Gips
| Gips | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| Allgemeines und Klassifikation | |||||
| IMA-Symbol |
Gp[1] | ||||
| Andere Namen |
| ||||
| Chemische Formel | Ca[SO4]·2H2O[2] | ||||
| Mineralklasse (und ggf. Abteilung) |
Sulfate (Selenate, Tellurate, Chromate, Molybdate und Wolframate) | ||||
| System-Nummer nach Strunz (8. Aufl.) Lapis-Systematik (nach Strunz und Weiß) Strunz (9. Aufl.) Dana |
VI/C.16 VI/C.22-020[3] 7.CD.40 29.06.03.01 | ||||
| Kristallographische Daten | |||||
| Kristallsystem | monoklin | ||||
| Kristallklasse; Symbol | monoklin-prismatisch; 2/m[4] | ||||
| Raumgruppe | A2/a (Nr. 15, Stellung 2)[2] | ||||
| Gitterparameter | a = 6,52 Å; b = 15,18 Å; c = 6,29 Å β = 127,4°[2] | ||||
| Formeleinheiten | Z = 4[2] | ||||
| Häufige Kristallflächen | {010} | ||||
| Zwillingsbildung | sehr häufig Kontaktzwillinge nach {100} Schwalbenschwanz, Montmartre, Durchdringung | ||||
| Physikalische Eigenschaften | |||||
| Mohshärte | 2 | ||||
| Dichte (g/cm3) | gemessen: 2,317; berechnet: 2,31[5] | ||||
| Spaltbarkeit | sehr vollkommen nach {010}, deutlich mit Faserbildung nach {111} | ||||
| Bruch; Tenazität | muschelig | ||||
| Farbe | farblos, weiß, gelblich, rötlich, grau, braun | ||||
| Strichfarbe | weiß | ||||
| Transparenz | durchsichtig bis undurchsichtig | ||||
| Glanz | Glasglanz, Perlmutterglanz, Seidenglanz | ||||
| Kristalloptik | |||||
| Brechungsindizes | nα = 1,519 bis 1,521[6] nβ = 1,522 bis 1,523[6] nγ = 1,529 bis 1,530[6] | ||||
| Doppelbrechung | δ = 0,010[6] | ||||
| Optischer Charakter | zweiachsig positiv | ||||
| Achsenwinkel | 2V = gemessen: 58°, berechnet: 58° bis 68°[6] | ||||
| Weitere Eigenschaften | |||||
| Chemisches Verhalten | in Wasser schwer löslich | ||||
| Land | 2019[22] | 2020[21] |
|---|---|---|
| (in Tonnen) | ||
| 2.500.000 | 2.500.000 | |
| 3.000.000 | 2.000.000 | |
| 15.500.000 | 12.600.000 | |
| 3.300.300 | 4.500.000 | |
| 3.000.000 | 1.890.000 | |
| 2.700.000 | 1.500.000 | |
| 16.000.000 | 16.000.000 | |
| 4.300.000 | 4.300.000 | |
| 3.000.000 | 2.400.000 | |
| 5.400.000 | 5.400.000 | |
| 9.100.000 | 10.200.000 | |
| 1.670.000 | 2.210.000 | |
| 5.500.000 | 4.200.000 | |
| 3.300.000 | 3.300.000 | |
| 7.000.000 | 11.000.000 | |
| 9.790.000 | 9.800.000 | |
| 10.000.000 | 7.500.000 | |
| 21.200.000 | 21.200.000 | |
| 22.000.000 | 21.700.000 | |
| Gesamt (gerundet) | 148.000.000 | 144.000.000 |
Zusammensetzung verschiedener Baustoffe, welche als Gipse gehandelt werden
Quelle:[23]
| Stoff | Naturgips (Trias, Keuper) | Naturanhydrit (Trias, Keuper) | Rauchgasgips (REA-Gips) | Phosphorgips | Fluoroanhydrit (neutralisiert) |
|---|---|---|---|---|---|
| Calciumsulfat-Dihydrat | 95 | 0,5 | 98 | 96 | 0 |
| Calciumsulfat (Anhydrit) | 1 | 96 | 0 | 0 | 96 |
| Calciumcarbonat | 1,5 | 1,5 | 1 | 0 | 0 |
| Magnesiumcarbonat | 1 | 1 | 0 | 0 | 0 |
| Sand und Ton | 1,5 | 1 | 1 | 2 | 1 |
| sonst. Begleitstoffe | keine | keine | Calciumsulfit | 1 % Phosphate, 0,5 % Fluoride, 0,5 % Strontiumsulfat, Schwermetalle | 1,5 % Fluoride, 1,5 % Kalium- und Zinksulfat, Spuren von Calciumhydroxid |
| pH-Wert | 6,7 | 7 | 6,7 | 2,9 | 12 |
Chemische Herstellung von Gips
Historisch

Im Mittelalter wurde gipshaltiges Gestein in Steinbrüchen oder bergmännisch abgebaut, sortiert und in Brechmühlen weiter zerkleinert, so dass es dem Brenn- oder Kochprozess zugeführt werden konnte. Die Gipsbrennereien betrieben Meiler- oder Grubenöfen, die mit Holz oder Torf befeuert wurden. Anschließend wurde der Gips in einer Gipsmühle fein gemahlen. Ein anderes Verfahren bestand darin, im Stollen ein Feuer anzufachen und anschließend den gebrannten Gips herauszuschlagen. → Gipsmuseum Schleitheim
Diese Tätigkeiten wurden zumeist von Bauern oder Müllern in der Zeit der Unterbeschäftigung erledigt. Je nach Reinheit und Feinheit unterschied man Baugips, Estrichgips und Stuckgips.
Industriell
Weil Calciumsulfat bei vielen chemischen Prozessen (in der Regel in Form von Gips) als Sekundärprodukt entsteht, beispielsweise bei der Citronensäure-, Weinsäure- und Oxalsäureherstellung, erübrigt sich eine gezielte industrielle Herstellung im größeren Stil. Der bei der Herstellung von Phosphorsäure entstehende sogenannte Phosphorgips ist teilweise mit radioaktiven Substanzen verunreinigt, die aus den Phosphaten stammen, und ein Problemabfall. Der klassische Prozess ist die Fällung aus schwefelsaurem Wasser mit Kalkmilch oder Kalkstein:
Schon Goethe, ein passionierter Naturwissenschaftler und Chemiker, beschrieb diesen Prozess in seinem Roman Die Wahlverwandtschaften:
„Was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde, innig mit einer zarten Säure verbunden, die uns in Luftform bekannt geworden ist. Bringt man ein Stück solchen Steines in verdünnte Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips; jene zarte, luftige Säure hingegen entflieht“
wobei der dichtende Chemiker die „zarte“ Kohlensäure meinte.
Gips entsteht auch bei allen Abwasserreinigungsverfahren, wenn es um die Neutralisation von sulfathaltigen Prozessabwässern oder schwefelsauren Beizen geht.
Bei der Herstellung von Fluorwasserstoffsäure aus Fluorit (Flussspat, Calciumfluorid) und konzentrierter Schwefelsäure fällt ebenfalls Gips (sogenanntes „Fluoroanhydrit“) an, der in der Zementindustrie und Bauindustrie als Anhydrit-Estrich Verwendung findet.
Ebenso entsteht Gips als Endprodukt der Rauchgasentschwefelung („REA-Gips“) von Kohlekraftwerksabgasen. In der Regel – je nach Verunreinigungen – können solche Gipse (entwässerter Filterkuchen) in der Baustoffindustrie oder zur Weiterverarbeitung zu Calciumsulfat-Modifikationen (Hydraten) verwendet werden. Dieser Syntheseweg machte den Abbau von Naturgipslagerstätten in Europa Ende der achtziger Jahre teilweise überflüssig, heute sind die Produktionszahlen durch dieses Verfahren rückläufig, da häufig schwefelarme australische Steinkohle verwendet wird.
Im Jahr 2014 wurden in Deutschland von 11 Mio. Tonnen Gips rund 7 Mio. Tonnen durch REA gewonnen, während 4 Mio. Tonnen aus Naturgips gewonnen wurde.[24] Mit dem schrittweisen Rückgang der Kohleverstromung – dessen endgültiges Ende spätestens 2038 gemäß Kohleverstromungsbeendigungsgesetz erfolgen soll (bei vorgezogenem Kohleausstieg entsprechend früher) – sinkt auch die REA-Gips-Produktion und wird letztlich ganz eingestellt. 2021 lag der Anteil nur noch bei 40 % des jährlich rund 10 Millionen Tonnen schweren Gipsbedarfs und bis 2025 wird von einer Absenkung auf rund 35 % ausgegangen.[25][veraltet]
Recycling
Recycling spielt bei Gips eine wichtige Rolle. Alleine in den USA wurden 2021 ca. 700.000 Tonnen Gips aus Baumaterialien recycelt. Bei industriellem Recycling wird Gips meist vermahlen und zur Herstellung neuer Gipskartonplatten, als Absorber für Trocknungsprozesse, in der Wasserbehandlung, oder als Spielfeldmarkierung eingesetzt.[21]
Auch in Deutschland wird Gips aus Abfällen recycelt, wenngleich dieser Anteil bislang eine untergeordnete Rolle spielt. Trotz intensiver Forschung zur Steigerung des Recyclinganteils wird prognostiziert, dass recycelter Gips bis 2040 etwa 1 Million Tonnen pro Jahr betragen und damit nur rund 10 % des Jahresbedarfs decken wird.[25]
Gipsähnliche Calciumsulfat-Modifikationen
- α-Halbhydrat (CaSO4·½ H2O) entsteht in einem geschlossenen Gefäß (Autoklav) unter Nassdampfatmosphäre beziehungsweise drucklos in Säuren und wässrigen Salzlösungen. Er ist Ausgangsstoff für härtere Gipse (Typ III, IV und V) und benötigt weniger Wasser, aber mehr Zeit zum Abbinden.
- β-Halbhydrat (CaSO4·½ H2O) entsteht beim Brennen in einem offenen Gefäß unter normaler Atmosphäre. Beim Vermischen mit Wasser erfolgt innerhalb von Minuten eine Hydratation zum Dihydrat. Er ist Ausgangsstoff für die weicheren Gipse.
Im Fall von α- und β-Halbhydrat handelt es sich um unterschiedliche kristalline Formen des Halbhydrats.
- Anhydrit III (CaSO4) entsteht bei Temperaturen bis 300 °C aus dem Halbhydrat. Bei Vorhandensein von Wasser, auch Luftfeuchtigkeit, bildet sich sehr schnell Halbhydrat.
- Anhydrit IIs (CaSO4) entsteht bei Temperaturen zwischen etwa 300 bis 500 °C, das s steht für „schwerlöslich“. Beim Vermischen mit Wasser erfolgt die Hydratation innerhalb von Stunden und Tagen.
- Anhydrit IIu (CaSO4) bildet sich bei Temperaturen von 500 bis 700 °C aus dem Anhydrit IIs, das u steht dabei für „unlöslich“.
- Anhydrit I (CaSO4) ist die Hochtemperaturmodifikation des Gipses, sie bildet sich bei 1180 °C.
Verwendung
Gips kommt auch unter Namen wie Alabasterweiß, Analin, Anhydrit, Bologneser Kreide, Elektrikergips, Federspat, Leichtspat oder Marienglas, Plaster of Paris in den Handel.
Als Rohstoff
Gips als Rohstoff wird vorwiegend bergmännisch als Gipsgestein gewonnen, fällt aber heute auch häufig als Nebenprodukt verschiedener chemischer großtechnischer Verfahren an.
Technisch nutzt man das Vermögen des Gipses, das durch Erhitzen (Brennen) teilweise oder ganz verlorene Kristallwasser beim Anrühren mit Wasser wieder aufzunehmen und dabei abzubinden. Bei Erhitzen auf etwa 110 °C entsteht so gebrannter Gips (das oben erwähnte Hemihydrat), bei 130 bis 160 °C Stuckgips, ein Gemisch aus viel Hemihydrat und wenig Anhydrit. Bei 290 bis 900 °C entsteht Anhydrit, wobei das Kristallwasser ganz ausgebrannt ist. Sehr hoch erhitzter Gips wird auch „totgebrannter Gips“ beziehungsweise Analin oder Annalin genannt, weil er mit Wasser nicht mehr abbindet.
Als Baustoff

In der Bautechnik wird Gips (als Hemihydrat oder Mehrphasengips) heute meist in Form von REA-Gips für Gipswandbauplatten für Zwischenwände als auch für Gipskartonplatten für den Trockenbau, als Grundstoff für verschiedene Putze, Spachtelmassen und Trockenestriche verwendet, daneben auch als Füllmittel. Durch Vermengen mit Kalk erzeugt man für Putz-, Mauer- und Stuckarbeiten Gipskalk, der länger verarbeitbar ist als reiner Stuckgips und formbar wie Plastilin wird, bevor er aushärtet.[26]
Da der abgebundene Gips eine gewisse Wasserlöslichkeit besitzt, werden Gipsbaustoffe überwiegend nur für den Innenausbau verwendet. Im Außenbereich müssen Gipsbaustoffe vor regelmäßigem Schlagregen geschützt werden. Früher wurde Gips auch für Stuckarbeiten an Fassaden eingesetzt und an Westfassaden ‘‘(Wetterseite)‘‘ mit Leinöl imprägniert.
Weil Gips hygroskopisch (wasseranziehend) ist und daher bei zu häufiger Durchnässung, schlechter Pflege oder Lüftung zu Verfärbungen und Verpilzungen neigt, ist er im Nass- und Kellerbereich nur eingeschränkt zu verwenden. Bei Renovierungsarbeiten wird Bau- oder Stuckgips verwendet, um kleine Risse, Löcher und Kabelschlitze in den Wänden zu schließen und Holz- und andere Bauteile einzudübeln. Im Neubau werden Gipsputze ebenso wie Gipskartonplatten verwendet, um auf rauem und unebenem Mauerwerk eine streich- und tapezierfertige Oberfläche herzustellen. Statisch nicht belastete Trennwände werden heute oft aus Gipskartonplatten mit Metallunterkonstruktion oder aus Gipswandbauplatten hergestellt.
Auch Estriche, vor allem als Hohlboden-Unterkonstruktionen, werden aus Gips bzw. gegossenem Anhydrit hergestellt.
Daneben wird Gips zum Befestigen von Unterputzelementen für Elektroinstallationen in Rohbauwänden verwendet. Die Geschwindigkeit des Abbindens wird bei alkalischen Formulierungen – zum Beispiel Gipsputz – durch Zugabe von Wein- oder Zitronensäure reguliert. Neutrale Formulierungen können mit Proteinen, Celluloseleim oder Weißkalkhydrat verzögert werden. Die Beschleunigung des Abbindevorgangs wird durch Zugabe von Kaliumsulfat oder fein aufgemahlenem Gips erreicht.
Im baulichen Brandschutz verwendet man bevorzugt Gips, da er bei relativ geringem Gewicht einen großen Feuerwiderstand bietet; den Schutz bewirkt das Kristallwasser des Dihydrats, das im Brandfall verdampft und auf der dem Brand zugewandten Seite einen schützenden Dampfschleier bildet.
Der Baustoff war namensgebend für den Beruf des Gipsers (heute Stuckateur).
Als Modell- und Formengips
Bei der Anwendung als Modell- oder Formengips, etwa bei Bozzetti, werden erhöhte Anforderungen an die Reinheit der Gipsrohstoffe und an die Aufbereitung gestellt. Durch eine feinere Aufmahlung und geringere Anteile an Fremdmineralien wird eine gleichmäßigere Oberflächenstruktur erzielt. Durch die Verwendung von α-Halbhydrat (entsteht unter Wasserdampfdruck und hat eine höhere Dichte) können höhere Festigkeiten der Formteile erreicht werden. In diesem Zusammenhang wird auch von Hartgips gesprochen.
In der Kunst
In der bildenden Kunst wird Gips zur Erstellung von Skulpturen genutzt und ebenso wie in der Technik zum Anfertigen von Formen und Modellen verwendet. Marienglas spielt auch heute noch bei Kirchen- und Alabaster-Restaurierungen eine wichtige Rolle, während der totgebrannte Gips auch gerne als Zusatzstoff (Streckmittel) für Malerfarben verwendet wird, da er zu billigeren Produkten führt, ohne die Farbqualität stark zu beeinträchtigen.
Analin wird ebenso für Grundierungen von Leinwand, in der Tafelmalerei oder als Goldgrund (Assis) verwendet. Auch Tafelkreide und Malkreide bestehen in Deutschland in der Regel überwiegend aus Gips.
In der Keramikfertigung
Bei der Herstellung von einigen Keramiken, insbesondere bei der klassischen Herstellung von Porzellan ist die Verwendung von Gipsformen unentbehrlich. So wird beim Schlickerguss ein als Schlicker bezeichnetes Mineral-Wasser-Gemisch in eine Form aus Gips gegossen. Der Gips entzieht dem Gemisch lokal Wasser, sodass sich an der Wand eine Schicht ablagert. Ist die gewünschte Wandstärke erreicht, wird das überschüssige Gemisch entfernt. Nachdem der Grünkörper ausreichend getrocknet ist, kann dieser aus der Form entnommen und getrocknet werden. Auch in der Modellierung von Keramiken werden häufig Gipsformen eingesetzt, beispielsweise bei der Herstellung von Agateware.
In der Medizin
In der Medizin wird Gips für den Gipsverband verwendet: Dabei werden die betroffenen Gliedmaßen oder Gelenke zur Ruhigstellung und Stabilisierung mit feuchten Gipsbinden umwickelt, die dann innerhalb von Minuten aushärten und nach ungefähr zwölf Stunden voll belastbar sind.
In der Zahntechnik ist Gips der wichtigste Rohstoff für Dentalgipse zur Herstellung von Modellen, die aus Abformungen der Mund- und Zahnsituation erstellt werden. Nach der Norm für Dentalgipse EN ISO 6873 werden fünf Typen unterschieden:[27]
- Typ I: Abform- und Abdruckgips, β-Halbhydrat, 0,15 % Abbindeexpansion und 4 N/mm² Druckfestigkeit
- Typ II: Alabastergips, β-Halbhydrat, 0,3 % Abbindeexpansion und 9 N/mm² Druckfestigkeit
- Typ III: Hartgips, α-Halbhydrat, 0,2 % Abbindeexpansion und 20 N/mm² Druckfestigkeit
- Typ IV: Superhartgips, α-Halbhydrat, 0,15 % Abbindeexpansion, 35 N/mm² Druckfestigkeit
- Typ V: Superhartgips, α-Halbhydrat, 0,3 % Abbindeexpansion, 35 N/mm² Druckfestigkeit
International werden eher die genauen Spezifikationen angegeben, insbesondere das Mischungsverhältnis (ml Wasser je 100 g Gips) und die Druckfestigkeit (in MPa bzw. N/mm² nach bestimmter Zeit und im trockenen Zustand). Je nach Verwendungszweck wichtig ist auch die prozentuale Abbindeexpansion und die Dauer der Verarbeitungs- sowie Abbindezeiten.
Weitere Anwendungsgebiete
Ungebrannter oder totgebrannter Gips wird anstelle von Kreide zur Spielfeldmarkierung verwendet.
Eine mit Wasser anzurührende Mischung von Gips und Holzmehl, die dem Gips nach dem Aushärten eine gewisse Restelastizität verlieh, wurde in der DDR unter dem Namen „MUM Heimwerker ‚Dübelmasse‘“ als Ersatz für Plastikdübel produziert und verwendet.
Zur Herstellung von Tofu wird das Protein aus gemahlenen Sojabohnen mit Calciumsulfat zur Gerinnung gebracht. Des Weiteren wird Calciumsulfat auch als Lebensmittelzusatzstoff (E 516) eingesetzt. Es gehörte zum ursprünglichen Kanon der in der Alternativmedizin verwendeten zwölf Schüßler-Salze.
In einigen Gegenden Deutschlands wie unter anderem im Südharz entsteht ein Gips-Verwitterungsprodukt, welches aufgrund seiner Ähnlichkeit zum Speisemehl im Volksmund auch als „Himmelsmehl“ oder „Gipsasche“ bezeichnet wird. In Zeiten von Hungersnöten wurde dieses Gipsmehl entweder als Mehlersatz oder zum Strecken von echtem Mehl zur Zubereitung von Speisen verwendet. Durch die Hitze beispielsweise beim Backen entsteht jedoch gebrannter Gips, der im Magen-Darm-System abbinden und zu tödlichen Darmverschlüssen führen kann.[28]
Lebensmittelfälschungen durch Beimengung gemahlenen Gipses, dort als „Plaster of Paris“ bezeichnet, waren aber auch beispielsweise im England des 19. Jhs.[29] eine nicht selten tödliche Praxis.
Im 18. Jahrhundert propagierte der „Gipsapostel“ Johann Friedrich Mayer die Verwendung von Gips als calciumreicher Dünger.[30]
Übertragene Bedeutung
Da Gips weltweit reichhaltig vorkommt, hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie eine kriegerische Auseinandersetzung um diesen Rohstoff gegeben. Auf der machtpolitischen Bedeutungslosigkeit des Gipses fußt das Sprichwort „Erzähl mir nichts vom Gipskrieg“, um jemandem ironisch gefärbt klarzumachen, dass er keine Geschichten zu nichtexistenten Begebenheiten erzählen soll.[31]
Siehe auch
Literatur
- Martin Okrusch, Siegfried Matthes: Mineralogie. Eine Einführung in die spezielle Mineralogie, Petrologie und Lagerstättenkunde. 7., vollständige überarbeitete und aktualisierte Auflage. Springer, Berlin [u. a.] 2005, ISBN 3-540-23812-3, S. 71–72.
- Petr Korbel, Milan Novák: Mineralien-Enzyklopädie (= Dörfler Natur). Nebel Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S. 147.
- Grundlagen. In: Fritz Scheidegger (Hrsg.): Aus der Geschichte der Bautechnik. Band 1. Birkhäuser, Basel 1990, ISBN 3-7643-2385-X.
- Franz Wirsching: Gips – Naturrohstoff und Reststoff technischer Prozesse. In: Chemie in unserer Zeit. Band 19, Nr. 4, 1985, ISSN 0009-2851, S. 137–143.
- Markus Arendt: Kreislaufwirtschaft im Baubereich: Steuerung zukünftiger Stoffströme am Beispiel von Gips. 2001 (Dissertation an der Universität Heidelberg).
Weblinks
- Literatur von und über Gips im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Gips. In: Mineralienatlas Lexikon. Geolitho Stiftung
- Gips. In: gips.de. Bundesverband der Gipsindustrie e. V.
- Dauerausstellung „Gips – mehr als weißes Pulver“. In: gips-walkenried.de. Ortsgeschichtliche Sammlung Walkenried
- The Giant Crystal Project Site: Gypsum – Gips – Plâtre – Yeso: Naica Mine, Chihuahua, Mexico ( vom 7. Mai 2017 im Internet Archive)
Einzelnachweise
- 1 2 Laurence N. Warr: IMA–CNMNC approved mineral symbols. In: Mineralogical Magazine. Band 85, 2021, S. 291–320, doi:10.1180/mgm.2021.43 (englisch, cambridge.org [PDF; 351 kB; abgerufen am 16. Februar 2024]).
- 1 2 3 4 5 6 Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 393 (englisch).
- 1 2 Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
- ↑ David Barthelmy: Gypsum Mineral Data. In: webmineral.com. Abgerufen am 2. Juni 2022 (englisch).
- ↑ Gypsum. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org [PDF; 70 kB; abgerufen am 2. Juni 2022]).
- 1 2 3 4 5 Gypsum. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 16. Februar 2024 (englisch).
- ↑ Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau im Regierungspräsidium Freiburg: Sulfate ( vom 9. April 2014 im Internet Archive)
- ↑ Otto Zekert, Österreichischer Apothekerverein, Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 144 (Latein, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- ↑ Enzyklopädische Einträge zu „Gyps“: Adelung-1793: „Gyps, der“, Brockhaus-1809: „Der Gyps“, Brockhaus-1837: „Gyps“, Brockhaus-1911: „Gyps“, Herder-1854: „Gyps“, Meyers-1905: „Gyps [2]“ · „Gyps [1]“, Pierer-1857: „Gyps“
- ↑ Malcolm Back, Cristian Biagioni, William D. Birch, Michel Blondieau, Hans-Peter Boja und andere: The New IMA List of Minerals – A Work in Progress – Updated: July 2024. (PDF; 3,6 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Marco Pasero, Juli 2024, abgerufen am 13. August 2024 (englisch).
- ↑ Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF; 1,9 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Januar 2009, archiviert vom am 29. Juli 2024; abgerufen am 30. Juli 2024 (englisch).
- ↑ Eintrag zu Gips. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 28. September 2017.
- ↑ Eintrag zu Natriumchlorid. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 28. September 2017.
- ↑ Namensuche – Handelsnamen und was sie bedeuten. EPI – Institut für Edelsteinprüfung, abgerufen am 2. Juni 2022 (Eingabe von Atlasspat nötig).
- ↑ Localities for Gypsum. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 16. Februar 2024 (englisch).
- 1 2 3 Fundortliste für Gips beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 16. Februar 2024.
- ↑ Die Entstehung des Naturraumes. Zechstein-Zeit, Harz-Hebung und Eiszeitalter, Nacheiszeit bei Gesellschaft zur Förderung des Biosphärenreservates Südharz (GFB) e. V. ( vom 28. Februar 2009 im Internet Archive)
- ↑ Mina Quien Tal Pensara (Mina Rica) und „Corta San José“. In: Mineralienatlas Lexikon. Geolitho Stiftung, abgerufen am 2. Juni 2022.
- ↑ Cynthia Reynolds: Messinianische Kristalle. In: solvitur.de. 12. Juni 2000, abgerufen am 2. Juni 2022.
- ↑ NASA Mars Rover Finds Mineral Vein Deposited by Water. Jet-Propulsion-Laboratory-News, 7. Dezember 2011, abgerufen am 2. Juni 2022.
- 1 2 3 Mineral Commodity Summaries 2022: GYPSUM. U.S. Geological Survey, Januar 2022, abgerufen am 16. Februar 2024.
- ↑ Mineral Commodity Summaries 2021: GYPSUM. U.S. Geological Survey, Januar 2021, abgerufen am 16. Februar 2024.
- ↑ Franz Wirsching: Gips – Naturrohstoff und Reststoff technischer Prozesse. In: Chemie in unserer Zeit. Band 19, Nr. 4, August 1985, S. 137–143, doi:10.1002/ciuz.19850190405.
- ↑ BGR: Rohstoffe in Deutschland. (PDF 15,6 MB) Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), 2014, abgerufen am 2. Juni 2022.
- 1 2 Vorgezogener Kohle-Ausstieg: Gips im Wohnungsbau wird knapp. In: Der Bauunternehmer – Fachzeitschrift für Führungskräfte der Bauwirtschaft, Oktober 2023, S. 3.
- ↑ Manuel Kretzer: Gips/Beton. Material Klasse Keramiken. In: Der Charakter der Materialien. Grundlagen Material und Technologie im Design. 2. Auflage. Grafische Werkstatt der Hochschule Anhalt, 2018, S. 86–103 (materiability.com [PDF; 4,7 MB; abgerufen am 30. Oktober 2024]).
- ↑ Siegfried Ernst, Hans H. Caesar: Die Nichtmetalle. 5., überarbeitete Auflage. Neuer Merkur, 2007, ISBN 978-3-937346-31-1, S. 57 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- ↑ Sammlung: Dauerausstellung ’Gips - mehr als weißes Pulver’ (Ortsgeschichtliche Sammlung Walkenried). 31. Januar 2021, abgerufen am 2. Juni 2022.
- ↑ Comic cartoon about food adulteration, 1858, from Punch. British Library, abgerufen am 2. Juni 2022 (deutsch: Comic-Cartoon über Lebensmittelverfälschung von John Leech, publiziert am 20. November 1858 in der Zeitschrift Punch).
- ↑ Rudolf Kammerer: Hans Botsch: Der Gipsapostel. In: pfarrer-mayer-gesellschaft.de. 25. Juni 2015, abgerufen am 2. Juni 2022.
- ↑ Thomas Hofmeier: Achtung Gipser. 100 Jahre Grassi & Co. AG in Basel. 2. Auflage. Books on Demand, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-5095-0, S. 16 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).


