Hutgesetz

Das Hutgesetz (türkisch Şapka kanunu) aus dem Jahre 1925 gehörte zu den Reform- oder Revolutionsgesetzen Mustafa Kemal Atatürks. Das Gesetz legte für die männliche Bevölkerung der Türkei als erlaubte Kopfbedeckung den Hut fest und untersagte das Tragen der orientalischen Kopfbedeckungen. Für einen Teil der Staatsbediensteten wurde hierdurch das Tragen der neuen „nationalen Kopfbedeckung“ Pflicht. Das Geschehen wird auch als Hutrevolution (Şapka Devrimi) oder Hutreform (Şapka İnkılâbı) bezeichnet. De jure ist das Gesetz noch in Kraft.
Ziele
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Diese Kleidungsreform verfolgte mehrere Ziele. Die osmanische Gesellschaft spaltete sich in die Träger verschiedener Kopfbedeckungen. Im Zuge des Aufkommens des Nationalgedankens wurde in der türkischen Oberschicht vielfach über die richtige Wahl der Kopfbedeckung als Teil der „nationalen Tracht“ diskutiert. Mit dem Hutgesetz wurde der Hut als „nationale Kopfbedeckung“ durchgesetzt und somit die vorher herrschende Heterogenität, welche Rückschlüsse auf Konfession, politische Überzeugung und Ethnie erlaubte, im Sinne eines einheitlichen Staatsbürgers aufgelöst. Ziel war es auch, das Ansehen des Türken auf internationaler Ebene zu stärken und ihn zu einem Teil der „zivilisierten Welt“ zu machen. Gleichzeitig war es ein optischer Bruch mit der Zeit und als unästhetisch aufgefassten Kleidung des untergegangenen Osmanischen Reiches.
Ein weiteres Ziel war die Bildung einer sichtbaren Profession des Geistlichen Standes (Hodscha). Nur diesem Berufsstand wurde das Tragen des Turbans gewährt. Die neueingerichtete Religionsbehörde Diyanet gab den Hodschas die staatliche Befugnis zum Halten des Gottesdienstes – eine Tätigkeit, die früher jedem offenstand. Mit diesen beiden Reformen war es für die Bevölkerung nun anhand des Turbans ersichtlich, ob der Imam seinen Beruf mit staatlicher Erlaubnis ausführte und zweitens konnte der Staat nun feststellen, ob der Geistliche mit seiner religiösen Kleidung weitere ökonomische Tätigkeiten, die ihm wegen Amtsmissbrauch verboten wurden, betrieb.[1]
Laut Klaus Kreiser wurde in keinem Land die Art der Kopfbedeckungen so durch staatliche Interventionen reguliert wie in der Türkei.[2] Bernard Lewis betrachtet, unter Einbeziehung der soziohistorischen Bedeutung der Kopfbedeckungen, die Hutrevolution als ein in der türkischen Geschichte bewährtes Mittel der Kulturpolitik und weniger als den Ausdruck eines willkürlichen Despotismus.[3]
Hintergrund: Kulturkampf um Kopfbedeckungen
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Als geistiger Vorläufer der Hutrevolution wird die von Mahmud II. angeordnete staatliche Fespflicht im Jahr 1827 genannt. Im Zuge einer westlich-orientierten verpflichtenden Neueinkleidung der Beamtenschaft sollte der Fes den damals dominierenden Turban auf Staatsebene und in der Bevölkerung ersetzen und religiöse Unterschiede (sichtbar durch die Kopfbedeckung) kaschieren. Dies rief wütende Proteste konservativer Bevölkerungsschichten hervor, die das Verbot des Turbans als Verrat an islamischen Grundsätzen kritisierten und dem Sultan im Volksmund den Namen „Gâvur Padişah“ (Ungläubiger Sultan) gaben.[4]
Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Fes zu einem patriotischen Symbol der Osmanen, verlor jedoch seine homogenisierende Wirkung mit u. a. dem Aufkommen des Hutes, welcher diesem Konkurrenz machte. Dieser wurde oft, aber nicht ausschließlich, von städtischen Nichtmuslimen als Statussymbol und zur Abgrenzung getragen – in Zeiten des zunehmenden Niedergangs des Osmanischen Reiches und interreligiösen Konflikten zum Ärger vieler muslimischer Bürger. So erzählt Falih Rifki Atay in seinen Memoiren, dass die Bevölkerung die Giauren in drei Kategorien einteilte, den besonnenen Ungläubigen, den normalen Ungläubigen und als schlimmste Kategorie den Ungläubigen mit Hut (şapkalı gavur).[5] Auch Teile der muslimischen Oberschicht, Diplomaten und Intellektuelle begannen Hut zu tragen. Um das Eindringen des Hutes in die osmanische Beamtenschaft zu stoppen, verbot Abdülhamid II. 1877 den Hut und drängte auf die Beibehaltung des Fes. Hutträger mussten mit Entlassung und Freiheitsentzug rechnen.[6]
Einen weiteren Schlag erhielt der Fes durch die Jungtürken. Da der Fes – als das patriotische Symbol der Osmanen – gegen Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem großen Teil im Ausland, und besonders im politisch-verfeindeten Österreich-Ungarn produziert wurde (siehe Bosnische Annexionskrise), wurde er von den Jungtürken zunehmend gehasst und boykottiert. Sie wechselten nun bevorzugt zum Kalpak, einer zentralasiatischen Lammfellmütze, und machten nach ihrer Machtergreifung diesen mit der Elbise-i Askeriye Nizamnamesi für Soldaten ab 1909 in Khaki-Farben Pflicht. Die Theorie eines byzantinischen, also christlich-abendländischen Ursprungs des Fes verstärkte zusätzlich die Abneigung. Mustafa Kemal sollte später in seiner Hutrede die Ablehnung des Hutes durch die konservativen Kreise mit deren Begründung der abendländisch-christlichen Herkunft des Hutes und die Beibehaltung des für sie für „osmanisch-muslimisch“ gehaltenen (aber in Wirklichkeit aus dem Abendland stammenden und auch im „christlichen Feindesland“ produzierten) Fes als Dummheit kritisieren.
Mit der geschilderten Unpopularität des Fes wurde in intellektuellen Zirkeln und unter Generälen die Zukunft der Kopfbedeckungen diskutiert. Es galt die Frage, ob als nationale Kopfbedeckung der Fes beibehalten, durch den Kalpak ersetzt oder der Hut angenommen werden sollte. Während konservative Bevölkerungsschichten das Tragen der Hüte (und des Kalpaks) für einen Muslim als harām betrachteten, gab es in Publikationen der Jungtürken (u. a. in der İçtihat) Hut-Befürworter. Diese argumentierten, dass der Hut, welcher international auch in Japan und China Fuß gefasst hatte, als Kleidungsstück der Moderne einem neuen türkischen Nationalverständnis am besten entsprechen würde. Auch Mustafa Kemal war durch diese Diskussion beeinflusst.

Auch schlechte eigene Erfahrungen und solche anderer osmanischer Reisender in traditioneller Tracht in Europa mögen zum Entschluss beigetragen haben. Mustafa Kemals Begleiter Selahettin Bey wurde am Belgrader Bahnhof wegen seines Fes bedrängt und Kinder, denen sie begegneten, mieden sie. Auch Truppenübungen in der französischen Picardie, an denen Mustafa Kemal 1910 teilnahm, sollen einen bleibenden negativen Eindruck hinterlassen haben. So soll Mustafa Kemal bei den dortigen Taktikbesprechungen als militärischer Beobachter seinen europäischen Kollegen widersprochen haben, aber nicht ernst genommen worden sein. Als im Nachhinein ersichtlich wurde, dass Mustafa Kemal Recht hatte, soll ein hochrangiger europäischer Offizier ihn gelobt und dann darauf hingewiesen haben, dass man ihn mit dieser Kopfbedeckung (Kalpak) niemals ernst nehmen würde.[7]
So hatte Mustafa Kemal, noch ohne größere Machtbefugnis ausgestattet, an einem Tischgespräch 1919 in Erzurum seine Pläne zur Etablierung des Hutes verkündet, welche damals auf großen Unglauben stießen.[8] Sechs Jahre später sollte er als uneingeschränkter Präsident dieses Projekt realisieren.
Hutrede
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Konkrete Schritte zur Etablierung des Huts erfolgten 1925. Zwecks Testlauf folgte eine Reise nach Kastamonu, einer konservativen und monarchistisch-geprägten Gegend. Dazu trug er erstmals einen Sommerhut (Panama-Hut), den er der Etiquette entsprechend vom Kopf nehmend zur Begrüßung schwenkte. Neben dem Hut war auch dies ein Novum, da das Zeigen des baren Kopfs in der osmanischen Gesellschaft noch als verpönt galt.[9] In İnebolu hielt er die sogenannte Hutrede (şapka nutku).
„Ist unsere Kleidung national? Ist unsere Kleidung international? (Nein-Rufe) [...] Wollt ihr ein Volk ohne nationale Bekleidung? Geht das, Freunde? Seid ihr bereit, euch so zu definieren? („Nein, auf gar keinen Fall“-Rufe) [...] Freunde, es gibt keinen Spielraum dafür, die Kleidung Turans zu erforschen und wiederzubeleben. Eine zivilisierte und internationale Kleidung ist für uns wesentlich. Es ist eine würdige Kleidung für unsere Nation. Halbschuhe oder -stiefel an den Füßen, Hosen an den Beinen, Weste, Hemd, Krawatte, Hemdkragen, Jackett und selbstverständlich als Ergänzung dazu auf dem Kopf eine Kopfbedeckung mit Rand. Ich möchte dies sehr offen sagen: Diese Kopfbedeckung nennt man Hut. Wie ein Gehrock, ein Cutaway, ein Smoking oder ein Frack. Hier ist unser Hut. Es gibt Leute, die das [Tragen] für nicht erlaubt halten. Denen möchte ich sagen: Ihr seid ziemlich gedankenlos und unwissend, und ich möchte diejenigen fragen: Wenn es doch strebsam sei, den von Griechen stammenden Fes zu tragen, warum sollte dies nicht für den Hut gelten? [...]“
Rechtlicher Hintergrund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das „Gesetz über das Huttragen“ wurde am 25. November 1925 von der Großen Nationalversammlung der Türkei angenommen und trat mit Verkündung am 28. November desselben Jahres als Gesetz Nr. 671 in Kraft. Art. 1 des
| Basisdaten | |
|---|---|
| Titel: | شابقه اکتساسی حقنده قانون Şapka İktisası Hakkında Kanun |
| Kurztitel: | Şapka Kanunu |
| Nummer: | 671 |
| Art: | Gesetz |
| Geltungsbereich: | Republik Türkei |
| Verabschiedungsdatum: | 25. November 1925 |
| Amtsblatt: | Nr. 230 v. 28. November 1925, S. 691 (PDF-Datei; 287 kB) |
| Bitte beachte den Hinweis zur geltenden Gesetzesfassung. | |


