Dummheit
Dummheit bezeichnet einen Mangel an Intelligenz oder eine daraus resultierende törichte Handlung. Doch galt sie meist als ein Sachverhalt, der noch im Normalbereich kognitiver Fähigkeiten liege und deshalb von geistiger Behinderung oder Unsinn unterschieden werden könne.[1][2]
In Wanders Deutschem Sprichwörter-Lexikon von 1866 wird eine weitere Dimension der Dummheit hervorgehoben: In der sehr umfangreichen Sammlung von Sprichwörtern zu dem Thema wird deutlich, dass es auch die Dummen gibt, die sich hindurch mogeln und damit weit kommen („Den Dummen gehört die halbe Welt“; „Der Dumme hat’s Glück“; „Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln“).
Beschreibungen
Im engeren Sinne bezeichnet Dummheit die mangelhafte Fähigkeit, aus Wahrnehmungen angemessene Schlüsse zu ziehen beziehungsweise zu lernen. Dieser Mangel beruhe teils auf Unkenntnis von Tatsachen, die zur Bildung eines Urteils erforderlich sind, teils auf mangelhafter Intelligenz oder Schulung des Geistes oder auf einer gewissen Trägheit und Schwerfälligkeit im Auffassungsvermögen beziehungsweise der Langsamkeit bei der Kombination der zur Verfügung stehenden Fakten (siehe Urteilsvermögen). In diesem Sinne nennt Kant den „Mangel an Urteilskraft“ als „das, was man Dummheit nennt“, und postuliert, dass „einem solchen Gebrechen … gar nicht abzuhelfen“ sei.[3]
Weitere Ursachen liegen im emotionalen Bereich (emotionaler Widerstand gegen Einsichten, Abhängigkeit von Meinungsbildnern) und in der Indoktrination und Manipulation durch andere. Gustave Le Bon hebt in seiner Psychologie der Massen Dummheit und Manipulationsanfälligkeit als Merkmal sich spontan bildender großer Gruppen hervor. Aber auch anspruchsvolle kognitive Programme wie Weltanschauungen und Religionen könnten als „maladaptive Programme“ wirken und so die kluge Bewältigung der realen Anforderungen behindern, so James Welles (1988) in seiner anthropologisch-kulturgeschichtlichen Analyse. Das schließe auch Akte politischer Dummheit wie die Kreuzzüge oder die Schweinebucht-Invasion ein.[4]
Welles weist darüber hinaus auf die grundsätzliche Ambivalenz von Dummheit hin, die sich darin zeige, dass sie als maldadaptives Verhalten bei Geltung darwinistischer Evolutions- und behavioristischer Lerntheorien eigentlich ausgerottet sein müsste. Sie hat aber auch adaptive Funktionen, zumal die Reaktionen auf Dummheit nicht fest determiniert sind.[5] Die Ambivalenz der Dummheit ist damit ein Spiegelbild der Ambivalenz der Vernunft, welche ebenso maladaptiv sein und in Wahn und Dummheit abgleiten kann, wie Lukians parodistische Umkehrung von Platons Symposion zeigt, wo der Diskurs der Philosophen verschiedener Schulen in einer wüsten Schlägerei endet.[6]
Dummheit ist laut Werner Van Treeck stets relativ: Es gibt situations- und positionsabhängige Dummheit sowie individuell, gesellschaftlich und historisch unterschiedliche Bewertungen von Dummheit. Was für den einen dumm ist, muss es für andere nicht sein. Was früher für klug und richtig angesehen wurde, kann heute als dumm erscheinen. Eine Handlung, die für den einen dumm ist, erscheint dem anderen vorteilhaft. Oft gelten in der Literatur wie im realen Leben die Narren (z. B. die mittelalterlichen Hofnarren) als weise Mahner, die Philosophen hingegen als weltfremde Narren.[7]
Robert Musil (1937) benennt das Paradox, dass jeder, der über Dummheit spricht, voraussetzt, über den Dingen zu stehen, also klug zu sein, obwohl genau diese Anmaßung als Zeichen für Dummheit gilt. Auf der anderen Seite betont er den Vorteil, den es bringt, sich in hierarchischen Sozialbeziehungen dumm zu stellen. Klugheit von Untergebenen werde nur geschätzt, wenn sie mit bedingungsloser Ergebenheit verbunden sei. Am gefährlichsten sei die Dummheit der Intelligenten, also das Versagen ihrer Intelligenz z. B. im Machtrausch.[8] Dass Dummheit auch ein Merkmal ist, das gerade in gebildeten und gelehrten Kreisen anzufinden ist, konstatiert der französische Humorist François Rollin. Für ihn sind Inkonsequenz der Argumentation, Zirkelschlüsse, das beharrliche Kleben am Wort, die Abwesenheit von Empathie und der Nichtexistenz jeden Zweifels Zeichen der Dummheit.[9] Eine etwas andere Bedeutung hat das Konzept der Dummheit 2. Art zu finden, das von dem Sozialpsychologen Peter R. Hofstätter in Anlehnung an den Fehler 2. Art in der Statistik vorgeschlagen wurde und die Suche nach Gesetzmäßigkeiten meint, wo keine zu finden sind.
Horkheimer und Adorno heben die stigmatisierende Wirkung von Dummheit hervor. Sie konstatieren in dem Aufsatz Zur Genese der Dummheit: „Dummheit ist ein Wundmal“.[10] Welles weist darüber hinaus auf die Tabuierung von Dummheit in der Alltagskommunikation hin.[11]
Carlo M. Cipolla veröffentlichte 1988 das satirische Werk Die Prinzipien der menschlichen Dummheit.
Unwissenheit
Sofern Dummheit als eine (mangelnde) Fähigkeit verstanden wird, eine gegebene Situation angemessen zu erfassen sowie in dieser Situation effektiv und effizient zu (re-)agieren, ist damit eine kognitive Funktion bzw. Fähigkeit zum Aufnehmen und Verarbeiten von Informationen gemeint.
Im Gegensatz dazu wird umgangssprachlich oft auch dann von Dummheit gesprochen, wenn es um Unwissenheit, also die mangelnde Verfügbarkeit von Wissen, Vorwissen oder Vorerfahrung, oder irgendwelchen anderen gespeicherten Gedächtnisinhalten geht; dabei kann weiterhin unterschieden werden, ob solche Gedächtnisinhalte und solches Wissen noch nicht (Naivität oder Unerfahrenheit) oder vielmehr nicht mehr (Demenz) zur Verfügung stehen. Wenn der Fokus auf der absichtlichen oder fahrlässigen Nichtbeachtung prinzipiell zugänglichen Wissens liegt, spricht man abwertend auch von Ignoranz (von lat. ignorantia, „Unkenntnis“, „Unwissen“). Das gilt insbesondere für Unkenntnis auf Gebieten, wo dieses Wissen erwartet wird („Unkenntnis schützt vor Strafe nicht“).
„Verdummung“
Dummheit kann erlernt und zur Dummheit kann erzogen werden (sogenannte „Verdummung“), z. B. durch weitergegebene Vorurteile, Groupthink im Team oder mediale Einflüsse sowie durch Mangel an Anregungen von (erwachsenen) Personen.[12] Einschränkungen und Verfall der Verbalisierungsfähigkeit spielen dabei eine wesentliche Rolle: Die Nutzung unreflektierter Floskeln oder Euphemismen reduziert die Urteilsfähigkeit. Aber nicht nur Anregungsarmut, sondern auch Reizüberflutung kann die kognitiven Fähigkeiten und das Urteilsvermögen beeinträchtigen. Manfred Spitzer spricht von „digitaler Demenz“ als Folge medialer Überflutung schon von Kleinkindern.[13] Auch das Bedürfnis nach Spaß bei wachsender Unlust an kritischer Ernsthaftigkeit gilt als Ursache von Verdummung in der „Spaßgesellschaft“ mit ihrer Tendenz zur Infantilisierung, so unter anderem Berman in einer kritischen Analyse der entpolitisierenden US-Massenkultur.[14] Das Fernsehen habe zum ersten Mal in der Geschichte dafür gesorgt, dass die Gescheiten neidisch auf die Dummen wurden.[15] Mittlerweile bezieht sich die Kritik vor allem auf die sozialen Medien, die anders als das Fernsehen zu einer „Überpolitisierung“ beitragen, welche „zuweilen überhitzte, ja hysterische Züge trägt“, und dabei möglichst viele Affekte durch „Dramatisierung, Skandalisierung und Emotionalisierung“ produzieren sollen.[16]
Beleidigung
Die Bezeichnung Dummheit ist im alltäglichen Sprachgebrauch eine starke Wertung oder eine Beleidigung sowie Herabminderung, sobald sie im Zusammenhang mit einer Person verwendet wird. Das kann nach § 185 StGB strafrechtlich relevant sein.
Das Wort dumm (oder salopp: doof, über Berlinisch um 1928 wie niederländisch doof von niederdeutsch dōf ‚taub, stumpfsinnig, närrisch‘[17]) als Bezeichnung für eine Person wird oft mit dem ebenso herabsetzenden Begriff Blödheit gleichgesetzt (eigentlich Schwäche, Schüchternheit oder Ungeschicklichkeit). Es kann aber auch selbstkritisch oder wertneutral („ein dummer Zufall“) verwendet werden. Auch etwas Erarbeitetes/Konstruiertes kann dumm genannt werden, zum Beispiel ein dummer Aufsatz oder ein dummer Diskussionsbeitrag. In der heutigen Pädagogik verbietet sich eine solche Wertung, weil sie die Fähigkeiten eines Kindes oder Jugendlichen extrem herabmindert („Du bist so dumm, dass du brummst“; hessisch). Der Wertende erhebt sich überdies arrogant und beleidigend über den Status des Bewerteten – eine Einstellung, die in Erziehungsprozessen heutzutage als indiskutabel gilt.
Literatur
- Dietrich Bonhoeffer: Von der Dummheit, Essay, entstanden 1943, Volltext bei Wikisource 2016.
- Matthijs van Boxsel, Anne Middelhoek: Enzyklopädie der Dummheit. Eichborn Verlag, Frankfurt 2001, ISBN 3-8218-1596-5.
- Carlo Maria Cipolla: Die Prinzipien der menschlichen Dummheit. Liebeskind, München 2018, ISBN 978-3-95438-086-2 (italienisch: Le leggi fondamentali della stupidità umana. Übersetzt von Moshe Kahn).
- Erasmus von Rotterdam: Lob der Torheit. Reclam-Verlag, 1968, ISBN 3-15-001907-9. Online mit einem Vorwort von Alfred Hartmann auf Projekt Gutenberg
- Horst Geyer: Über die Dummheit. Ursachen und Wirkung. VMA-Vertrieb, 2007, ISBN 978-3-928127-15-8. (zuerst Göttingen 1955)
- Jürg Jegge: Dummheit ist lernbar. Zytglogge Verlag, Zürich 1994.
- Annie Kraus: Vom Wesen und Ursprung der Dummheit. Jakob Hegner Verlag, Köln & Olten 1961.
- Robert Musil: Über die Dummheit: Vortrag auf Einladung des österreichischen Werkbunds. Gehalten in Wien am 11. und wiederholt am 17. März 1937. Alexander Verlag, 2004, ISBN 3-89581-030-4. Online
- Hans Platschek: Über Die Dummheit in der Malerei (1984)
- Ernst Pöppel, Beatrice Wagner: Dummheit – Warum wir heute die einfachsten Dinge nicht mehr wissen. Riemann, München 2013, ISBN 978-3-570-50159-7.
- Werner van Treeck: Dummheit: Eine unendliche Geschichte. Stuttgart 2015, ISBN 978-3-15-011018-8.
- Karl Friedrich Wilhelm Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Hermsdorf 1966, Band 1–5
- James F Welles: Understanding Stupidity. Mount Pleasant, 1997 (zuerst 1986), ISBN 0-9617729-0-5.
- Daniel Kahneman, Antonio Damasio u. a.: Die Psychologie der Dummheit. riva, München 2020, ISBN 978-3-7423-1067-5.
- Carlo M. Cipolla: Die Prinzipien der menschlichen Dummheit. Übersetzt von Moshe Kahn. Liebeskind, München 2018, ISBN 978-3-95438-086-2.
Weblinks
- Dummheit, Intelligenz, Weisheit – alles relativ. In: psychosoziale-gesundheit.net.
- Dummheit. In: Alois Reutterer: Die globale Verdummung – Zum Untergang verurteilt?
- Kulturgeschichte der Dummheit. In: Peter Zaun: Gebrechen des Kopfes. auf deutschlandradiokultur.de (mit Hörspiel)
- Lea Haller: Die vielen Gesichter der Dummheit, Neue Zürcher Zeitung, 9. April 2021, kurze Abhandlung über die Geschichte der Dummheit.
- Lennart Laberenz: Die unerträgliche Leichtigkeit der Dummheit, taz, 8. Jänner 2022, Rezension von Heidi Kastner: Dummheit (2021)
- Bücher zum Thema auf perlentaucher.de
Einzelnachweise
- ↑ Dummheit. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 5. Bibliographische Institut, Leipzig 1906, S. 266 (online zeno.org).
- ↑ Lea Haller: Die vielen Gesichter der Dummheit In: nzz.ch, 9. April 2021, abgerufen am 13. April 2021
- ↑ I. Kant: Kritik der reinen Vernunft. A 133 / B 172.
- ↑ James F. Welles: Story of Stupidity: A History of Western Idiocy from the Days of Greece. 1988.
- ↑ James F. Welles: Understanding Stupidity. Mount Pleasant Press, 1986.
- ↑ Robert Bracht Branham: Unruly Eloquence. Cambridge, MA 1989, S. 108–113, 120–123.
- ↑ Van Treeck 2015, S. 20.
- ↑ Robert Musil: Über die Dummheit (1937). Reclam, Stuttgart 2014, S. 9 ff.
- ↑ François Rollin, Paris, Presses universitaires de France, 14. Dezember 2020, S. 152
- ↑ Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Zur Genese der Dummheit. In: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main 1981, (online)
- ↑ James F. Welles: Understanding Stupidity. Mount Pleasant Press, 1986.
- ↑ Nach René Spitz besonders in der frühen Kindheit: „Ergänzungsbericht“, in: O. M. Ewert: Entwicklungspsychologie, Köln 1972, S. 124 ff; und Harry Harlow: Das Wesen der Liebe, S. 128 ff, in: O. M. Ewert.
- ↑ M. Spitzer: Digitale Demenz. E-Book, ISBN 978-3-426-41706-5.
- ↑ Morris Berman: Kultur vor dem Kollaps? Wegbereiter Amerika. Frankfurt am Main 2002.
- ↑ J. Wertheimer u. a.: Strategien der Verdummung. Infantilisierung in der Fun-Gesellschaft. 6. Auflage. München 2006.
- ↑ Googeln, Twittern, Simsen, Tickern: Eine Nation verblödet auf cicero.de, abgerufen am 19. Februar 2026
- ↑ >Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 772 (taub).