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Counterclockwise-Experiment

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Ellen Langer (2013)

Das Counterclockwise-Experiment (dt. „Gegen-den-Uhrzeigersinn-Experiment“, euphemistisch auch als „Jungbrunnen“-Studie[1] bezeichnet) wurde 1979 von Ellen Langer durchgeführt, um die Hypothese zu prüfen, ob sich durch eine veränderte Selbst- und Fremdwahrnehmung bei älteren Probanden altersbedingte körperliche, gesundheitliche und kognitive Einschränkungen zum Positiven verändern.

Die Untersuchung wurde 1979 mittels eines Kontrollgruppendesigns durchgeführt.

Die Versuchsgruppe bestand aus acht Männer zwischen 70 und 80 Jahren, die für fünf Tage in einem Kloster in Peterborough untergebracht wurden. Diese wurden dabei in eine simulierte detailgetreue Nachbildung der Welt von 1959 versetzt. Die Möbel und sogar die Kleidung der Männer, die sie tragen mussten, stammten aus dem Jahr 1959; auch die in einem Schwarzweißfernseher gezeigten Filme, die Dekoration, Musik, Fotos und Zeitungen usw. entsprachen dem Eindruck, als lebten sie tatsächlich im Jahr 1959. Spiegel an den Wänden gab es nicht, dafür Bilder der Männer in jüngeren Jahren. Die Probanden wurden auch so behandelt, als wären sie 20 Jahre jünger, dazu gehörte auch, dass die Personen, die bereits Gehstöcke benutzten oder die an Arthrose litten, ihr Gepäck die Treppen zur Unterkunft selbst herauftragen mussten. Die Männer sollten zwei Mal täglich über die Zeitereignisse von 1959 (z. B. ob Atombunker notwendig sind und über Fidel Castros Vormarsch nach Havanna) so diskutieren, als ob diese in der Gegenwart stattfänden.

Eine Kontrollgruppe von ebenfalls acht älteren Männern nahm an einem separaten Aufenthalt teil. Diese hatten die Aufgabe, auch in Erinnerungen zu schwelgen und über ihr Leben im Jahr 1959 zu sprechen; aber wenn sie über die Ereignisse des Jahres 1959 sprachen, erfolgte das in der Vergangenheitsform.

Beide Gruppen unterzogen sich vor und nach ihren Aufenthalten körperlichen und geistigen Tests. Die Unterschiede zwischen den Gruppen waren deutlich: Die Teilnehmer der Experimentalgruppe zeigten eine größere Verbesserung in der Gelenkbeweglichkeit, der Fingerlänge (d. h. ihre Arthritis ging zurück und sie konnten ihre Finger besser strecken) und der Feinmotorik. Bei Intelligenztests verbesserten sich die Ergebnisse bei 63 Prozent der Experimentalgruppe, verglichen mit nur 44 Prozent der Kontrollgruppe. Auch Größe, Gewicht, Gang und Körperhaltung verbesserten sich. Angeblich spielten am letzten Tag die Teilnehmenden der Experimentalgruppe, die zuvor Mühe hatten, eine Treppe hochsteigen, spontan Touch-Football, eine Amateurvariante des American Football. Zudem mussten vier uneingeweihte Personen die Fotos der Teilnehmer am Ende der Woche mit den zu Beginn der Studie eingereichten Fotos vergleichen. Diese Beobachter beurteilten, dass die Teilnehmer der Experimentalgruppe am Ende der Studie im Schnitt zwei Jahre jünger aussahen.

Die Schlussfolgerung aus dieser Studie war für die Autorin, dass das, was man für biologisch unvermeidliches Altern hält, zu einem erheblichen Teil ein psychologisches Konstrukt sei, das von negativen Erwartungen und Stereotypen geformt ist und von einschränkenden Umgebungsfaktoren verstärkt wird, die man auch anders gestalten könnte. Altern sei so eine selbsterfüllende Prophezeiung von negativen Überzeugungen und Erwartungen in Bezug auf das Altern und das Counterclockwise-Experiment habe Belege für die These gefunden, dass wir unsere körperliche Gesundheit durch eine Veränderung unserer Denkweise beeinflussen können.

Weitere Belege für ähnliche Wirkungen negativer Zuschreibungen hatte die Autorin in anderen Studien gefunden: So konnte in einer kulturvergleichenden Studie nachgewiesen werden, dass kulturelle Vorstellungen vom Altern eine Rolle bei der Bestimmung des Ausmaßes des Gedächtnisverlusts im Alter spielen.[2] In einem Feldexperiment in einem Pflegeheim wurden von ihr die Auswirkungen von mehr Eigenverantwortung und Wahlmöglichkeiten auf das psychische Wohlbefinden bei 91 Bewohner untersucht; in der Experimentalgruppe, der die Freiheit gegeben wurde, eigene Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung für die Pflege einer Pflanze zu übernehmen, konnte im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, bei der die Entscheidungen vom Personal getroffen und die Pflege übernommen wurde, durch Fragebogenerhebungen und Verhaltensbeobachtungen eine signifikante Verbesserung der Wachheit, der aktiven Teilnahme und des allgemeinen Wohlbefindens in der Experimentalgruppe gefunden werden.[3] Und in einer Studie zu selbstinduzierter Abhängigkeit, in der die Probanden fälschlicherweise zum Schluss auf Inkompetenz aufgrund situativer Faktoren gedrängt wurden, wurde gezeigt, dass Hilflosigkeit trotz vorherigen Erfolgs bei der betreffenden Aufgabe durch die Zuweisung des Etiketts einer Unterlegenheit resultieren kann. Dieses Konstrukt selbstinduzierter Abhängigkeit beschreibt, wie eine Person von der Zuweisung eines „minderwertigen“ Etiketts auf ein Etikett der Inkompetenz verallgemeinert, wodurch sich ihre Leistung weiter verschlechtert.[4]

Replikationsversuche

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Die BBC baute das Experiment für eine Dokumentation später nach, wobei die anekdotischen Ergebnisse denen der ursprünglichen Studie angeblich entsprachen.[5] Die Darstellung ist unterhaltsam, genügt aber nicht wissenschaftlichen Standards.

In einer italienischen Replikationsstudie durch Francesco Pagnini und andere sollte 2019 das Counterclockwise-Experiment wiederholt werden.[6] Geprüft sollte werden, ob das Altern zumindest teilweise Ausdruck einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung sei, welche die eigenen Altersstereotype widerspiegelt. Die Studie wurde als randomisierte Kontrollstudie mit einer experimentellen Gruppe („Gegen den Uhrzeigersinn“), einer aktiven Kontrollgruppe (gleiche Aktivitäten, keine Zeitmanipulation) und einer Kontrollgruppe ohne Behandlung durchgeführt. An der Studie nahmen 90 ältere Erwachsener (ab 75 Jahren) teil, die in einen Ferienort auf dem Land außerhalb von Mailand gebracht und nach dem Zufallsprinzip auf diese drei Gruppen aufgeteilt wurden. Untersuchungen der Teilnehmer hinsichtlich ihres medizinischen, kognitiven, psychologischen und altersentsprechenden Erscheinungsbildes fanden zu vier Zeitpunkten statt: zum Zeitpunkt der Rekrutierung, nach der Intervention (d. h. nach einer Woche in der Kontrollgruppe) und erneut nach 6 und 12 Monaten. Laut dem Studiendesign scheint diese Studie vielversprechend, Ergebnisse daraus wurden aber nicht veröffentlicht; zumindest enthält die Publikationsliste von Francesco Pagnini nur diesen Versuchsplan und keinen Verweis auf Ergebnisse.[7]

Kritik an der Studie

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Die Autorin publizierte die Studie niemals in einem Fachjournal, sie wurde deshalb nie einem kritischen Peer Review unterzogen[8] und die Daten liegen für eine Reanalyse auch nicht mehr vor.

Bemängelt wurden an der Studie[9] die sehr kleinen Stichproben, die für die weitreichenden Interpretationen der Autorin keine überzeugende Basis liefern. Die Studie wurde ferner nur mit älteren Männern durchgeführt, Frauen waren nicht beteiligt. Zudem wurde das Fehlen einer echten Kontrollgruppe bemängelt, die einfach nur fünf Tage Urlaub ohne eine Intervention hätte machen können. Auch die angewandten Messmethoden wurden kritisiert, denn die Verbesserungen (z. B. Sehkraft, Gehör) basierten teilweise auf Selbsteinschätzungen oder Tests, die durch die Erwartungshaltung der Teilnehmer beeinflusst worden sein könnten. James C. Coyne, ein Gesundheitspsychologe an der Perelman School of Medicine der University of Pennsylvania, wirft Ellen Langer sogar vor, sie verhalte sich nicht wie eine Wissenschaftlerin[10], sondern ihre Selbstdarstellung als angesehene, vielpublizierende Harvard-Psychologin sei ein Bestandteil ihrer Markenbildung und Selbstvermarktung. Oder, wie andernorts festgestellt wurde:

„The Langer case serves as a reminder that extraordinary claims require extraordinary evidence, especially when results seem almost magical in their scope and impact. While the mind-body connection is scientifically established, claims about dramatically reversing aging through environmental changes need robust validation before acceptance by the scientific community.“

„Der Fall Langer verdeutlicht, dass außergewöhnliche Behauptungen außergewöhnliche Beweise erfordern, insbesondere wenn die Ergebnisse in ihrem Umfang und ihrer Wirkung beinahe magisch anmuten. Zwar ist der Zusammenhang zwischen Geist und Körper wissenschaftlich belegt, doch Behauptungen über eine drastische Umkehrung des Alterungsprozesses durch Umweltveränderungen bedürfen einer fundierten Validierung, bevor sie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft akzeptiert werden.“

  • Counterclockwise: Mindful Health and the Power of Possibility. Ballantine Books, New York City 2009, ISBN 978-0-345-50204-9.
    • Deutsche Ausgabe: Die Uhr zurückdrehen? Gesund alt werden durch die heilsame Wirkung der Aufmerksamkeit. Junfermann, Paderborn 2011, ISBN 978-3-87387-755-9.

Einzelnachweise

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  1. Stefanie Maeck: Wie der Kopf das Altern beeinflusst: Die Geschichte eines legendären Experiments auf geo.de vom 9. April 2026, abgerufen am 16. April 2026.
  2. R. Levy; E.Langer: Aging free from negative stereotypes: Successful memory in China among the American deaf. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1994, 66 (6), S. 989–997.
  3. E. J. Langer; J. Rodin: The effects of choice and enhanced personal responsibility for the aged: A field experiment in an institutional setting. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1976, 34 (2), S. 191–198.
  4. E. J. Langer; A. Benevento: Self-induced dependence. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1978, 36 (8), S. 886–893.
  5. Can you trick your ageing body into feeling younger? auf BBC vom 15. September 2010, abgerufen am 16. April 2026.
  6. F. Pagnini; C. Cavalera; E. Volpato; B. Comazzi; Riboni F. Vailati; C. Valota: K. Bercovitz; E. Molinari; P. Banfi; D. Phillips; E. Langer: Ageing as a mindset: a study protocol to rejuvenate older adults with a counterclockwise psychological intervention. In: BMJ Open, 2019, 9 (7), e030411.
  7. Francesco Pagnini auf Scholar Google, abgerufen am 16. April 2026.
  8. Mike Hall: Hotels and houseplants: why we should doubt Ellen Langer’s mind-over-matter miracles auf The Sceptic vom 26. Juni 2024, abgerufen am 16. April 2026.
  9. The Counterclockwise Experiment auf Hacker News, abgerufen am 16. April 2026.
  10. The Bad Science of Positive Psychology - Ft James C. Coyne auf YouTube, abgerufen am 16. April 2026.