Zum Inhalt springen

Grünes Open Access

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Logo der Informationsplattform open-access.net in den frühen Jahren. Die Farbgebung symbolisiert den grünen und goldenen Weg.

Als Grünes Open Access oder Grüner Weg des Open Access wird die gleichzeitige oder nachträgliche Zugänglichmachung eines Artikels (Papers) einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift in einem institutionellen oder fachlichen Repositorium bezeichnet.[1] Weil das Einstellen von den Forschenden oder ihren Institutionen selbst vorgenommen wird, wird auch von Selbstarchivierung gesprochen. Diese Veröffentlichungsweise wurde „grün“ genannt als Alternative zu dem „Goldenen Weg“, bei dem die Erstveröffentlichung in einer Open-Access-Zeitschrift erfolgt, und ist einer der beiden ganz verschiedenen grundlegenden Ansätze, wissenschaftliche Artikel für jedermann im Internet zugänglich zu machen.

Die rechtlichen Voraussetzungen für eine solche Zweitveröffentlichung sind weltweit unterschiedlich, da sich die zugrundeliegenden nationalen Urheberrechtsgesetze unterscheiden. Oftmals darf nicht die gesetzte und gelayoutete Verlagsversion (version of record), sondern nur das akzeptierte Manuskript (Postprint) in einer ungelayouteten Version veröffentlicht werden. Maßgeblich dafür sind die Verlagsverträge, die die Autoren unterzeichnet haben. Die Veröffentlichung von Preprints auf entsprechenden Preprint-Servern wird ebenfalls zum Grünen Open Access gezählt.

Unterschiede zum Goldenen Weg

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der grundlegende Unterschied zwischen Gold und Grün veröffentlichten Artikeln liegt zum einen in der Organisation des Peer Review. Goldenes Open Access bedeutet die Primärpublikation in einem Open-Access-Medium, beispielsweise in einer Zeitschrift, die das Peer Review organisiert. Dokumentenserver hosten dagegen im Falle von Postprints Publikationen, die anderswo ein Peer Review durchlaufen haben. Die für die grüne Open-Access-Bereitstellung anfallenden Kosten sind deshalb auch geringer.[2.1]

Zum anderen ist die rechtliche Grundlage für die Zugänglichmachung eine andere: bei Open-Access-Zeitschriften, die Artikel auf dem Goldenen Weg als Primärpublikationen bereitstellen, geben die rechteinhabenden Autoren die Erlaubnis für die OA-Publikation. Bei Repositorien müssen die Einstellenden sicherstellen, dass sie das Recht dazu haben (selbst wenn es sich um die eigene Veröffentlichung handelt).[2.2]

Die Bezeichnungen Grünes und Goldenes Open Access wurden von dem Kognitionswissenschaftler und Open-Access-Pionier Stevan Harnad in einer Kritik[3] eines Aufsatzes des Wissenschaftshistorikers und Literaturwissenschaftlers Jean-Claude Guédon[4] in der Debatte etabliert, um die beiden seit Beginn der Open-Access-Bewegung vorherrschenden grundlegend unterschiedlichen Herangehensweisen von Open Access zu benennen.[5] Guédon selbst datiert den Ursprung der begrifflichen Differenzierung auch Diskussionen im Jahr 2003 und nennt Harnad als wahrscheinlichen Urheber.[6]

Die beiden Wege spiegeln die von der Budapest Open Access Initiative im Jahr 2002 angelegte Unterscheidung von einerseits Open Access als Selbstarchivierung und andererseits Open-Access-Zeitschriften.[7]

Von einem wissenschaftlichen Artikel, der in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift publiziert wird, entstehen im Verlauf eines klassischen Publikationsprozesses verschiedene Versionen. Je nach rechtlichen Voraussetzungen, nach Verlag und nach Zeitschrift dürfen diese Versionen auf dem Grünen Weg zugänglich gemacht werden:

  • Submitted Version, die eingereichte Version, auch als Preprint bezeichnet
  • Accepted Version oder author accepted manuscript, die peer-reviewte, von der Zeitschrift zur Veröffentlichung akzeptierte, ungelayoutete Version, auch als Postprint bezeichnet,
  • Version of Record, gelayoutete Verlagsversion[8]

Rechtliche Situation in Deutschland (Zweitveröffentlichungsrecht)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland wird Grünes Open Access durch das gesetzliche Zweitveröffentlichungsrecht nach § 38 Abs. 4 des deutschen Urheberrechtsgesetzes (UrhG) gestützt. Dieses seit 2014 geltende, unabdingbare Recht erlaubt es dem Urheber

„eines wissenschaftlichen Beitrags, der im Rahmen einer mindestens zur Hälfte mit öffentlichen Mitteln geförderten Forschungstätigkeit entstanden und in einer periodisch mindestens zweimal jährlich erscheinenden Sammlung erschienen ist, hat auch dann, wenn er dem Verleger oder Herausgeber ein ausschließliches Nutzungsrecht eingeräumt hat, das Recht, den Beitrag nach Ablauf von zwölf Monaten seit der Erstveröffentlichung in der akzeptierten Manuskriptversion öffentlich zugänglich zu machen, soweit dies keinem gewerblichen Zweck dient.“[9]

Damit kann unter den im UrhG festgelegten konkreten Bedingungen ein großer Teil der an öffentlich geförderten deutschen Forschungseinrichtungen entstehenden wissenschaftlichen Zeitschriftenaufsätze rechtssicher auf Publikationsservern bzw. in wissenschaftlichen Repositorien nach dem grünen Weg bereitgestellt werden.[10][11]

Grünes Open Access für Bücher

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grünes Open Access ist für Bücher, Buchkapitel und Sammelbandbeiträge nicht so weit verbreitet wie für Artikel aus Fachzeitschriften, aber viele Verlage erlauben durchaus die Zweitveröffentlichung.[12] Zugleich verlangen viele Förderinstitutionen in ihren Policys eine Zweitveröffentlichung geförderter Publikationen und damit auch monografischer Schriften auf einem Repositorium.[13] Teilweise gilt ein Embargo, also eine zeitliche Publikationsverzögerung, von zwölf oder auch nur sechs Monaten, teils wird auch eine Parallelveröffentlichung zum Zeitpunkt des Erscheinens verlangt.[13] Auch die Parallelveröffentlichung gilt als Grünes Open Access.[14] Eine Herausforderung liegt bei Grünem Open Access für Bücher in Vergleich zu Zeitschriftenaufsätzen darin, dass die Regelungen sowohl rechtlicher Natur als auch auf der Policy-Ebene der Förderer weniger vereinheitlicht sind.[13][15]

Viele Wissenschaftsverlage verstehen dagegen unter Grünem Open Access die nachträgliche Open-Access-Stellung eines ursprünglich kostenpflichtigen wissenschaftlichen E-Books.[16]

Verhältnis zum Predatory Publishing

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es besteht kein kausaler, aber ein systemischer Zusammenhang zwischen grünem Open Access und Predatory Publishing. Beim Predatory Publishing werden die Rhetorik von Open Access sowie das beim goldenen Open Access etablierte Gebührenmodell benutzt, um seriöse wissenschaftliche Publikationsformen vorzuspiegeln. Der Schwerpunkt liegt dort jedoch nicht auf der wissenschaftlichen Kommunikation, sondern auf der schnellen Generierung von Einnahmen. Die damit zusammenhängenden Probleme mit wissenschaftlicher Integrität, die durch falsche, monetäre Anreize beim Goldenen Weg entstanden sind, sind bei selbstarchivierten Papern signifikant geringer als bei goldenem Open Access.[17] Durch die nach wie vor gegebene Erstpublikation in etablierten wissenschaftlichen Zeitschriften wird das bestehende System des wissenschaftlichen Publizierens beim grünen Open Access stabilisiert.[18]

Unterstützungsangebote

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im deutschsprachigen Raum werden an vielen Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen Unterstützungsangebote zur Selbstarchivierung bereitgestellt.[19]

Im Rahmen der DFG-Förderlinie „Open Access Transformation“ wurde ab 2016 unter dem Namen DeepGreen eine Infrastruktur für den grünen Open Access aufgebaut, die die automatisierte Zweitveröffentlichung lizenzrechtlich freigegebener Zeitschriftenartikel in institutionellen und fachlichen Repositorien ermöglichten soll.[20]

Grünes Open Access als Trainingsmaterial für generative KI

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftliche Literatur, die auf dem grünen Weg über Repositorien zugänglich gemacht wird, wird seit dem Aufkommen der generativen KI-Modelle verstärkt als Trainingsmaterial genutzt. Die Confederation of Open Access Repositories (COAR) führte dazu 2025 eine Befragung unter Betreibern von Repositorien durch. Während die Grundidee von Open Access, die Weiternutzung von wissenschaftlicher Information für neue Nutzungsarten grundsätzlich begrüßt wird, stellt das aggressive Scraping fast sämtliche Repositorienbetreiber vor große Probleme, weil durch die massiven Zugriffe die Server ausfallen und sie ihre Services nicht mehr aufrechterhalten können.[21] Je kleiner dabei der Service ist, also je weniger Ressourcen in Form von Personal und Serverkapazität verfügbar sind, desto stärker sind diese Repositorien von dem Problem betroffen.[21.1]

Andererseits wurde der Ansatz des Scrapings von auch über Repositorien verfügbaren offenen Daten mit entsprechenden Lizenzen beispielsweise beim Common Corpus des deutsch-französischen Unternehmens PleIAs als bewusster Ansatz zur rechtlich und ethisch unbedenklichen Erstellung von Pre-Training-Data für KI-Modelle eingeordnet.[22] Der Begriff „ethische Daten“ wird dabei von den Beteiligten selbst kritisch reflektiert und als nicht perfekt eingelöst bezeichnet, da das Material an sich ethisch problematische Phänomene enthält, die somit in das Trainings-Corpus einfließen.[23]

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Grün, Gold und Diamond: Der grüne Weg Informationsplattform Open-Access.network auf dem Stand vom 13. März 2026, abgerufen am 16. Mai 2026.
  2. Peter Suber: Open Access. 2012 MIT Press. https://doi.org/10.7551/mitpress/9286.001.0001
    1. ↑ S. 52−53
    2. ↑ S. 53
  3. ↑ Stevan Harnad: Fast-Forward on the Green Road to Open Access: The Case Against Mixing Up Green and Gold. In: arXiv. März 2005, doi:10.48550/ARXIV.CS/0503021.
  4. ↑ Jean-Claude Guédon: The “Green” and “Gold” Roads to Open Access: The Case for Mixing and Matching. In: Serials Review. Band 30, Nr. 4, 2004, S. 315–328, doi:10.1016/j.serrev.2004.09.005.
  5. ↑ Stevan Harnad, Tim Brody, François Vallières, u. a.: The Access/Impact Problem and the Green and Gold Roads to Open Access. In: Serials Review. Band 30, Nr. 4, S. 310–314, doi:10.1080/00987913.2004.10764930.
  6. ↑ Jean-Claude Guédon: Open access: toward the internet of the mind. Hrsg.: Budapest Open Access Initiative. Februar 2017, S. 7 (englisch, org.au).
  7. ↑ Budapest Open Access Initiative: Budapest Open Access Initiative Declaration. 14. Februar 2002, abgerufen am 2. Oktober 2026 (englisch).
  8. ↑ Wiley: Self-Archiving. Information for journal authors. Webseite von Wiley, ohne Datum, abgerufen am 2. Oktober 2026.
  9. ↑ Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urheberrechtsgesetz) § 38 Beiträge zu Sammlungen. In: Urheberrechtsgesetz. 2014, abgerufen am 3. Oktober 2026.
  10. ↑ Ellen Euler, Thomas Hartmann, Julia Wildgans: B. Wissenschaft (Open Science). In: Creative Commons Public Licence – Version: 04.05.2026. Franziska Boehm, Ellen Euler, Paul Klimpel, Fabian Rack, John Weitzmann, 4. Mai 2026, abgerufen am 3. Oktober 2026.
  11. ↑ Christoph Bruch, Thomas Pflüger: Das Zweitveröffentlichungsrecht des § URHG § 38 Abs. URHG § 38 Absatz 4 UrhG – Möglichkeiten und Grenzen bei der Anwendung in der Praxis. In: Zeitschrift für Urheber- und Medienrecht (ZUM). Band 58, Nr. 5, 2014, S. 389–394.
  12. ↑ College of Arts, Humanities and Social Sciences: Chapters and Monographs publishers' policies Webseite Research and Engagement vom 28. August 2024, abgerufen am 2. Oktober 2026.
  13. 1 2 3 Lisa Matthias, Nataliia Bazeliuk, Mikael Laakso: Structured content analysis of open access book policies: European university and research funder approaches. In: Science and Public Policy. scag021, 2026, doi:10.1093/scipol/scag021.
  14. ↑ Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG): Was ist Open Access? Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), 22. Juli 2026, abgerufen am 9. Oktober 2026.
  15. ↑ Rosalind Pyne: Moving towards OA: Addressing opportunities and challenges for OA books. In: SpringerNature Springboard [Blog]. 30. September 2020, abgerufen am 9. Oktober 2026 (englisch).
  16. ↑ wbv Publikation: Mit drei Klicks zum passenden Open-Access-Verlag! Interview mit Katja Dammann von der Universitätsbibliothek Bielefeld über die oa.finder vom 27. Mai 2025, abgerufen am 2. Oktober 2026.
  17. ↑ „The removal of financial incentives that drive ethically dubious publishing behavior, combined with policies promoting open science practices, could accelerate the development of more robust research cultures. In this context, strengthening institutional repositories and fostering collaborative models of scholarly communication may represent a more sustainable path toward ensuring both accessibility and integrity in scientific publishing.“ Denis Kosyakov: Green or Gold: Exploring How Open Access Models Shape Global Research Integrity. 20th International Conference on Scientometrics & Informetrics der International Society for Scientometrics and Informetrics ISSI 2025, Proceedings. https://doi.org/10.51408/issi2025_034
  18. ↑ Anita Czymborska [Pseudonym]: Open-Access-Ideologie und nachteilige Systemwirkungen. Einige Überlegungen. In: LIBREAS. Library Ideas. Band 32, Nr. 2. LIBREAS e.V., Berlin 2017 (libreas.eu).
  19. ↑ Linda Martin, Maxi Kindling, Jesko Rücknagel: Zweitveröffentlichungsservices an Hochschulen. Bericht zur Erhebung. 2023, open-access.network Report. Version 1.0. Zenodo. DOI:10.5281/zenodo.7990619
  20. ↑ DeepGreen – Open Access Transformation Etablierung und Weiterentwicklung rechtssicherer Workflows zur effizienten Umsetzung von Open-Access-Komponenten in Lizenzvereinbarungen für wissenschaftliche Publikationen. In: GEPRIS. Abgerufen am 22. Oktober 2026.
  21. ↑ Coalition for Networked Information (CNI): Artificial Intelligence Bots and Repositories — Results and Next Steps from COAR Survey Kathleen Shearer von COAR in der CNI Summer Project Briefing Series. Youtube-Video vom 25. August 2025, abgerufen am 31. Mai 2026.
    1. ↑ 5min 20sek
  22. ↑ Pierrre-Carl Langlais; Pavel Chizhov; Catherine Arnett; et al.: Common Corpus: The Largest Collection of Ethical Data for LLM Pre-Training [Preprint]. In: arXiv. 7. Oktober 2026, doi:10.48550/ARXIV.2506.01732.
  23. ↑ Pierre-Carl Langlais; Pavel Chizhov; Mattia Nee; et al.: Pleias 1.0: The First Ever Family of Language Models Trained on Fully Open Data. In: Procedia Computer Science. Band 267, 2025, S. 149 f., doi:10.1016/j.procs.2025.08.241.