Gletschersturz

Ein Gletschersturz, auch Gletscherabbruch, Eissturz[1] oder Gletscherfall (engl. glacier fall), ist ein Naturereignis, das in dem plötzlichen Abgehen größerer Eismassen – von sogenannten Eislawinen – von einem Gletscher besteht.[2][3] Mitunter werden nur besonders große Abbrüche mit einem Volumen von mehr als 1 Mio. m³ als Gletschersturz bezeichnet.[4]
Wie bei Berg- und Felsstürzen spricht man bei dem Bereich, in dem der Gletscherabbruch seinen Ausgang hat, vom Anrissgebiet, von der folgenden Sturzbahn und dem Ablagerungsgebiet der Eismassen.[4] Gletscherabbrüche ereignen sich an Abbruchkanten oder rampenartigen steilen Hängen, die vom Gletscher überflossen werden, an vereisten Flanken oder der Gletscherfront. Gletscherabbrüche führen zum Massenverlust des Gletschers – sie sind Teil des Ablationsprozesses, bei Hängegletschern der dominierende Teil.[4]
Gletscherabbrüche an Kanten haben oft relativ kleine Volumina im Vergleich zu solchen an Rampen. Im Sommer können bereits an Rampen mit 25° Neigung Gletscherstürze abgehen, wenn sie im Ablationsgebiet von Schmelzwasser unterströmt werden und das Eis auf dem Wasserfilm gleitet. Ohne dieses Gleiten kann das Gletschereis auch an Hängen mit 45° Neigung noch am Untergrund angefroren sein; Gletscherstürze treten in dem Fall unregelmäßig auf.[4]

Das abgebrochene Eis kann neue Gletscher bilden und weiterfließen. Gletscher, die durch solche Eisabbrüche genährt werden, heißen auch regenerierte Gletscher.[3][1] So ist der norwegische Nerisen ein regenerierter Gletscher, der sich aus dem oberhalb gelegenen Øksfjordjøkelen speist.
Die Folgen eines Gletschersturzes können denen eines Felssturzes ähneln.[2] Sie können auch Gletscherseeausbrüche verursachen und gehören neben den Gletscherseeausbrüchen zu den glazialen Gefahren, d. h. Naturgefahren, die von Gletschern ausgehen. Für die Schweiz beispielsweise sind 17 Gletscherabbrüche im Zeitraum 1595–2003 dokumentiert, die insgesamt 257 Menschenleben gefordert haben, und 48 Abbrüche mit Sachschäden. Im Jahr 1895 stürzten an der Nordwestflanke des Altels im Kanton Bern etwa 4,5 Mio. m³ Eis mit 450 km/h 1440 m hangabwärts und bedeckten etwa 1 km² unter 5 m Eis. Die Druckwelle der Eislawine schleuderte Rinder viele hundert Meter durch die Luft, zerstörte eine Hütte und tötete die sechs Menschen darin. Am Allalingletscher starben 1965 durch den Sturz von 2 Mio. m³ Eis 88 Menschen. Ein Gletschersturz an der Marmolata riss 2022 elf Bergsteiger in den Tod. Durch die Überwachung von Gletschern, die Simulation der Reichweite oder Sturzbahnen und vorsorgliche Sperrungen und Evakuierungen versucht man der Gefahr zu begegnen.[4]
Im Unterschied zu einem Gletscherabbruch ist ein Gletscherbruch ein zerklüftetes, mit Spalten durchzogenes Gletscherareal, das durch das allmähliche Überfließen einer Geländestufe entsteht.[3]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Redaktion Schweizer Lexikon, Gletscherkommission der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften (Hrsg.): Gletscher, Schnee und Eis. Das Lexikon zu Glaziologie, Schnee- und Lawinenforschung in der Schweiz. Schweizer Lexikon Mengis + Ziehr, Luzern 1993, ISBN 3-9520144-2-7, Eintrag Gletscherabbruch.
- 1 2 Gletscherabbruch. In: Lexikon der Geowissenschaften. Abgerufen am 28. März 2026.
- 1 2 3 Martin Meschede, Hans Murawski, Wilhelm Meyer: Geologisches Wörterbuch. 13. Auflage. Springer, 2021, ISBN 978-3-662-62722-8, S. 135, Eintrag Gletschersturz, doi:10.1007/978-3-662-62722-8.
- 1 2 3 4 5 Wilfried Hagg: Gletscherkunde und Glazialgeomorphologie. Springer, 2020, ISBN 978-3-662-61994-0, S. 72, 131–137, 143, 186, 190, 197, doi:10.1007/978-3-662-61994-0.