Erna Philipp
Erna Philipp (* 15. Juni 1898 in Bochum; † 22. Juni 1989 in Camden) war eine jüdische Gemeindesekretärin in Bochum, die in der Zeit des Nationalsozialismus Kindertransporte ins Ausland organisierte.
Werdegang
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Erna Philipp wurde am 15. Juni 1898 als Tochter von Heymann Philipp (1860–1924) und Rosalie, geborene Leeser, (1859–1936) in eine jüdische Familie geboren. Ihre älteren Schwestern Julie (1890–1893) und Hedwig (1894–1894) starben bereits im Kleinkindalter und Erna Philipp wuchs mit ihren Brüdern David (1888–1934), Louis Eliezer (1891–1945) und Alfred Aharon (1904–1990) in ihrer Geburtsstadt Bochum auf.[1]
Erna Philipp ergriff den Beruf der Gemeindehelferin und arbeitete als Fürsorgerin, Sekretärin und Rendantin der Synagogengemeinde Bochum. Sie wohnte in der Nähe der Alten Synagoge[1] und des danebenliegenden Hauses Wilhelmstraße 16, in dem sich die jüdische Volksschule mit drei Schulräumen und Lehrerwohnung und das jüdische Gemeindezentrum mit Gemeindeverwaltung, Geschäftsstelle der Fürsorge,[2] Gemeindebibliothek und Kinderhort befanden. Sie war als Geschäftsführerin der 1920 eingerichteten „Jüdischen Arbeiterfürsorgestelle“ für zugewanderte ostjüdische Arbeiter zuständig. Als Geschäftsführerin der „Jüdischen Wanderfürsorge Rheinland-Westfalen“ mit Sitz in Bochum für die Region von Duisburg bis Bielefeld war sie ebenfalls für durchreisende jüdische Wanderarbeiter verantwortlich und auch überregional tätig.[1][3][4]
Zeit des Nationalsozialismus
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In der Zeit des Nationalsozialismus und nach der Machtergreifung häuften sich Erna Philipps Aufgaben unter den immer schwerer werdenden Bedingungen der wachsenden Repressalien gegen jüdische Menschen und des zunehmenden Antisemitismus. Neben ihrer Tätigkeit in den Fürsorgestellen lag auch die Betreuung von Juden im Gefängnis, die nach den Nürnberger Gesetzen meist wegen „Rassenschande“ verurteilt worden waren,[2] in ihrem Aufgabengebiet.[1]
Am 9. November 1938 rettete Erna Philipp die Torarollen und weitere Kultusgegenstände aus der Bochumer Synagoge,[2] bevor diese in der Nacht während der Novemberpogrome 1938 niedergebrannt und völlig zerstört wurde.[5] Auch das Schulgebäude wurde verwüstet[2] und Erna Philipps Wohnung geplündert und demoliert.[1] Sie schrieb später darüber: „Bemerkenswert war die Organisation des Diebstahls, Bargeld, Schreibmaschine, Leica, Schmuck, Haushalt-Silber, Kunstgegenstaende wurden in meine Aktentaschen und Koffer verpackt, wertvolle Bilder und Zeichnungen sorgfaeltig aus den Rahmen geschnitten. Nichts Zerbrechliches blieb heil in der Wohnung“.[6]
In Folge wurden alle Funktionsträger der jüdischen Gemeinde Bochum zeitweise festgenommen und in das KZ Sachsenhausen deportiert.[7] Erna Philipp leitete bis zu deren Freilassung die Geschäfte der Gemeinde unter Aufsicht der Gestapo.[1][6] In ihrer demolierten Wohnung[2] richtete Erna Philipp das Zentrum für die Wohlfahrt der jüdischen Gemeinde ein und organisierte zwischen Januar und August 1939 gemeinsam mit der jüdischen Lehrerin Else Hirsch insgesamt elf Kindertransporte in die Niederlande und nach England.[1][3] Dazu registrierten sie die Kinder und deren gesundheitliche und psychische Verfassung, notierten deren familiäre soziale und wirtschaftliche Situation und religiöse (orthodoxe oder liberale) Ausrichtung, kümmerten sich um die Fahrkarten und Visa und die Reservierung von Zugplätzen.[2][8] Erna Philipp begleitete die Kinder jeweils zu ihrem Zielort und kehrte dann nach Bochum zurück. Beim ersten Transport am 4. Januar 1939 gelangten 16 Kinder in Sicherheit, die Zahlen für die weiteren zehn Transporte sind nicht bekannt.[1][3]
Leben in England
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Da Erna Philipp die Emigration durch die Gestapo verboten worden war, solange sie noch für die Organisation der Kindertransporte gebraucht wurde, nutzte sie am 24. August 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Begleitung ihres elften Kindertransports nach England, um zu flüchten.[3][9] Sie entging so dem Holocaust und baute sich in England eine neue Existenz auf. Im Jahr 1955 war sie in London wohnhaft. Erna Philipp starb im Juni 1989 in Camden.[1]
Erinnern und Gedenken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Rahmen des seit 2010 umgesetzten Projektes der Evangelischen Stadtakademie Bochum Stelenweg „Jüdisches Leben in Bochum und Wattenscheid“ zur Erinnerungskultur der jüdischen Geschichte der Stadt wurde eine Stele aufgestellt, die auch Erna Philipp würdigt. Die am 29. Mai 2017 aufgestellte Stele befindet sich in der Innenstadt an der früheren Wilhelmstraße 18 – heute Dr.-Ruer-Platz / Ecke Huestraße, dem Standort der in der Reichspogromnacht zerstörten Synagoge und der Jüdischen Schule von 1863 bis 1938 im Nachbargebäude Wilhelmstraße 16. Die Rückseite der Stele erinnert an die Kindertransporte jüdischer Kinder aus Bochum nach England.[3]
Ein 1955 von Erna Philipp verfasster Erinnerungsbericht befindet sich in der Wiener Holocaust Library in London.[1]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Franz-Josef Wittstamm: Erna Philipp. In: Spuren im Vest vom 28. Mai 2022. Abgerufen am 7. Mai 2026
- 1 2 3 4 5 6 Andrea Behnke: Erna Philipp. Fürsorge – für Erwachsene und Kinder. In: Stadt Bochum: Porträts bedeutender historischer Bochumer Frauen. Abgerufen am 7. Mai 2026
- 1 2 3 4 5 Stele 6. In: Evangelische Stadtakademie Bochum. Abgerufen am 7. Mai 2026
- ↑ Die Geschichte der Kindertransporte. In: kindertransporte-nrw.eu. Abgerufen am 8. Mai 2026
- ↑ Frank Göttmann (Hrsg.): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg. Ardey-Verlag, Münster 2016, ISBN 978-3-87023-284-9, S. 212 (pdf)
- 1 2 Eyewitness account by Erna Philipp of her experiences working in prison welfare and of the November Pogrom. In: testifyingtothetruth.co.uk. Abgerufen am 8. Mai 2026
- ↑ Clemens Kreuzer: Die Lehrerin Else Hirsch und Bochums israelitische Schule in den Judenverfolgungen des Dritten Reiches. Ein Beitrag zum „Bochumer Bürgerbuch für die Opfer der NS-Zeit“ im Rahmen des Projektes „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig und des Stadtarchivs Bochum, S. 17–23. In: Stadt Bochum. Abgerufen am 7. Mai 2026
- ↑ Clemens Kreuzer: Die Lehrerin Else Hirsch und Bochums israelitische Schule in den Judenverfolgungen des Dritten Reiches. Ein Beitrag zum „Bochumer Bürgerbuch für die Opfer der NS-Zeit“ im Rahmen des Projektes „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig und des Stadtarchivs Bochum, S. 24–25. In: Stadt Bochum. Abgerufen am 7. Mai 2026
- ↑ Bernd Faulenbach, Ingrid Wölk (Initiative Nordbahnhof Bochum e.V.) (Hrsg.): Gründung des Gedenk- und Erinnerungsortes Nordbahnhof. Jüdische Geschichte in Bochum. BoD, Norderstedt 2024, ISBN 978-3-76930-243-1, S. 87
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Philipp, Erna |
| KURZBESCHREIBUNG | jüdische Gemeindesekretärin, die in der Zeit des Nationalsozialismus Kindertransporte organisierte |
| GEBURTSDATUM | 15. Juni 1898 |
| GEBURTSORT | Bochum |
| STERBEDATUM | 22. Juni 1989 |
| STERBEORT | Camden |