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Joint Vision 2010

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Schematische Erläuterung der Joint Vision 2010-Doktrin. Im Informationszeitalter (von links kommend) sollen sich die einzelnen Teilstreitkräfte (See, Land, Luft, Cyber, Weltall) zu einer Joint Force bündeln und über das gesamte Domänenspektrum dominieren (rechts im Bild).

Joint Vision 2010 (zu dt. etwa: „Perspektive für eine streitkräfteübergreifende Gefechtsführung im Jahre 2010“), abgekürzt JV 2010 oder Vision 2010, ist ein Strategiepapier des Generalstabs der Vereinigten Staaten (JCS), welches im Jahre 1996 von General John Shalikashvili, dessen damaligem Vorsitzenden, veröffentlicht wurde. Er fasste zusammen:

„The nature of modern warfare demands that we fight as a joint team. This was important yesterday, it is essential today, and it will be even more imperative tomorrow. Joint Vision 2010 provides an operationally based template for the evolution of the Armed Forces for a challenging and uncertain future. It must become a benchmark for Service and Unified Command visions.“

– John M. Shalikashvili, Chairman of the Joint Chiefs of Staff (CJCS)

JV 2010 zählt zu den herausragenden Strategiedokumenten der jüngsten Geschichte der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, da die darin enthaltenen Ideen ihre größte Restrukturierung zum „Gefecht der verbundenen Waffen“ hin auslösten. Die Begrifflichkeit „Joint“ – Zusammen wurde ab dann bekannt und ist als Joint Warfare heute Teil der modernen Kriegsführung.[1] William Cohen kommentierte 1999, „die Umsetzung der Joint Vision 2010 wird zu einer revolutionären Steigerung der Effektivität gemeinsamer Streitkräfte führen.“[2] Auch andere Beobachter sprachen von den Synergien einer „Joint Force“ – welche im Kalten Krieg noch auf die Teilstreitkräfte Land, See und Luft aufgeteilt war.[3] Die JV 2010 ging auch mit einem Rüstungsvorhaben einher, da die neue Technologie für die gemeinsame Streitkraft erst entwickelt werden musste.[4]

Als Nachfolger des Konzepts wurde die Joint Vision 2020 bekannt.

Die Hauptaspekte der Joint Vision 2010 sind im typischen Duktus der US-amerikanischen Verteidigungspolitik gehalten, sodass ihre wesentlichen Inhalte in terminologische Schlagworte gefasst sind.

Ziel der Joint Vision 2010 ist eine „Full-spectrum dominance“ (FSD) der US-Streitkräfte, die vollständige Kontrolle des US-Militärs auf breiter Ebene in allen für die moderne Kriegsführung relevante Gebieten. Hierzu ist die Verwirklichung von vier Leitlinien notwendig:

  1. Dominant maneuver: Der Begriff „Dominant maneuver“ („ständige Überlegenheit im Manöver“) beinhaltet eine möglichst breite Anwendung von Informationen, Einsatzbereitschaft und Mobilität, also eine Streitmacht, die gut ausgebildet, ausgestattet und über das Schlachtfeld im Bilde ist. Diese ideale Streitmacht soll aus der strategischen Initiative heraus dem Gegner, vor allem dessen neuralgischen Punkten (Center of gravity) so starken strategischen Schaden zufügen, dass dieser entweder sofort den Widerstand aufgibt oder die Offensive nicht mehr erringen kann. Dabei müssen die Vorteile, über die das Militär verfügt, effektiv eingesetzt werden. Anmerkung: Bei Veröffentlichung von JV 2010 stellte dieser Punkt trotz der waffentechnischen Überlegenheit der USA eine gewaltige Herausforderung an die Streitkräfte dar, da sie implizierte, dass Verbände möglichst zeitnah als Reaktionsstreitkraft verlegt werden können, obwohl bis dato die möglichst starke Massierung von militärischen Potenzial Usus war. Vor diesem Hintergrund war auch die Forderung, Spuren der eigenen Operationen zu verwischen, um nicht vom Feind aufgespürt zu werden, kaum zu erfüllen.
  2. Precision engagement: „präziser Kampfeinsatz“ umfasst vor allem eine erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit auf dem Schlachtfeld, die möglichst in Echtzeit stattfinden soll. Eine verstärkte Kooperation der Streitkräfte untereinander soll ebenfalls die potenzielle Einsatzbereitschaft aller Einheiten gegen jedes militärisch relevante Ziel auf der Welt ermöglichen. Von großer Bedeutung sollte auch der Einsatz entsprechender Waffentechnologien sein. Anm. Hintergrund dieser Forderung ist der Fortschritt in der Informationstechnologie, die dem Cyberwar, also der elektronischen Kampfführung immer stärkeres Gewicht zukommen ließ. Darüber hinaus hatten die Streitkräfte der USA als Gesamtes an hinderlichen Rivalitäten zwischen den Teilstreitkräften gekrankt, die das Goldwater-Nichols-Gesetz zwar nur strukturell lindern, aber nicht mental beenden konnte.
  3. Full-dimensional protection: Der „vollwertige Schutz“ aller Soldaten und Standorte des Militärs auf dem gesamten Erdball, die das ungestörte Operieren der Armee gewährleisten soll. Bedingung hierfür ist ein erhöhter Datendurchsatz für eine möglichst breite und flüssige Kommunikation aller Knotenpunkte und die Anwendung aller verfügbaren aktiven und passiven Abwehrmaßnahmen. Beispielsweise empfiehlt Joint Vision 2010 die Verwirklichung einer „[weltweiten] Raketenabwehrarchitektur“.
  4. Focused logistics: „bedarfsorientierte Logistik“ bedeutet den Bedarf der Verbände im Einsatz ständig zu prüfen und nach Bedarf zu decken. Diese Anwendung der Just-in-time-Produktion auf militärische Belange bedeutet einen höheren Aufwand, bereinigt aber mehrere Nachteile: Die Notwendigkeit, gewaltige Nachschublager betreiben, Standortprioritäten eingehen und Operationsgeschwindigkeiten (OP-Tempo) koordinieren zu müssen, entfällt.

Für den endgültigen verteidigungspolitischen Erfolg des Dokumentes, der vor allem in der Überwindung des starken Widerstands aus dem Militär lag, bedurfte es einiger Konkretisierungen. Der Präsident der Vereinigten Staaten zur Zeit der Veröffentlichung von JV 2010, Bill Clinton, verfügte weder über den politischen Willen noch über ausreichende Unterstützung, um nach diversen Militärreformen wie dem gelockerten Umgang mit Homosexuellen, die in JV 2010 enthaltenen Vorschläge umzusetzen. Die Führung des US-Heeres sah sich beispielsweise gegenüber den anderen Teilstreitkräften benachteiligt und setzte der Joint Vision das Konzept von Boots on the Ground („Stiefel [metaphorisch für Soldaten] am Boden“) entgegen, welches die Bedeutung der Infanterie hervorhob.[5]

George W. Bush versprach bereits als Präsidentschaftskandidat im Wahlkampf 1999, dass er von der vielzitierten „Revolution in der Verteidigungspolitik“ (RMA) überzeugt sei und deren Umsetzung als Präsident forcieren werde. Unter der Ägide seines ersten Verteidigungsministers, Donald Rumsfeld, löste er dieses Versprechen ein und erweiterte Joint Vision 2010 zur Joint Vision 2020, die noch im Jahre 2000 veröffentlicht wurde.

Infolge der Joint Vision 2010 entwickelten die einzelnen Teilstreitkräfte spezifische Vision-Doktrinen. Die bekannteste ist die Ausarbeitung des Heeres unter dem Namen Army Vision 2010.[6]

Zunächst erwies sich die neue Kriegsführung als durchschlagender Erfolg, die Rumsfelds Autorität den Militärs gegenüber stärkte. Seine Weigerung, die Army zu vergrößern, die angesichts des Verlaufs der Besetzung des Irak 2003–2011 wieder Boots on the Ground propagierte, war ein sekundärer Grund für seine Entlassung im Dezember 2006.

Einzelnachweise

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  1. ↑ Edward R. Lucas, Thomas A. Crosbie: Evolution of Joint Warfare. In: Handbook of Military Sciences. Springer International Publishing, Cham 2021, ISBN 978-3-030-02866-4, S. 1–11, doi:10.1007/978-3-030-02866-4_21-1 (englisch, springer.com [abgerufen am 22. Oktober 2026]).
  2. ↑ William S. Cohen: Chapter 10: The Revolution in Military Affairs and Joint Vision 2010. In: Annual Report to the President and Congress (ADR1999). Washington, D.C. 1999 (englisch, archive.org): “The realization of Joint Vision 2010 will lead to a revolutionary increase in joint force effectiveness.”
  3. ↑ Joint Vision. In: Air Force Magazine Vol. 79, No. 8. August 1996, archiviert vom Original am 14. Oktober 2008; abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
  4. ↑ Joseph E. Eash III: Joint Vision 2010: Technology. In: JFQ. 2000 (englisch, archive.org [PDF; abgerufen am 22. Oktober 2026]).
  5. ↑ John T. Correll, Editor in Chief: The Clash of Visions--April 1997. In: Air Force Magazine Vol. 80, No. 4. April 1997, archiviert vom Original am 30. September 2007; abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
  6. ↑ US Army (Hrsg.): Army Vision 2010. Washington, D.C. 1996 (englisch, archive.org [abgerufen am 22. Oktober 2026]).