Kyanit entwickelt überwiegend prismatische bis tafelige Kristalle mit glasähnlichem Glanz auf den Oberflächen, kommt aber auch in Form faseriger oder körniger bis massiger Mineral-Aggregate vor. In reiner Form ist Kyanit farblos und durchsichtig. Durch vielfache Lichtbrechung aufgrund von Gitterbaufehlern oder polykristalliner Ausbildung kann er aber auch weiß erscheinen und durch Fremdbeimengungen eine hell- bis dunkelblaue, blauviolette, grünliche bis bräunliche und selten auch rötliche Farbe annehmen, wobei die Transparenz entsprechend abnimmt.
Der Name Kyanit stammt aus dem griechischenκύανοςkyanos (ursprünglich „bläuliches Metall“, dann „[tief-]blau“; auch griechische Bezeichnung für Lasurstein, Kupferlasur, Bergblau, Ultramarin) und nimmt Bezug auf die vorwiegend blaue Farbe. Die Bezeichnung Disthen stammt ebenfalls aus dem Griechischen und bezieht sich auf die starke Anisotropie der Härteeigenschaften: δίς σθένοςdis sthenos („zweifache Stärke“).
Der Name Kyanit, vormals auch Cyanit, wurde dem Mineral 1789 von Abraham Gottlob Werner gegeben.[9] Die Bezeichnung Disthen stammt von René-Just Haüy (1801).
Kyanit war bereits lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt. Damit hätte Kyanit theoretisch den Status eines grandfathered Mineral. In der 1967 erfolgten Publikation der IMA: Commission on new minerals and mineral names wurde das von Igelström 1897 erstbeschriebene und als Munkrudit bezeichnete Mineral als identisch mit Kyanit diskreditiert. Zudem wurde der Name Kyanit als bevorzugte Schreibweise ausgewiesen, wenn auch noch keine endgültige Entscheidung zu den parallel verwendeten Bezeichnungen Cyanit, Cianit und Disthen getroffen wurde.[10] Dennoch bedeutete diese Hervorhebung eine nachträgliche Ankerkennung für den Kyanit, weshalb dieser seitdem in der „Liste der Minerale und Mineralnamen“ der IMA unter der Summenanerkennung „1967 s.p.“ (special procedure) geführt.[1]
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer VIII/B.02-040. Dies entspricht der hier neu definierten Abteilung „Inselsilikate mit tetraederfremden Anionen“, wo Kyanit zusammen mit Andalusit, Boromullit, Kanonait, Mullit, Sillimanit, Topas und Yoderit eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer VIII/B.02 bildet.[11]
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Kyanit die System- und Mineralnummer 52.02.02c.01. Das entspricht ebenfalls der Klasse der „Silikate“ und dort der Abteilung „Inselsilikate: SiO4-Gruppen und O, OH, F und H2O“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Inselsilikate: SiO4-Gruppen und O, OH, F und H2O mit Kationen in [4] und >[4]-Koordination“ als einziges Mitglied in der „Al2SiO5 (Kyanit-Untergruppe)“.
Allen Al2SiO5-Modifikationen gemeinsam sind die [AlO6]-Oktaeder, die über gemeinsame Kanten parallel zur c-Achse miteinander verknüpft sind. Kyanit besitzt im Gegensatz zu Andalusit und Sillimanit als Hochdruckmodifikation allerdings die dichteste Packung der Verbindung. Die Koordinations-Formel für Kyanit lautet Al[6]Al[6][O|SiO4] mit geringen Beimengungen an Fe3+ und Cr3+.
Grafische Darstellung der Härte-Anisotropie in Richtung der Kristallachsen a, b und c
Herausragende Eigenschaft des Kyanit ist seine extreme Anisotropie in Bezug auf seine Härte. Diese variiert zwischen 6 und 7 in Richtung der b-Achse und 4,5 bis 5,5 in Richtung der c-Achse (Härteangaben nach Mohs). Als zweite besondere Eigenschaft ist die oft intensiv blaue Farbe zu nennen. Beide Eigenschaften führten in der Folge auch zur Namensgebung des Minerals.
Kyanit ist Mitglied der Al2SiO5-Gruppe und trimorph mit den weiteren Mitgliedern Andalusit und Sillimanit, das heißt die chemische Substanz mit der Zusammensetzung Al2[O|SiO4] tritt ähnlich dem Kohlenstoff in drei verschiedenen Erscheinungsformen (Modifikationen) auf. Andalusit und Sillimanit kristallisieren allerdings im orthorhombischen Kristallsystem und das Aluminium ist anders koordiniert.[14]
Eine seltene grüne Varietät wird als Chromkyanit bezeichnet. Als Rhätizit (nach Naumann, 1828) wird eine durch eingelagerten Graphit dunkelgraue bis schwarze Varietät mit nadelig-büscheligen Kristall-Aggregatformen bezeichnet.[15][16]
Kyanit bildet sich metamorph in Aluminium-reichen klastischen Sedimenten (meist Pelite), die mittleren bis hohen Temperaturen und Drucken ausgesetzt waren (mesozonale Metamorphose vom Barrow-Typ). Typisch hierfür sind Schiefer, Gneise und Granulite, die aus Sedimenten entstanden sind. In Grünschiefern und Eklogiten erscheint Kyanit nur vereinzelt. Für den Druck-Temperatur-Ablauf während der Metamorphose ist er ein wichtiges Fazies-Leitmineral. Nur selten tritt er in Form dunkelblauer Kristalle von Schmuckstein-Qualität in Pegmatiten auf. Kyanit kann auch als Detritus in Sedimenten vorkommen.
Kyanit ist ein typischer Gesteinsbildner und konnte als häufige Mineralbildung schon an vielen Fundorten nachgewiesen werden, wobei bisher (Stand: 2013) rund 1300 Fundorte als bekannt gelten.[18]
Bekannt aufgrund außergewöhnlicher Kyanitfunde ist unter anderem Barra do Salinas in der Gemeinde Coronel Murta im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, wo bis zu 15Zentimeter lange[19] (und längere), säulige Aggregate gefunden wurden. Die größten bisher bekannten Kyanitkristalle erreichten allerdings eine Länge von bis zu einem halben Meter.[6]
In der Schweiz konnte das Mineral vor allem im Kanton Tessin gefunden werden. Bekannt ist hier vor allem der Pizzo Forno im Val Piumogna. Einige Fundpunkte kennt man allerdings auch in den Kantonen Graubünden und Wallis.
Weitere Fundorte liegen unter anderem in Afghanistan, Ägypten, der Antarktis, Argentinien, Äthiopien, Australien, Bangladesh, Bolivien, Botswana, Bulgarien, China, Demokratische Republik Kongo (Zaire), Ecuador, Frankreich und Französisch-Guayana, Griechenland, Grönland, Indien, Irland, Italien, Japan, Kanada, Kasachstan, Kenia, Kolumbien, Korea, Liberia, Madagaskar, Mazedonien, der Mongolei, Mosambik, Myanmar, Namibia, Nepal, Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Pakistan, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Sambia, Schweden, Simbabwe, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Südafrika, Sudan, Surinam, Tadschikistan, Tansania, Tschechien, der Türkei, der Ukraine, Ungarn, im Vereinigten Königreich (Großbritannien) und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA).[20]
Als Schmuckstein findet Kyanit eher selten Verwendung, da es wegen seiner ungewöhnlichen Härteeigenschaften und der vollkommenen Spaltbarkeit nur schwer zu schleifen ist. Aufgrund seiner Farbe kann es mit Aquamarin, Benitoit, Cordierit, Dumortierit, Saphir und blauem Turmalin (Indigolith) verwechselt werden.[21]
C. A. S. Hoffmann:Mineralsystem des Herrn Inspektor Werners mit dessen Erlaubnis herausgegeben von C. A. S. Hoffmann. In: Bergmännisches Journal. Band1, 1789, S.369–398;hier:377und393, 63) Cianit 29) (rruff.info[PDF; 2,0MB; abgerufen am 18.Oktober 2025]): „S. 393: 29) Er kommt auf dem Greiner im Zillerthale vor, und zeichnet sich durch seine theils blaulichweiße, theils blaulichgrau und berlinerblau gefleckte Farbe, und durch seinen breit, krumm und untereinander laufend strahligen Bruch aus.“
International Mineralogical Association: Commission on new minerals and mineral names. In: Mineralogical Magazine. Band36, März 1967, S.131–136 (englisch, rruff.info[PDF; 210kB; abgerufen am 18.Oktober 2025]).
G. H. Faye, Ernest H. Nickel:On the origin of colour and pleochroism of kyanite. In: The Canadian Mineralogist. Band10, 1969, S.35–46 (englisch, rruff.info[PDF; 583kB; abgerufen am 18.Oktober 2025]).
P. Comodi, P. F. Zanazzi, S. Poli, M. W. Schmidt:High-pressure behavior of kyanite: Compressibility and structural deformation. In: American Mineralogist. Band82, 1997, S.452–459 (rruff.geo.arizona.edu[PDF; 979kB; abgerufen am 18.Oktober 2025]).
Kyanite search results.In:rruff.info.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 18.Oktober 2025(englisch).
↑C. A. S. Hoffmann:Mineralsystem des Herrn Inspektor Werners mit dessen Erlaubnis herausgegeben von C. A. S. Hoffmann. In: Bergmännisches Journal. Band1, 1789, S.369–398;hier:377und393, 63) Cianit 29) (rruff.info[PDF; 2,0MB; abgerufen am 18.Oktober 2025]): „S. 393: 29) Er kommt auf dem Greiner im Zillerthale vor, und zeichnet sich durch seine theils blaulichweiße, theils blaulichgrau und berlinerblau gefleckte Farbe, und durch seinen breit, krumm und untereinander laufend strahligen Bruch aus.“
↑David Barthelmy:Kyanite Mineral Data.In:webmineral.com.Abgerufen am 18.Oktober 2025(englisch).
12345P. Comodi, P. F. Zanazzi, S. Poli, M. W. Schmidt:High-pressure behavior of kyanite: Compressibility and structural deformation. In: American Mineralogist. Band82, 1997, S.452–459 (rruff.geo.arizona.edu[PDF; 979kB; abgerufen am 18.Oktober 2025]).
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123456Kyanite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 18.Oktober 2025(englisch).
↑Walter Ehrenreich Tröger:Optische Bestimmung der gesteinsbildenden Minerale. 4., neubearbeitete Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, 1971, ISBN 3-510-65011-5, S.51.
↑Richard V. Gaines, H. Catherine W. Skinner, Eugene E. Foord, Brian Mason, Abraham Rosenzweig:Dana’s New Mineralogy. 8. Auflage. John Wiley & Sons, New York u. a. 1997, ISBN 0-471-19310-0, S.1069–1070.
↑
International Mineralogical Association: Commission on new minerals and mineral names. In: Mineralogical Magazine. Band36, März 1967, S.131–136 (englisch, rruff.info[PDF; 210kB; abgerufen am 18.Oktober 2025]).
↑Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
12Martin Okrusch, Siegfried Matthes:Mineralogie. Eine Einführung in die spezielle Mineralogie, Petrologie und Lagerstättenkunde. 7., vollständige überarbeitete und aktualisierte Auflage. Springer, Berlin [u.a.] 2005, ISBN 3-540-23812-3, S.84–85.
↑Hans Pichler, Cornelia Schmitt-Riegraf:Gesteinsbildende Minerale im Dünnschliff. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1987, ISBN 3-432-95521-9.
↑Localities for Kyanite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 18.Oktober 2025(englisch).
↑Petr Korbel, Milan Novák:Mineralien-Enzyklopädie (=Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S.202.
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Fundortliste für Kyanit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 18. Oktober 2025.
↑Walter Schumann:Edelsteine und Schmucksteine. Alle Arten und Varietäten. 1900 Einzelstücke. 16. überarbeitete Auflage. BLV Verlag, München 2014, ISBN 978-3-8354-1171-5, S.212.