Flocktapete
Bei der Flocktapete (auch Velourtapete oder Streutapete) handelt es sich um beflockte Tapeten, die durch ihre reliefartig aufgestreuten Flächen die reichen Samt- und Damaststoffe von Wandbehängen nachbilden sollten.
In der Fachliteratur bezeichnet der Begriff Flocktapete (auch Streutapete) strenggenommen nur mit Wollstaub bestreute Leinwandtapeten, während die Velourtapete ab ca. 1800 die mit Wollstaub bestreuten Papiertapeten benennt.[1] Da seitdem Tapeten größtenteils aus Papier hergestellt werden, werden heute beide Begriffe substituierbar verwendet.
Die mit Wollstaub bestreute Tapete verbreitete sich in ganz Westeuropa; in England war sie zunächst als flockhangings und dann als flockpaper bekannt, in Frankreich als papier soufflé, papier velouté oder papier tontisse.[2] Verbreitet war die Tapete außerdem auch in Deutschland, Italien und Holland, mit eigenen, zeitgleich entstehenden Produktionsstätten, die mit der Herstellung der Wandbekleidungen experimentierten.[2.1]
Geschichte und Verbreitung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Herstellung der Flocktapeten auf Leinwandgrund ist bereits im 16. bis 18. Jahrhundert nachweisbar, die der Velourstapeten auf Papiergrund ungefähr ab 1700, besonders in England und Frankreich.[3] In Rouen findet man bereits um 1630 ein Patent für Flocktapeten von dem Hersteller Le François.[4.1] Um 1690 begann der Franzose Jérôme Lanyer in England dann mit der Herstellung von Velourtapeten auf Papier, die er Londriniana nannte.[1] Parallel begannen auch die Firma Dunbar und das Blue Paper Warehouse in Aldermanburry, London mit der Produktion. Hierbei handelte es sich um einfarbige, großzügige Muster auf kontrastierendem Grund, die kurz darauf bereits die Londoner Herrenhäuser zierten und auch in Frankreich verbreitet waren.[2.2] Diese waren zuerst auf einzelnen Bögen; durch die steigende Papierqualität ließen sich ab 1700 dann auch ganze Bahnen bedrucken, wodurch diese sogenannten papiers de tontisse d’Angleterre zu Beginn des 18. Jahrhunderts zum festen Bestandteil der Innendekoration englischer Landsitze wurden.[5] In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die beflockte Tapete sowohl in der Aristokratie als auch im Bürgertum schnell.[2.3]
1753 kam das englische Velourspapier unter dem Namen papier d’Angleterre nach Frankreich. Französische Manufakturen begannen sobald mit der Nachahmung des begehrten Luxusartikels, der in reicher blauer Ausführung ab 1754 die Garderobe der Madame de Pompadour im Schloss Versailles sowie den Gang zur Kapelle und ab 1758 auch ihren Baderaum im Château de Champs schmückte.[2.3]
Einer der erfolgreichsten französischen Fabrikanten war Jean-Baptiste Réveillon (1725–1811), der sich auf den Handel mit Velourstapeten spezialisiert hatte. Nach dem Handelsembargo mit England in den Jahren 1757–1763, zur Zeit des Siebenjährigen Krieges, begann er, die englischen Tapeten zu imitieren und zu geringeren Preisen zu verkaufen.[6] Charakteristisch für Tapeten aus dieser Zeit um 1750–1760 sind bestimmte Hintergrundmuster, die von den zu dieser Zeit so beliebten Spitzenmustern inspiriert waren. Auf schablonierten Graubereichen wurde ein weißes, zierliches Muster aufgedruckt, das an zeitgenössisches Porzellan erinnerte. Auf die ausgesparten Bereiche wurde danach das Hauptmuster geflockt.[5] Am 27. Februar 1765 und am 1. Dezember 1766 werden in Frankreich Zollerhöhungen für importierte Tapeten beschlossen, wonach sich auch englische Firmen in Frankreich ansiedeln, zum Beispiel Lancake in Carrières. Um diese Zeit, ab 1780, lässt die Begeisterung für Velourstapeten allerdings wieder nach.[2.4]
In Deutschland versuchte man ab dem 17. Jahrhundert, besonders in Nürnberg, Kassel und Wien Stoffgewebe zu beflocken, einige dieser Tapeten sind noch erhalten.[2.5]
Herstellung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Trotz der unterschiedlichen, voneinander unabhängigen, europäischen Herstellungsstätten unterschied sich die Herstellung der Tapeten kaum und blieb auch über die Jahrhunderte größtenteils unverändert.
Der für die Beflockung verwendete Wollstaub stammte überwiegend aus Tuchwebereien, war also ein kostengünstiges Abfallprodukt.[7] Die weiße Schurwolle wurde durch Einweichen in 48 °C heißen Seifenwasser entfettet und gebleicht. Als zweite, chemische Reinigung wurde die Wolle in eine Schwefelsäurelösung getaucht und erneut ausgewaschen.[2.6] Angefeuchtet wurde die Wolle anschließend in ein Farbbad getaucht und für die vollständige Trocknung auf einem mit Tüchern bespanntem Rahmen, ausgebreitet.[2.7] Nach dem gleichmäßigen Färben wurden die Wollfasern dann in einer Art Mühle zu Wollstaub des gewünschten Feinheitsgrades vermahlen.
Die Leinwand für die Flocktapeten wurde auf einem Webstuhl gefertigt und grundiert, bei einer kostengünstigeren Produktion war dieser Grundieranstrich auch bereits der Grundton; es wurde mit einer dickflüssigen Masse aus Leim, Kreide und Bleiweiß gearbeitet.[4] Oft wurde der Grund aber auch lasierend behandelt und zum Beispiel nur mit roter Boluserde bestrichen, um die Gewebestruktur der Leinwand nicht zu verstecken, sondern zu nutzen.[1] Später wurde dann bereits durch eine wiederholte Bemalung oder Bedruckung für Mehrfarbigkeit gesorgt.[4.2] Auch das ab 1700 genutzte Papier für die Velourstapeten wurde mit dem gewünschten Farbton grundiert.[1]
Um den Wollstaub auf der Leinwand und dem Papier zu befestigen, wurde diese nach der Bemalung mit einem Klebstoff bestrichen. Dafür nutze man einen zähen Leim, der aus Leinöl und Bleiglanz[2.7] oder einem Kaseinleim mit einer geringen Menge Leinöl oder Harz[4.2] bestand. Der Klebstoff musste wasserfest sein und die richtige Trocknungszeit haben um den Wollstaub ausreichend an die Leinwand zu binden. Er wurde gleichmäßig per Hand mit Tüchern, kleinen Stempeln, Holzformen und Pinseln oder mithilfe von Schablonen direkt auf die Leinwand oder Papier aufgetragen und dann mit dem Finger flachgestrichen.[1] Dabei wurde der Leim auf der Tapete natürlich nur dort aufgetragen, wo später die samtene Erhebung zu sehen sein sollte.
Bei der eigentlichen Beflockung wurde der Wollstaub auf der Leinwand oder dem Papier aufgetragen, zuerst mit den Fingern, später dann mit kleinen Sieben, abschließend eingeklopft und abgeschüttelt, sodass er nur an den Klebeflächen haftete.[4] Später wurde die Tapete dann wegen der erheblichen Staubentwicklung oftmals auf den Boden einer Trommel mit gespanntem Kalbsleder gelegt. Sie wurde per Hand mit dem Wollstaub bestreut und dann durch Schläge auf das Leder, die den Wollstaub aufwirbelten, gleichmäßig bepudert.[4.2] Der überschüssige Staub wurde abgeschüttelt und die Bahn wurde nach einem sanften Andrücken auf eine Trockenstange gelegt. Um den Anschein von Licht und Schatten sowie eine Mehrfarbigkeit zu erreichen, wurden manche Tapeten mehrere Male schichtartig mit unterschiedlich farbigem Staub beflockt, eine Technik die allerdings erst vermehrt im 19. Jahrhundert auftaucht.[4.3]
In der heutigen Herstellung werden meist synthetische Fasern für die Beflockung genutzt. Die Fasern werden auf die gewünschte Länge geschnitten und dann in einem elektrostatischen Feld senkrecht in den Klebstoff „geschossen“, der nun meistens über Siebdruck aufgetragen wird.[8]
Erhalt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Durch den schweren Wollstaub musste bei der Anbringung der beflockten Tapeten mehr Klebstoff verwendet werden, meistens wurden die Tapeten mit reinem Tierleim direkt auf den Putz aufgebracht oder auf Holzrahmen an der Wand befestigt.[9] Um eine einfache Ablösung zu ermöglichen, wurde zum Teil zwischen Wand und Leinwand große Blätter Makulaturpapier geklebt.[2.4] Aus der Mode gekommen bot sich so ein Ablösen der Tapeten an, die wegen der samtigen Struktur nur auf großen Rollen gelagert werden konnte, ohne die dicke Oberfläche zu knicken oder zu brechen, wodurch heute verhältnismäßig wenig beflockte Tapeten erhalten sind. Durch die verwendeten Materialien sind die alten beflockten Tapeten sehr licht- und feuchtigkeitanfällig; sie verblassen, zerbröseln oder schimmeln leicht. Ideal ist eine Beleuchtung mit 50 Lux, eine Raumtemperatur um rund 20 °C und eine Luftfeuchtigkeit von rund 50–55 %.[9]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 Sabine Thümmler (Hrsg.): Die Geschichte der Tapete. Raumkunst aus Papier. Staatliche Museen Kassel, Eurasburg 1998, S. 26.
- ↑ Françoise Teynac, Pierre Nolot, Jean-Denis Vivien (Hrsg.): Die Tapete. Raumdekoration aus fünf Jahrhunderten. München 1982.
- ↑ Hildegard Hutzenlaub: Historische Tapeten in Hessen von 1700 bis 1840. Frankfurt am Main 2005, S. 14, f.
- 1 2 Josef Leiß: Flock- und Streutapeten. In: Heinrich Olligs (Hrsg.): Tapeten. Ihre Geschichte bis zur Gegenwart. Band 1. Braunschweig 1970.
- 1 2 Anthony Wells-Cole: Velours-, Blumen- und Phantasietapeten: englische Papiertapeten zwischen 1680 und 1830. In: Lesley Hoskins (Hrsg.): Die Kunst der Tapete. Geschichte, Formen, Techniken. London / Stuttgart 1994, S. 27.
- ↑ Jean-Baptiste Réveillon: Relation historique et trés intéressante des malheurs arrivés aus Sr. Réveillon, entrepreneur de la Manufacture royale de Papiers Peints, Foubourg Saint Antoine à Paris, ecriméme par avec le detail de tout ce qu'on lui saccage et vole. Paris 1789.
- ↑ Ulrich Rombock: Historische Tapeten und Wandbespannungen. In: MONUDOC-Faktenauslese. Nr. 32. Stuttgart 1994, S. 32 f.
- ↑ Susanne Krause, Julia Rinck: Handbuch Buntpapier. Stuttgart 2021, S. 279, f.
- 1 2 Sarah Mansell: Postskriptum: Erhalt und Pflege der Papiertapete. In: Lesley Hoskins (Hrsg.): Die Kunst der Tapete. Geschichte, Formen, Techniken. London / Stuttgart 1994, S. 241 ff.