Hermann Samter
Hermann Samter (* 1. Dezember 1909 in Berlin; † nach dem 12. März 1943 im Osten) war ein Redakteur des Jüdischen Nachrichtenblatts.[1] Seit November 1938 existierte dieses Blatt als letzte jüdische Zeitung und diente der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland insbesondere zur Veröffentlichung der Erlasse, Verordnungen und Anordnungen, die die jüdische Bevölkerung betrafen. Als bestens informierter Beobachter berichtete er in Privatbriefen von den widrigen Lebensbedingungen und der bedrückten Stimmung, von Selbstmorden und von umlaufenden Gerüchten, wonach Juden einiger Berliner Deportationszüge sofort erschossen oder auf andere Art ermordet worden seien.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hermann Samter wurde 1909 als Sohn Ernst Samters, eines Gymnasiallehrers, und seiner Ehefrau Margarete, geb. Landsberger, geboren. Die Familie väterlicherseits stammte aus dem Bildungsbürgertum. Sie gehörte der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin an.
Über den Bildungsgang Hermann Samters ist nichts weiter bekannt. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist er identisch mit dem gleichnamigen Doktoranden, der 1933 zum Thema Die deutsche Gewerkschaftspresse promovierte.[2] Die gehobene Position, die er seit Januar 1939 im Jüdischen Nachrichtenblatt innehatte, garantierte ihm ein auskömmliches Einkommen und bot ihm eine Weile Schutz vor der Deportation. Seine Schwester emigrierte rechtzeitig, sein halbherziger Versuch zur Ausreise nach Kuba misslang. Daniel Fraenkel weist darauf hin, dass auch Samters Beruf als Journalist im Wege gestanden haben dürfte.
Im Dezember 1942 wurde Samter entlassen, erhielt aber eine Beschäftigung bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Dort musste er regelmäßig als „Abholer“ tätig sein und bei der nächtlichen Überführung der zur Deportation aufgerufenen Juden ins Sammellager Große Hamburger Straße helfen.[3] Als er erfuhr, dass seine Verlobte Lili Sandberger auf der Liste stand, heiratete er sie umgehend am 28. Januar 1943. Am 12. März 1943 mussten beide den Deportationszug nach Auschwitz-Birkenau besteigen. Von den 964 Deportierten des „Osttransportes Nr. 36“ kamen nach der Selektion 365 zum Arbeitseinsatz, alle anderen wurden sofort in der Gaskammer mit Zyklon B ermordet.[4] Samters genauer Todeszeitpunkt und der Todesort sind nicht bekannt.
Überlieferte Privatbriefe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Von Samter sind 19 ausführliche private Briefe bekannt, die er zwischen 1939 und 1943 schrieb. Die meist handschriftlichen Originale befinden sich im Holocaust Memorial Center in Michigan, maschinenschriftliche Kopien sind im Archiv von Yad Vashem.
15 der 19 Briefe waren an eine frühere Haushaltsgehilfin oder deren Tochter gerichtet. Anlass war oft der Dank für Pakete mit Obst, Wurstwaren und anderen Lebensmitteln, die ihn auf Umwegen erreichten. Ausführlich berichtete er von den Einschränkungen, die den Berliner Juden im Alltagsleben auferlegt wurden. Als Ende 1941 die Massendeportationen begannen, fing er an, seine persönlichen Besitztümer bei seinen „arischen“ Bekannten unterzubringen. Er überließ ihnen diese Dinge aber nur „zur Aufbewahrung“ und zeigte sich überzeugt, in einigen Jahren wiederkehren zu können.
Samter verfolgte gespannt den Kriegsverlauf im Osten und hoffte auf eine Verzögerung oder einen Stopp der Deportationen. Er rechnete damit, dass die jüdischen Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie unverzichtbar wären. Es beunruhigte Samter stark, als Briefe oder andere Lebenszeichen von den Deportierten nach Kowno und Riga ausblieben; man wisse nicht, was ihnen widerfahren sei.
In einem Brief vom 26. Januar 1942 schrieb er von Befürchtungen und Gerüchten über das gewaltsame Ende von Berliner Deportierten. Von dem Transport, der am 17. November 1941 angeblich nach Kowno gefahren sei, habe nie einer geschrieben. Deshalb sei das weit verbreitete Gerücht entstanden, dass „diese Menschen unterwegs erschossen oder sonstwie ermordet“ worden seien.[5] Auch vom Ersten Deportationszug nach Riga vom 27. November 1941 habe man noch nichts gehört. Diese Dinge entmutigten die zur Evakuierung aufgeforderten Leute und die Selbstmorde hätten in ungeheurer Weise zugenommen.[6]
In einem Schreiben vom 11. Mai 1942 stellte Samter heraus, dass das Schicksal der einzelnen Deportationszüge offenbar sehr unterschiedlich sei: Von Minsk, Kowno und Riga höre man nichts, allgemein werde geglaubt, dass die Behandlung in Riga anständig sei.[7]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hermann Samter: Worte können das ja kaum verständlich machen. Briefe 1939–1943. Herausgegeben von Daniel Fraenkel im Auftrag der Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem. Wallstein Verlag, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0470-3
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Alle Angaben beruhen auf dem Buch Hermann Samter: Worte können das ja kaum verständlich machen. Briefe 1939–1943. Wallstein Verlag, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0470-3.
- ↑ Hermann Samter: Worte können das ja kaum verständlich machen. Briefe 1939–1943. ISBN 978-3-8353-0470-3, S. 11–12.
- ↑ Dokument VEJ 6/216 in: Susanne Heim (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung). Band 6: Deutsches Reich und Protektorat Böhmen und Mähren Oktober 1941–März 1943. Berlin 2019, ISBN 978-3-11-036496-5, S. 581–584.
- ↑ Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1945: Eine kommentierte Chronologie. Marix, Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-059-5, S. 417 (Kopie der Eingangsmeldung).
- ↑ Hermann Samter: Worte können das ja kaum verständlich machen. Briefe 1939–1943. ISBN 978-3-8353-0470-3, S. 80.
- ↑ Hermann Samter: Worte können das ja kaum verständlich machen. Briefe 1939–1943. ISBN 978-3-8353-0470-3, S. 79–80.
- ↑ Dokument VEJ 6/111 in: Susanne Heim (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden... Band 6, Berlin 2019, ISBN 978-3-11-036496-5, S. 348–350, hier S. 348.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Samter, Hermann |
| ALTERNATIVNAMEN | Zamṭer, Herman |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Redakteur des Jüdischen Nachrichtenblatts |
| GEBURTSDATUM | 1. Dezember 1909 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | nach 12. März 1943 |