Josée Laval

Josée Laval (geboren als Josette Pierrette Laval am 2. April 1911 in Paris; verheiratete Gräfin de Chambrum; gestorben am 9. Januar 1992 in Neuilly-sur-Seine) war eine Person des Vichy-Regimes. Sie war die Tochter des Politikers Pierre Laval.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Dritte Republik und Zweiter Weltkrieg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Josée Laval war die Tochter von Pierre Laval und Jeanne Claussat, einer Schwester des Parlamentsabgeordneten Joseph Claussat.[1] Pierre Laval war zwischen 1931 und 1936 viermal französischer Premierminister. Er war maßgeblich für die Errichtung des Vichy-Regimes verantwortlich und zweimal dessen Premierminister. Er wurde 1945 wegen Kollaboration hingerichtet.
Sie begleitete ihren Vater 1931 auf dessen Amerika-Reise als französischer Außenminister, auf der dieser vom Time Magazin zum Man of the Year ernannt wurde, und weckte dabei das Interesse der amerikanischen Presse.[2] Josée brach ihr Jurastudium ab, besuchte Kurse an der École du Louvre und führte im Übrigen ein mondänes Leben.[3] 1934 begleitete sie ihn nach Italien und in die Sowjetunion zu Verhandlungen mit Benito Mussolini und Josef Stalin.[4]

Am 19. August 1935 heiratete Josée Laval den Grafen René de Chambrun[5] in der Basilika Sainte-Clotilde in Paris. Zu den Trauzeugen gehörten General Pershing und Alice Roosevelt Longworth. Die Zeitschrift Vu veröffentlichte eine Sonderausgabe: „Eine große Hochzeit der Dritten Republik“. Ihre Hochzeitsreise führte sie nach Kanada und in die Vereinigten Staaten.[6]
Während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung nutzte Josée Laval die Stellung ihres Vaters im Herzen des Vichy-Regimes, um ein mondänes und verschwenderisches Leben zu führen, das sich zwischen Empfängen bei ihr zu Hause an der Place du Palais Bourbon oder in Botschaften, auf Pferderennbahnen und bei den großen Modeschöpfern abspielte. Sie verbrachte ihre Zeit abwechselnd in Paris und auf dem Familienschloss in Châteldon, das in der Nähe von Vichy liegt.[7] Sie unterhielt zudem einen Salon, der von zahlreichen Persönlichkeiten der Kollaboration frequentiert wurde, darunter Xavier Vallat, René Bousquet, Fernand de Brinon und der deutsche Botschafter Otto Abetz.[8][9]
Nach der Libération
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der Befreiung versteckte sie sich mit ihrem Ehemann in der Umgebung von Paris.[10] Danach setzte sich Josée de Chambrun mit Unterstützung ihres Mannes für die Rehabilitierung ihres Vaters ein, dessen Hinrichtung sie als Mord betrachtete. Jedes Jahr am 13. Dezember versammelte sie die ehemaligen Mitarbeiter ihres Vaters und pflegte enge Beziehungen zu den französischen und deutschen Akteuren der Kollaboration: die Frau von Otto Abetz, René Bousquet, Paul Morand, Louise de Vilmorin, Marcel Jouhandeau, Jacques Isorni und Abel Bonnard. Nach und nach kehrte sie in ihr gesellschaftliches Leben zurück.[7]

1955 begann Josée Laval gemeinsam mit ihrem Ehemann mit der Renovierung des Schlosses La Grange-Bléneau, der letzten Residenz des Marquis de La Fayette, das ihr von ihrem Vater geschenkt worden war.[11] Im Zuge der Arbeiten führten die zahlreichen ans Licht gekommenen Archivbestände zur Gründung der Stiftung Josée-et-René-de-Chambrun, die am 19. Oktober 1959 als gemeinnützig anerkannt wurde. Neben der Erhaltung des Schlosses La Grange-Bléneau und des Schlosses Châteldon setzt sich die Stiftung, deren Sitz sich in der 6 bis place du palais Bourbon unterhalb der Wohnung des Ehepaars Chambrun befindet, bis zum Tod von René de Chambrun 2002 für die Rehabilitierung von Pierre Laval ein, indem sie Bücher zu seinem Ruhm oder Sammlungen seiner Reden herausgab. Nach dem Tod von René de Chambrun erwähnte die Stiftung, die sich fortan als „Fondation Chambrun Lafayette“[11] bezeichnete, das Andenken an Pierre Laval nicht mehr und widmete sich ausschließlich der Erhaltung und Aufwertung des Erbes und der Archive von Lafayette.
1974 versuchte Josée de Chambrun, das Gemälde Le Guéridon au paquet de tabac von Georges Braque zu verkaufen; es wurde im Auktionshaus in Anwesenheit von Paul Rosenberg beschlagnahmt. Auch wenn die Herkunft des Eigentums an diesem Werk der Familie Chambrun nicht bekannt ist, steht sie möglicherweise in Zusammenhang mit den Beziehungen zwischen Pierre Laval und Otto Abetz, der ab Juli 1940 Raubzüge bei jüdischen Sammlern oder französischen Behörden organisierte.[12]
Josée Laval, Gräfin von Chambrun, starb im Januar 1992 in Neuilly-sur-Seine im Alter von 80 Jahren. Sie wurde auf dem Friedhof Montparnasse in Paris in der Familiengruft der De Chambrun beigesetzt, in die sie die sterblichen Überreste ihres Vaters Pierre Laval nach dessen Hinrichtung hatte überführen lassen. Auch ihre Mutter und ihr Ehemann René de Chambrun sind dort beigesetzt.[13]
Historische Aufarbeitung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Leben von Josée Laval wurde vom Wissenschaftler Yves Pourcher in einer ethnohistorischen Studie[7] und zwei Romanen beschrieben. Eine Fernsehdokumentation, die von seinen Arbeiten und der Biografie von Fred Kupferman inspiriert war und den Titel Les Carnets de Josée Laval[14] trug, wurde 2016 im französischen Fernsehen auf France 3 ausgestrahlt; sie schildert insbesondere ihr Leben während der Besatzungszeit. Die Zeitung Le Monde schrieb dazu: „Bei jeder Lektüre (eines Auszugs aus ihren Carnets) überkommt uns ein immenses Gefühl der Scham, so sehr erschüttert die Leugnung der Nazi-Gräuel diese Vergangenheit, die nicht vergeht.“[15]
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Paule Muxel, Bertrand de Solliers: Les Carnets de Josée Laval. Julianto Films, 2015 (film-documentaire.fr).[16][17]
- Yves Pourcher: Trois coupes de champagne. Grasset, 2009, ISBN 978-2-246-74509-9.
- Yves Pourcher: Pierre Laval vu par sa fille. D’après ses carnets intimes. Tallandier, 2014, ISBN 979-1-02100710-9.
- Yves Pourcher: Moi, Josée Laval. Cherche Midi, 2015, ISBN 978-2-7491-4441-2.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Bande-annonce Les Carnets de Josée Laval auf YouTube
- Angaben zu Josée Laval in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Joseph Claussat. In: Assemblée nationale. Abgerufen am 17. Mai 2026 (französisch).
- ↑ Siehe dazu die Dokumentation Les Carnets de Josée Laval in der Literaturliste, Minute 6:22 und 7:19
- ↑ Siehe dazu die Dokumentation Les Carnets de Josée Laval in der Literaturliste, Minute 11
- ↑ Siehe dazu die Dokumentation Les Carnets de Josée Laval in der Literaturliste, Minute 14 und Minute 17
- ↑ Chambrun, René de. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag); abgerufen am 18. Mai 2026.
- ↑ Siehe dazu die Dokumentation Les Carnets de Josée Laval in der Literaturliste, Minute 20 bis 22
- 1 2 3 Siehe Literaturliste Pourcher 2014
- ↑ Siehe Literaturliste Pourcher 2015
- ↑ Denis Demonpion: La vie mondaine des collabos ( vom 12. Juli 2016 im Internet Archive), Le Point vom 31. Mai 2002
- ↑ Siehe dazu die Dokumentation Les Carnets de Josée Laval in der Literaturliste, Minute 78
- 1 2 Fondation Chambrun. Abgerufen am 18. Mai 2026 (französisch).
- ↑ Hector Feliciano: Le musée disparu. Enquête sur le pillage d–oeuvres d’art en France par les nazis. Gallimard, 2012, ISBN 978-2-07-040431-5, S. 185 f.
- ↑ Marie-Christine Pénin: Tombes sépultures dans les cimitières et autres lieux. In: Tombes sépultures. Abgerufen am 18. Mai 2026 (französisch).
- ↑ Siehe Literaturliste
- ↑ Marie-Béatrice Baudet: L’insoutenable légèreté de Josée Laval ( vom 14. Oktober 2022 im Internet Archive; png-Datei), Le Monde vom 6. August 2018
- ↑ Les Carnets de Josée Laval bei IMDb
- ↑ Werk auf Gallica
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Laval, Josée |
| ALTERNATIVNAMEN | Laval, Josette Pierrette (Geburtsname); Josée de Chambrun (Ehename) |
| KURZBESCHREIBUNG | französische Kollaborateurin |
| GEBURTSDATUM | 2. April 1911 |
| GEBURTSORT | Paris |
| STERBEDATUM | 9. Januar 1992 |
| STERBEORT | Neuilly-sur-Seine |