezensenten lasen den Roman als Auseinandersetzung mit dem prekären Kunstbetrieb der Gegenwart.[7] Röders Besprechung deutete ihn als „bittere Satire auf die Realität künstlerischen Arbeitens und Lebens“. Künstler würden zu „Almosenempfängern degradiert“, bei denen es den Stiftenden meistens mehr um ihr eigenes Image als um ehrliche Anerkennung von Kunst gehe.[9] Hobrack sah in dem Roman eine „kurzweilige“ Reflexion auf die Frage nach dichterischer Kapitulation „in Zeiten der massenmedialen Dauerbeschallung“, in denen die Vorstellungen von Dichterfürsten nur noch von Buchcovern herüberwehen.[7] Petra Lohrmann beschrieb den Roman in ihrer Besprechung als „beherzten, niemals bitteren Blick auf den jungen Mann, der sich ganz klassisch-romantisch auf die Suche nach sich selbst macht“, und sah in Decars Antihelden eine Hinterfragung des kapitalistischen Systems.[6]

Einordnung ins Gesamtwerk

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Kapitulation stellt Decars dritten Roman dar und markiert einen Verlagswechsel.[20] Während die beiden Vorgängerromane Tausend deutsche Diskotheken (2018) und Die Kobra von Kreuzberg (2021) im Ullstein Verlag herausgebracht wurden,[21] erschien Kapitulation im neu gegründeten MÄRZ Verlag.[7] Maximilian Mengeringhaus stellte in seiner Rezension eine Entwicklungslinie fest. Decar habe bereits mit seinen „augenzwinkernden Krimis“ sein „außerordentliches Gespür für stilsichere Buchcover, schmissige Plots und erstklassige Figurennamen bewiesen“.[1] Anders als die vorangehenden Romane, die in kriminalromannahen Gattungstraditionen angesiedelt sind – Tausend deutsche Diskotheken als Noir-Krimi im Milieu der 1980er-Jahre-Disko-Kultur[22] und Die Kobra von Kreuzberg als Heist-Roman um eine Berliner Diebin[23] –, verzichtet Kapitulation auf einen Kriminalhandlungsstrang und rückt das Innenleben des Protagonisten und seine Suche nach einer Existenz jenseits der Kunst in den Mittelpunkt.[7] Hauke Harder sah in seiner Besprechung in der Figur László das „humorvolle Sinnbild einer Generation“.[3]

Die erste öffentliche Besprechung des Romans Kapitulation erschien am 30. August 2023 bei Jungle World unter dem Titel Rentnerträume am Balaton von Jens Winter. Darin wurde über die Grundkonstellation des Romans referiert und Lászlós Reise als von „einem Hauch verruchter Boheme und ironischer Kleinbürger-Mimikry“ umweht beschrieben.[2] Am 3. November 2023 brachte Deutschlandfunk in der Sendung Büchermarkt eine Besprechung von Michael Opitz. Die Figur des sich dem Nichtstun verschreibenden Dichters erinnere ihn an Eichendorffs Taugenichts. Er bezeichnete ihn als „angenehm unaufdringlichen Roman, in dem eine Figur im Zentrum steht, die alles andere als fiktiv ist“.[4]

Am 17. Oktober 2023 erschien in der taz eine Rezension von Marlen Hobrack, die den Roman als „hochkomischen“ Künstlerroman bezeichnete. Hobrack hob hervor, Decars zentraler erzählerischer Kunstgriff bestehe darin, dass László an Selbstüberschätzung und Selbsttäuschung leide und dieser Mechanismus für den Leser „schreiend komisch anmutet“.[7] Am 8. Januar 2024 folgte bei Deutschlandfunk Kultur in der Sendung Lesart eine Besprechung von Maximilian Mengeringhaus, der den Roman als „locker-flockigen Künstlerroman voller Schnapsideen und herausragender Entertainerqualitäten“ charakterisierte und László Carassin als „einen der sympathischsten Scharlatane der jüngeren Gegenwartsliteratur“ bezeichnete.[1] Die Besprechung von Britta Röder auf booknerds.de (29. September 2023) bewertete den Roman mit 13 von 15 möglichen Punkten und ordnete ihn als „urkomisch und bedingungslos ehrlich“ ein.[9]

Im Perlentaucher wurde der Roman Kapitulation im Rahmen der Laudatio zur Vergabe des Großen Berliner Verlagspreises 2025 an den MÄRZ Verlag ausdrücklich als eines der charakteristischen Programmbücher des Verlags erwähnt, das das publizistische Profil des Hauses mitbestimmt.[8][24]

Michel Decar (2019), Autor des Romans Kapitulation

Michel Decar wurde 1987 in Augsburg geboren.[25] Er studierte Germanistik und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er auf der Studiobühne auch erste eigene Stücke inszenierte, und im Anschluss Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Seither lebt und arbeitet er in Berlin als Autor, Regisseur und Filmemacher. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Jakob Nolte verfasst er Theatertexte unter dem gemeinsamen Namen „Nolte Decar“.[20] Zu den bekanntesten Bühnenwerken Decars zählen Jonas Jagow (Uraufführung 2013, Maxim Gorki Theater Berlin),[26] Jenny Jannowitz (2014 bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen)[27] und Philipp Lahm (2017 am Residenztheater München).[28] Seine Theaterstücke wurden an über fünfzig Bühnen im In- und Ausland aufgeführt, darunter am Thalia Theater Hamburg, am Schauspiel Frankfurt und am Schauspielhaus Zürich.[29] Für sein dramatisches Werk erhielt Decar mehrere Auszeichnungen: 2012 den Förderpreis für neue Dramatik des Berliner Theatertreffens für Jonas Jagow[26] und 2014 den Kleist-Förderpreis für Jenny Jannowitz.[30] Das gemeinsam mit Jakob Nolte verfasste Stück Das Tierreich wurde 2013 mit dem Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin ausgezeichnet.[31] Seine Hörspiele entstehen regelmäßig in Koproduktion mit Deutschlandfunk Kultur.[32] 2020 produzierten Deutschlandradio und Deutschlandfunk Kultur sein Originalhörspiel Die besten Sprüche aller Zeiten.[29] Neben Kapitulation erschien 2024 im selben Verlag das Langgedicht Ich kam in Gestalt eines Elefanten.[33]

Einzelnachweise

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  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Maximilian Mengeringhaus: Das 1-Million-Euro-Gedicht. Michel Decar: „Kapitulation“. Deutschlandradio, 8. Januar 2024, abgerufen am 1. Juli 2026.
  2. 1 2 3 4 5 6 7 Jens Winter: Rentnerträume am Balaton. Eine Kritik an Michel Decars neuem Roman »Kapitulation«. Jungle World Verlag, 31. August 2023, abgerufen am 1. Juli 2026.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 Hauke Harder: Michel Decar: „Kapitulation“. 23. Oktober 2023, abgerufen am 1. Juli 2026.
  4. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Michael Opitz: Aus dem Leben eines dichtenden Taugenichts. Michel Decar: „Kapitulation“. Deutschlandradio, 3. November 2023, abgerufen am 2. Juli 2026.
  5. ↑ „Kapitulation“, Roman von Michel Decar. Cultural Broadcasting Archive, Display Europe, 11. April 2024, abgerufen am 2. Juli 2026.
  6. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Petra Lohrmann: Michel Decar – Kapitulation. Abgerufen am 2. Juli 2026.
  7. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Marlen Hobrack: 7.500 Euro und die Folgen. Michel Decar „Kapitulation“. taz, 18. Oktober 2023, abgerufen am 2. Juli 2026.
  8. 1 2 3 Michel Decar: Kapitulation. Roman. Perlentaucher Medien, abgerufen am 2. Juli 2026.
  9. 1 2 3 4 5 6 Britta Röder: Michel Decar – Kapitulation (Buch). booknerds.de, September 2023, abgerufen am 2. Juli 2026.
  10. 1 2 Salon für Text und Musik • Folge 11: Über Frühling • Mit: Leonie Ott & Michel Decar • präsentiert von Das Wetter. Literarisches Colloquium Berlin, abgerufen am 4. Juli 2026.
  11. ↑ Barbara Kalender, Jörg Schröder. 40 Jahre März Verlag: 24. November 2009 – 8. Januar 2010. n.b.k., abgerufen am 4. Juli 2026.
  12. ↑ Nils Kahlefendt: Neumärz. Relaunch des März Verlags. Börsenblatt, 21. September 2021, abgerufen am 4. Juli 2026.
  13. ↑ Philipp Böhm: Laudatio März Verlag. Börsenverein des Deutschen Buchhandels, 10. November 2025, abgerufen am 4. Juli 2026.
  14. ↑ Berliner Verlagspreis: Diese Häuser wurden ausgezeichnet. Zeitverlag Gerd Bucerius, 9. November 2025, abgerufen am 4. Juli 2026.
  15. ↑ Kleine Verlage am Großen Wannsee 2023. Literarisches Colloquium Berlin, 14. April 2023, abgerufen am 4. Juli 2026.
  16. ↑ Lesung: Kapitulation / Michel Decar. lifePR, unn United News Network, 19. September 2023, abgerufen am 4. Juli 2026.
  17. ↑ Anne Stürzer: Michel Decar stellt seinen Schelmenroman bei den Literarischen Wochen vor. Nordsee-Zeitung, 8. März 2024, abgerufen am 5. Juli 2026.
  18. ↑ Kapitulation. März Verlag, abgerufen am 5. Juli 2026.
  19. ↑ Buchkritik: „Kapitulation“ von Michel Decar. Deutschlandradio, 5. Januar 2024, abgerufen am 5. Juli 2026.
  20. 1 2 Michel Decars Profil beim Rowohlt Verlag, abgerufen am 6. Juli 2026.
  21. ↑ Michel Decars Autorenprofil bei Ullstein Buchverlage, abgerufen am 6. Juli 2026.
  22. ↑ Julian Dörr: Städte, Frauen, Probleme. Süddeutsche Zeitung, 7. August 2018, abgerufen am 6. Juli 2026.
  23. ↑ Die Kobra von Kreuzberg | Michel Decar. Lesendes Federvieh, 5. Mai 2021, abgerufen am 6. Juli 2026.
  24. ↑ Berliner Verlagspreis 2025 für MÄRZ Verlag, BeBra Verlag und Kraus Verlag. Buchmarkt Media, abgerufen am 6. Juli 2026.
  25. ↑ Michel Decars Biografie im Literaturportal Bayern, abgerufen am 6. Juli 2026.
  26. 1 2 Stückemarkt-Preise. Berliner Festspiele, abgerufen am 6. Juli 2026.
  27. ↑ Michel Decar: Jenny Jannowitz. Rowohlt Verlag, abgerufen am 6. Juli 2026.
  28. ↑ Michel Decar: Philipp Lahm. Rowohlt Verlag, abgerufen am 6. Juli 2026.
  29. 1 2 Die besten Sprüche aller Zeiten in der Hörspieldatenbank des Deutschen Rundfunkarchivs, abgerufen am 6. Juli 2026.
  30. ↑ Kleist-Förderpreis geht an Michel Decar. Theapolis, 17. Januar 2014, abgerufen am 6. Juli 2026.
  31. ↑ Das Tierreich: von Jacob Nolte. Folkwang Theaterzentrum, abgerufen am 6. Juli 2026.
  32. ↑ Michel Decars Profil auf der Website des Staatstheaters Darmstadt, abgerufen am 6. Juli 2026.
  33. ↑ „Literatur über Bande – Anschreiben im Billard-Forum“ mit Ulrike Sterblich und Michel Decar. Kulturportal Düsseldorf, Düsseldorf Marketing, abgerufen am 6. Juli 2026.