Elektrotypie

Die Elektrotypie, auch Galvanotypie genannt, ist ein Verfahren der Galvanoplastik.[1] Dabei wird durch elektrolytische Metallabscheidung eine metallische Kopie einer Vorlage hergestellt. Im 19. Jahrhundert wurde das Verfahren sowohl zur Herstellung von Druckformen als auch zur Reproduktion von Münzen, Medaillen, Reliefs, Skulpturen, kunsthandwerklichen Gegenständen und anderen Objekten eingesetzt. Metall, insbesondere Kupfer, wird dabei auf einer elektrisch leitfähig gemachten Matrize abgeschieden. Sobald die Metallschicht ausreichend stark ist, kann sie von der Matrize abgelöst und als eigenständiges Objekt weiterverarbeitet werden.[2]
Verfahren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Grundlage der Elektrotypie ist die elektrolytische Abscheidung eines Metalls. Dazu wird eine Form oder Matrize so präpariert, dass ihre Oberfläche elektrisch leitfähig ist. Bei nichtleitenden Materialien wie Gips, Wachs oder bestimmten Kunststoffen wird hierfür eine leitfähige Schicht, beispielsweise aus Graphit, aufgetragen. Die vorbereitete Oberfläche dient als Kathode in einem galvanischen Bad. Aus dem Elektrolyten scheidet sich Metall auf ihr ab und bildet eine detailgetreue Reproduktion der Oberflächenstruktur. Bei dreidimensionalen Elektrotypien wird die Metallschicht so stark aufgebaut, dass sie nach ihrer Ablösung eine selbsttragende Schale bildet. Die National Portrait Gallery beschreibt für historische Elektrotypien einen Aufbau aus meist Kupfer, das auf der Innenseite einer Form oder auf der Außenseite eines Abgusses elektrolytisch abgeschieden wurde. Die Metallschale konnte anschließend verstärkt oder hinterfüllt werden. Vom Galvanisieren unterscheidet sich das Verfahren grundlegend: Bei der Beschichtung bleibt das Werkstück Bestandteil des Endprodukts, während bei der Elektrotypie eine neue metallische Form bzw. Kopie entsteht.[2][1]
Begriff und Terminologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Begriffe Elektrotypie, Galvanotypie und Galvanoplastik wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht einheitlich verwendet. Pierer's Universal-Lexikon definierte Elektrotypie als Abformung von Lettern, Stereotypplatten, Holzschnitten und ähnlichen Vorlagen auf galvanoplastischem Wege.[3] Meyers Großes Konversations-Lexikon verwies bei Elektrotypie dagegen auf Galvanotypie.[1] Das Lexikon der gesamten Technik unterschied zwischen dem allgemeinen Begriff Galvanotypie für die galvanoplastische Herstellung druckbarer Platten und der besonderen Anwendung zur Vervielfältigung vorhandener Buchdruckformen. Ein internationales elektrotechnisches Wörterbuch von 1961 definiert Elektrotypie enger als Herstellung oder Reproduktion von Druckplatten durch elektrolytische Formung bzw. Galvanoplastik.[2][1]
Im heutigen englischsprachigen musealen Sprachgebrauch wird Electrotyping dagegen für die Herstellung dreidimensionaler Reproduktionen von Kunstwerken und kunsthandwerklichen Objekten verwendet; das Metropolitan Museum of Art bezeichnet Electrotypes ausdrücklich als metallische Reproduktionen von Kunstwerken. Eine Gleichsetzung von Tampongalvanisieren und Elektrotypie ist nicht sachgerecht.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Frühe Entwicklung der Galvanoplastik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Entwicklung der Elektrotypie steht in engem Zusammenhang mit der Galvanoplastik und der elektrochemischen Metallabscheidung im frühen 19. Jahrhundert. So führte der italienische Chemiker Luigi Valentino Brugnatelli 1805 Versuche zur galvanischen Abscheidung von Gold mithilfe der von Alessandro Volta entwickelten Voltaschen Säule durch. Die praktische Entwicklung galvanoplastischer Verfahren erfolgte jedoch erst in den folgenden Jahrzehnten. Eine entscheidende Entwicklung gelang dem in Potsdam geborenen, in Sankt Petersburg tätigen Physiker und Ingenieur Moritz Hermann von Jacobi. Bei Versuchen mit galvanischer Kupferabscheidung erkannte er, dass sich die abgeschiedene Kupferschicht von der metallischen Unterlage ablösen ließ und deren Oberflächenstruktur reproduzierte. Die Allgemeine Deutsche Biographie datiert die Erfindung der Galvanoplastik durch Jacobi auf das Jahr 1838. Auch eine zeitgenössische Darstellung im Polytechnischen Journal beschreibt diese Beobachtung.[2]
Entwicklung der Elektrotypie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die galvanoplastische Metallabscheidung wurde kurz nach ihrer Entwicklung für die Herstellung von Reproduktionen und Druckformen genutzt.[1] In Großbritannien führten unter anderem Thomas Spencer in Liverpool und John C. Jordan in London entsprechende Versuche durch. Da die zeitgenössische Literatur unterschiedliche Prioritätsansprüche dokumentiert, kann die Erfindung der Elektrotypie nicht ohne Einschränkung einer einzigen Person zugeschrieben werden. Die Anwendung auf Druckformen entwickelte sich ab den späten 1830er Jahren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Elektrotypie zu einem wichtigen Verfahren der Druckformherstellung. Insbesondere Holzschnitte, Schriftformen und andere Druckvorlagen konnten so vervielfältigt werden, ohne dass die Originalvorlage für den Druckvorgang verwendet werden musste. Historische technische Lexika beschreiben entsprechende Verfahren für Buchdruck- und Tiefdruckformen.[2]
Elektrotypie in der Drucktechnik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Drucktechnik wurde zunächst von der zu vervielfältigenden Vorlage eine Matrize hergestellt, elektrisch leitfähig gemacht und in ein galvanisches Bad eingesetzt. Durch die Abscheidung von Kupfer entstand eine dünne metallische Kopie der Oberfläche. Hatte die Kupferschicht die gewünschte Stärke erreicht, wurde sie von der Matrize abgelöst; anschließend konnte die Rückseite verstärkt und bearbeitet werden. Bei Buchdruckplatten wurden Elektrotypien beispielsweise auf Holzplatten befestigt oder mit Metall hinterfüllt, um die erforderliche mechanische Stabilität zu erreichen. Die Elektrotypie war damit ein Verfahren zur Vervielfältigung vorhandener Druckformen. Sie stand in engem Zusammenhang mit der Stereotypie, bei der ebenfalls eine Druckform vervielfältigt wurde, jedoch durch einen Gussvorgang mit geschmolzenem Metall.[1][4]
Elektrotypie in der Kunst
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Neben der Drucktechnik wurde das Verfahren zur Reproduktion dreidimensionaler Kunstwerke und kunsthandwerklicher Gegenstände eingesetzt. Von einem Original oder einem Abguss wurde eine Form bzw. Matrize hergestellt, auf deren Oberfläche elektrolytisch Metall abgeschieden wurde. Nach Erreichen einer ausreichenden Schichtdicke konnte die Metallschale von der Form getrennt werden.[4]
Das Metropolitan Museum of Art bezeichnet Elektrotypien als metallische Reproduktionen, die im 19. Jahrhundert zur Vervielfältigung kunsthandwerklicher Arbeiten eingesetzt wurden. Seine Sammlung umfasst zahlreiche im 19. Jahrhundert erworbene Elektrotypien europäischer Kunstwerke. Bei historischen Elektrotypien wurde häufig Kupfer verwendet; die fertigen Objekte konnten anschließend patiniert, versilbert oder vergoldet werden und so das Erscheinungsbild anderer Metalle annehmen.[2]
Elektrotypien als Museumsreproduktionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im 19. Jahrhundert nutzten auch Museen Elektrotypien zur Herstellung und Verbreitung von Reproduktionen. So erteilte das South Kensington Museum, der Vorgänger des heutigen Victoria and Albert Museums in London, der Firma Elkington & Co. 1853 die Genehmigung, Elektrotypien von Objekten aus der Museumssammlung herzustellen. Das Museum erwarb außerdem Elektrotypien von Kunstwerken aus anderen europäischen Sammlungen. Das Victoria and Albert Museum verfügt heute über eine umfangreiche Sammlung historischer Elektrotypien; es beschreibt das Verfahren als Herstellung einer Metallkopie eines Gegenstandes mithilfe elektrischer Energie.[2]
Auch das Metropolitan Museum of Art erwarb im 19. Jahrhundert zahlreiche Elektrotypien. Eine Ausstellung aus den Jahren 2011/2012 präsentierte rund 110 Objekte aus dieser Sammlung.[4]
Hersteller und Unternehmen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein bedeutendes Unternehmen der historischen Elektrotypie war Elkington & Co. in Birmingham. Ursprünglich im Bereich der galvanischen Metallveredelung tätig, entwickelte es sich im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Hersteller elektrotypischer Kunstwerke und kunsthandwerklicher Reproduktionen. Ein weiterer bedeutender Hersteller war Giovanni Franchi in London, der insbesondere bei der Reproduktion von Skulpturen und Kunstgegenständen mit Elkington konkurrierte. In den 1870er Jahren wurde sein Unternehmen von Elkington übernommen.[2]
Reproduktionen von Skulpturen
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Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Elektrotypie auch für großformatige Skulpturen eingesetzt. Dabei konnte eine relativ dünne Kupferschale hergestellt und anschließend konstruktiv verstärkt werden. Die National Portrait Gallery datiert den Beginn des Handels mit elektrotypischen Skulpturen auf die 1850er Jahre und nennt Elkington & Co. in Birmingham als bedeutendes Unternehmen auf diesem Gebiet. Es präsentierte John Evan Thomas’ Death of Tewdric Mawr, King of Gwent[5] auf der Great Exhibition von 1851 in London. Da sie als dünnwandige Metallschalen hergestellt wurden, waren elektrotypische Skulpturen erheblich leichter als massive Metallgüsse; teilweise wurden die Schalen mit anderen Materialien verstärkt oder gefüllt.[2]
Lorenzo Ghibertis Baptisteriumstüren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein gut dokumentiertes Beispiel für die Anwendung der Elektrotypie auf ein bedeutendes Werk der Renaissance sind die Baptisteriumstüren von Lorenzo Ghiberti in Florenz. Die Reproduktion wurde 1867 von Franchi & Sons in London für das South Kensington Museum, das heutige Victoria and Albert Museum, hergestellt. Sie gibt die von Lorenzo Ghiberti zwischen 1425 und 1452 geschaffenen Bronzetüren des östlichen Portals des Baptisteriums San Giovanni in Florenz wieder. Das Original der Porta del Paradiso besteht aus zehn großen, vergoldeten Bronzereliefs mit Szenen aus dem Alten Testament sowie einer reich ornamentierten Rahmung mit Propheten- und weiteren Figuren. Heute befindet sich die Reproduktion im Victoria and Albert Museum in London. Das Original Ghibertis wird im Museo dell’Opera del Duomo in Florenz aufbewahrt; am Baptisterium San Giovanni befindet sich eine moderne Kopie.[2][6]
Erhaltung und Restaurierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Elektrotypien bestehen häufig aus relativ dünnen Metallhüllen, weshalb sich ihre Erhaltung von der massiver Metallgüsse unterscheidet. Bei historischen Objekten können insbesondere mechanische Beschädigungen, Korrosion und Veränderungen durch spätere Oberflächenbehandlungen relevant sein. Die National Portrait Gallery weist darauf hin, dass Elektrotypien teilweise mit anderen Metallen hinterfüllt wurden, um die dünne Schale zu stabilisieren und ihr höheres Gewicht zu verleihen. Die Verwendung von Elektrotypien als Reproduktionen hatte zugleich konservatorische Bedeutung: Museen konnten Reproduktionen ausstellen oder für Studienzwecke nutzen, während die Originale geschont wurden bzw. in anderen Sammlungen verblieben.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ludwig Darmstaedter (Hrsg.): Handbuch zur Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik. In chronologischer Darstellung. Unter Mitwirkung von R. du Bois-Reymond und C. Schaefer. 2., umgearbeitete und vermehrte Auflage. Julius Springer, Berlin 1908.
- Julius Springer, Berlin 1908. Otto Lueger (Hrsg.): Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften. 2. Auflage. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/Leipzig 1904–1920, Bd. 4, 1906, Artikel „Galvanotypie“.
- A. Hering: Die Galvanoplastik und ihre Anwendung in der Buchdruckerkunst. 2. Auflage, vollständig neu bearbeitet von F. Meta. Leipzig 1898.
- James Napier: A Manual of Electro-Metallurgy: Including the Applications of the Art to Manufacturing Processes. R. Griffin, London 1860.
- Harris B. Hatch; A. A. Stewart: Electrotyping and Stereotyping. A Primer of Information about the Processes of Electrotyping and Stereotyping. Typographic Technical Series for Apprentices, Nr. 15. Committee on Education, United Typothetae of America, 1918.
- Gary M. Radke (Hrsg.): The Gates of Paradise. Lorenzo Ghiberti's Renaissance Masterpiece. Yale University Press, New Haven/London 2007.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 Elektrotypie. Abgerufen am 21. September 2026.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Bronze sculpture founders: a short history - National Portrait Gallery. Abgerufen am 21. September 2026.
- ↑ Elektrotypie. Abgerufen am 21. September 2026.
- 1 2 3 Victorian Electrotypes. Archiviert vom am 2. März 2026; abgerufen am 21. September 2026.
- ↑ The death of Tewdric Mawr - King of Gwent. Abgerufen am 20. September 2026 (englisch).
- ↑ Lorenzo Ghiberti, Giovanni Franchi: Gates of Paradise. 19. September 2006, abgerufen am 21. September 2026.