Carla Simón
Carla Simón (* 29. Dezember 1986 in Barcelona als Carla Simón Pipó) ist eine spanische Filmregisseurin und Drehbuchautorin. Internationale Bekanntheit brachte ihr das autobiografisch geprägte Spielfilmdebüt Fridas Sommer (2017) ein. Ihr zweiter Spielfilm Alcarràs – Die letzte Ernte (2022) gewann den Goldenen Bären der 72. Berlinale.
Leben und Karriere
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Carla Simón wuchs bei Verwandten in dem katalanischen Dorf Les Planes d’Hostoles (Provinz Girona, Garrotxa) auf, nachdem sie ihre leiblichen, kurz nach Carlas Geburt schon getrennt lebenden Eltern verloren hatte.[1] Sie ist Mitglied einer großen Familie, die sie als Inspiration für ihre Geschichten nutzt.[2] Als Simón drei Jahre alt war, erlag ihr aus Galicien stammender Vater seiner HIV-Erkrankung im Zuge seines Heroinkonsums. Das gleiche Schicksal ereilte ihre Mutter drei Jahre später. Als Zwölfjährige erfuhr Simón von ihrer Adoptivmutter, dass sich ihre Eltern durch Drogenkonsum mit HIV infiziert hatten.[3] Die Erfahrung, nur bruchstückhafte Erinnerungen an ihre Eltern zu besitzen, war eine wichtige Inspiration ihres filmischen Arbeitens.[4]
Simón studierte ein Jahr an der University of California. Danach ging sie nach Spanien zurück und begann ein Studium der audiovisuellen Kommunikation an der Autonomen Universität Barcelona.[5] Dort nahm sie auch an einem Kurs in Fernsehregie und im Verfassen von Fernsehdrehbüchern teil.[2] Daran schlossen sich erste Regiearbeiten für TV-Serien sowie Reportagen beim katalanischen Fernsehen an.[5]
Nach dem Erhalt eines renommierten Stipendiums der Obra Social von la Caixa lebte Simón einige Zeit in London, wo sie an der privaten Filmhochschule LFS studierte. Dort entstanden der 18-minütige Dokumentarfilm Born Positive (2012) und der zehnminütige Kurzspielfilm Lipstick (2013), die ihr erste Einladungen auf internationalen Filmfestivals einbrachten.[5] Born Positive stellt drei junge Londoner in den Mittelpunkt, die alle mit HIV geboren wurden, während Lipstick von zwei Geschwistern handelt, die mit dem plötzlichen Tod ihrer Großmutter konfrontiert werden.

Im Jahr 2015 folgte der 27-minütige Kurzspielfilm Las pequeñas cosas über die schwierige Beziehung einer Mutter zu ihrer kleinwüchsigen Tochter. Für das Drama wurde Simón in den Wettbewerb des Angers European First Film Festival eingeladen. Ein Jahr später entstand der 14-minütige experimentelle Kurzfilm Llacunes (2016), in dem sie die Briefe ihrer toten Mutter Neus Pipó und die Orte entdeckte, an denen sie geschrieben wurden.[6] Die Briefe wurden für Simón zu einem seltenen Zugang zu ihrer Mutter und zugleich zu einem Material, aus dem sie später wesentliche Elemente von Romería entwickelte.[4][7] Für Simón sind diese Briefe das wichtigste erhaltene Zeugnis ihrer Mutter, weil sie darin deren Sprache und Stimme wiederzufinden meint.[3]
Den internationalen Durchbruch als Filmemacherin brachte Simón ihr in katalanischer Sprache gedrehtes Spielfilmdebüt Fridas Sommer (2017) ein. Das Drama handelt von einem 6-jährigen Mädchen (dargestellt von Laia Artigas), das nach dem Tod der Mutter Barcelona verlassen und bei der Familie ihres Onkels auf dem Land aufwachsen muss. Das Werk, inspiriert von Simóns eigenen Kindheitserinnerungen,[8] wurde in der Sektion Generation der Internationalen Filmfestspiele Berlin uraufgeführt und gewann in der Folge über 30 internationale Film- und Festivalpreise.[9] Zu den gewonnenen Auszeichnungen zählten der spanische Filmpreis Goya in der Kategorie Beste Nachwuchsregie, während Fridas Sommer als spanischer Beitrag für eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film eingereicht wurde.
Nach dem Erfolg ihres ersten Spielfilms inszenierte Simón gemeinsam mit der chilenischen Filmemacherin Dominga Sotomayor den 19-minütigen Dokumentar-Kurzfilm Correspondencia (2020), der über ihre Leben und ihre Arbeit berichtete. Mit Fridas Sommer, Alcarràs und Romería schuf sie in der Folge eine lose Trilogie, die unterschiedliche Teile ihrer eigenen Familiengeschichte verarbeitet.[4][7] Ihre Inszenierungen umfassen ausgedehnte Familien- und Gruppenszenen, in denen Geburtstage, Mahlzeiten, Feste oder andere Zusammenkünfte als vielstimmige soziale Choreografien erscheinen.[3] Für solche Szenen lässt Simón ihre Schauspieler den Text nur einmal lesen, damit sie beim Dreh Lücken durch Improvisation füllen müssen.[3] Zudem führt sie Ensemblemitglieder vor Dreharbeiten bei Feiern, Spaziergängen oder Einkaufsgängen zusammen, um Beziehungen und Reibungen zwischen ihnen entstehen zu lassen.[3] Kinder betrachtet sie als besonders wichtig für ihre Arbeitsweise, weil sie Zufall und Unberechenbarkeit in die Dreharbeiten bringen.[3] Als wichtige filmische Referenz für die Arbeit mit Kindern nannte sie Víctor Erices Der Geist des Bienenstocks.[3]
Im Jahr 2022 erhielt sie für ihren zweiten Spielfilm Alcarràs – Die letzte Ernte den Goldenen Bären der 72. Berlinale.[10] Auch dieses Werk drehte sie in katalanischer Sprache und besetzte es mit Laiendarstellern. Der Film ist in der von Pfirsichanbau geprägten katalanischen Lebenswelt ihrer Adoptivfamilie verankert.[3] Ein Jahr später wurde Simón in die Wettbewerbsjury der 73. Berlinale eingeladen.[11]
Im Jahr 2025 erhielt sie für ihren Spielfilm Romería – Das Tagebuch meiner Mutter eine Einladung in den Hauptwettbewerb des 78. Filmfestivals von Cannes. Der Titel bedeutet im Spanischen „Pilgerreise“.[3] Der Film erzählt von der 18-jährigen Marina, die nach Galicien reist, um für die Bewerbung an einer Filmhochschule die Sterbeurkunde ihres Vaters zu beschaffen, und dabei auf ihre väterliche Verwandtschaft, verdrängte Erinnerungen und Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter stößt.[4][7] Für das Drehbuch griff Simón auf Briefe ihrer Mutter zurück, die sie teilweise in Tagebucheinträge umarbeitete und als Zugang zur Sprache und Erfahrungswelt der Elterngeneration nutzte.[4][7] Der Film basiert in groben Zügen auf Reisen Simóns zu Verwandten in Madrid, Barcelona und Galicien, die sie nicht aus Wut oder dem Gefühl des Verlassenseins, sondern aus Neugier unternahm.[3] Mit dem Film wollte sie zugleich an jene spanische Generation erinnern, deren Leben in den 1980er-Jahren von postfranquistischer Aufbruchsstimmung, der Heroinkrise und der raschen Verbreitung von HIV/AIDS geprägt war.[4][7] Simón verknüpft diese Familiengeschichte mit der spanischen Transition, in der neu gewonnene Freiheiten und die Gegenkultur der Movida auf eine landesweite Heroinepidemie trafen.[3] Dabei wendet sie sich gegen eine Deutung dieser Generation über Scham oder Schuld und beschreibt das Schicksal ihrer Eltern vielmehr als Folge unglücklicher historischer und persönlicher Umstände.[3] Mit Romería löste sie sich zudem bewusst ein Stück weit von dem Naturalismus, mit dem ihr Werk zuvor verbunden worden war, und öffnete sich vermehrt fiktionalen und traumartigen Formen.[4][7] Etwa ab der Mitte des Films verschiebt sich der Stil in Richtung magisch-realistischer Elemente und eines stärker musikalisch geprägten Erzählens.[3] Für die Hauptrolle besetzte sie die bis dahin unbekannte Llúcia Garcia und weitere Rollen besetzte sie mit Tristán Ulloa, Sara Casasnovas, Myriam Gallego, José Ángel Egido und Janet Novás.[7] Nach Abschluss dieser autobiografisch geprägten Werkphase kündigte Simón die Arbeit an einem Flamenco-Musical an.[4][7][3]
Filmografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 2009: Mujeres (Dokumentar-Kurzfilm)
- 2010: Lovers (Kurzfilm)
- 2012: Born Positive (Dokumentar-Kurzfilm)
- 2013: Lipstick (Kurzfilm)
- 2015: Las pequeñas cosas (Kurzfilm)
- 2016: Llacunes (Kurzfilm)
- 2017: Fridas Sommer (Estiu 1993)
- 2019: Después también (Kurzfilm)
- 2020: Correspondencia (Dokumentar-Kurzfilm)
- 2020: Escenario 0 (Fernsehserie, eine Folge)
- 2022: Alcarràs – Die letzte Ernte (Alcarràs)
- 2025: Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (Romería)
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 2013: Screentest: The National Student Film Festival – Bester Dokumentarfilm (Born Positive)
- 2017: zwei Auszeichnungen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin – Bestes Erstlingswerk, Preis der Internationalen Jury von Generation Kplus – Bester Film (Fridas Sommer)
- 2017: Buenos Aires International Festival of Independent Cinema – Beste Regie (Fridas Sommer)
- 2017: International Istanbul Film Festival – Spezialpreis der Jury (Fridas Sommer)
- 2017: London Film Festival – Sutherland Award, Lobende Erwähnung (Fridas Sommer)
- 2017: Filmfestival Málaga – Bester Film, Bester spanischer Film, Bestes Erstlingswerk, ASECAN Award, SIGNIS Award (Fridas Sommer)
- 2017: Mumbai Film Festival – Golden Gateway Award (Fridas Sommer)
- 2017: Odesa International Film Festival – Bester Film (Fridas Sommer)
- 2017: Premios Fénix – Bestes Drehbuch (Fridas Sommer)
- 2018: Filmfestival von Cannes – Kering Women in Motion Young Talent Award
- 2018: Fotogramas de Plata – Bester spanischer Film (Fridas Sommer)
- 2018: Goya – Beste Nachwuchsregie (Fridas Sommer)
- 2018: Premio ASECAN del Cine Andaluz (Fridas Sommer)
- 2018: Premio del Círculo de Escritores Cinematográficos – Bestes Originaldrehbuch (Fridas Sommer)
- 2018: Premio Días de Cine – Bester spanischer Film (Fridas Sommer)
- 2018: Premio Feroz – Bestes Filmdrama, Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch (Fridas Sommer)
- 2018: Premis Gaudí – Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch (Fridas Sommer)
- 2018: Premis Sant Jordi de Cinematografia – Bestes Erstlingswerk (Fridas Sommer)
- 2020: Mar del Plata Film Festival – Bester lateinamerikanischer Kurzfilm (Correspondencia)
- 2023: Premio Nacional de Cinematografía[7]
Darüber hinaus gewann ihr Spielfilm Alcarràs den Goldenen Bären der 72. Berlinale, der aber offiziell den Produzenten des Films zuerkannt wird.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Carla Simón bei IMDb
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Francesc Miró: “El cine me ha ayudado a entender el porqué de las cosas” (Kino hat mir geholfen, das Warum der Dinge zu verstehen). El Diario, 29. Juni 2017, abgerufen am 18. Februar 2022 (spanisch).
- 1 2 Estiu 1993. In: berlinale.de (abgerufen am 25. Januar 2022).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Philip Oltermann: Carla Simón: ‘In Spain people use words like shame and blame. But my parents just had bad luck’. In: The Guardian. 13. Mai 2026, abgerufen am 13. Mai 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 Arabella Wintermayr: „Ich schuf Bilder meiner Eltern, die es sonst nicht gäbe“. In: taz. 31. März 2026, abgerufen am 31. März 2026.
- 1 2 3 Presseheft zu Fridas Sommer bei grandfilm.de, S. 3 (PDF-Datei, 509 KiB; abgerufen am 25. Januar 2022).
- ↑ Llacunes. In: iniciafilms.com (abgerufen am 25. Januar 2022).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Alberto Sisí Sánchez: Carla Simón, directora: “La maternidad ha roto muchas carreras, las cosas como son. Artísticas, ni te cuento. Encontrar tu tiempo para crear, en casa y con hijos, es muy chungo”. In: Vogue España. 19. August 2025, abgerufen am 31. März 2026 (spanisch).
- ↑ Presseheft zu Fridas Sommer bei grandfilm.de, S. 4 (PDF-Datei, 509 KiB; abgerufen am 25. Januar 2022).
- ↑ Fridas Sommer (2017) – Awards. In: imdb.com (abgerufen am 25. Januar 2022).
- ↑ Die Preise der Internationalen Jury. In: berlinale.de, 16. Februar 2022 (abgerufen am 16. Februar 2022).
- ↑ Internationale Jury. In: berlinale.de (abgerufen am 1. Februar 2023).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Simón, Carla |
| ALTERNATIVNAMEN | Simón Pipó, Carla (vollständiger Name) ; Simón i Pipó, Carla (katalanisch) ; Simon Pipó, Carla |
| KURZBESCHREIBUNG | spanische Filmregisseurin und Drehbuchautorin |
| GEBURTSDATUM | 29. Dezember 1986 |
| GEBURTSORT | Barcelona |