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Glattschnabelhokko

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Glattschnabelhokko

Glattschnabelhokko (Crax alector alector)

Systematik
ohne Rang: Galloanserae
Ordnung: Hühnervögel (Galliformes)
Familie: Hokkohühner (Cracidae)
Unterfamilie: Echte Hokkos (Cracinae)
Gattung: Crax
Art: Glattschnabelhokko
Wissenschaftlicher Name
Crax alector
Linnaeus, 1766

Der Glattschnabelhokko (Crax alector) ist ein überwiegend am Boden lebender Hühnervogel aus der Familie der Hokkohühner (Cracidae), der die feuchten Tieflandregenwälder des nördlichen Südamerikas bewohnt und sich durch ein einheitlich schwarzes Gefieder mit weißem Unterbauch sowie fehlendem Geschlechtsdimorphismus und Schnabelhöckern auszeichnet. Die Art ernährt sich vorwiegend von herabgefallenen Früchten und Samen und übernimmt dabei eine wichtige ökologische Funktion als Samenverbreiter im tropischen Regenwald-Ökosystem. Trotz eines großen Verbreitungsgebiets und der aktuellen Einstufung als nicht gefährdet durch die IUCN zeigen die Populationen einen rückläufigen Trend aufgrund von Bejagung und fortschreitender Zerstörung des Lebensraums.

Der Glattschnabelhokko ist ein stattlicher, bodenbewohnender Vogel, der eine Körpergesamtlänge von 85 bis 95 Zentimetern bei einer Steuerfederlänge (Rectrices) von etwa 29 bis 38 Zentimetern erreicht. Das Körpergewicht adulter Individuen variiert in der Regel zwischen 2.400 und 3.750 Gramm, wobei Männchen tendenziell etwas schwerer sind als Weibchen. Der Körperbau ist kräftig und kompakt, angepasst an eine überwiegend terrestrische Lebensweise, die jedoch die Fähigkeit zum Aufbaumen einschließt.[1]

Im Gegensatz zu anderen Arten der Gattung Crax, die einen ausgeprägten Sexualdimorphismus im Gefieder zeigen (bei dem Männchen schwarz und Weibchen oft braun oder gesperbert sind), sind beim Glattschnabelhokko beide Geschlechter fast identisch gefärbt. Das Gefieder ist überwiegend tiefschwarz und weist, besonders auf dem Rücken und den Flügeldecken, einen intensiven purpurblauen Metallglanz auf. Einen markanten Kontrast bildet der Unterbauch sowie der Steißbereich (Crissum), der rein weiß gefärbt ist.[1]

Auf dem Scheitel tragen die Vögel eine charakteristische Schopfhaube aus leicht gekräuselten Federn, die bei Erregung steil aufgerichtet werden kann. Die Beine und Füße sind bläulich-grau bis fleischfarben. Die Iris der Augen ist dunkelbraun bis rötlich.[1]

Ein diagnostisches Hauptmerkmal der Art ist die Beschaffenheit des Schnabels. Während verwandte Arten wie der Tuberkelhokko (Crax rubra) auffällige Höcker oder Lappen an der Schnabelbasis besitzen, fehlt dem Glattschnabelhokko jegliche fleischige Erhebung oder Karunkel auf dem Oberschnabel. Die distale Hälfte des Schnabels ist meist grau oder schwärzlich, während die Basis und die Wachshaut (Cera) leuchtend gefärbt sind. Die Färbung der Wachshaut variiert geographisch und ist das primäre Unterscheidungsmerkmal der Unterarten (siehe Systematik): Sie ist im östlichen Verbreitungsgebiet leuchtend gelb und im westlichen Areal orange bis rötlich.[1]

Verbreitung und Habitat

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Verbreitungsgebiet des Glattschnabelhokkos

Das Verbreitungsgebiet des Glattschnabelhokkos erstreckt sich über den nördlichen Teil des südamerikanischen Kontinents und ist weitgehend auf die Regionen nördlich des Amazonas-Hauptstroms beschränkt. Es umfasst die Guyanas (Guyana, Suriname und Französisch-Guayana),[2] den Süden und Osten Venezuelas (südlich des Orinoco), den Norden Brasiliens (nördlich des Amazonas, östlich des Rio Negro bis zur Atlantikküste)[3] und Teile des östlichen Kolumbiens.[1]

Das Habitat besteht primär aus dichten, feuchten Tieflandregenwäldern (Terra Firme) und Galeriewäldern entlang von Flüssen.[3] Die Art bevorzugt ungestörte Primärwälder mit dichtem Unterwuchs, wird jedoch gelegentlich auch an Waldrändern und in Uferdickichten angetroffen. Die vertikale Verbreitung reicht meist vom Meeresniveau bis in Höhenlagen von etwa 1.500 Metern, oft in der Nähe von Wasserläufen.[4]

Lebensweise und Verhalten

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Glattschnabelhokkos sind tagaktive Vögel, die den Großteil ihrer Zeit am Waldboden (terrestrisch) verbringen. Sie leben meist paarweise oder in kleinen Familiengruppen. Die Nacht verbringen sie jedoch zum Schutz vor bodenlebenden Prädatoren ruhend auf Ästen in mittlerer bis großer Höhe der Bäume. Bei Gefahr flüchten sie bevorzugt laufend durch das Unterholz. Sie sind jedoch kräftige Flieger und baumen bei unmittelbarer Bedrohung oder zur Überquerung von Gewässern auf.[1]

Die akustische Kommunikation spielt, wie bei allen Hokkohühnern, eine zentrale Rolle. Besonders während der Balz lassen die Männchen tiefe, resonante Töne hören, die oft als Booming beschrieben werden. Diese niederfrequenten Laute (hump-hump-hump oder ein tiefes Dröhnen) sind weittragend und dienen der Reviermarkierung sowie der Anlockung von Weibchen.[4]

Als Omnivoren mit einer starken Präferenz für pflanzliche Kost ernährt sich der Glattschnabelhokko hauptsächlich von herabgefallenen Früchten und Samen.[5] Das Nahrungsspektrum umfasst Früchte verschiedener Regenwaldbäume, darunter Vertreter der Gattungen Feigen (Ficus) und Brechnüsse (Strychnos). Ergänzt wird der Speiseplan durch Insekten, Larven, Würmer und gelegentlich kleine Wirbeltiere oder Pilze, die durch Scharren in der Laubstreu freigelegt werden.[4][6][7] Durch das Fressen ganzer Früchte und das Ausscheiden der unverdauten Samen fungiert die Art als wichtiger Samenverbreiter (Zoochorie) im Ökosystem des Regenwaldes.[8]

Die Fortpflanzungszeit variiert geographisch und ist oft mit dem Einsetzen der Regenzeit korreliert, die ein erhöhtes Nahrungsangebot an Früchten und Invertebraten gewährleistet. In Suriname brüten die Vögel beispielsweise verstärkt während der Regenzeit, während in Französisch-Guayana Jungvögel im März und September beobachtet wurden.[4]

Das Nest wird, entgegengesetzt zur bodengebundenen Lebensweise, in Bäumen angelegt. Es handelt sich um eine relativ einfache, flache Plattform aus Zweigen, Blättern und Lianen, die oft gut verborgen in dichter Vegetation, etwa in Astgabeln oder auf horizontalen Ästen, errichtet wird.[4]

Das Gelege besteht in der Regel aus zwei großen, weißen Eiern, die eine raue Schalenstruktur aufweisen.[9] Die Bebrütung erfolgt ausschließlich durch das Weibchen und dauert etwa 30 Tage. Die Küken sind Nestflüchter (präcox). Sie schlüpfen mit bereits gut entwickelten Flügeln und einem ausgeprägten Fluchtinstinkt. Unmittelbar nach dem Schlüpfen verlassen sie das Nest, folgen den Elternvögeln am Boden und sind schon nach wenigen Tagen in der Lage, flatternd niedrige Äste zu erreichen, um dort die Nacht zu verbringen.[4]

Bestand und Gefährdung

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Die International Union for Conservation of Nature (IUCN) stuft den Glattschnabelhokko in der aktuellen Bewertung (Stand 2021) als nicht gefährdet (Least Concern) ein. Diese Einstufung begründet sich primär durch das extrem große Verbreitungsgebiet der Art, das weite Teile des nördlichen Südamerikas umfasst. Obwohl die Gesamtpopulation nicht quantifiziert ist, wird sie als hinreichend groß eingeschätzt, um die Kriterien für eine Gefährdungskategorie momentan nicht zu erfüllen.[10][11]

Dennoch vermerkt die Rote Liste gefährdeter Arten ausdrücklich einen abnehmenden Populationstrend. Die Art ist lokalem Druck ausgesetzt, der zu Bestandsrückgängen führt, auch wenn diese global noch nicht als kritisch eingestuft werden. Die wesentlichen Faktoren für diese negative Bestandsentwicklung sind Bejagung und Lebensraumveränderung. Der Glattschnabelhokko wird in weiten Teilen seines Verbreitungsgebietes als Nahrungsquelle genutzt. Als großer, bodenlebender Vogel ist er ein lohnendes Ziel für die Subsistenzjagd. In der Nähe menschlicher Siedlungen und entlang gut erreichbarer Flüsse sind die Bestände daher oft stark ausgedünnt oder lokal erloschen.[12] Die Umwandlung von Primärwald in landwirtschaftliche Flächen und die Fragmentierung der Wälder reduzieren den verfügbaren Lebensraum, da die Art auf intakte Waldstrukturen angewiesen ist.[13][14][15][11]

Historisch unterlag die Gefährdungseinschätzung Schwankungen. So wurde die Art in früheren Bewertungen (z. B. 2012) zeitweise als „gefährdet(Vulnerable) geführt, bevor neuere Daten 2021 zur Rückstufung führten.[11]

Schnabel von Crax alector erythrognatha in typischer orange-rötlicher Färbung

Die wissenschaftliche Erstbeschreibung erfolgte 1766 durch Carl von Linné in der zwölften Auflage seines Werkes Systema Naturae.[16] Das Artepitheton alector leitet sich vom griechischen „alektōr“ ab und bedeutet „Hahn“, was auf den hühnervogelartigen Habitus verweist.[17]

Crax alector gehört zur Ordnung Galliformes (Hühnervögel) und der Familie Cracidae (Hokkohühner), Unterfamilie Cracinae (Echte Hokkos). Innerhalb der Gattung Crax, welche die größten Vertreter der Familie umfasst, nimmt die Art eine taxonomische Sonderstellung ein. Sie unterscheidet sich von anderen Vertretern der Gattung durch das Fehlen eines Sexualdimorphismus im Gefieder. Männchen und Weibchen sind gleichermaßen schwarz gefärbt. Zudem fehlen die fleischigen Schnabelaufsätze (Tuberkeln oder Lappen), die für verwandte Arten wie Crax rubra (Tuberkelhokko) typisch sind.[18]

Phylogenetische Untersuchungen auf Basis molekulargenetischer Analysen platzieren Crax alector in enge Verwandtschaft mit Crax fasciolata (Nacktgesichthokko) und Crax globulosa (Karunkelhokko). Große Flusssysteme wie der Amazonas und der Rio Negro fungieren als biogeographische Isolationsmechanismen zwischen den Arten.[19]

Innerhalb der Spezies werden zwei valide Unterarten anerkannt, die sich primär durch die Färbung der Wachshaut an der Schnabelbasis unterscheiden:

  • Crax alector alector (Linnaeus, 1766) mit leuchtend gelber Wachshaut im östlichen Verbreitungsgebiet (Guayanas, östliches Brasilien östlich des Rio Branco)
  • Crax alector erythrognatha (Sclater & Salvin, 1877) mit orange-rötlicher Wachshaut im westlichen Areal (südliches Venezuela, Kolumbien, Brasilien westlich des Rio Branco).[20]
Commons: Glattschnabelhokko – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. a b c d e f
  2. Thomas Denis et al.: Black Curassow habitat relationships in terra firme forests of the Guiana Shield: A multiscale approach. In: The Condor. Jg. 118, Nr. 2. Washington 2016, S. 253–273, doi:10.1650/CONDOR-15-28.1.
  3. a b Sergio Henrique Borges: Relative use of secondary forests by cracids in central Amazonia. In: Ornitología Neotropical. Jg. 10, Nr. 1. Washington 1999, S. 77–80 (usf.edu).
  4. a b c d e f Josep del Hoyo, Anna Motis: Update Chapter. In: Jean Théodore Delacour, Dean Amadon (Hrsg.): Curassows and Related Birds. 2. Auflage. Lynx, Barcelona 2004, ISBN 84-87334-64-4, S. 448–452.
  5. Christian Érard, Marc Théry: Frugivorie et ornithochorie en forêt Guyanaise: l’exemple des grands oiseaux terrestres et de la Pénélope marail. In: Alauda. Jg. 62, Nr. 1. Brunoy 1994, S. 27–31 (biodiversitylibrary.org).
  6. Christian Érard et al.: Régime alimentaire de Tinamus major (Tinamidae), Crax alector (Cracidae) et Psophia crepitans (Psophiidae), en forêt Guyanaise. In: Gibier Faune Sauvage. Jg. 8. Paris 1991, S. 183–210.
  7. Marcia C. Muñoz, Gustavo H. Kattan: Diets of cracids: How much do we know? In: Ornitología Neotropical. Jg. 18, Nr. 1. Washington 2007, S. 21–36 (usf.edu).
  8. Muriel Larue: Effets de la fragmentation du milieu sur les populations d’oiseaux forestiers frugivores de Guyane francaise. In: Alauda. Jg. 67, Nr. 4. Brunoy 1999, S. 297–306 (biodiversitylibrary.org).
  9. Jean Théodore Delacour, Dean Amadon: Black Curassow. In: Curassows and Related Birds. 2. Auflage. Lynx, Barcelona 2004, ISBN 84-87334-64-4, S. 188 f.
  10. Ivan Samuels et al.: Noteworthy records and range extensions from the Caura River watershed, Bolívar state, Venezuela. In: Cotinga. Band 36. Sandy 2014, S. 27–39 (neotropicalbirdingandconservation.org [PDF]).
  11. a b c Crax alector in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2021.3. Eingestellt von: BirdLife International, 2021. Abgerufen am 9. Dezember 2025.
  12. Jean-Marc Thiollay: Effects of hunting on guianan forest game birds. In: Biodiversity and Conservation. Jg. 14, Nr. 5. Dordrecht 2005, S. 1121–1135, doi:10.1007/s10531-004-8412-4.
  13. Britaldo Silveira Soares-Filho et al.: Modelling conservation in the Amazon Basin. In: Nature. Band 440. London 2006, S. 520–523, doi:10.1038/nature04389.
  14. Jeremy P. Bird et al.: Integrating spatially explicit habitat projections into extinction risk assessments: a reassessment of Amazonian avifauna incorporating projected deforestation. In: Diversity and Distributions. Jg. 18, Nr. 3. Oxford 2012, S. 432–439, doi:10.1111/j.1472-4642.2011.00843.x.
  15. Jeremy P. Bird, Alexander Charles Lees: Acknowledging an Amazon avifauna in crisis. In: Neotropical Birding. Band 11. Sandy 2012, S. 74–77 (researchgate.net).
  16. Carl von Linné: Systema Naturæ, Per Regna Tria Naturæ, Secundum Classes, Ordines, Genera, Species Cum Characteribus, Differentiis, Synonymis, Locis. 12., überarb. Auflage. Band 1, Teil 1. Salvius, Stockholm 1766, S. 269 f.
  17. Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek–English Lexicon. Clarendon, Oxford 1940.
  18. Laura Howard: Cracidae. Regents of the University of Michigan, 5. März 2004, abgerufen am 14. Dezember 2025.
  19. Sérgio Luiz Pereira, Allan J. Baker: Vicariant Speciation of Curassows (Aves, Cracidae): A Hypothesis Based on Mitochondrial DNA Phylogeny. In: The Auk. Jg. 121, Nr. 3. Waco 2004, S. 682–694, JSTOR:4090306.
  20. Philip Lutley Sclater, Osbert Salvin: Description of eight new Species of South-American Birds. In: Proceedings of the Zoological Society of London. London 1877, S. 18–22, pl. 1.