Dominique Hurth

Dominique Hurth (* 1985 in Colmar) ist eine französische Künstlerin. Sie arbeitet mit Installationen, Skulpturen und Editionen und verbindet formale Setzungen mit langfristiger, quellengestützter Recherche. Breite öffentliche Aufmerksamkeit erhielt ihr Forschungsprojekt zur weiblichen NS-Tatbeteiligung rund um das KZ Ravensbrück, das 2025/2026 im Württembergischen Kunstverein Stuttgart als Einzelausstellung Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden zu sehen war.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hurth studierte an der Saint Martin’s School of Art in London (Bachelor, 2005), der Universität der Künste Berlin (Master, 2007) und der École nationale supérieure des beaux-arts in Paris (Diplom, 2009). 2010/2011 war sie als Forscherin an der Jan-van-Eyck-Akademie in Maastricht tätig und 2012/2013 am Künstler*innenhaus Büchsenhausen in Innsbruck.[1] Im Oktober 2023 setzte sie ihre Recherchen im Rahmen eines Residenzaufenthalts bei Gate 27 in Istanbul fort.[2] 2021 veröffentlichte sie das Künstlerbuch Stutters, das auf mehrjähriger Arbeit mit Cyanotypien von Thomas W. Smillie, dem ersten offiziellen Fotografen der Smithsonian Institution und Kurator der Smithsonian Institution’s Collection of Photography, basiert.[3]
Wirken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hurths Praxis verbindet skulpturale und textbasierte Verfahren mit Archivrecherchen, journalistischer Untersuchung und materialbezogenen Experimenten.[2] Sie untersucht die Rolle weiblicher KZ-Aufseherinnen und die Bild- und Stoffkultur um Ravensbrück. In Stuttgart verdichtete sie dies zu einer raumgreifenden Montage aus gewebten Vorhängen, Zitaten aus Dienstvorschriften, Prozessdokumenten und einer 96-minütigen Videoarbeit.[4] Die Ausstellung bezieht sich auf Uniformen des weiblichen Wachpersonals, die Textilproduktion der SS-Firma Texled sowie auf Nachkriegsprozesse in Lüneburg, Hamburg und Düsseldorf; sie nennt im Kontext 3340 als Aufseherinnen tätige Frauen in Ravensbrück (1939–1945) sowie rund 120.000 inhaftierte Frauen.[4] Der Württembergische Kunstverein Stuttgart zeigte die Einzelausstellung Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden vom 18. Oktober 2025 bis 22. März 2026.[5]
Kritiken hoben die Entlarvung einer lange verharmlosten Täterschaft von Frauen hervor, etwa den Kontrast zwischen privater „Behaglichkeit“ in Wohnungen ehemaliger Aufseherinnen und der Gewaltgeschichte der Zwangsarbeit.[6] Bereits zuvor hatte die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück 2025 eine Ausstellung zur Textilherstellung im Lager eröffnet, in der Hurth mit einem Film Zwangsarbeit, Uniformproduktion und ökonomische Kontinuitäten thematisiert hatte.[7] Die Gedenkstätte hob dabei den Wert ihres anschaulich-haptischen Zugangs hervor.[8] In kuratorischen Texten und Ankündigungen wird Hurths Zugriff zugleich als dezidiert feministisch charakterisiert.[9] Die Arbeiten lassen sich in die Auseinandersetzung mit Modeindustrie, Zwangsarbeit und der Rolle von Frauen im Nationalsozialismus einordnen.[10]
Publikationen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- language in the darkness of the world through inverse images. 2012
- Mixtape. Katalog und Kassette. 2020[11]
- Stutters. Printed Matter, Incorporated, 2021, ISBN 978-0-894-39101-9.
Filme (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 2023: where memory gathers bones. (deutsch: Da, wo Erinnerung Knochen sammelt) Foto und Videocollage mit Marlene Pardeller zu Spuren von Zwangsarbeit bei Mercedes-Benz in Ludwigsfelde[12] 13 Minuten
Ausstellungen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Einzel
- 2026: „Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden“. Württembergischer Kunstverein Stuttgart
- 2025: Maschinen dröhnen, Nadel schleppt den Faden, scharfes Messer glänzt, schneidet entzwei und sticht. in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
- 2024: dans des caves inacessibles (in unseen caves) L'appartement 22 in Rabat
- 2021: Accurate to Standards, Well-proportioned, Finely structured. Neuer Kunstverein Gießen
- 2012: language in the darkness of the world through inverse images, Souterrain, Berlin
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Dominique Hurth. In: Künstler*innenhaus Büchsenhausen. Abgerufen am 29. Januar 2026 (englisch).
- 1 2 Dominique Hurth. In: Gate 27. Abgerufen am 29. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Stutters. In: rile*books. Abgerufen am 29. Januar 2026 (englisch).
- 1 2 Dominique Hurths künstlerische Forschung: Die Gardine der Täterin. In: taz.de. 29. Januar 2026, abgerufen am 29. Januar 2026.
- ↑ Dominique Hurth. Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden. In: Württembergischer Kunstverein Stuttgart. Abgerufen am 29. Januar 2026.
- ↑ Ausstellung über KZ-Aufseherinnen: Blaubeerenpflücken verboten. In: Kontext: Wochenzeitung. 5. November 2025, abgerufen am 29. Januar 2026.
- ↑ Ausstellung schaut auf Textilherstellung in Ravensbrück. In: WELT. 22. August 2025, abgerufen am 29. Januar 2026.
- ↑ 38/25: Ausstellungseröffnung: Künstlerische Installation setzt sich mit der Textilproduktion im KZ Ravensbrück auseinander. In: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten). 22. August 2025, abgerufen am 29. Januar 2026.
- ↑ Dominique Hurth – Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden. In: Institut français Deutschland. Abgerufen am 29. Januar 2026.
- ↑ Die Verstrickungen der Bekleidungsindustrie. In: Jungle World. 11. Dezember 2025, abgerufen am 29. Januar 2026.
- ↑ KlimaitėKlimaitė. In: klimaiteklimaite.com. Abgerufen am 3. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Da, wo Erinnerung Knochen sammelt* - Cultures of Remembrance. In: cultures-of-remembrance.com. Abgerufen am 3. Juni 2026 (deutsch).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Hurth, Dominique |
| KURZBESCHREIBUNG | französische Künstlerin |
| GEBURTSDATUM | 1985 |
| GEBURTSORT | Colmar |