Gugeline
| Operndaten | |
|---|---|
| Titel: | Gugeline |
Schlussbild der Uraufführungsproduktion, Bremen 1901 | |
| Form: | Bühnenspiel in fünf Aufzügen |
| Originalsprache: | Deutsch |
| Musik: | Ludwig Thuille |
| Libretto: | Otto Julius Bierbaum |
| Uraufführung: | 4. März 1901 |
| Ort der Uraufführung: | Bremer Stadttheater |
| Spieldauer: | ca. 2 Stunden[1] |
| Ort und Zeit der Handlung: | Märchenland und -zeit |
| Personen | |
| |
| Gugeline | Parsifal |
|---|---|
| 1. Aufzug Frisch gemähte Wiese |
1. Aufzug Waldlichtung |
| 2. Aufzug Prunksaal im Bergschloss |
1. Aufzug Gralsburg |
| 3. Aufzug Bauerngärtchen |
2. Aufzug Klingsors Zaubergarten |
| 4. Aufzug Gemeindewiese |
3. Aufzug Waldlichtung |
| 5. Aufzug Hof des Bergschlosses |
3. Aufzug Gralsburg |
Die Handlung ist dagegen vollständig symmetrisch aufgebaut. Im zweiten und im vierten Aufzug gibt es jeweils eine Brautschau – die des Prinzen im Schloss, die Gugelines im Freien. Der fünfte Akt beantwortet mit den Schlussworten die Frage des Prinzen im ersten Akt nach dem Wesen der Liebe: „Das Glück ist gewonnen, die Sonne der Sonnen, die Sonne der Liebe, die selber sich gibt!“[2.3]
Das Libretto besitzt konkrete Szenenanweisungen, die thematisch auf Beethovens Fidelio oder Wagners Parsifal, Die Meistersinger von Nürnberg und Tristan und Isolde hindeuten. Viele Elemente kritisieren den gesellschaftlichen Dekadentismus der Jahrhundertwende.[3.1]
Das zentrale musikalische Motiv der Oper ist die Geigenweise des Narren Buckel. Sie erscheint immer wieder in unterschiedlichen Variationen verschiedener Länge. Die Instrumentierung ist meist durchsichtig, doch zu Gugelines Lied „Nacht ohne Sterne“ im dritten Aufzug und am Schluss der Oper wird sie vom vollen Orchester gespielt.[4.1]
Der dritte Aufzug, den Thuille als erstes komponierte, gilt als musikalischer Höhepunkt des gesamten Werks. Dessen Vorspiel schildert in „zarten Holzbläserfarben […] das Bild eines schwärmerischen Mädchens, das zwischen Bangen, Hoffen, Sehnen schwankt“ (Edelmann). Daraus entstehen mit Hilfe sorgfältiger Motivarbeit verschiedene Stimmungsbilder. Die Musik zu Gugelines erstem Kuss beschreibt Edelmann exemplarisch folgendermaßen:
„Musikdramatisches, motivisches, harmonisches und sogar kontrapunktisches Denken durchdringen sich in Thuilles Komposition. Primäre Schicht ist die Harmoniefortschreitung von H-Dur nach Es-Dur; dis wird enharmonisch zu es. Der Es-Dur-Akkord weitet sich in den alterierten Akkord Es/g/ces, einen übermäßigen Dreiklang, sozusagen Thuilles Markenzeichen. Melodisch setzt die Stelle an mit dem Gugeline-Motiv in den Klarinetten, das in Violine I und Flöte rhythmisch diminuiert wird (Takt 3). Zugleich sind die Teilmotive (a) und (b) umgestellt, (a’) ist die Krebsumkehrung von (a).“
Die Zwischenaktmusik vor dem zweiten Aufzug ist entsprechend als Porträt des Prinzen konzipiert. Einem Brief Bierbaums vom 9. November 1898 zufolge stellt es „die Mannwerdung des Prinzen“ dar, „der alle Hindernisse siegreich überwindet, die sich seinem Wollen, ein Weib zu erringen, entgegenstellen“.[4.3]
Die Oper enthält zudem altertümliche Formen wie Menuett oder Fuge.[3.1] So tanzt das Gefolge der reichen Prinzessin im streng stilisierten zweiten Akt eine Sarabande.[4.3] Der vierte Aufzug mit der „Bauernfreite“ ist auch musikalisch bodenständiger. Hier fordert bereits das Libretto einen „Ländler nach Art des Schuhplattlers“.[4.4]
Orchester
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:[1]
- Holzbläser: drei Flöten (3. auch Piccolo), zwei Oboen, Englischhorn, zwei Klarinetten, Bassklarinette, zwei Fagotte, Kontrafagott
- Blechbläser: vier Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, Tuba
- Pauken, Schlagzeug (ein Spieler): Glockenspiel, Triangel, Becken, große Trommel
- Harfe (evtl. doppelt besetzt)
- Streicher
- Bühnenmusik: zwei Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, Bombardon, zwei Rührtrommeln
Werkgeschichte
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Gugeline ist Ludwig Thuilles dritte und letzte Oper. Wie bei seiner Vorgängeroper Lobetanz stammt das Libretto von Otto Julius Bierbaum.[5] Die Autoren wollten damit an den Erfolg des Lobetanz anknüpfen und diesen möglichst sogar übertreffen.[3.2] Die Urfassung des Textbuchs gab Bierbaum 1899 mit Buchschmuck von Emil Rudolf Weiß „als erste Buchveröffentlichung der ‚Insel‘“ der von ihm und Alfred Walter Heymel begründeten Zeitschrift Die Insel heraus. Es trägt die Widmung „Meinem Freunde Ludwig Thuille von Herzen zugeeignet. Schloß Englar im Sommer 1899.“ Für die endgültige Librettofassung nahm Bierbaum geringfügige Änderungen vor. Beispielsweise sind die Partien des Monsieur, Signor und Professor nur noch stumme Rollen. Das Werk benötigt eine große Besetzung, die diejenige des Lobetanz deutlich übertrifft. Es gibt 21 statt 13 Solisten, drei statt zwei Chorausstattungen und fünf statt vier unterschiedliche Schauplätze. Die Gattungsbezeichnung „Bühnenspiel“ deutet auf die Bestrebungen der Autoren hin, eine neue Kunstform zu schaffen. In den Zeitungsankündigungen zur Uraufführungen wurden aber auch andere Bezeichnungen wie „fünfaktige Opernnovität“, „Märchen in 5 Akten“ oder „Oper im grotesk-komischen Stil“ verwendet.[3.3] Wie Lobetanz war ursprüngliche eine Spieloper mit gesprochenen Dialogen vorgesehen. Die endgültige Oper ist jedoch durchkomponiert. Mit der Komposition begann Thuille noch vor der Uraufführung des Lobetanz.[6.1]
Die Uraufführung sollte ursprünglich Anfang Februar 1901 an der Berliner Hofoper unter der Leitung von Richard Strauss stattfinden. Wie aus einem Brief vom 5. Februar 1899 hervorgeht, beabsichtigte Thuille, diesem die fertige Oper bei einem Besuch in Berlin vorzuspielen. Zu dieser Reise kam es wohl nicht, denn Strauss lernte das Werk erst kennen, als er Thuille im Herbst 1899 in München besuchte. Einem vorläufigen Besetzungsplan vom Oktober 1900 zufolge war für die Titelrolle Emmy Destinn vorgesehen. Intendant Bolko von Hochberg sagte die Produktion jedoch ab, als er von dem benötigten Aufwand erfuhr.[6.2]
Die Uraufführung übernahm nun das Bremer Stadttheater. Schon vor der Premiere berichteten die Zeitungen vom großen Interesse, das Thuilles neue Oper hervorrief. Die Generalprobe wurde in allen Bremer Zeitungen besprochen. Sie verlief zum „allgemeinen Beifall zahlreicher hiesiger Kunstinteressenten und der fremden Musikkapacitäten“ (Bremer Courier vom 3. März 1901).[3.1]

Die Premiere am 4. März 1901 dirigierte der damalige Bremer Theater-Kapellmeister Edmund von Strauß. Regie führte Anton Schertel. Die Hauptrollen sangen Hedwig Weingarten (Gugeline), Neugebauer (König), Friedrich Carlén (Prinz) und Max Stury (Buckel).[7][8]
Die Kritiken waren gemischt. Am 6. März 1901 schrieb Gerhard Hellmers in der Weser-Zeitung:
„Die hiesige von Herrn Capellmeister von Strauß geleitete Aufführung war mit ungewohntem Luxus an Extrachoristen und Statisten und an Dekorationen und Costümen vortrefflich in Szene gesetzt und hatte in Frl. Weingarten als Gugeline und Herrn Carlén als Prinzen für die Hauptrollen Vertreter gefunden, wie sie besser kaum zu finden sein dürften. Besonders Frl. Weingarten’s junge Bühnenkunst ist, wie es die Rolle verlangt, noch völlig naiv, von des Gedankens Blässe und von der Routine unangekränkelt; der süße Zauber kindlicher Reinheit spricht deutlich aus der natürlichen, halb drolligen Befangenheit, […] und aus der hellen und doch warmen Stimme dieser Gugeline quillt der Schmelz der Jugend. Auch Herr Carlén weiß mit dem Glanz seiner Stimme und ihrer schönen Kunst dem seufzenden Chokoladenprinzen des Märchenspiels auf Augenblicke den Hauch warmen Lebens zu verleihen. […] Der gelungenste Typ der Dichtung und der Darstellung war sicher der reiche Bauernprotz des Herrn Leffler…“
Er lobte die Komposition wegen ihrer Instrumentierung, der freie Harmonik und der „mit immer neuen, hold und bescheiden erblühenden und duftenden Melodien durchsetzte polyphone Rankenwerk der Orchesterbegleitung“, vermisste allerdings Originalität. Das Werk sei „im Grunde nur eine verblaßte Copie des ‚Lobetanz‘“. Eine Kerker-Szene sei vermutlich nur deshalb weggelassen worden, um eine zu große Ähnlichkeit zu vermeiden. Die Figuren erwirkten im Vergleich mit Beethovens Fidelio aber kein wirkliches Mitgefühl beim Publikum: „Leonore lebt in uns, Gugeline und ihr Prinz spielen eben nur ein Spiel, das vielleicht die Phantasie, nie aber unser Herz erregt.“[3.5] Karl Seifert von den Bremer Nachrichten fand die Musik „molluskenhaft“ und „viel zu raffiniert“. Sie stelle „der gekünstelten Naivität des Textes ein ebenso künstliches, aber jedes naiven Hauchs entbehrendes Orchestergewebe an die Seite. […] Es fehlt dem Werke trotz aller schönen Details, trotz aller Kunst der große einheitliche Zug, die edle Einfachheit, die mit unwiderstehlicher Gewalt packt und fortreißt.“ Der Rezensent der Bremer Bürger-Zeitung fand, dass Thuilles „großes Stimmungsgemälde“ nicht gut zum „leichte[n], schlichte[n], silberdurchsponnene[n] Faden der Dichtung“ passe. Der Kritiker des Bremer Courier lobte die Musik überschwänglich und sagte voraus, dass das Werk bald an allen deutschen Bühnen gespielt werden würde. Das bewahrheitete sich jedoch nicht. Zu Thuiles Lebzeiten gab es nur noch eine Inszenierung des Großherzoglichen Hoftheaters Darmstadt und einige konzertante Teilaufführungen.[3.6] So wurde der dritte Akt mit Pauline Strauss-de Ahna in der Titelrolle im Rahmen von Richard Strauss’ „Novitäten-concerten“ gespielt.[6.3] Das Aufführungsmaterial brachte der Mainzer Verlag Schott’s Söhne in großzügiger Ausstattung heraus. Die vom Verlag angeschriebenen Theater lehnten das Werk allerdings aufgrund des gewaltigen personellen und szenischen Aufwands ab.[3.7]
Eine Wiederaufführung gab es erst am 17. April 1999 im Theater Hagen unter der musikalischen Leitung von Georg Fritzsch.[1] Die Inszenierung stammte von Angela Brandt, das Bühnenbild von Harald B. Thor und die Kostüme von Dorin Kroll. Für die Dramaturgie war Peter P. Pachl zuständig.[9] Anstelle der Jugendstil-Bilder der vorigen Jahrhundertwende zeigte die Inszenierung „Topoi eines Trivialmythos des endenden Jahrtausends“ (Pachl). Das Schloss wurde durch ein Raumschiff ersetzt, und der Prinz landete mit einem UFO auf der Wiese.[3.7]
Digitalisate
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ursprüngliche Dichtung, Berlin 1899. Digitalisat der Universitätsbibliothek Heidelberg. Ausgabe des Insel-Verlags mit Buchschmuck von Emil Rudolf Weiß
- Libretto. B. Schott’s Söhne, Mainz 1900. Digitalisat der Library of Congress (PDF auf Commons)
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Meike Nordmeyer: Wiederentdecktes Liebesmärchenlehrstück. Rezension der Hagener Aufführung von 1999. In: Online Musik Magazin
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 Werkinformationen bei Schott Music, abgerufen am 5. November 2018.
- Walter Keller: „Gugeline“ - Jugendstiloper zwischen „Parsifal“ und „Lulu“. In: Gugeline. Programmheft des Theaters Hagen, Spielzeit 1998/99, Heft 8, S. 12–18.
- Peter P. Pachl: Die erfolglose Erfolgsoper – Zur Neuinszenierung der „Gugeline“. In: Gugeline. Programmheft des Theaters Hagen, Spielzeit 1998/99, Heft 8, S. 3–10.
- Bernd Edelmann: Von Wagner zum Jugendstil – Ludwig Thuilles Opern. In: Gugeline. Programmheft des Theaters Hagen, Spielzeit 1998/99, Heft 8, S. 19–25.
- ↑ Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 6: Werke. Spontini – Zumsteeg. Piper, München/Zürich 1997, ISBN 3-492-02421-1, S. 295.
- Herbert Rosendorfer: Ludwig Thuille – Leben und Werk. In: Gugeline. Programmheft des Theaters Hagen, Spielzeit 1998/99, Heft 8, S. 27–37.
- ↑ 4. März 1901: „Gugeline“. In: L’Almanacco di Gherardo Casaglia
- ↑ Besetzungszettel der Uraufführung.
- ↑ Gugeline. Programmheft des Theaters Hagen, Spielzeit 1998/99, Heft 8.

