Euroscaptor darwini
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Euroscaptor darwini | ||||||||||||
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| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||||
| Euroscaptor darwini | ||||||||||||
| Nguyen, Bui, Dau, Le & Vu, 2025 |
Euroscaptor darwini ist eine Säugetierart aus der Gattung der Südostasiatischen Maulwürfe innerhalb der Maulwürfe (Talpidae). Sie kommt im nördlichen Vietnam vor, wo sie waldreiche Landschaften mit humusreichem Untergrund in mittleren Höhenlagen bewohnt. Die Tiere gehören zu den kleinsten Vertretern der Gattung. Markant sind vor allem das dunkle Fell und der stummelartige Schwanz, der in Relation zur Körperlänge der kürzeste unter den Südostasiatischen Maulwürfen ist. Im weiteren Erscheinungsbild entspricht Euroscaptor darwini mit dem kurzen Hals und den grabschaufelartigen Händen den anderen Angehörigen der Gattung. Über die Lebensweise ist kaum etwas bekannt, die Fortpflanzung findet aber vermutlich im Frühjahr statt. Die Art wurde im Jahr 2025 wissenschaftlich benannt. Zum Gefährdungsstatus liegen keine Informationen vor.
Merkmale
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Habitus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Euroscaptor darwini ist einer der kleinsten Vertreter der Südostasiatischen Maulwürfe. Seine Kopf-Rumpf-Länge variiert von 11,6 bis 12,8 cm, hinzu kommt ein 0,3 bis 0,4 cm langer Schwanz. Der Schwanz erreicht dadurch nur 1,8 bis 2,9 % der Länge des übrigen Körpers, was dem niedrigsten Wert innerhalb der Südostasiatischen Maulwürfe entspricht. Angaben zum Körpergewicht liegen nicht vor. Weibliche Individuen werden durchschnittlich etwas größer als männliche. Wie bei den meisten grabenden Maulwürfen ist der Körper stromlinienförmig gebaut. Der Kopf sitzt auf einem kurzen Hals und spitzt sich nach vorn zu. Der Schultergürtel ist hoch gebaut und in Aufsicht verschmälert, die Beckenregion wiederum breit. Das Rückenfell besitzt eine dichte, weiche Textur. Es überwiegt ein einheitlich dunkelgrauer bis schwärzlicher Farbton, der allerdings etwas silberfarben wirkt. An den Seiten geht die Färbung kontinuierlich in die etwas heller kolorierte Unterseite über. Diese erscheint zumeist schmutziggrau oder rauchfarben, was besonders deutlich an der Kehle und an der Brust hervortritt. Bei Weibchen kann auch ein eher brauner Farbton vorkommen. Vorder- und Hinterfüße sind nur spärlich behaart, so dass die fleischfarbene Haut durchscheint. Der Schwanz wiederum ist einheitlich dunkelbraun getönt und mit Borstenhaaren besetzt. Er wirkt stummelartig und bleibt fast vollständig unter dem Fell verborgen, wo er sich nur als kleine Ausbeulung abhebt. Die Schnauze ist nackt, aber seitlich und auf dem Nasenspiegel von kräftigen Vibrissen besetzt. Hinzu kommen zahlreiche warzenartige Erhebungen mit taktiler Funktion. Die Nasenlöcher öffnen nach vorn, die Augen sind von Fell bedeckt und äußerlich nicht sichtbar. Ebenso sind keine Ohrmuscheln erkennbar. Die Vorderfüße zeichnen sich durch breite Handflächen aus und besitzen vergrößerte und verhornte Handpolster. Die einzelnen Finger verfügen über kräftige und breite Krallen. Dies betrifft hauptsächlich jene des dritten und vierten Strahls, während am inneren eine kurze Kralle besteht. Die Spitzen der Krallen sind elfenbeinfarben. Insgesamt stellen die Vorderfüße somit effektive Grabwerkzeuge dar. Ihre Länge und Breite bemisst sich auf rund 1,4 cm. Dem gegenüber wirken die Hinterfüße sehr schlank, ihre Länge beträgt rund 1,5 cm. Weibchen haben zwei Paare an Zitzen in der Leistengegend.[1]
Schädel- und Gebissmerkmale
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Der Schädel ist 30,5 bis 31,0 mm lang und am Hirnschädel 13,8 bis 14,3 mm breit. Im Bereich der Orbita zieht er auf 6,7 bis 6,9 mm Breite ein, während das Rostrum im vorderen Drittel noch 4,1 bis 4,3 mm breit ist. Die angegebenen Maße liegen im unteren Bereich der Südostasiatischen Maulwürfe. Insgesamt ist der Schädel leicht gebaut und schmal mit einem kurzen, sich nach vorn verjüngenden Schnauzenbereich, so dass in Aufsicht eine etwa dreieckige Form entsteht. In Seitenansicht verläuft die Profillinie gerade und zeigt nur am Hirnschädel eine leichte Aufwölbung. Das Hinterhaupt ist abgerundet und besitzt keine auffälligen Knochenkämme. Die Jochbögen sind schwach entwickelt. Auf der Schädelunterseite heben sich die Paukenblasen kaum hervor. Ebenso ist der Unterkiefer grazil geformt bei einer Länge von 18,9 bis 19,4 mm. Seine Unterkante verläuft leicht ausgedellt. Die Symphyse am vorderen Ende ist kurz ausgeprägt. Am schlanken aufsteigenden Ast setzt ein schmaler Kronenfortsatz an, der sich etwas zurücklehnt. Der Winkelfortsatz ist wenig entwickelt.[1]
Das Gebiss besteht aus 44 Zähnen mit folgender Zahnformel: . Die Schneidezähne sind insgesamt klein, nehmen aber sowohl oben als auch unten vom inneren zum äußeren an Größe ab. Der untere innerste steht dabei leicht nach vorn. Der obere Eckzahn ist konisch spitz geformt und überragt die Schneidezähne geringfügig. Im Unterkiefer hingegen entspricht der Eckzahn den Schneidezähnen. Bei den Prämolaren der oberen Zahnreihe bildet der zweite den kleinsten und der vierte den größten. Letzterer übertrifft ersteren um das 2,5fache an Größe. In der unteren Zahnreihe sind der erste und letzte Prämolar größer als die beiden anderen. Auch hier stellt der zweite den kleinsten der Vormahlzahnreihe dar. Wie bei allen Maulwürfen besitzen die Molaren markante spitze Höckerchen auf der Kaufläche, die über eine dilambdodonte (W-förmige) Zahnschmelzleiste miteinander verbunden sind. Auf den oberen ersetzt das Metakonul den Hypokonus. Der hinterste Mahlzahn ist dreieckig im Umriss, besitzt ein ausgeprägtes Trigon und einen nach vorn verschobenen Protokonus. Den unteren fehlt wiederum das Hypokonulid, ein zusätzlicher Nebenhöcker, was auch für den Vietnamesischen Maulwurf (Euroscaptor subanura) typisch ist. Die gesamte obere Zahnreihe wird 11,5 bis 12,0 mm lang, die untere 10,9 bis 11,5 mm.[1]
Skelettmerkmale
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Becken ist schlank und allgemein in seiner Robustizität reduziert. Dazu trägt unter anderem das kurze und schmale Sitzbein bei, das nur geringfügig mit den Kreuzbein verwachsen ist. Es kommen insgesamt sechs bis sieben Schwanzwirbel vor, was noch einmal weniger als beim Vietnamesischen Maulwurf ist.[1]
Verbreitung
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Euroscaptor darwini lebt in Südostasien und ist derzeit lediglich von seiner Typuslokalität im Naturreservat Pu Luong in der Provinz Thanh Hóa im nordzentralen Vietnam bekannt. Der Lebensraum gehört zum südlichen Teil des Pu-Long-Gebirges. Die dortige Landschaft ist vielgestaltig und schließt sowohl Karstgebiete als auch flache Areale ein. Das unmittelbare Nachweisgebiet der Maulwurfsart besteht aus tropischen Regenwäldern mit einem mehrstöckigen Aufbau. Das Kronendach wird durch immergrüne Buchengewächse gebildet, dem ein Unterbau aus Palmengewächsen, Büschen und Schösslingen folgt. Der Untergrund ist mit dichtem Laubfall bedeckt. Die Vegetation wächst auf einem dunkel- bis rötlichbraunen, lehmig tonigen Boden, der feucht, aber gut entwässert ist. Alle bekannten Individuen wurden bisher unter dichtem Bodenbewuchs nahe von Tierpfaden in einer weitgehend steinfreien und humusreichen Umgebung beobachtet. Die Höhenverbreitung reicht von 900 bis 1000 m über dem Meeresspiegel. Regional überschneidet sich das Vorkommen von Euroscaptor darwini mit dem des Vietnamesischen Maulwurfs, der aber tiefer gelegene Landschaftsräume bevorzugt. Möglicherweise wirken die teils scharfen Karsterscheinungen im Naturreservat Pu Luong mit steilen, teils über 100 m hohen Hängen als Migrationsbarriere für Euroscaptor darwini.[1]
Lebensweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur Lebensweise von Euroscaptor darwini liegen kaum Informationen vor. Ein trächtiges Weibchen wurde im April beobachtet, was der ausgehenden Trocken- und beginnenden Regenzeit entspricht. Vermutlich ist die Fortpflanzungsphase auf diese Zeit beschränkt, da Männchen, die im November gefangen wurden, keine Anzeichen von vergrößerten Hoden aufwiesen. Das Weibchen trug einen einzelnen Embryo, die Anzahl der Zitzen lässt aber eine Wurfgröße von zwei bis vier Jungen annehmen. Zusätzlich besaß das Weibchen einen schwach gelblichen Streifen auf dem Bauch, der eventuell auf ein Drüsensekret zurückgeht, dass während der Paarungsphase abgegeben wird und so als äußerlich sichtbares Zeichen der Reproduktion gewertet werden kann.[1]
Systematik
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Innere Systematik der Südostasiatischen Maulwürfe nach Nguyen et al. 2025[1]
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Euroscaptor darwini ist eine eigenständige Art aus der Gattung der Südostasiatischen Maulwürfe (Euroscaptor), die zehn weitere einschließt. Die Südostasiatischen Maulwürfe bilden wiederum einen Teil der Familie der Maulwürfe (Talpidae) und zählen innerhalb dieser zur Tribus der Eigentlichen Maulwürfe (Talpini). Diese schließen zumeist grabende Vertreter der Maulwürfe ein, andere Angehörige der Familie leben dagegen nur teilweise unterirdisch, bewegen sich oberirdisch fort oder sind an eine semi-aquatische Lebensweise angepasst. Gemäß molekulargenetischen Untersuchungen teilen sich die Südostasiatischen Maulwürfe in zwei Verwandtschaftsgruppen auf. Diese umfassen die westliche longirostris-Gruppe mit dem Langnasen-Maulwurf (Euroscaptor longirostris) und die östliche parvidens-Gruppe um den Pakho-Maulwurf (Euroscaptor parvidens). Beide Gruppen trennten sich bereits im Verlauf des Oberen Miozäns vor gut 10 bis 7 Millionen Jahren voneinander.[2][3][4][5][6] In die parvidens-Gruppe lässt sich auch Euroscaptor darwini einordnen. Als nächster Verwandter kommt der Vietnamesische Maulwurf (Euroscaptor subanura) in Betracht. Der genetische Abstand beider Arten liegt bei 5,4 bis 6,4 %, während zu den anderen Vertretern der Gattung eine Distanz von 14 bis 16 % vorherrscht.[1][4][5][6]
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung von Euroscaptor darwini erfolgte im Jahr 2025 durch ein Wissenschaftlerteam um Son Truong Nguyen. Ihr gingen Feldforschungen im Naturreservat Pu Luong in der nordvietnamesischen Provinz Thanh Hóa voraus, die in den Jahren 2024 und 2025 durchgeführt wurden und in der Entdeckung einer neuen Maulwurfsart mündeten. Die Untersuchungen konzentrierten sich auf den südlichen Teil des Pu-Long-Gebirges, woher auch der Holotyp der Art stammt. Er besteht aus einem männlichen Individuum, das in der Gemeinde Thanh Son im Distrikt Ba Thuoc in rund 935 m Höhe gefunden wurde. Hierbei handelt es sich um die Typuslokalität von Euroscaptor darwini, die zusätzlich noch mehrere Paratypen lieferte. Das Artepitheton bezieht sich auf Charles Darwin als Begründer der modernen Evolutionsbiologie.[1]
Bedrohung und Schutz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die IUCN berücksichtigt Euroscaptor darwini derzeit nicht. Die Art kommt im Naturreservat Pu Luong vor, der Anreize für den Ökotourismus setzt. Dies kann wiederum Druck auf die dortige Population der Maulwürfe ausüben und zu einer Abnahme führen.[1]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Son Truong Nguyen, Hai Tuan Bui, Vinh Quang Dau, Phuong Dinh Le und Yen Huong Vu: Euroscaptor darwini sp. nov., a new species of mole (Mammalia, Eulipotyphla, Talpidae) from the north-central mountains in Vietnam. ZooKeys 1255, 2025, S. 239–274, doi:10.3897/zookeys.1255.161942
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b c d e f g h i j Son Truong Nguyen, Hai Tuan Bui, Vinh Quang Dau, Phuong Dinh Le und Yen Huong Vu: Euroscaptor darwini sp. nov., a new species of mole (Mammalia, Eulipotyphla, Talpidae) from the north-central mountains in Vietnam. ZooKeys 1255, 2025, S. 239–274, doi:10.3897/zookeys.1255.161942
- ↑ E. D. Zemlemerova, A. A. Bannikova, A. V. Abramov, V. S. Lebedev und V. V. Rozhnov: New Data on Molecular Phylogeny of the East Asian Moles. Doklady Biological Sciences 451, 2013, S. 257–260
- ↑ Akio Shinohara, Shin-ichiro Kawada, Nguyen Truong Son, Chihiro Koshimoto, Hideki Endo, Dang Ngoc Can und Hitoshi Suzuki: Molecular phylogeny of East and Southeast Asian fossorial moles (Lipotyphla, Talpidae). Journal of Mammalogy 95 (3), 2014, S. 455–466
- ↑ a b Akio Shinohara, Shin-ichiro Kawada, Nguyen Truong Son, Dang Ngoc Can, Shinsuke H. Sakamoto und Chihiro Koshimoto: Molecular phylogenetic relationships and intra-species diversities of three Euroscaptor spp. (Talpidae: Lipotyphla: Mammalia) from Vietnam. Raffles Bulletin of Zoology 63, 2015, S. 366–375
- ↑ a b Kai He, Akio Shinohara, Kristofer M. Helgen, Mark S. Springer, Xue-Long Jiang und Kevin L. Campbell: Talpid Mole Phylogeny Unites Shrew Moles and Illuminates Overlooked Cryptic Species Diversity. Molecular Biology and Evolution 34 (1), 2016, S. 78–87
- ↑ a b E. D. Zemlemerova, A. A. Bannikova, V. S. Lebedev, V. V. Rozhnov und A. V. Abramov: Secrets of the underground Vietnam: an underestimated species diversity of Asian moles (Lipotyphla: Talpidae: Euroscaptor). Proceedings of the Zoological Institute RAS 320 (2), 2016, S. 193–220