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Maschinenfabrik Esslingen GRW4

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Der GRW4 (Großraumwagen mit vier Radsätzen) ist ein Straßenbahn-Triebwagentyp, von dem die Maschinenfabrik Esslingen 1958 zehn Stück für die Straßenbahn Ulm baute. Von 1966 bis 1982 waren sie die einzigen planmäßig eingesetzten Triebwagen des Betriebs. Nach ihrem Einsatzende 1988 verblieb einer als Museumswagen in Ulm.

1957 entschieden sich die Straßenbahnen der Stadt Ulm, nach Beratung durch den Verkehrswissenschaftler und Ingenieur Alfred Bockemühl, zur Modernisierung ihres Straßenbahnsystems und Sicherung des Bestands vierachsige Einrichtungswagen in Großraumbauweise zu beschaffen. Es wurden zehn solche Fahrzeuge bei der Maschinenfabrik Esslingen bestellt, die zu dieser Zeit versuchte, mit auch für kleinere Betriebe geeigneten derartigen Wagen eine Marktnische zu besetzen.[1.1] Der GRW4 war dabei der letzte in Westdeutschland neu entwickelte Großraumtriebwagen, damals dominierten bereits Gelenkwagen.[2] Er entstammt einer Fahrzeugfamilie, zu der auch der 1956 an die Kleinbahn Siegburg–Zündorf gelieferte Wagen 20 sowie die 1958 für die Straßenbahn Esslingen–Nellingen–Denkendorf gebauten Wagen 12, 13, 36 und 37 gehörten, ferner die Typen T2, B2, GT6 und GT4 der Stuttgarter Straßenbahnen.[3]

Der erste GRW4 kam am 1. Februar 1958, noch ohne Wagennummer, auf einem Eisenbahn-Rungenwagen im Ulmer Rangierbahnhof an. Er wurde am 3. Februar abgeladen und per Straßenroller ins Depot am Westplatz überführt. Die erste Probefahrt folgte am 4. Februar, die offizielle Übergabe samt Pressepräsentation am 5. Februar 1958. Mittlerweile hatte das Fahrzeug, statt der zunächst vorgesehenen Nummer 30 im Anschluss an die Bestandsfahrzeuge, die Nummer 1 erhalten. Die übrigen bekamen die Nummern 2 bis 10.[1.1] Vom 10. bis 15. Februar fanden Mess- und Probefahrten statt. Anschließend folgte die Personalschulung, wobei zunächst 20 Fahrer eingewiesen wurden. Mit der Anlieferung weiterer Großraumwagen wurden die Schulungsfahrten ausgeweitet, wobei teilweise bis zu drei Wagen als Fahrschule unterwegs waren.[2]

Mit den Großraumwagen wurde auch in Ulm, wie zu dieser Zeit in Westdeutschland üblich, der Fahrgastfluss mit festem Schaffnersitz eingeführt. Im Gegensatz zu anderen Betrieben entschied man sich jedoch dafür, den Einstieg und Schaffnersitz vorne statt hinten anzuordnen. Der Grund dafür lag in der Absicht, später die Aufgaben des Schaffners möglichst einfach auf den Fahrer übertragen zu können. Für diesen Einmannbetrieb waren die GRW4 von Anfang an vorbereitet – erstmalig bei westdeutschen Straßenbahnwagen dieser Epoche. Damit sollte der Personalbedarf verringert und so die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Verkehrsmitteln erhalten werden können. Tatsächlich eingeführt wurde der Einmannbetrieb dann in der ersten Hälfte der 1960er im Abendverkehr und an Sonntagvormittagen. Ab 1965 fuhren die Triebwagen dauerhaft ohne Schaffner. Dass die Fahrgäste sich an den umgedrehten Fahrgastfluss der Straßenbahn gewöhnen mussten, da der Einstieg sich auch beim Oberleitungsbus Ulm sowie bei den städtischen Linienbussen zunächst noch am Heck befand, wurde in Kauf genommen.[1.1]

Die GRW4 wurden erstmals am 26. April 1958 planmäßig eingesetzt,[2] sie waren die ersten Einrichtungswagen des Betriebs. Weil nur an zwei der seinerzeit vier Endstellen geeignete Wendeanlagen zur Verfügung standen, musste das Liniennetz am 22. April so umgestellt werden, dass eine Linie die beiden Wendeschleifen verband. Diese Linie 4 verkehrte fortan mit den neuen Fahrzeugen auf der Strecke Kuhberg–Stadion, auf der Linie 1 vom Safranberg nach Söflingen konnten sie hingegen nicht verkehren. Für Rangierfahrten stand jedoch ein Heckfahrstand zur Verfügung.

Mit Fertigstellung der Wendeschleife in Söflingen und Stilllegung der Streckenäste Kuhberg und Safranberg wurden die Wagen ab 14. August 1964 auf der einzig verbliebenen Linie 1 Söflingen–Stadion eingesetzt. Von Anfang an waren die Fahrzeuge für den Betrieb mit Beiwagen ausgerüstet. Dieser wurde jedoch erst 1964 mit vorhandenen alten Zweiachsern eingeführt.[1.1] 1965/1966 beschaffte der Betrieb etwas modernere, aber ebenfalls zweiachsige, gebrauchte Beiwagen der Serie 1300 von der Straßenbahn Stuttgart.[4] Mit diesen wurden zu den Hauptverkehrszeiten auch Dreiwagenzüge aus einem GRW4 und zwei Beiwagen gebildet. Die nächste Beiwagengeneration waren dann 1976/1977, erneut aus Stuttgart, übernommene Zweiachser, nun vom dortigen Typ B2.[1.1] Von 1966 an waren die GRW4 die einzigen Triebwagen im Fahrgastverkehr der Straßenbahn Ulm, bis ab 1982, zunächst ergänzend, gebrauchte GT4 hinzukamen. Bald darauf wurden sie durch weitere GT4 ersetzt, um auf den aufwändigen Beiwagenbetrieb verzichten zu können.[4] Die Außerdienststellung erfolgte zwischen November 1985 und Januar 1988. Triebwagen 1 blieb, phasenweise mit anderer Wagennummer um Doppelnummerierungen zu vermeiden, als historisches Fahrzeug sowie für Fahrschulzwecke erhalten, die anderen wurden verschrottet.[5]

Wagen 9 mit einem B2 in der Neuen Straße, 1986
GRW4
Wagen 4 vor dem Ulmer Hauptbahnhof, 1985
Wagen 4 vor dem Ulmer Hauptbahnhof, 1985
Wagen 4 vor dem Ulmer Hauptbahnhof, 1985
Nummerierung: 1–10
Anzahl: 10
Hersteller: Maschinenfabrik Esslingen
AEG
Kiepe
Baujahr(e): 1958
Ausmusterung: 1985–1988
Achsfolge: B’B’
Spurweite: 1000 mm (Meterspur)
Länge: 14 100 mm
Breite: 2200 mm
Drehzapfenabstand: 6000 mm
Drehgestellachsstand: 1600 mm
Leermasse: 16,5 t
Dauerleistung: 2 × 125 kW
Antrieb: Kardanantrieb
Kleinster Halbmesser: 17 m
Sitzplätze: 30 zuzüglich Schaffnersitz
Stehplätze: 89
Betriebsart: Einrichtungswagen
Fahrzeugliste
Nummer Ausmusterung[5] Umnummerierung[1.2]
1 ab Januar 1988 historischer Triebwagen 1988: zu Nr. 14
1990: zu Nr. 15
2003: zu Nr. 1
2 Mai 1986
3 November 1985
4 September 1987
5 April 1986
6 März 1987
7 Juni 1987
8 Oktober 1986
9 Dezember 1986
10 September 1986
Wagen 1 und 4 im Betriebshof, 1984

Technik und Ausstattung

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Heckansicht, 1984

Die Grundabmessungen entsprechen mit einer Länge von 14,1 Metern, einer Breite von 2,2 Metern und einem Drehzapfenabstand von 6 Metern vielen Duewag-Großraumwagen.[1.1] Die Leermasse beträgt 16,5 Tonnen.[1.3] Die beiden Drehgestelle haben jedoch einen Achsstand von nur 1,6 Metern. Für den Antrieb verwendete die Maschinenfabrik Esslingen einen Kardanantrieb, den sie schon bei einigen Dieseltriebwagen eingebaut hatte. Die beiden von AEG gelieferten Fahrmotoren mit einer Leistung von je 125 kW sind mittig unter dem Wagenkasten aufgehängt und treiben alle vier Achsen an. Um den Ausschlagwinkel der Kardanwellen möglichst klein zu halten, ist jeder Motor zunächst mit dem entfernter liegenden Radsatz des zugehörigen Drehgestells verbunden. Von diesem führt dann eine weitere Kardanwelle zum anderen Radsatz. So kann der GRW4 Bogenradien bis hinab zu 17 Metern befahren. Die elektropneumatische Schützensteuerung durch Hebelbetätigung lieferte Kiepe.[1.1] Als Bremsanlagen dienten eine elektrische Kurzschlußbremse, eine indirekte Druckluftbremse mit Federspeicher sowie vier Magnetschienenbremsen mit je 4.000 Kilogramm Anpressdruck.[2] Die Energiezufuhr erfolgt über einen Scherenstromabnehmer über dem vorderen Drehgestell.

Die Ausführung des Innenraums ist maßgeblich vom Fahrgastfluss beeinflusst. Um den Einstieg zu erleichtern und damit zu beschleunigen, ist die vordere Einstiegsplattform gegenüber dem restlichen Wagenboden abgesenkt. Zwischen der Vordertür bzw. dem Schaffnersitz und der mittigen Ausstiegstür gibt es nur Einzelsitze und dementsprechend viele Stehplätze. Von der Mitteltür bis ins Heck sind dagegen rechts Einzel- und links Doppelsitze angeordnet.[1.1] Insgesamt gibt es, in der ursprünglichen Ausführung, 30 mit grünem Kunstleder bezogene Polstersitze,[1.3] alle als Quersitze und die meisten in Fahrtrichtung angeordnet.

Die drei Türen mit einer lichten Weite von 1.370 Millimetern sind, elektropneumatisch bediente, Parallelschwingtüren mit einseitigem Druckluftantrieb. Die zweiflügligen Außenschwingtüren stellten für Schienenfahrzeuge in der Bundesrepublik eine Neuheit dar. Sie waren eigentlich für Omnibusse des örtlichen Herstellers Kässbohrer entwickelt und patentiert worden. In Ulm bewährten sie sich zuvor bereits bei der, letzten für den Oberleitungsbus Ulm gebauten, Wagenserie 110 bis 116. Für den GRW4 fertigte Kiekert sie in Lizenz. Ihre schnelle Öffnung und Schließung trug zu kurzen Fahrgastwechselzeiten bei und wurde später beim GT4 zum Standard.[1.1][2]

Commons: GRW4 in Ulm – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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  1. Klaus Meschede, Axel Reuther, Josef Schöber: Straßenbahn-Großraumwagen. Drei- und Vierachser aus westdeutscher Produktion. EK-Verlag, Freiburg 2017, ISBN 978-3-8446-6850-6.
    1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 S. 140–142
    2. S. 265
    3. 1 2 S. 156
  2. 1 2 3 4 5 Ludger Kenning: Vor 50 Jahren: Der erste Großraumtriebwagen bei der Ulmer Straßenbahn (m25B). In: Drehscheibe Online. 4. Februar 2008, abgerufen am 1. April 2026.
  3. Hans J. Knupfer: Gelber Klassiker – Der GT4, Stuttgarts Straßenbahnwagen für fünf Jahrzehnte. Stuttgart 2006/2007, ISBN 978-3-9811082-0-0, S. 48–52.
  4. 1 2 Claudia Tugemann: Bahn für die Spatzen. 125 Jahre Straßenbahn Ulm. In: Straßenbahn Magazin. Nr. 392 (5/2022). GeraMond Verlag, München 2022, S. 16–27, hier: 24 f.
  5. 1 2 Museumswagen GRW4. In: www.UlmerEisenbahnen.de. Abgerufen am 29. März 2026.