Cerf Beer

Herz Cerf Beer von Medelsheim, ursprünglich Naphtali Ben Dov Beer (französisch auch Cerfbeer), (* um 1726 in Medelsheim; † 7. Dezember 1793 in Straßburg) war ein bedeutender französischer Hofjude und ein früher Vorkämpfer für die jüdische Emanzipation.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sein Vater Beer Hertz (auch Dov Beer, geb. um 1700, gest. 1778) war Kaufmann und stammte aus Worms. Er war einer Mitbegründer jenes Konsortiums, das 1749 von Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken ein Privileg zum Betrieb von Eisenhütten in und um Saarbrücken erhielt. Da Juden die Ansiedlung in Saarbrücken verboten war, ließ er sich um 1725 im nahegelegenen Bliesgau nieder, im Gebiet der Reichsgrafen von der Leyen. All dies legt nahe, dass Dov Beer über ein gewisses Vermögen verfügte. Entsprechend erfuhr sein Sohn Cerf, über dessen Kindheit nichts bekannt ist, mit großer Wahrscheinlichkeit eine gute Bildung. Neben einer älteren Schwester Rebekka, die noch 1723 in Worms geboren worden war, besaß Cerf Beer eine weitere, jüngere Schwester und drei Brüder.
Am 3. September 1748 heiratete Cerf in Straßburg Jüttel oder Judith Weyl aus Bischheim und ließ sich dort nieder. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er um 1783 Hannah, die wie er verwitwet war und drei Kinder aus ihrer ersten Ehe mit Jacob Sussmann Regensburger hatte; Regensburger hatte seinen Namen zuvor schon in Ratisbonne (franz. Regensburg) geändert. Sein Stiefsohn aus dieser Ehe, der Bankier Jean Sussmann genannt Auguste Ratisbonne, heiratete seine Enkelin Adelheid. Zwei ihrer Söhne, Théodore und Alphonse Ratisbonne, erlangten später nach ihrer Konversion zum katholischen Glauben als Ordensgründer Bedeutung.
Seit seiner Ankunft im Elsass arbeitete Cerf Beer als Vieh- und Futterhändler. Als 1756 der Siebenjährige Krieg ausbrach, gelang es Cerf Beer, sich als Versorgungslieferant der französischen Armee in Straßburg zu etablieren. Er baute enge Kontakte zu den höchsten Kreisen des französischen Hofes auf, war u. a. persönlich mit den Kriegsministers Ludwigs XV. und XVI. bekannt. 1775 verlieh ihm König Ludwig XVI. als erstem Juden im Elsass ein sog. königliches Patent, das modern gesprochen einer Einbürgerung gleichkam.[1] Nach dem Ausbruch der Französischen Revolution wurde der mittlerweile zurückgezogen lebende Cerf Beer im Frühjahr 1793 in Straßburg von den Jakobinern vorübergehend verhaftet. Noch im selben Jahr starb er und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Rosenwiller beerdigt.
Er unterhielt ein weites Verwandtschaftsnetzwerk, in dem sich auch andere bekannte Persönlichkeiten finden. Er war mit der Kaufmannsfamilie Seligmann verwandt. Zwei Söhne Cerf Beers waren angesehene Bankiers in Straßburg.
Kampf für die jüdische Emanzipation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mit dem Anschluss des Elsass an das Königreich Frankreich nach den Friedensschlüssen von Rijswijk und Rastatt 1697 und 1714 war vertraglich festgehalten worden, dass dort die Mehrzahl der althergebrachten lokalen und regionalen Gesetze weiter gelten sollten.[2] Das schloss eine Großzahl diskriminierender Regeln für die im Elsass starke jüdische Bevölkerung ein. Während im restlichen Frankreich nur ca. 0,2 % der Bevölkerung jüdisch waren, vornehmlich Sephardim, die zudem gut in die französische Gesellschaft integriert waren, waren im Elsass ca. 3 % der Gesamtbevölkerung jüdisch, die in ihrer Mehrzahl eine verarmte Landbevölkerung darstellten, die vom sozialen und wirtschaftlichen Leben, das im Elsass im 18. Jahrhundert einen großen Aufschwung nahm, weitgehend ausgeschlossen waren.[3] Das schloss das Verbot ein, innerhalb Straßburgs Grundbesitz zu erwerben oder nur dort zu übernachten: Jüdische Geschäftsleute wie Cerf Beer mussten die Stadt jeden Abend verlassen und durften erst am nächsten Morgen zu ihrem Geschäft zurückkehren. Beim Betreten der Stadt wurde jedes Mal ein sog. „Leibzoll“ (péage corporel) fällig, der allerdings nicht jedem Einzelnen auferlegt wurde, sondern pauschal pro Jahr von der jüdischen Gemeinschaft eingefordert wurde. Dazu wurde der Zoll mit einer hohen Jahressumme verpachtet. 1763 bis 1784 hatte Cerf Beer diese Pacht erworben und das Defizit aus eigener Tasche ersetzt.[4]
Anfang der 1770er Jahre war Cerf Beer in die Position eines der drei Vorsteher (préposé général) der jüdischen Gemeinde im Elsass aufgerückt. Mithilfe seiner ausgezeichneten Verbindungen nach Paris und seines wirtschaftlichen Einflusses begann er nun, auf die Abschaffung des Leibzolls hinzuarbeiten.[5] 1775 richtete er ein Bittschreiben an Ludwig XVI., als dessen Ergebnis er das schon oben erwähnte königliche Patent erhielt, das einer Einbürgerung gleichkam und zumindest für ihn und seine Familie eine Befreiung vom Leibzoll bedeutete.[6] 1778 hatte der König in der Tat seinen Vertrauten Chrétien Guillaume de Lamoignon de Malesherbes (1721–1794), der von 1775 bis 1776 Erster Minister des Königs gewesen war, mit der Reform der Judengesetze beauftragt. Diese Bemühungen wurden in den folgenden Jahren zwar weiterverfolgt, verliefen aber während der Zeit des ancíén régime im Sande.
Um 1780 hatte Cerf Beer sich an Moses Mendelssohn in Berlin gewandt und den europaweit berühmten Mann um eine Denkschrift zur Verbesserung der Stellung der Juden gebeten. Mendelssohn hielt es für strategisch klüger, wenn so eine Schrift von einem Christen verfasst würde, und leitete den Auftrag an Christian Konrad Wilhelm von Dohm (1751–1820) weiter. Die Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ erschien 1781 und 1783 in einer zweiten Auflage (mit einem zusätzlichen zweiten Band).[7] Sie verbreitete sich rasant in ganz Europa, wurde auch ins Französische übersetzt und gilt als das Hauptwerk der Aufklärung für die jüdische Emanzipation. 1782 wurde z. B. die sog. „Juden-Leibmauth“ in den Habsburgischen Landen abgeschafft, und 1784 auch in Frankreich. Das große Ziel der Einbürgerung der jüdischen Bevölkerung war allerdings nicht erreicht.[8]
Erst mit dem Ausbruch der Revolution 1789 kam wieder Bewegung in die Angelegenheit. Den jüdischen Gemeinden im Elsass und in Lothringen war es gelungen, eigene Abgeordnete in die Nationalversammlung zu entsenden.[9] Zwar gehörte Cerf Beer nicht dazu, aber er reiste ebenfalls nach Paris und trat dort als „grand préposé“ der elsässischen Juden auf. In der Nationalversammlung sprach mit Berr Isaac Berr erstmals ein Jude, und das Anliegen der bürgerlichen Gleichberechtigung wurde von den führenden Aufklärern innerhalb der Nationalversammlung unterstützt.[10] 1791 erließ die Nationalversammlung schließlich am 28. September, dass alle Dekrete und Gesetze, die diskriminierende und einschränkende Vorgaben gegenüber jüdischen Personen enthielten, aufgehoben seien.[11]
Unternehmer
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Cerf Beer profitierte von den Aktivitäten seines Vaters, der den Grundstock seines Geschäftes legte, und engagierte sich als Pächter mehrerer Eisenwerke. Er trat damit in Geschäftsbeziehungen zu Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken. In den Jahren nach 1746 gelangte Cerf Beer zu großem Reichtum. Er verdankte dies besonders seiner Rolle als Armeelieferant. So ist belegt, dass er um 1767 der französischen Kavallerie Futter in die Garnison Straßburg lieferte. Ludwig XVI. verlieh ihm den offiziellen Titel eines Directeur général des fourages militaires. Er wurde zudem von dem für Juden üblichen Leibzoll befreit.[12]
Er trat als Finanzier der Fürsten und ihrer Höfe, insbesondere aber des französischen Königs, auf. In diesem Zusammenhang tauchte sein Name in der Halsbandaffäre auf. Er erwarb besonders in Straßburg aber auch in Paris umfangreichen Grund- und Immobilienbesitz, was Juden nicht ohne weiteres erlaubt war.
Philanthrop
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Cerf Beer wird stets als gottesfürchtig und charakterfest beschrieben. Eine Verbesserung der Situation der Juden war ihm ein großes Anliegen. So verlangte er eine Repräsentation der Juden bei den Generalständen. Für seine Verdienste um seine Glaubensgenossen wurde ihm als erstem der Titel Syndic général de la nation juive verliehen.
Im Zusammenhang mit der andauernden Diskriminierung und einer Hetzkampagne gegen die elsässer Juden wandte sich Cerf Beer an Moses Mendelssohn, der wiederum seinen Freund Christian Wilhelm Dohm zur Veröffentlichung seiner Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden veranlasste.[13]
Er kaufte mit erheblichen Mitteln die elsässischen Juden vom Leibzoll frei. Er finanzierte in Paris einen Friedhof für deutsche Juden und stiftete 175.000 Livres für das Talmudstudium der jüdischen Jugend und für arme heiratswillige Mädchen.[14]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Joseph Lemann: Eintritt der Israeliten in die bürgerliche Gesellschaft der christlichen Staaten. Aus dem Französischen übersetzt; Sutter, Rixheim 1888, S. 80–111 (Google Books).
- Mordechai Breuer, Michael Graetz (Hrsg.): Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit, Bd. 1: Tradition und Aufklärung. 1600–1780. Beck, München 2000, ISBN 3-406-45941-2.
- Karl Lillig: Cerf Beer von Medelsheim (1726–1793). In: Saarheimat. Zeitschrift für Kultur, Landschaft und Volkstum, Bd. 24 (1980), S. 171–176, ISSN 0724-6218.
- Joachim Motsch: Meltis oder Medelsheim, Bd. 1: Von den Anfängen bis 1815. Gemeinde Gersheim, 1985, S. 82, S. 470–474.
- Michel Prevost: Cerfbeer. In: Jules Balteau, Marius Barroux (Hrsg.): Dictionnaire de Biographie francaise, Bd. 8. Letoutey & Ané, Paris 1959, S. 54f.
- Margaret R. O’Leary: Forging Freedom. The Life of Cerf Berr of Médelsheim. iUniverse, Bloomington 2012, ISBN 978-1-4759-1013-1.
- überarbeitete Neuausgabe unter dem Titel: Cerf Berr of Médelsheim 1726–1793: Emancipating the Jews in Eighteenth-Century France. iUniverse, Bloomington 2014, ISBN 978-1-4917-3420-9.
- Thomas Bergholz: Cerf Beer von Medelsheim (1726–1793) – Dem Vorkämpfer für die Emanzipation der französischen jüdischen Gemeinden zum 300. Geburtstag. In: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 74 (2026), S. 35–84, Herder, Freiburg, 2026.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Beer Herz Cerf in der Datenbank Saarland Biografien
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Motsch, S. 474
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 41
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 43–44
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 49–50
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 53
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 54
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 56–57
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 62
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 70
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 73–74
- ↑ Bergholz: Cerf Beer, S. 75
- ↑ Prevost: Cerfbeer, S. 54
- ↑ Graetz: Jüdische Aufklärung, S. 318
- ↑ Lillig: Cerf Beer, S. 175
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Beer, Cerf |
| ALTERNATIVNAMEN | Beer, Naphtali Ben Dov |
| KURZBESCHREIBUNG | Bankier, Hoffaktor, Philanthrop |
| GEBURTSDATUM | 1726 |
| GEBURTSORT | Medelsheim |
| STERBEDATUM | 7. Dezember 1793 |
| STERBEORT | Straßburg |