Grover Furr
Grover Carr Furr III (* 3. April 1944 in Washington, D.C.) ist ein US-amerikanischer Literaturwissenschaftler und Publizist, der durch geschichtsrevisionistische Schriften zur Sowjetunion in der Stalin-Ära hervortritt.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Grover Furr studierte Anglistik an der McGill University in Montreal und schloss sein Studium 1965 mit dem Bachelor of Arts ab. Seit Februar 1970 ist er Professor an der Montclair State University in New Jersey. 1978 wurde er in Vergleichenden Literaturwissenschaften an der Princeton University, an der er auch seinen Master erlangte, promoviert. Furr unterrichtet an der Montclair State University in Montclair (New Jersey) zur englischen Literatur des Mittelalters.[1]
Positionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In seinen historischen Schriften verteidigt Grover Furr das Wirken Stalins und vertritt die Meinung, dass dieser kein einziges Verbrechen begangen habe und alle Anschuldigungen diesbezüglich unwahr seien.[2]
Dabei meint Furr unter anderem nachweisen zu können, dass die Geständnisse, die während der Moskauer Prozesse abgegeben wurden, legitim und wahrheitsgetreu seien, ferner, dass Trotzki den Sturz Stalins in Zusammenarbeit mit den Regierungen Deutschlands und Japans tatsächlich geplant habe, dass der Holodomor eine „Erfindung ukrainischer Nazis“[3] und Jeschow der wahre Urheber des Großen Terrors gewesen sei.[4] Weiter unterstellt er Chruschtschow, in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU mehrere Dutzend Male bezüglich Stalin gelogen zu haben[5] und leugnet die Schuld der sowjetischen Regierung am Massaker von Katyn.[6]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Stimme aus dem akademischen Bereich bezeichnete der US-Historiker Anthony Gronowicz Furrs „Feststellungen“ als „revolutionär“ und meinte, dass es nun an denjenigen, die Furr widersprächen, liege, eine „gleichwertige sorgfältige Forschung“ vorzulegen.[7]
Jürgen W. Schmidt urteilte 2023, dass Furr seit Jahrzehnten bestrebt sei, „Stalin und den Stalinismus von den von ihm verübten Verbrechen reinzuwaschen“. Es beeindrucke ihn dabei, dass „ein intelligenter Mensch wie Furr sich derart in absurde Theorien verrennen“ könne.[4]
Der US-amerikanische Ost-Asienforscher Gregory Elich schrieb 2014 in Science & Society, dass Furr „in den meisten Fällen“ in der „Logik seiner Argumente“ versage, jedoch das von ihm gelieferte Quellenmaterial „faszinierend“ und die von ihm zitierten Archivquellen „wertvoll“ seien.[5]
Die US-amerikanischen Kommunismushistoriker John Earl Haynes und Harvey Klehr kritisierten Furr 2003 als Geschichtsrevisionisten im Bereich der sowjetischen Geschichte.[8] Für John O’Sullivan, der Furr 2015 auf den ersten Blick für eine erfundene Witzfigur hielt, handelt es sich bei dessen Schriften „weniger um Revisionismus als vielmehr um eine völlige Leugnung der historischen Realität“.[2]
Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Grover Furr publizierte auf Englisch und Russisch, wobei seine Bücher u. a. in den Zeitschriften Literaturnaja Rossija,[9] Russki Westnik[10] und Socialism and Democracy[11] sowie in weiteren wissenschaftlichen Fachzeitschriften wie Das Historisch-Politische Buch[4] besprochen wurden.
Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Antistalinskaja podlost (Антисталинская подлость), Algorithm, Moskau 2007.
- mit Juri Muchin, Aleksei Golenkow: Oboglanny Stalin (Оболганный Сталин), Algorithm/Penguin Books, Moskau 2010.
- Khrushchev Lied. The Evidence That Every “Revelation” of Stalin’s (and Beria’s) Crimes in Nikita Khrushchev’s Infamous “Secret Speech” to the 20th Party Congress of the Communist Party of the Soviet Union on February 25, 1956, is Provably False. Erythros Press & Media, Kettering, OH 2011.
- deutsche Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Johannes Teuber. Mit einem Vorwort von Domenico Losurdo: Chruschtschows Lügen. Das Neue Berlin, Berlin 2014, ISBN 978-3-360-02187-8.
- Теni ХХ sjesda, ili Antistalinskaja podlost (Тени ХХ съезда, или Антисталинская подлость), Penguin Books, Moskau 2010.
- mit Wladimir L. Bobrow: 1937. Prawosudije Stalina. Obschalowaniju ne podleschit! (1937. Правосудие Сталина. Обжалованию не подлежит!), Penguin Books, Moskau 2010.
- Hruşçov’un Yalanları.SBKB(B) XX. Kongresinde Yapılan Suçlamalar Hakkında. Yordamkitap, Istanbul 2011.
- mit David Holloway, Donald Rayfield: Berija. Imperija GULAG (Берия. Империя ГУЛАГ), Algorithm, Moskau 2012.
- Stalin ve Demokrasi – Trotskiy ve Naziler. Yazilama, Istanbul 2012.
- As Mentiras de Khrushchev. Edicions Benigno Alvarez, Galiza 2013.
- The Murder of Sergei Kirov: History, Scholarship and the Anti-Stalin Paradigm. Erythros Press & Media, Kettering, OH 2013.
- Ubijstwo Kirowa. Nowoje rassledowanije. (Убийство Кирова. Новое расследование), Russkaja Panorama, Moskau, 2013.
Artikel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- The „Official“ Version of the Katyn Massacre Disproven? Discoveries at a German Mass Murder Site in Ukraine. Socialism and Democracy 27(2) (August 2013): 96–129.
- Die 'offizielle' Version des Massakers von Katyn widerlegt? Entdeckungen an dem Ort eines deutschen Massenmords in der Ukraine, Übersetzung von Gerhard Schnehen in offen-siv 8-2014
- Stalin und der Kampf für demokratische Reformen. In: offen-siv 4-2014, S. 6–62 (PDF).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Grover Furr im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Website von Grover Furr
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Faculty, English Department, Montclair State University
- ↑ a b John O’Sullivan: What to Make of the Guardian’s Shameful Robert Conquest Obituary? In: National Review. 14. August 2015, abgerufen am 9. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ The „Holodomor“ and the Film „Bitter Harvest“ are Fascist Lies. In einer Besprechung des Films Holodomor – Bittere Ernte in Counter Punch vom 3. März 2017.
- ↑ a b c Jürgen W. Schmidt: Buchbesprechung Nr. 87. Grover Furr: Leo Trotzkis Kollaboration mit Deutschland und Japan. Trotzkis Verschwörungen der 1930er Jahre, Bd. 2, in: Das Historisch-Politische Buch, Jahrgang 71, Heft 1-2, Duncker & Humblot, Berlin 2023, S. 134–135
- ↑ a b Gregory Elich: Review of Khrushchev Lied: The Evidence that Every “Revelation” of Stalin’s (and Beria’s) “Crimes” in Nikita Khrushchev’s Infamous “Secret Speech” to the 20th Party Congress of the Communist Party of the Soviet Union on February 25, 1956, Is Probably False, by G. Furr, in: Science & Society, 78(3), 2014, S. 398–401
- ↑ David Horowitz: The Professors: The 101 Most Dangerous Academics in America. Washington, DC: Regnery Publishing, Inc. 2006. pp. 186–187.
- ↑ Anthony Gronowicz: About Grover Furr’s Research. In: Erythros Press and Media. Abgerufen am 9. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ John Earl Haynes & Harvey Klehr. In Denial: Historians, Communism and Espionage. San Francisco: Encounter Books. 2003. S. 26–27.
- ↑ Schestdesjat odna neprawda Nikity Chruschtschowa. ШЕСТЬДЕСЯТ ОДНА НЕПРАВДА НИКИТЫ ХРУЩЁВА. In: www.litrossia.ru. Literaturnaja Rossija, 13. Juni 2008, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 6. Februar 2015; abgerufen am 10. Oktober 2025 (russisch, No. 24 vom 16. März 2008).
- ↑ Sergei Semanow: Chruschtschow i Ego 'Bor'ba s Kul'tom' w Swete Istiny. Russkij Westnik, 13. März 2008.
- ↑ Sven-Eric Holmstrom: Khrushchev Lied. In: Socialism and Democracy. 26, 2012, S. 119–124, doi:10.1080/08854300.2012.686278.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Furr, Grover |
| ALTERNATIVNAMEN | Furr, Grover Carr III (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Literaturwissenschaftler |
| GEBURTSDATUM | 3. April 1944 |
| GEBURTSORT | Washington, D.C. |