David (Geiser)

David ist der Name zweier Bronzeplastiken von Karl Geiser, die 1959 in Schaffhausen zum Gedenken an die Bombardierung der Stadt während des Zweiten Weltkriegs platziert wurden. Eine erste, bekleidete Version steht vor dem Münster, eine zweite, unbekleidete im Kräutergarten des Museums zu Allerheiligen. Eine Inschrift widmet das Denkmal auch seinem zwei Jahre vor der Einweihung verstorbenen Schöpfer.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bombardierung und «Zürcher Kulturspende»
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Am 1. April 1944 wurde die Stadt Schaffhausen irrtümlich von US-amerikanischen Bombern angegriffen, wobei 40 Menschen starben und 271 zum Teil schwer verletzt wurden. 465 wurden obdachlos.[1] Auch das Museum zu Allerheiligen wurde bombardiert. Dabei wurden grosse Teile der Kunstabteilung vernichtet.[2] Den Todesopfern wurde auf dem Waldfriedhof ein Gemeinschaftsgrab mit Gedenkstätte gewidmet.[3]
Nach der Katastrophe konstituierte sich in Zürich unter dem Vorsitz des Kunsthistorikers Marcel Fischer ein Komitee, das der verheerten Stadt Schaffhausen mit einer «Kulturspende» zu Hilfe eilen wollte. Dank zahlreichen Beiträgen der städtischen und kantonalen Behörden sowie von Privatpersonen konnte es dem Stadtrat von Schaffhausen Mitte April 1945 über 150'000 Franken überreichen. Ehe es sich auflöste, sprach das Komitee den Regierungen der Städte Zürich und Schaffhausen sowie des Kantons Zürich noch Empfehlungen bezüglich der Verwendung der Gelder aus.[4] Um den dezimierten Bestand des Museums zu Allerheiligen wieder anzureichern, wurden mit rund zwei Dritteln der Spende Kunstwerke angekauft, darunter vor allem spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Gemälde aus dem Kulturgebiet des Oberrheins. Mit den restlichen etwa 50'000 Franken sollte ein Denkmal zur Erinnerung an die Bombardierung errichtet werden.[5]
Denkmalprojekt 1946/47
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ende Mai 1946 wurde ein geschlossener Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für das Denkmal eröffnet. Da es sich um ein Zürcher Geschenk handelte, wurden nur im Kanton Zürich wohnhafte Kunstschaffende dazu eingeladen. Es nahmen schliesslich Karl Geiser, Hermann Haller, Hildi Hess, Otto Kappeler, Hans Jakob Meyer und Luigi Zanini teil. Geplant war eine Skulptur oder Plastik auf dem bereits vorhandenen Sockel bei der Freitreppe zur Münstervorhalle vor dem Museum zu Allerheiligen. Weder Sujet noch Material waren vorgegeben. Das Werk sollte sich gut in die architektonische Umgebung einfügen und durfte auch des Klostergründers Eberhard VI. von Nellenburg gedenken. Als Inschrift war festgelegt: «Der Stadt Schaffhausen von Stadt und Kanton Zürich übergeben in Erinnerung an das tragische Ereignis vom 1. April 1944».[6]
Einsendeschluss war der 30. April 1947. Der siebenköpfigen Jury sass der Schaffhauser Stadtpräsident Walther Bringolf (SP) vor. Ferner sassen darin der Zürcher Stadtpräsident Adolf Lüchinger (SP), die Bildhauer Otto Charles Bänninger und Franz Fischer, der Architekt Martin Risch, der Maler Jakob Ritzmann und der Kunsthistoriker Hans Hoffmann. Der Direktor des Museums zu Allerheiligen Walter Ulrich Guyan war in beratender Funktion tätig.[6] Von den sechs eingegangenen Entwürfen hatte einzig Otto Kappeler die Idee aufgegriffen, den Klostergründer darzustellen.[3] Kappelers und Geisers Projekte kamen in die engere Auswahl.[6]
Am 28. Juni 1947 bestimmte die Jury Karl Geisers Entwurf zum Sieger. Dieser sah eine Gruppenplastik mit zwei Arbeitern vor, die von der Bombardierung überrascht werden. Der eine stürzt getroffen zu Boden, der andere blickt aufrecht stehend mit abwehrender Geste zum Himmel. Damit sollte «die Idee aufbauender Arbeit den Kräften der Zerstörung» gegenübergestellt werden.[6] Die Neue Zürcher Zeitung zeigte am 15. Juli 1947 eine Fotografie des Entwurfs.[7]
Karl Geiser gewann 1952 auch den Wettbewerb zur Ausführung des «Denkmals der Arbeit» in Zürich. Wie dieses vollendete er auch das Schaffhauser Monument aufgrund seines extremen Perfektionismus nie. Ende März 1957 nahm er sich in seinem Atelier das Leben.
Geisers David-Statuen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1944 bestellten die Behörden bei Geiser eine Plastik zur Ausschmückung der neuen Kantonsschule in Solothurn und gewährten ihm freie Hand in der Motivwahl.[8] Geiser, der bereits als Jugendlicher in einer Collage davon geträumt hatte, einen vier Meter grossen David auf einer Alp aufzustellen, entschied sich für den alttestamentarischen Helden, verzweifelte aber an der Ausführung. So soll er einmal geflucht haben: «Dä Cheib töt mi no» («Dieser Mistkerl bringt mich noch um!»), und schrieb: «Gottlob bin ich nicht ein Goliath, sodass mir immer noch die Hoffnung bleibt, nicht zu unterliegen.»[9] Bis zu seinem Tod fertigte er rund zwanzig Studien und fünf überlebensgrosse Modelle an, ohne das Werk je zu einem Abschluss zu bringen. Um Kontroversen um die Nacktheit zu vermeiden, schuf er auch eine mit Hosen bekleidete Fassung.[8]
Das Kunstmuseum Thun ist im Besitz einer 84,5 cm hohen Studie in Bronze.[10] Eine weitere, 92 cm hohe Studie wurde im November 2010 für 11'000 Franken versteigert.[11]
Einweihung 1959
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Während man in Zürich nach Geisers Tod das hinterlassene Modell für das Arbeiterdenkmal mechanisch vergrössern und giessen liess und 1964 als Fragment aufstellte, beschloss man in Schaffhausen, mit dem Betrag der «Kulturspende» aus dem Nachlass ein David-Gipsmodell ohne Bezug zum ursprünglichen Projekt anzukaufen. Die Stadtbehörden entschieden sich zusammen mit Vertretern des Kulturspendenkomitees zunächst für einen nackten David. Die Stadt Schaffhausen liess zusätzlich die bekleidete Version anschaffen.[8] Beide Statuen wurden bei H. Rüetschi in Aarau gegossen.[12] Sie wurden am 4. Juli 1959 in einer schlichten Feier von Walther Bringolf enthüllt. Dabei sprachen auch Marcel Fischer und der Zürcher Stadtpräsident Emil Landolt, der in seiner Rede die Verbundenheit der Stadt Zürich mit Schaffhausen betonte.[12]
Beschreibung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Die beiden Statuen zeigen den überlebensgrossen jungen David nach seinem Sieg über den Riesen Goliat. Seinen linken Fuss hat er auf das abgeschlagene Haupt seines Feindes gesetzt, in seiner linken Hand hält er die Steinschleuder. An den Sockeln ist jeweils eine identische Gedenktafel mit folgender Inschrift in Majuskeln angebracht:
«Diese Plastik wurde aus Mitteln der Zürcher Kulturspende, entstanden aus freundeidgenössischer Hilfe nach der irrtümlichen Bombardierung Schaffhausens am 1. April 1944, erworben. Schöpfer der Plastik, die in zeitgemässer Darstellung das Freiheitssymbol des jungen David verkörpert, ist Karl Geiser. Dem Andenken an die Bombardierung, an die Solidarität des Schweizervolks und dem Andenken an Karl Geiser ist diese Figur gewidmet. 1959»
Deutung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wie in der Inschrift wurde das Werk auch in der zeitgenössischen Presse unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs einhellig als Symbol der Freiheit und des Schweizer Wehrwillens interpretiert. Der Bund nannte es ein «Symbol des Freiheitskampfes»,[13] die Neue Zürcher Zeitung ein «Symbol der kämpferischen Freiheit».[12] Die Neuen Zürcher Nachrichten sprachen von einem «eindrucksvolle[n] Symbol für den Freiheitswillen» und schlossen ihren Bericht zur Einweihung pathetisch mit dem Satz: «Dieser künstlerisch so kraftvolle David ist ein Symbol dafür, dass wir für Freiheit und Frieden kämpfen wollen!»[14]
Gabriel Katzenstein deutete das Werk 2020 als Beispiel tabuisierter homosexueller Kunst in der Schweiz. Für Geiser habe David ein «Sinnbild des Begehrens» dargestellt. Ausgehend von Davids Liebe zu Jonathan, die er in der Totenklage mit den Worten schildert: «Deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist.» (2 Sam 1,26 LUT), war er im neuzeitlichen europäischen Geistesleben eine beliebte Chiffre für homosexuelle Künstler.[8]
Katzenstein bemerkte ferner, Geisers David könnte von uninformierten Betrachtern auch als «Denkmal für einen Fussballspieler, der stolz seinen Fuss auf einen unförmigen Ball setzt», interpretiert werden.[8]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Walther Bringolf: Wettbewerb der Zürcher Kulturspende für Schaffhausen. In: Neue Zürcher Nachrichten. 2. Blatt. Nr. 156, 8. Juli 1947, S. 1 (online).
- Zürcher Kulturspende für Schaffhausen. In: Neue Zürcher Zeitung. Blatt 6. Nr. 1382, 15. Juli 1947, S. 5 (online).
- Zum Zürcher-Denkmal-Wettbewerb für Schaffhausen. In: Neue Zürcher Zeitung. Blatt 6. Nr. 1447, 25. Juli 1947, S. 1 (online).
- Karl Geiser: Zum Zürcher Denkmalwettbewerb für Schaffhausen. In: Neue Zürcher Zeitung. Blatt 6. Nr. 1565, 13. August 1947, S. 1 (online).
- Schaffhausen erhält zwei Statuen von Karl Geiser. In: Thurgauer Zeitung. Erstes Blatt. Band 161, Nr. 69, 23. März 1959, S. 2 (online).
- Ein Festtag des Schaffhauser Kunstlebens. Übergabe der Geiser-Plastiken und Ausstellungseröffnung. In: Neue Zürcher Zeitung. Blatt 1. Nr. 2105, 6. Juli 1959, S. 1 (online).
- Plastiken zur Erinnerung an die Schaffhauser Bombardierung. In: Der Bund. Abendausgabe. Band 110, Nr. 281, 6. Juli 1959, S. 3 (online).
- Enthüllung zweier Denkmal-Plastiken in Schaffhausen. In: Neue Zürcher Nachrichten. 1. Blatt. Band 55, Nr. 156, 8. Juli 1959, S. 1 (online).
- Adrian Riklin: Keine Helden, einfach nur Menschen sollen es sein. In: WOZ Die Wochenzeitung. 18. November 2010.
- Gabriel Katzenstein: Schwule Kunst? In der Schweiz nicht! In: Neue Zürcher Zeitung. 19. September 2020, S. 41 (Online-Version).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- David (nackt) und David (bekleidet) auf Vanderkrogt.net
- Studie zum «David» im Katalog des Kunstmuseums Thun
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Mark Wüst: Bevölkerung, Siedlung, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 2010, abgerufen am 2. April 2026.
- ↑ Andreas Rüfenacht: Die vernichtete Kunstabteilung und die Folgen ihrer Zerstörung. In: Museum zu Allerheiligen (Hrsg.): Kunst aus Trümmern. Die Bombardierung des Museums zu Allerheiligen 1944 und ihre Folgen. Hier und Jetzt, Baden 2019, ISBN 978-3-03919-489-6, S. 35–47.
- 1 2 Zum Zürcher-Denkmal-Wettbewerb für Schaffhausen. In: Neue Zürcher Zeitung. Blatt 6. Nr. 1447, 25. Juli 1947, S. 1 (online).
- ↑ Walther Bringolf: Wettbewerb der Zürcher Kulturspende für Schaffhausen. In: Neue Zürcher Nachrichten. 2. Blatt. Nr. 156, 8. Juli 1947, S. 1 (online).
- ↑ Enthüllung zweier Denkmal-Plastiken in Schaffhausen. In: Neue Zürcher Nachrichten. 1. Blatt. Band 55, Nr. 156, 8. Juli 1959, S. 1 (online).
- 1 2 3 4 Walther Bringolf: Wettbewerb der Zürcher Kulturspende für Schaffhausen. In: Neue Zürcher Nachrichten. 2. Blatt. Nr. 156, 8. Juli 1947, S. 1 (online).
- ↑ Zürcher Kulturspende für Schaffhausen. In: Neue Zürcher Zeitung. Blatt 6. Nr. 1382, 15. Juli 1947, S. 5 (online).
- 1 2 3 4 5 Gabriel Katzenstein: Schwule Kunst? In der Schweiz nicht! In: Neue Zürcher Zeitung. 19. September 2020, S. 41 (online).
- ↑ Adrian Riklin: Keine Helden, einfach nur Menschen sollen es sein. In: WOZ Die Wochenzeitung. 18. November 2010.
- ↑ Anja Seiler: Studie zum «David». In: Kunstmuseum Thun. Abgerufen am 29. März 2026.
- ↑ Studie zum «David». In: Dobiaschofsky Auktionen. Abgerufen am 29. März 2026.
- 1 2 3 Ein Festtag des Schaffhauser Kunstlebens. Übergabe der Geiser-Plastiken und Ausstellungseröffnung. In: Neue Zürcher Zeitung. Blatt 1. Nr. 2105, 6. Juli 1959, S. 1 (online).
- ↑ Plastiken zur Erinnerung an die Schaffhauser Bombardierung. In: Der Bund. Abendausgabe. Band 110, Nr. 281, 6. Juli 1959, S. 3 (online).
- ↑ Enthüllung zweier Denkmal-Plastiken in Schaffhausen. In: Neue Zürcher Nachrichten. 1. Blatt. Band 55, Nr. 156, 8. Juli 1959, S. 1 (online).
Koordinaten: 47° 41′ 43,4″ N, 8° 38′ 11,1″ O; CH1903: 689915 / 283438