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Gemeiner Samtfußrübling

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Gemeiner Samtfußrübling

Gemeiner Samtfußrübling (Flammulina velutipes)

Systematik
Klasse: Agaricomycetes
Unterklasse: Agaricomycetidae
Ordnung: Champignonartige (Agaricales)
Familie: Physalacriaceae
Gattung: Samtfußrüblinge (Flammulina)
Art: Gemeiner Samtfußrübling
Wissenschaftlicher Name
Flammulina velutipes
(Curtis : Fr.) Singer

Der Gemeine Samtfußrübling (Flammulina velutipes, Syn.: Collybia velutipes) ist eine Pilzart aus der Familie Physalacriaceae. Er ist ein Speisepilz. An natürlichen Standorten wachsen die frostresistenten Fruchtkörper büschelig im Winterhalbjahr bei kühlen Temperaturen, weshalb die Art auch Winterpilz genannt wird. Dagegen beziehen sich die Trivialnamen Samtfuß oder Samtfußrübling auf den samtig beschaffenen Stiel.

Makroskopische Merkmale

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Die Fruchtkörper bilden 2–10 cm breite, dünnfleischige und schmierig-klebrige Hüte von honiggelber bis rotbrauner Farbe mit dunklerer Mitte. Der Hut ist jung halbkugelig und älter abgeflacht, der Rand ist manchmal durchscheinend gerieft. Die weißen bis blass cremegelblichen Lamellen sind bogig am Stiel angewachsen und durchmischt (mit Lamelletten). Der faserig zähe, im Alter hohle, ringlose Stiel ist 3–10 cm lang, oben gelblich, unten dunkelbraun bis olivschwarz, samtfilzig, oft plattgedrückt und wurzelartig verschmälert. Charakteristisch ist auch die verdrillte Struktur der Stielfasern. Das Fleisch riecht schwach pilzig oder laugenartig und schmeckt mild. Das Sporenpulver ist weiß und inamyloid.

Die Varietät lactea hat einen elfenbeinfarbenen bis fast weißen Hut und Stiel.

Mikroskopische Merkmale

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Sporen in Wasser

Die Sporen sind elliptisch, länglich, glatt und ohne Keimporus und messen 6–9,5 × 3–4,5 µm. Der Länge-Breite-Quotient (Qm) ist 2–2,3. Die Hutdeckschicht ist ein Ixotrichoderm (gelatinös) mit filamentösen, meist verzweigten Hyphidien und eingebetteten Pileozystiden. Die Cheilozystiden sind flaschen- bis fingerförmig. An den Septen der Hyphen sind zahlreiche Schnallen zu finden.[1]

Gemeiner Samtfußrübling Flammulina velutipes auf der Bruchstelle im Sägeschnitt eines Weidenzweigs

Einige andere Arten der Gattung Samtfußrüblinge können sehr ähnlich sein und sind teilweise nur mikroskopisch unterscheidbar, jedoch ebenfalls essbar. Von Arten anderer Gattungen ist der Gemeine Samtfußrübling durch die Merkmalskombination des orangefarbenen, schmierigen Huts in Verbindung mit dem schwarzsamtigen Stiel ohne Ring, dem büscheligen Wachstum auf Laubholz und dem Vorkommen im Winter gut zu unterscheiden.

Andere Samtfußrüblinge

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Neben dem Gemeinen Samtfußrübling kommen in Europa noch weitere, teils sehr ähnliche und nur mikroskopisch bestimmbare Gattungsvertreter vor. Einige Arten lassen sich auch durch ein anderes jahreszeitliches Vorkommen sowie anhand des Habitats voneinander unterscheiden.[1]

Der Langsporige Samtfußrübling (Flammulina elastica) ist fast ebenso häufig, kommt allerdings meist an Weide vor und unterscheidet sich durch die deutlich längeren und schmaleren Sporen (bis 11,5 µm lang und mit einem Länge-Breite-Quotient (Qm) von 2,5–3,0).

Flammulina populicola und Flammulina rossica unterscheiden sich mikroskopisch durch eine anders aufgebaute, hymeniforme Hutdeckschicht. Erstere hat zudem kleinere Sporen (6–9 × 4–5 µm, Qm = 1,6) und wächst gern auf Pappelholz, Zweitere ist zudem blasser gefärbt. Beide Arten sind in Deutschland bisher noch kaum nachgewiesen.

Der Hauhechel-Samtfußrübling (Flammulina ononidis) hat größere Sporen, einen bis zu 2 cm großen Hut und wächst einzeln auf dem Erdboden bei Hauhecheln. Der Blasshütige Samtfußrübling (Flammulina fennae) hat breitere Sporen (Qm < 1,8), einen blass weißlichen Hut mit dunklerer Mitte, wächst meist auf vergrabenem Holz oder Wurzeln und scheinbar auf dem Erdboden und kommt früher im Jahr vor, eher im Sommer bis Herbst.[1]

Arten anderer Gattungen

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Der tödlich giftige Gift-Häubling (Galerina marginata) hat einen nicht schwarzsamtigen, sondern einen silbrig faserigen, beringten Stiel und einen trockenen Hut. Das essbare Stockschwämmchen (Kuehneromyces mutabilis) hat einen trockenen, weniger intensiv gefärbten und durch Hygrophanität oft zweifarbigen Hut und einen braun geschuppten, beringten Stiel.

Schwefelköpfe (Hypholoma) unterscheiden sich durch einen blasser gelbbräunlichen und trockenen Hut, einen hellen, nicht samtigen Stiel und (grün-)gräuliche Lamellen. Schüpplinge (Pholiota) unterscheiden sich durch dunkelbraune Schuppen auf dem Hut. Sie sind außerdem größer und dickfleischiger oder haben andere Farben. Flämmlinge (Gymnopilus) haben orangefarbene Lamellen und einen trockenen Hut.

Alle genannten Arten und Gattungen unterscheiden sich außerdem durch ihr braunes Sporenpulver sowie den nicht schwarzsamtigen Stiel.

Der Samtfußrübling kommt in der Zeit von September bis April oft reichlich an Stümpfen, Stämmen (auch an lebenden Bäumen) und abgefallenen Ästen von Laubgehölzen, ganz selten auch an Koniferen, und gelegentlich an unterirdischem Holz vor, wo er meist in dichten Büscheln wächst. Eine besondere Vorliebe zeigt der Samtfußrübling für die Gattungen Salix (Weiden), Populus (Pappeln), Fraxinus (Eschen) und Sambucus (Holunder), häufig auch für durch das Ulmensterben geschädigte Ulmenarten.

Seine geographische Verbreitung umfasst bei weiter Artauffassung sowohl gemäßigte und kalte Regionen auf der Nordhalbkugel der Erde wie China, Sibirien, Kleinasien, Europa, Nordamerika und Japan als auch Australien auf der Südhalbkugel. Allerdings handelt es sich bei asiatischen Sippen nach neueren Erkenntnissen um eine andere Art (Flammulina filiformis),[2] und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Verbreitung von Flammulina velutipes s. str. stärker lokal begrenzt ist als bisher angenommen.

Unter Lichtausschluss in Flaschen angebaut entwickelt Flammulina filiformis langstielige, farblose Fruchtkörper

Der Samtfußrübling ist ein wohlschmeckender Speisepilz, der gerade in der kalten Jahreszeit auftritt, wenn die sonstige Pilzflora ihr Wachstum wegen der winterlichen Kälte weitgehend eingestellt hat.

Forschungsprojekte

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Die einfache Kultivierung der saprotroph lebenden Samtfußrüblinge führte dazu, dass Flammulina velutipes s. l. ein beliebtes Objekt in der wissenschaftlichen Forschung wurde. So nahm der Pilz 1993 an der Spacelab-Mission D-2 teil, in der u. a. der Einfluss der Schwerkraft auf das Wachstum höherer Pilze untersucht wurde.[3][4]

Kultivierung der verwandten Art Flammulina filiformis

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Die nahe verwandte Art Flammulina filiformis wird in Ostasien kultiviert und dort als Enoki (japanisch bzw. エノキ) vermarktet. Die in Ostasien kultivierten Stämme wurden früher ebenfalls Flammulina velutipes zugeordnet, allerdings ergaben phylogenetische Untersuchungen, dass sie sich genetisch von dieser Art unterscheiden, weshalb diese Sippen 2018 unter dem Taxon Flammulina filiformis neubeschrieben wurden. Von F. velutipes unterscheidet sich die Art unter anderem durch die anders aufgebaute Hutdeckschicht, die hauptsächlich aus vertikal angeordneten, unverzweigten, schlanken Hyphen besteht.[2]

Eine besondere Bedeutung besitzt die Art in der japanischen Küche, dort bekannt als Enokitake (榎茸 bzw. エノキタケ) oder kurz Enoki, wo er nach dem Shiitake der meistangebaute Speisepilz ist. Es wurden (Stand 2004) jährlich insgesamt etwa 100.000 Tonnen dieses Pilzes produziert. Damit stand der asiatische Samtfußrübling weltweit an sechster Stelle in der Rangfolge der meistangebauten Speisepilze. Er zählt auch zu den Heilpilzen, ist aber in dieser Hinsicht weniger bedeutend.

Der asiatische Samtfußrübling war einer der ersten Speisepilze überhaupt, die gezielt in Kultur genommen wurden. So wurde sein Anbau erstmals in der späten Tang-Dynastie im Kaiserreich China zwischen den Jahren 800 und 900 erwähnt. Es ist überliefert, dass man damals reife Fruchtkörper auf frischen Baumstubben verrieb, mit guten Aussichten, später an diesen Plätzen eine Pilzernte erwarten zu können.

Commons: Gemeiner Samtfußrübling (Flammulina velutipes) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. a b c Hahn, C. (2016). Bestimmungsschlüssel zu ausgewählten Gattungen der Agaricales 2: Die Gattung Flammulina. Mycol. Bav. 17: 7-24
  2. a b Pan Meng Wang, Xiao Bin Liu, Yu Cheng Dai, Egon Horak, Kari Steffen, Zhu L. Yang: Phylogeny and species delimitation of Flammulina: taxonomic status of winter mushroom in East Asia and a new European species identified using an integrated approach. In: Mycological Progress. Band 17, Nr. 9, 1. September 2018, ISSN 1861-8952, S. 1013–1030, doi:10.1007/s11557-018-1409-2.
  3. Volker D. Kern, B. Hock: Gravimorphogenesis and ultrastructure of the fungus Flammulina velutipes grown in space, on clinostats and under hyper-G conditions. In: Life and Gravity: Physiological and Morphological Responses. Band 17, Nr. 6-7, 1996, S. 183–186. doi:10.1016/0273-1177(95)00633-P.
  4. David Moore, Bertold Hock, John P. Greening, Volker D. Kern, Lilyann Novak Frazer, Jan Monzer: Gravimorphogenesis in agarics. In: Mycological Research. Band 100, Nr. 3, 1996, S. 257–275. doi:10.1016/S0953-7562(96)80152-3