Internationales Netzwerk investigativer Journalisten

Das Internationale Netzwerk investigativer Journalisten (englisch International Consortium of Investigative Journalists; abgekürzt ICIJ) wurde 1997 als Projekt des Center for Public Integrity (CPI) in den USA gegründet und ist seit 2017 eine eigenständige Non-Profit-Organisation.[1] Zu den Aufgaben des ICIJ gehört die Aufdeckung von Machtmissbrauch, Korruption und Pflichtverletzung durch mächtige öffentliche und private Institutionen. Das ICIJ wertete Millionen Unterlagen über Steueroasen und Briefkastenfirmen sowie geheime Finanzgeschäfte bekannter Persönlichkeiten in Steueroasen aus, unter anderem die Panama Papers, die Paradise Papers und die Pandora Papers. Das ICIJ wird von den von George Soros gegründeten Open Society Foundations unterstützt.[2]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das ICIJ wurde 1997 von dem US-amerikanischen Investigativjournalisten Charles Lewis als Projekt des von ihm 1989 gegründeten Center for Public Integrity (CPI) ins Leben gerufen. Ziel war es, das Modell des nichtkommerziellen Watchdog-Journalismus des CPI auf grenzüberschreitende Themen wie internationale Kriminalität, Korruption und die Kontrolle der Mächtigen auszuweiten.[1][3] Das erste große Gemeinschaftsprojekt erschien in den Jahren 2000 und 2001: Ein Reporterteam aus sechs Ländern belegte anhand interner Industriedokumente, dass führende Tabakkonzerne beim weltweiten Zigarettenschmuggel mit kriminellen Netzwerken zusammenarbeiteten; die Serie wurde in mehr als 40 Publikationen in zehn Ländern nachgedruckt oder aufgegriffen.[4][5]
2011 übernahm der irisch-australische Journalist Gerard Ryle als erster Nicht-US-Amerikaner die Leitung des ICIJ.[6] Unter seiner Leitung verlagerte sich der Schwerpunkt auf großangelegte, datenbasierte Kooperationsrecherchen, beginnend mit den im April 2013 veröffentlichten Offshore-Leaks.[5] 2014 war das ICIJ an der Veröffentlichung von verbindlichen Vorbescheiden der Luxemburger Steuerbehörde (den Luxemburg-Leaks) beteiligt.[7]
Im Oktober 2016, wenige Monate nach der Veröffentlichung der Panama Papers, kündigte das CPI an, das ICIJ in eine eigenständige Organisation auszugliedern.[8] Anfang 2017 wurde das ICIJ unabhängig; im Juli 2017 erhielt es von den US-Steuerbehörden den Status einer gemeinnützigen Organisation nach 501(c)(3).[1]
Im November 2018 veröffentlichte das ICIJ gemeinsam mit Partnern die als Implant Files bekannten Recherchen zu Medizinprodukten.[9][10] Letzteres war die erste Recherche, die nicht auf Leaks von Whistleblowern basierte.[11] Im November 2019 veröffentlichte das ICIJ in Kooperation mit Partnern ihre Recherchen über die China Cables,[12] im September 2020 über die FinCEN Files.[13] Im Oktober 2021 folgten die Pandora Papers, mit knapp zwölf Millionen ausgewerteten Dokumenten die bis dahin umfangreichste Recherche des Konsortiums,[14] und im Juli 2022 die Uber Files.[15]
Journalisten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Dem Netzwerk gehören 280 Journalisten in über 100 Ländern an.[16] Hans Leyendecker, der langjährige Leiter des Ressorts Investigative Recherche bei der Süddeutschen Zeitung, gehört zum Netzwerk investigativer Journalisten aus Deutschland[17] wie auch Bastian Obermayer und Frederik Obermaier.[2] Aus Österreich war der Anfang 2015 verstorbene Journalist Kurt Kuch Mitglied des ICIJ, 2018 wurde Michael Nikbakhsh als Vollmitglied in das Netzwerk aufgenommen.[18][19] Aus der Schweiz wurde als eines der ersten Mitglieder der unabhängige Journalist Frank Garbely berufen.[20]
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das ICIJ wurde im Jahr 2017 für die Enthüllung des Panama-Papers-Skandals mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie „Explanatory Reporting“ (Hintergrund-Berichterstattung) ausgezeichnet.[21]
Im Jahr 2019 erhielt das ICIJ den von GuideStar vergebenen Preis Gold Seal of Transparency.[22]
Das ICIJ organisiert die Daniel Pearl Awards for Outstanding International Investigative Reporting.[23] Die Auszeichnungen werden aktuell nicht vergeben.
Bekannte Arbeiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weltweit bekannt wurde das ICIJ durch folgende gemeinsamen Arbeiten.
Offshore-Leaks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im April 2013 erregte das ICIJ mit seinem Projekt Offshore-Leaks international viel Aufsehen. Dabei handelte es sich um ein umfangreiches Rechercheprojekt, an dem 86 Journalisten und Medien aus 46 Ländern mitarbeiten.[24] In einer projektweit konzertierten Aktion berichten seit dem 4. April 2013 renommierte Medien wie die Washington Post über die große Steueroasen-Maschinerie, die es bisher leicht macht(e), Schwarzgeld zu besitzen bzw. es vor Dritten zu verstecken. In Deutschland sind die Süddeutsche Zeitung,[25] das Team Recherche des NDR Fernsehens und der Reporterpool von NDR Info Kooperationspartner des Projekts.[26]
Luxemburg-Leaks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im November 2014 erregte das ICIJ mit seinem Projekt Luxemburg-Leaks international ebenfalls viel Aufsehen. Über 500[27] globale Unternehmen haben mittels komplizierter Konstruktionen und unter Beteiligung der dortigen Steuerbehörden ihre Gewinne nach Luxemburg verlagert und so ihren Steuersatz auf bis zu 0,1 %[28] gedrückt.
Swiss-Leaks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Februar 2015 berichtete das ICIJ, dass die Schweizer HSBC Private Bank Kunden systematisch bei der Steuerhinterziehung unterstützt habe. Die als Swiss-Leaks bekannt gewordenen Daten hatte ICIJ von der französischen Zeitung Le Monde erhalten.
Panama Papers
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 3. April 2016 veröffentlichte das Konsortium gleichzeitig und international seine ersten Rechercheergebnisse zu den Panama Papers. Hierfür erhielt es 2017 den Pulitzer-Preis für Hintergrundberichterstattung.
Paradise Papers
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ab dem 5. November 2017 veröffentlicht das internationale Journalisten-Konsortium mit 400 Journalisten weltweit (in Deutschland beteiligt der WDR und NDR sowie die Süddeutsche Zeitung) nach Auswertung von mehr als 13 Mio. Dokumenten die „Paradise-Reports“ zur Steuervermeidung hochrangiger Politiker weltweit, darunter der US-Handelsminister Wilbur Ross. 120 Politiker aus mehr als 40 Ländern seien betroffen, darunter mehrere amtierende Staats- und Regierungschefs. Sie nutzten Briefkastenfirmen oder andere „Steueroasen“. Darüber hinaus werden entsprechende Geschäfte von Firmen, „Superreichen“ und Kriminellen thematisiert und analysiert.[29][30]
Cyprus Confidential
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im November 2023 veröffentlichte das Konsortium Rechercheergebnisse zur Einflussnahme russischer Oligarchen auf westliche Autoren und Medien, wie zum Beispiel heimliche Zahlungen an den Journalisten Hubert Seipel, via Briefkastenfirmen in Zypern.[31]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Website des ICIJ (englisch)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 Corporate. International Consortium of Investigative Journalists, abgerufen am 4. Juni 2026 (englisch).
- 1 2 Bastian Obermayer, Frederik Obermaier: Die Ibiza-Affäre. Innenansichten eines Skandals. Mit einem Vorwort von Armin Wolf. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, ISBN 978-3-462-05407-1, S. 44.
- ↑ Center for Public Integrity to Spin Off International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Center for Public Integrity, abgerufen am 4. Juni 2026 (englisch).
- ↑ About this project: Big Tobacco Smuggling. International Consortium of Investigative Journalists, abgerufen am 4. Juni 2026 (englisch).
- 1 2 How ICIJ established a new model for cross-border reporting. In: Columbia Journalism Review. Abgerufen am 4. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Gerard Ryle. International Journalism Festival, abgerufen am 4. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Leslie Wayne, Kelly Carr, Marina Walker Guevara, Mar Cabra, Michael Hudson: Exposed: Ikea, Pepsi amongst 340 companies with secret Luxembourg tax deals. Abgerufen am 21. August 2021 (englisch).
- ↑ Center for Public Integrity to spin off ICIJ. International Consortium of Investigative Journalists, Oktober 2016, abgerufen am 4. Juni 2026 (englisch).
- ↑ The Implant Files: a global investigation into medical devices. In: ICIJ. (icij.org [abgerufen am 29. November 2018]).
- ↑ tagesschau.de: Implant Files Dossier. Abgerufen am 29. November 2018 (deutsch).
- ↑ Katrin Langhans, Frederik Obermaier: So lief die Recherche. In: Süddeutsche Zeitung. 25. November 2018, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 2. Dezember 2018]).
- ↑ China Cables | China’s Operating Manuals for Mass Internment. In: ICIJ. Abgerufen am 14. Dezember 2019 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Global banks defy U.S. crackdowns by serving oligarchs, criminals and terrorists. In: ICIJ. 20. September 2020, abgerufen am 22. September 2020 (amerikanisches Englisch).
- ↑ „Pandora Papers“: NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ enthüllen Geldverstecke von Politik, Promis und Kriminellen. In: turi2. 3. Oktober 2021, abgerufen am 4. Juni 2026.
- ↑ How Uber won access to world leaders, deceived investigators and exploited violence against its drivers in battle for global dominance - ICIJ. In: icij.org. 10. Juli 2022, abgerufen am 10. Juli 2022 (englisch).
- ↑ ICIJ Journalists. In: ICIJ. (icij.org [abgerufen am 3. Oktober 2021]).
- ↑ Süddeutsche de GmbH, Munich Germany: ICIJ – Internationales Netzwerk investigativer Journalisten. In: Süddeutsche Zeitung. 4. April 2016, abgerufen am 9. September 2020.
- ↑ Profil: Michael Nikbakhsh wird Mitglied des ICIJ. Artikel vom 5. Juni 2018, abgerufen am 11. Juni 2018.
- ↑ ICIJ member Michael Nikbakhsh. Abgerufen am 11. Juni 2018.
- ↑ Renzo Ruf: Die Lückenfüller. In: medium magazin. 4. Mai 2013, abgerufen am 16. November 2022 (deutsch).
- ↑ The Pulitzer Prize: Winners 2017 - Panama Papers. Abgerufen am 3. Dezember 2017 (englisch).
- ↑ https://www.guidestar.org/profile/81-4739107
- ↑ https://web.archive.org/web/20120128093443/http://www.iwatchnews.org/icij/pearl-awards
- ↑ www.icij.org/offshore
- ↑ OffshoreLeaks. sueddeutsche.de.
- ↑ „Offshore-Leaks“: Steueroasen und Strohmänner. ( vom 7. April 2013 im Internet Archive) ndr.de.
- ↑ Bastian Brinkmann: So wurde Luxemburg-Leaks recherchiert. In: Süddeutsche Zeitung. 6. November 2014, abgerufen am 6. November 2014.
- ↑ "Luxleaks"-Enthüllungen ( vom 23. Januar 2015 im Internet Archive) 11. Dezember 2014 auf heute.de
- ↑ Recherche zu Steuertricks - Politiker weltweit unter Druck. In: Deutschlandfunk. (deutschlandfunk.de [abgerufen am 5. November 2017]).
- ↑ Paradise Papers: Secrets of the Global Elite. In: International Consortium of Investigative Journalists. (icij.org [abgerufen am 5. November 2017]).
- ↑ Sophia Baumann, Maria Christoph, Hannes Munzinger, Frederik Obermaier, Bastian Obermayer, Timo Schober, Sophia Stahl: (S+) »Cyprus Confidential«-Enthüllungen: Wie Zypern reichen Russen hilft. In: Der Spiegel. 14. November 2023, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 14. November 2023]).