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David Boder

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David Pablo Boder (geboren als Aaron Mendel Michelson, sein erster Vorname wurde auch Aharon transkribiert; 9. November 1886 in Liepāja, Russisches Kaiserreich; gestorben 18. Dezember 1961 in Los Angeles) war ein lettisch-US-amerikanischer Psychologe.

Herkunft und Ausbildung

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Aaron Mendel war das fünfte von sieben Kindern von Berl und Betti Michelson. Die Familie sprach Jiddisch oder Deutsch. Obwohl Kurland außerhalb des Ansiedlungsrayons lag, bestand dort eine blühende jüdische Gemeinde. Von der örtlichen jüdischen Schule wechselte Aaron Mendel Michelson – wie viele junge Juden aus Kurland – im Alter von 13 Jahren nach Litauen, denn dort gab es zahlreiche renommierte weiterführende Schulen. Michelson absolvierte das Jüdische Lehrerinstitut in Wilna.[1]

Anschließend studierte Michelson 1905 und 1906 an der Universität Leipzig Psychologie bei Wilhelm Wundt, der 1879 das weltweit erste psychologische Laboratorium gegründet und die Experimentalpsychologie institutionalisiert hatte.[2] Wundt vermittelte Michelson an einen seiner Schüler, Wladimir Bechterew, der in Sankt Petersburg ein psychoneurologisches Institut aufgebaut hatte.[3] Dort unterlag Michelson nicht der an russischen Universitäten ansonsten strengen Quotenregelung, durch die die Zahl jüdischer Studenten begrenzt wurde.[1] Bei Bechterew studierte Michelson von 1907 bis 1912 und experimentierte in seinem Labor. Anschließend arbeitete er als Gymnasiallehrer. Im Ersten Weltkrieg war er Offizier in einem Ingenieur-Bataillon der russischen Armee.

Der russische Bürgerkrieg bewog Michelson 1919, zunächst nach Sibirien auszuweichen, dann nach Japan und schließlich nach Mexiko. Damals nahm er den Namen „David Pablo Boder“ an.[4] Boder lernte schnell und leicht Spanisch, lehrte von 1921 bis 1925 Deutsche Literatur an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko in Mexiko-Stadt, hielt Vorträge zu Themen der Psychologe, leitete psychologische Forschungen für die mexikanische Gefängnisbehörde und gründete eine kurzlebige psychologische Fachzeitschrift.

In den Vereinigten Staaten

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Seine dritte Frau (siehe unten), bewog ihn 1926, in die Vereinigten Staaten einzuwandern. An der University of Chicago erlangte er 1927 einen Abschluss als Master of Arts im Fach Psychologie. Seine Masterarbeit war ein Beitrag sowohl zur Psychologie der Sprache als auch zur Quantitativen Linguistik. In Fortführung der Studien von Adolf Busemann untersuchte Boder das Verhältnis der Nutzung von Adjektiven und Verben in Texten, um daraus auf die Persönlichkeit der Verfasser zu schließen. Von 1929 bis 1952 war er Professor für Psychologie am Lewis Institute in Chicago, das 1940 im Illinois Institute of Technology (IIT) aufging. 1932 erhielt er die Staatsangehörigkeit der Vereinigten Staaten. 1934 wurde er an der Northwestern University zum Ph.D. promoviert. Am Lewis Institute gründete er 1937 das weltweit erste Psychologie-Museum. Neben seiner akademischen Forschung arbeitete er auch in der klinischen psychologischen Diagnostik, unter anderem am Michael Reese Hospital in Chicago.

Die Boder-Interviews

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Im Juli 1946 reiste Boder nach Europa und zeichnete bis Oktober desselben Jahres etwa 129 Audiointerviews mit Überlebenden der Konzentrationslager und anderen Displaced Persons auf.[5] Er verwendete einen von seinem Kollegen Marvin Camras erfundenen Drahttonrekorder, einer damals neuen Technik der Tonbandaufzeichnungen. Die Zeitzeugen schilderten ihre Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs, viele von ihnen waren Überlebende der Shoa. Ihnen stand frei, in welcher Sprache sie sich ausdrückten, Boder zeichnete die Interviews in insgesamt neun verschiedenen Sprachen auf. Zum großen Teil liegen digitale Kopien der Audiointerviews (etwa 200 Stunden Tonaufzeichnungen) sowie Transkriptionen und Übersetzungen der Interviews auf einer Website des Illinois Institute of Technology vor.[6] Das Audioarchiv bildete die Grundlage für Boders anschließende Studien über die Zusammenhänge von Sprache, Persönlichkeit und Trauma. Diese Interviews von 1946 gelten als wichtige Quelle über die Verbrechen in den Konzentrationslagern.[7]

1952 wurde Boder emeritiert. Danach war er bis zu seinem Tod Research Associate für Psychologie an der University of California in Los Angeles (UCLA).

David Boder war dreimal verheiratet und Vater einer Tochter.

  • 1907 heiratete er in Sankt Petersburg Pauline Ivianski. Im selben Jahr wurde ihre Tochter Elena geboren. Doch die Ehe scheiterte bald darauf. Ihre Tochter Elena wurde bei der Scheidung 1909 der Obhut ihres Vaters anvertraut.[8]
  • In zweiter Ehe heiratete er 1917 Nadeschda Tschernik, die 1919, kurz nach der Ankunft in Mexiko, an der Spanischen Grippe starb.[9]
  • In dritter Ehe heiratete er 1925 in Mexiko Dora Neveloff, eine aus Russland stammende, in die Vereinigten Staaten ausgewanderte Zahnärztin.

Der Nachlass David Boders wird von drei Archiven bewahrt:

Schriften (Auswahl)

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  • The Adjective-Verb Quotient: A Contribution to the Psychology of Language. In: The Psychological Record, Jg. 3 (1940), S. 310–343.
  • I Did Not Interview the Dead. University of Illinois Press, Urbana 1949.
    • Alan Rosen (Hrsg.): Je n’ai pas interrogé les morts. Brayard, Florent, Paris 2006
    • Julia Faisst, Alan Rosen, Werner Sollors (Hrsg.): Die Toten habe ich nicht befragt. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-8253-5920-1.
  • Topical Autobiographies of Displaced People Recorded Verbatim in the Displaced Persons Camps, with a Psychological and Anthropological Analysis. (16 Bände), Chicago/Los Angeles 1950–1957.
  • The Impact of Catastrophe. I. Assessment and Evaluation. In: The Journal of Psychology, Jg. 38 (1954), Heft 1, S. 3–50.

in der Reihenfolge des Erscheinens

  • Alan Rosen: The Wonder of Their Voices: The 1946 Holocaust Interviews of David Boder. Oxford University Press, New York 2010, ISBN 978-0-19-539512-9.
  • Beate Müller: Translating trauma: David Boder’s 1946 interviews with Holocaust survivors. In: Translation and Literature, Jg. 23 (2014), S. 257–271.
  • Julia Bernstein: The Art of Testimony. David Boder and his Archive of Holocaust Survivors’ Audio-Interviews. In: East European Jewish Affairs, Jg. 48 (2018), S. 354–371.
  • Axel Doßmann: Auf der Suche nach der verlorenen Materialität. Recherchen zu David P. Boders Interviews mit Displaced Persons im Sommer 1946. In: L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, Jg. 31 (2020), Heft 2: Themenheft Verstörte Sinne, herausgegeben von Ulrike Krampl und Regina Schulte, S. 121–127.
  • Daniel Schuch: Transformationen der Zeugenschaft. Von David P. Boders frühen Audiointerviews zur Wiederbefragung als Holocaust Testimony. Wallstein, Göttingen 2021.
Belletristik

Einzelnachweise

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  1. 1 2 Alan Rosen: The Wonder of Their Voices: The 1946 Holocaust Interviews of David Boder. Oxford University Press, New York 2010, S. 25–49 (die bislang ausführlichste biographische Skizze, der auch, falls nicht anders angegeben, die folgenden Angaben zu Boders Lebenslauf entnommen sind).
  2. Friedrich Doucet: Forschungsobjekt Seele. Eine Geschichte der Psychologie. Kindler, München 1971, ISBN 3-463-00501-8, S. 174.
  3. Daniel Schuch: Transformationen der Zeugenschaft. Von David P. Boders frühen Audiointerviews zur Wiederbefragung als Holocaust Testimony. Wallstein, Göttingen 2021, S. 73.
  4. Daniel Schuch: Transformationen der Zeugenschaft. Von David P. Boders frühen Audiointerviews zur Wiederbefragung als Holocaust Testimony. Wallstein, Göttingen 2021, S. 74.
  5. Alan Rosen: The Wonder of Their Voices: The 1946 Holocaust Interviews of David Boder. Oxford University Press, New York 2010, S. 239–240.
  6. Voices of the Holocaust | Voices of the Holocaust. Abgerufen am 17. Februar 2022.
  7. Konflikthafte Zeugenschaft | Mimeo. Abgerufen am 20. Dezember 2021.
  8. Alan Rosen: The Wonder of Their Voices: The 1946 Holocaust Interviews of David Boder. Oxford University Press, New York 2010, S. 32.
  9. Alan Rosen: The Wonder of Their Voices: The 1946 Holocaust Interviews of David Boder. Oxford University Press, New York 2010, S. 34–35.