EU-Mitgliedschaftsreferendum im Vereinigten Königreich 2016
| Ergebnis des Referendums | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 51,89 % | 48,11 % | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Austritt | Verbleib | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Partei | Landesteil[Anm. 1] | Für einen weiteren Verbleib in der EU |
Ref. | |
|---|---|---|---|---|
| Liberal Democrats | Großbritannien | Ja | [66] | |
| Labour Party | Großbritannien | Ja | [67][68] | |
| Green Party of England and Wales | England und Wales | Ja | [69] | |
| Scottish Green Party | Schottland | Ja | [70] | |
| Green Party in Northern Ireland | Nordirland | Ja | [71] | |
| Plaid Cymru | Wales | Ja | [72] | |
| Scottish National Party | Schottland | Ja | [73][74] | |
| Sinn Féin | Nordirland | Ja | [75] | |
| Social Democratic and Labour Party | Nordirland | Ja | [76] | |
| Alliance Party | Nordirland | Ja | [77][78] | |
| Ulster Unionist Party | Nordirland | Ja | [79] | |
| Conservative Party | Vereinigtes Königreich | Neutral | [80][81][82] | |
| Democratic Unionist Party | Nordirland | Nein | [83] | |
| Traditional Unionist Voice | Nordirland | Nein | [84] | |
| UK Independence Party | Vereinigtes Königreich | Nein | [85] | |
Anmerkungen
- ↑ Gemeint sind die Landesteile des Vereinigten Königreichs, in denen die betreffende Partei bei Wahlen kandidiert.
Unter den kleineren Parteien befürworteten die Respect Party,[86][87] die Trade Unionist and Socialist Coalition (TUSC),[88] Independence from Europe,[89] und die British National Party (BNP)[90] den EU-Austritt. Die Scottish Socialist Party (SSP) sprach sich für ein Verbleiben in der EU aus.[91]
Einzelne Politiker
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Einzelne prominente Politiker machten ihren Standpunkt, der nicht immer der offiziellen Parteiempfehlung entsprach, öffentlich deutlich. Nachfolgend sind Politiker aufgelistet, die entgegen der offiziellen Parteilinie abstimmen wollten oder deren Partei keine offizielle Stimmempfehlung veröffentlichte.
| Politiker | Partei | Verbleib in der EU |
Ref. |
|---|---|---|---|
| Michael Heseltine | Conservatives | Ja | [92] |
| John Major | Conservatives | Ja | [93] |
| William Hague | Conservatives | Ja | [94] |
| David Willetts | Conservatives | Ja | [95] |
| Kenneth Clarke | Conservatives | Ja | [96] |
| Nigel Lawson | Conservatives | Nein | [97] |
| Norman Lamont | Conservatives | Nein | [97] |
| Daniel Hannan | Conservatives | Nein | [98] |
| Norman Tebbit | Conservatives | Nein | [98] |
| Michael Howard | Conservatives | Nein | [99] |
| Jacob Rees-Mogg | Conservatives | Nein | [100] |
| Liam Fox | Conservatives | Nein | [101] |
| Chris Grayling | Conservatives | Nein | [102] |
| Boris Johnson | Conservatives | Nein | [103] |
| Zac Goldsmith | Conservatives | Nein | [104] |
| Austin Mitchell | Labour | Nein | [105] |
| Gisela Stuart | Labour | Nein | [106] |
| Lewis Moonie | Labour | Nein | [107] |
| Jenny Jones | Green Party (E & W) | Nein | [108] |
Als schwerer Schlag gegen die Pro-EU-Kampagne des Premierministers wurde die Erklärung des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson am 21. Februar 2016 bewertet, dass er die Kampagne für den EU-Austritt unterstützen werde.[103] Er war zwar nicht Kabinettsminister, nahm aber ohne Portfolio an Kabinettssitzungen teil. Johnson avancierte zu einer Führungsfigur der EU-Gegner. Er galt als eine von drei Personen in der Konservativen Partei, die David Cameron politisch beerben könnten (neben Theresa May und George Osborne).
Premierminister Cameron
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Premierminister Cameron stellte den Ministern seines Kabinetts, allesamt Tories, die Entscheidung bei der Abstimmung frei, er entband sie also von der Kabinettsdisziplin. Diese Politik des Premierministers wurde auch kritisiert. Ein unterschiedliches Abstimmungsverhalten in einer so entscheidenden Frage könnte sich leicht zu einer allgemeinen Führungskrise der Regierung ausweiten, die im Unterhaus seit der Wahl 2015 nur eine knappe Mehrheit (331 von 650 Sitzen) habe. Die Regierungsmehrheit und die Autorität des Premierministers könnten leicht über den Europa-Streitigkeiten zerbrechen, ähnlich wie es Ende der 1990er Jahre bei der konservativen Regierung unter John Major der Fall gewesen sei.[109] Es wurde auch diskutiert, ob David Cameron noch Premierminister bleiben könne, wenn die Referendumsentscheidung gegen den Verbleib in der EU ausfalle, d. h., ob es sinnvoll sei, dass ein Premierminister, der entschieden für die EU-Mitgliedschaft sei, die Bedingungen des Ausscheidens aus der EU aushandeln solle. Die Frage von Douglas Carswell am 13. April 2016 im Unterhaus, ob Cameron noch Premierminister bleiben werde, falls das Referendum gegen die EU ausfalle, beantworte Cameron mit einem knappen „Yes!“.[110] Auch Minister aus seinem Kabinett, die für den Brexit warben, wie Chris Grayling und Theresa Villiers sprachen sich dafür aus, dass Cameron auch bei einem Brexit als „Teil eines Teams“ weiter Premierminister bleiben solle; andere äußerten Zweifel. Der ehemalige Schatzkanzler Kenneth Clarke meinte, der Premierminister würde „keine 30 Sekunden mehr im Amt bleiben“, falls er das Referendum verlöre (“…wouldn’t last 30 seconds if he lost the referendum”).[111]
Minister
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nachdem David Cameron seine Verhandlungen in Brüssel mit den EU-Partnern abgeschlossen hatte, verkündete er am Folgetag, dem 20. Februar 2016 den Termin des Referendums und richtete gleichzeitig einen Appell an die Wählerschaft, für einen Verbleib in der EU zu stimmen. Dies war gewissermaßen auch der Startschuss für die Mitglieder seines Kabinetts, die eigenen Standpunkte deutlich zu machen. Zuvor waren die meisten Minister mit dem Argument diszipliniert worden, dass sie angesichts der noch laufenden Verhandlungen noch kein Urteil fällen, sondern erst das Ergebnis derselben abwarten sollten.
| Kabinettsmitglied | Posten | Verbleib in der EU |
|---|---|---|
| David Cameron | Premierminister | Ja |
| George Osborne | Schatzkanzler (Chancellor) | Ja |
| Theresa May | Innenministerin (Home Secretary) | Ja |
| Philip Hammond | Außenminister (Foreign Secretary) | Ja |
| Sajid Javid | Minister für Wirtschaft, Innovation und Qualifizierung (Business, Innovation and Skills Secretary) | Ja |
| Stephen Crabb | Minister für Wales (Welsh Secretary) | Ja |
| Justine Greening | Ministerin für Internationale Entwicklungszusammenarbeit (International Development Secretary) | Ja |
| Jeremy Hunt | Gesundheitsminister (Health Secretary) | Ja |
| Greg Clark | Minister für kommunale Angelegenheiten und örtliche Selbstverwaltung (Communities and Local Government Secretary) | Ja |
| Patrick McLoughlin | Verkehrsminister (Transport Secretary) | Ja |
| Liz Truss | Umweltminister (Environment Secretary) | Ja |
| Oliver Letwin | Kanzler des Herzogtums Lancaster (Chancellor of the Duchy of Lancaster) | Ja |
| Nicky Morgan | Bildungsminister (Education Secretary) | Ja |
| David Mundell | Minister für Schottland (Scotland Secretary) | Ja |
| Baroness Stowell | Vorsitzende des Oberhauses (House of Lords Leader) | Ja |
| Michael Fallon | Verteidigungsminister (Defence Secretary) | Ja |
| Amber Rudd | Ministerin für Energie und Klimawandel (Energy and Climate Change Secretary) | Ja |
| Iain Duncan Smith | Minister für Arbeit und Pensionen (am 18. März 2016 zurückgetreten) (Work and Pensions Secretary) | Nein |
| Chris Grayling | Führer im Unterhaus (Leader of the House of Commons) | Nein |
| John Whittingdale | Minister für Kultur, Medien und Sport (Culture, Media and Sport Secretary) | Nein |
| Theresa Villiers | Ministerin für Nordirland (Northern Ireland Secretary) | Nein |
| Michael Gove | Justizminister (Justice Secretary) | Nein |
Parlamentsabgeordnete
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(Stand: 21. März 2016)[113]
für die weitere EU-Mitgliedschaft
gegen die weitere EU-Mitgliedschaft
keine klare Stellungnahme
Mit Stand vom 21. März 2016 hatten sich 162 konservative Unterhausabgeordnete für den Verbleib in der EU und 130 dagegen ausgesprochen. Bei der Labour Party lag das Verhältnis bei 215:7.
Für den Verbleib in der EU sprachen sich alle Abgeordneten der Scottish National Party (54), der Liberal Democrats (8), der nordirischen SDLP (3) und der walisischen Plaid Cymru (3) aus. Dagegen war die gesamte Fraktion der nordirischen Democratic Unionist Party (8).
Einige Abgeordnete hatten ihre Meinung nicht öffentlich gemacht.[113]
Britische Medien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Presseorgan | Verbleib in der EU |
Ref. |
|---|---|---|
| The Economist | Ja | [114] |
| The Guardian | Ja | |
| The Observer | Ja | [115] |
| Financial Times | Ja | [116] |
| Daily Express | Nein | [117] |
| Daily Mail | Nein | |
| The Spectator | Nein | [118] |
| The Sun | Nein | [119][120] |
Gibraltar
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auch die Bewohner Gibraltars waren bei dem Referendum wahlberechtigt. Im Gegensatz zum Vereinigten Königreich bestand unter den dortigen Politikern weitgehender Konsens, dass das Verbleiben in der Europäischen Union die günstigere Perspektive wäre. Chief Minister Fabian Picardo, der Parteiführer der Gibraltar Socialist Labour Party (GSLP), meinte in einer Stellungnahme, dass es für Gibraltar „keine vernünftige Alternative“ zur EU-Mitgliedschaft gebe. Sein Stellvertreter Joseph Garcia, Parteiführer der Liberal Party (LPG), stimmte dem zu und auch der Oppositionsführer Daniel Feetham der Gibraltar Social Democrats (GSD) begrüßte das Ergebnis der Verhandlungen David Camerons mit seinen EU-Partnern.[121]
Internationale Sicht im Vorfeld
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fast alle großen internationalen Institutionen und Staaten sprachen sich für ein Verbleiben des Vereinigten Königreichs in der EU aus. US-Präsident Barack Obama machte bei seinem Staatsbesuch im Vereinigten Königreich vom 22. bis 25. April 2016 unmissverständlich deutlich, dass die Vereinigten Staaten ein Verbleiben des Vereinigten Königreichs in der EU bevorzugten. Das Vereinigte Königreich müsse sich im Falle eines Verlassens der EU „ganz hinten in der Warteschlange anstellen“ („at the back of the queue“) und könne ungeachtet der special relationship zwischen beiden Staaten nicht damit rechnen, beim Abschluss eines Handelsvertrages bevorzugt behandelt zu werden. Das Vereinigte Königreich besitze innerhalb der EU ein größeres politisches Gewicht als außerhalb. Die Führer der Brexit-Kampagne kritisierten die Äußerungen. Nigel Farage unterstellte Obama aufgrund seines kenianischen Vaters eine unterschwellig anti-britische Haltung.[122] Der japanische Premierminister Shinzo Abe warnte bei einem Staatsbesuch am 5. Mai 2016, dass ein Brexit dazu führen könnte, dass weniger japanische Investitionen ins Vereinigte Königreich flössen.[123] Auf dem G7-Gipfel in Ise-Shima 2016 verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs eine gemeinsame Erklärung, in der es hieß, dass „ein Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU den Trend zu verstärktem globalen Handel, Investitionen und die damit geschaffenen Arbeitsplätze umkehren“ und ein „weiteres ernsthaftes Risiko für Wirtschaftswachstum“ darstellen würde.[124] Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sprach in einer Analyse davon, dass ein EU-Austritt einer zusätzlichen Steuer („Brexit tax“) gleichkäme.[125] Der Internationale Währungsfonds (IMF) warnte ebenfalls vor einem Brexit, der der Wirtschaft Europas und der Welt schweren Schaden zufügen könne.[126]
Russland gab keine offizielle Stellungnahme ab. In den Medien wurde aber Präsident Wladimir Putin unterstellt, dass er ein Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU begrüßen würde, da dies seinem politischen Kalkül einer Schwächung der EU bis hin zu deren Auflösung in Einzelstaaten entgegenkäme.[127][128][129] Tatsächlich konnte im Nachhinein sogar, wie später auch bei den US-Wahlen in diesem Jahr, eine gezielte russische Einflussnahme zugunsten der Brexit-Befürworter nachgewiesen werden. Diese wurde mutmaßlich von der Einheit 29155 des russischen Militärnachrichtendienstes GRU durchgeführt.[130][131]
Verschiedene internationale Medien sprachen sich für einen Verbleib des Vereinigten Königreiches in der EU aus und verwiesen auch auf prominente Brexit-Gegner aus Großbritannien. Hohe internationale und mediale Resonanz erhielt ein Beitrag des in den USA wirkenden britischen Komikers John Oliver, der in seiner Sendung Last Week Tonight vier Tage vor dem Referendum in einem viertelstündigen Beitrag auf die Argumente der Brexit-Befürworter einging und für einen Verbleib in der EU plädierte. Sein Beitrag wurde wenige Stunden später im Internet veröffentlicht und aufgrund seiner hohen Aufrufzahl weltweit in den Medien aufgegriffen.[132] Eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Initiativen in ganz Europa sprachen sich ebenfalls für den Verbleib des Vereinigten Königreiches in der EU aus. Darunter der offene Brief "#EuropeLovesUK", den über 57.000 Menschen online unterschrieben und Facebook-Kampagnen, wie "Britain, please stay" oder "#Wewouldmissyou".[133][134][135]
Ergebnisse
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Registrierte Wähler und Wahlbeteiligung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 21. Juni 2016, zwei Tage vor der Abstimmung gab die britische Wahlkommission (Electoral Commission) die Zahl der Wähler bekannt, die sich bis zum 9. Juni 2016 (dem Ausschlusstermin) für die Wahl registriert hatten. Insgesamt waren 46.475.420 Wahlberechtigte in die Wahlregister eingetragen, mehr als zwei Millionen Wähler mehr als bei der letzten Unterhauswahl 2015 (damals 44.441.081) und die größte Zahl an Wählern in der Geschichte britischer Wahlen.[136]
Abgestimmt haben letztendlich 33.578.016 Wähler, die Wahlbeteiligung betrug damit 72,2 %. Abzüglich 26.033 ungültiger Stimmen wurden dann 33.551.983 Stimmen ausgewertet. Über die Wahlbeteiligung nach Alter gibt es unterschiedliche Angaben: Laut Sky Data stieg die Beteiligung am Referendum mit dem Alter der Wähler, insbesondere die Altersgruppe der unter 25-Jährigen blieb der Abstimmung demnach mehrheitlich fern.[137] Nach einer Untersuchung der London School of Economics lag die Beteiligung, bezogen auf die registrierten Wähler, in der jüngeren Altersgruppe deutlich höher.[138]
Gesamtergebnis
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Abstimmung für | Stimmen | Prozent |
|---|---|---|
| Verbleib in der EU | 16.141.241 | 48,11 |
| Austritt aus der EU | 17.410.742 | 51,89 |
| Gültige Stimmen | 33.551.983 | 99,92 |
| Ungültige Stimmen, leere Stimmzettel | 26.033 | 0,08 |
| Stimmen Gesamt | 33.578.016 | 100,00 |
| Registrierte Wähler und Beteiligung | 46.499.537 | 72,21 |
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Reaktionen auf das Referendum
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Unmittelbare Reaktionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am Morgen nach dem Referendum kündigte Premierminister Cameron seinen Rücktritt für Oktober 2016 an.[139]
In einer gemeinsamen Erklärung forderten EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der Präsident des Europäischen Rates Donald Tusk, der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz, und der Ratspräsident und niederländische Premierminister Mark Rutte die britische Regierung auf, dem Wunsch der britischen Wähler zu entsprechen und keine Zeit zu verlieren, um die Zeit der Unsicherheit zu verkürzen.[140]
Die Erste Ministerin Schottlands, Nicola Sturgeon, fand es inakzeptabel, dass Schottland automatisch mit England aus der EU austreten solle, obwohl die schottischen Wähler mehrheitlich für einen Verbleib gestimmt hätten. Ihr zufolge sei ein erneutes Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands „sehr wahrscheinlich“.[141]
Auch in Nordirland gibt es nach dem Referendum Bestrebungen, aus dem Vereinigten Königreich auszutreten. Die irisch-republikanische Partei Sinn Féin forderte ein Referendum in Nordirland, welches über die Wiedervereinigung mit der Republik Irland entscheiden sollte.[142] Es wurde auch vereinzelt über eine ungewöhnlich hohe Zahl von Anträgen auf Ausstellung eines Passes der Republik Irland für Bürger Nordirlands berichtet.[143]
Die spanische Regierung forderte angesichts des sehr pro-europäischen Votums der Bevölkerung von Gibraltar die Einrichtung einer gemeinsamen britisch-spanischen Verwaltung von Gibraltar.[144]
Einige rechtspopulistische Parteien in Europa, wie AfD (Deutschland), FPÖ (Österreich), FN (Frankreich) und PVV (Niederlande), nahmen den Brexit positiv auf. FN und PVV forderten nach Bekanntwerden des Ergebnisses ebenfalls Referenden in ihren Ländern.[140][145]
Entwicklungen in den politischen Parteien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 30. Juni 2016 gab Boris Johnson überraschend bekannt, er strebe nicht das Amt des britischen Premierministers an (das mit dem Amt des Vorsitzenden der Conservative Party verknüpft ist). Bei der Bewerbung um die Nachfolge David Camerons ging Theresa May siegreich aus den parteiinternen Abstimmungsrunden hervor. Sie wurde am 13. Juli Premierministerin und stellte ein neues Kabinett zusammen.
Am 4. Juli 2016 kündigte Nigel Farage überraschend seinen Rücktritt als UKIP-Vorsitzender an. Farage und Johnson gelten als die beiden Politiker, die am stärksten zur Wählermehrheit für einen Brexit beigetragen haben.[146][147]
In der Labour Party fand ein Machtkampf statt. Mehrere Abgeordnete kündigten an, ein Misstrauensvotum gegen den Vorsitzenden Jeremy Corbyn anzustreben, dessen wenig engagierten Wahlkampf sie für den Ausgang der Abstimmung mit verantwortlich machten.[148] Angela Eagle kündigte ihre Kampfkandidatur gegen Jeremy Corbyn an.[149]
Wirtschaft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Infolge des Ergebnisses des Referendums fiel der Kurs des britischen Pfunds von 1,50 US-Dollar am Abend des Abstimmungstages auf 1,32 US-Dollar am 27. Juni 2016, den niedrigsten Wechselkurs zum US-Dollar seit 31 Jahren und ein Minus von 12 Prozent. Der FTSE 250 Index, der vor allem britische Werte enthält, fiel am Freitag, den 24. Juni 2016 um 7 % und am darauffolgenden Montag erneut um weitere 7 %, was dem höchsten Verlust seit 29 Jahren entsprach.[150] Am 29. Juni 2016 erreichte der Index wieder das Niveau vor dem Referendum.[151] Laut Berichten einiger Wirtschaftsmedien hatte der Pfund-Kursverlust den statistischen Nebeneffekt, dass die Volkswirtschaft des Vereinigten Königreichs auf der Liste der weltgrößten Volkswirtschaften kurzzeitig vom fünften Platz auf den sechsten Platz (hinter Frankreich) rutschte, das es 2014 „überholt“ hatte.[152][153] Große Ratingagenturen senkten das Rating des UK: Standard & Poor’s von AAA auf AA, Fitch von AA+ auf AA, und Moody’s setzte seinen Ausblick auf „negativ“ herab.[154]
Online-Petition für ein zweites Referendum
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als das Ergebnis des Referendums bekannt wurde, erhielt eine im Internet durchgeführte Petition Zuspruch, die auf eine Wiederholung des Referendums abzielte. Die Petition war schon am 25. Mai gestartet worden,[155] mehr als vier Wochen vor dem Referendum.[156] Der Text der Petition lautete:
“We the undersigned call upon HM Government to implement a rule that if the Remain or Leave vote is less than 60 per cent based a turnout less than 75 per cent there should be another referendum.”
„Wir, die Unterzeichner, fordern die Regierung auf, folgende Regelung zu treffen: Wenn das Abstimmungsergebnis zugunsten von Bleiben oder Verlassen weniger als 60 Prozent beträgt bei einer Wahlbeteiligung von weniger als 75 Prozent, soll ein zweites Referendum stattfinden.“[155]
Die Abstimmung wurde auf einer Website durchgeführt, die gemeinsam von der britischen Regierung und dem britischen Parlament betrieben wird. Die Zahl der Unterschriften überschritt am 24. Juni die Schwelle von 100.000 Stimmen, demnach muss die Petition im Parlament debattiert werden. Zusätzlich ist die Regierung verpflichtet, mit einer öffentlichen Stellungnahme darauf zu antworten.[157][158] Am 25. Juni hatten bereits zwei Millionen britische Bürger oder dort lebende Ausländer die Petition unterschrieben, am 27. Juni waren es 3,6 Millionen. Das Fehlen eines Captcha-Identifikationstests auf der Abstimmungsseite ermöglichte es Bots, automatisch tausendfach abzustimmen. Zehntausende Stimmen wurden als manipuliert erkannt und entfernt.[159]
Am 9. Juli teilte das Außenministerium mit, dass die Regierung das Anliegen der Petition ablehne; das Ergebnis des Referendums vom 23. Juni müsse respektiert und umgesetzt werden.[160] Formal ist das House of Commons der Adressat der Petition. Ihm wird vom britischen Petitionsrecht auferlegt, beim Überschreiten der Marke von 100.000 Unterschriften eine Stellungnahme über die Aufnahme einer Parlamentsdebatte abzugeben.[155] Bis zum 10. Juli gaben vier Millionen Internet-User der Petition ihre Stimme (mehr als 77.000 gefälschte Signaturen wurden festgestellt). Am 12. Juli gab das für Petitionen zuständige Komitee im House of Commons bekannt, dass am 5. September über den Vorschlag der Petition in Westminster Hall debattiert werde. Das Komitee wies aber darauf hin, dass diese Debatte nicht zu einer Entscheidung des House of Commons über ein zweites Referendum führen werde. Es sei auch nicht möglich, die Regeln für das Referendum, das bereits stattgefunden habe, nachträglich zu ändern. Es liege im Ermessen der Regierung, ob sie ein zweites Referendum in Gang setzen wolle.[155][161]
Theorien zum Ausgang des Referendums
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es bestehen vielfältige Erklärungsversuche, wieso es zum Austrittsvotum der Wahlberechtigten des Vereinigten Königreichs kam.
EU-bezogene Interpretation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der irische Historiker Brendan Simms (Universität Cambridge) diagnostizierte bereits im Juli 2015 im Interview mit der Basler Zeitung, dass die Briten wenig Interesse an einer Vertiefung des europäischen Verbunds hätten, weil sie dies „gar nicht nötig“ hätten: Europa sei die Lösung für ein Problem, welches das Vereinigte Königreich im Gegensatz zu den Ländern des Kontinents nie gehabt habe. Während Britannien seit Jahrhunderten keine militärische Niederlage erlitten habe, seien in Kontinentaleuropa fast alle Staaten mit Ausnahme der Schweiz in verschiedenen Kriegen besiegt oder besetzt worden, seien Täter oder Opfer gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich in Kontinentaleuropa berechtigterweise die Ansicht durchgesetzt, dass es mit der nationalen Politik so nicht weitergehen könne. Die Briten bräuchten Europa nicht. Eher schon bräuchte Europa das Vereinigte Königreich.[162]
Der schweizerisch-britische Historiker Oliver Zimmer (Universität Oxford) empfahl wenige Tage nach dem Austrittsreferendum den „Rückbau der EU“. Für ihn liegt in der mangelnden Selbstbestimmung der Mitgliedstaaten der EU als Folge der zu weit fortgeschrittenen Europäischen Integration der Grund für den Austritt des Vereinigten Königreichs. Im Unterschied zu Simms ist für ihn entscheidend, dass die Menschen in Europa insgesamt wenig Interesse daran hätten, aus der Union einen „Staat“ werden zu lassen und ihre originären Nationalstaaten dafür aufzugeben. Er sprach sich daher für eine punktuelle Umkehr der Integration aus: Abschaffung der Währung Euro und Abschaffung der Personenfreizügigkeit.[163]
Interpretation über nationale Krisenerscheinungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der britische Germanist Nicholas Boyle (Universität Cambridge) erklärt den Brexit als Ergebnis einer Krise der englischen Identität, die entstanden sei, weil es keine Vergangenheitsbewältigung gegeben habe. Die Identität basiere auf dem englischen Nationalismus und den Konzepten der Britishness und des British exceptionalism, welche sich ihrerseits aus einer imperialistischen Vorstellung vom britischen Weltreich nährten. Mit diesen Konstrukten hätten die Engländer andere Nationen auf den Britischen Inseln überzeugt, die Waliser, Schotten und Iren bzw. Nordiren, sich an der Errichtung des britischen Weltreichs zu beteiligen. Das unverarbeitete Trauma des Untergangs des Weltreichs habe eine „englische Psychose“, eine narzisstische Störung verursacht. Das Leave-Votum sei von nachwirkenden Vorstellungen der Bevorzugung und einer Nostalgie von der globalen Rolle Englands geprägt gewesen. Auf dieser Grundlage werden die Globalisierung des Vereinigten Königreichs und ein Anknüpfen an das Konzept des Commonwealth of Nations als Alternative zur Europäischen Union beworben.[164][165]
Der britische Philosoph Raymond Geuss (Universität Cambridge) erklärt das Ergebnis des Brexit-Referendums als einen „Wutausbruch“ benachteiligter Menschen, vor allem in den von Deindustrialisierung betroffenen Gebieten Englands. Den Austrittsbefürwortern sei es gelungen, die EU zum Sündenbock des Elends dieser Gruppe zu machen. Ein weiterer Faktor sei eine handfeste Fremdenfeindlichkeit gewesen, welche als euroskeptische Stimmung aufgeflammt sei, nachdem sich die EU unfähig gezeigt habe, die Flüchtlingskrise in Europa zu bewältigen.[166]
Zu den sachlichen Fragen über wirtschaftlichen und politischen Nutzen der EU-Mitgliedschaft für das Vereinigte Königreich gesellte sich ein jahrelanger, europaweiter Aufschwung rechtspopulistischer Tendenzen sowie eine Anti-Establishment-Stimmung.[167] Der Gegensatz zwischen „liberalen Internationalisten“ und „autoritären Nationalisten“ steht im Verdacht, die Wahlentscheidung sowohl der Brexiteers wie der EU-Befürworter stärker beeinflusst zu haben als sachliche Nutzenabwägungen.[168]
Geldpolitische Interpretation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die zunehmend lockeren Geldpolitiken der Bank of England und der Europäischen Zentralbank werden für den Schwund von Produktivitätsfortschritten und Wachstum verantwortlich gemacht; die Verteilungsungleichheit sei erhöht. Daraus sei unter wachsenden Bevölkerungsschichten eine schwelende Unzufriedenheit entstanden, die eine politische Polarisierung und Protestabstimmungen wie den Brexit begünstige. Weitere Austritte aus der EU seien nicht auszuschließen, wenn die Geldpolitiken in Europa weiter expansiv bleiben.[169]
Austrittsverfahren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 29. März 2017 übermittelte Theresa May, Premierministerin des Vereinigten Königreichs, das Austrittsgesuch gemäß Artikel Art. 50 EU-Vertrag von Lissabon an EU-Ratspräsident Donald Tusk und leitete damit den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs ein.[3][170] Der EU-Austritt erfolgte am 31. Januar 2020 (23.00 UTC, 24.00 MEZ).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- EU Referendum. Website der BBC (englisch)
- Ergebnisse. Website der BBC, Ergebnisse (englisch)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Who can vote in the referendum?, gov.uk., Website der britischen Regierung
- ↑ EU referendum results. BBC News, 24. Juni 2016 (englisch)
- 1 2 Andreas Rüesch: Nach dem EU-Referendum: Wie läuft der Austritt konkret ab?, Neue Zürcher Zeitung vom 24. Juni 2016.
- ↑ bbc.co.uk
- ↑ We have not successfully rolled back the frontiers of the state in Britain, only to see them re-imposed at a European level, with a European super-state exercising a new dominance from Brussels. Wir haben nicht die Grenzen des Staates erfolgreich in Britannien zurückgedrängt, nur um sie auf europäischer Ebene wieder aufgesetzt zu bekommen, und zwar von einem europäischen Superstaat, der eine neue Dominanz von Brüssel heraus ausübt.
- ↑ David Cameron’s EU speech – full text. The Guardian, 23. Januar 2013, abgerufen am 30. Dezember 2015 (englisch).
- ↑ The Cameron Years (BBC Dokumentation). 9. September 2019, abgerufen am 2. Oktober 2021 (englisch).
- ↑ David Cameron blocks EU treaty with veto, casting Britain adrift in Europe. 9. Dezember 2019, abgerufen am 2. Oktober 2021 (englisch).
- ↑ David Cameron’s EU speech – full text. The Guardian, 23. Januar 2013, abgerufen am 30. Dezember 2015 (englisch).
- ↑ Yes to an EU Referendum: Green MP calls for chance to build a better Europe. Green Party, archiviert vom am 10. April 2015; abgerufen am 30. Januar 2016 (englisch).
- ↑ Miliband: EU poll is ‚clear and present danger‘ to jobs. In: BBC News. 4. Juni 2015, abgerufen am 30. Januar 2016 (englisch).
- ↑ Liberal Democrats Hint Cameron’s EU Referendum Plan Negotiable. Reuters, 4. Juni 2015, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 14. Juni 2015; abgerufen am 30. Januar 2016 (englisch). Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
- ↑ Tim Ross: David Cameron: my seven targets for a new EU. In: The Daily Telegraph. 15. März 2014, abgerufen am 8. Juni 2016.
- 1 2 3 EU referendum: Draft reform deal worth fighting for, says Cameron. In: BBC News. 2. Februar 2016, abgerufen am 2. Februar 2016 (englisch).
- ↑ Letter by President Donald Tusk to the Members of the European Council on his proposal for a new settlement for the United Kingdom within the European Union. Europäischer Rat, 2. Februar 2016, abgerufen am 2. Februar 2016 (englisch).
- ↑ EU referendum: Benefit brake plan ‘could boost migration’. In: BBC News. 7. Februar 2016, abgerufen am 7. Februar 2016 (englisch).
- ↑ Brexit-Verhandlungen in Brüssel: Der Deal mit Großbritannien steht. tagesschau.de, 19. Februar 2016, abgerufen am 19. Februar 2016.
- ↑ EU-Gipfel: Großbritannien darf Sozialleistungen für EU-Bürger kürzen. derstandard.at, 19. Februar 2016, abgerufen am 20. Februar 2016.
- ↑ Gemeinsame Erklärung: Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rates, Mark Rutte, Inhaber der Präsidentschaft des Rates Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission. Europäische Kommission, 24. Juni 2016, abgerufen am 25. Juni 2016.
- ↑ European Union Referendum Act 2015. services.parliament.uk; abgerufen am 6. Dezember 2016 (Informationsseite zum Gesetz und dem Gesetzgebungsprozess, mit Weblinks zu verschiedenen Dokumenten aus dem Gesetzgebungsprozess).
- ↑ European Union (Referendum) Act 2016 ( des vom 25. November 2016 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF; 420 kB) In: Laws of Gibraltar – On-Line Service; abgerufen am 6. Dezember 2016.
- ↑ Queen’s Speech 2015: EU referendum, tax freeze and right-to-buy. In: BBC News. Abgerufen am 28. Juni 2016.
- ↑ EU referendum: MPs support plan for say on Europe. In: BBC News. Abgerufen am 28. Juni 2016.
- ↑ David Cameron: 2016 will be year for EU reform. In: BBC News. 18. Dezember 2015, abgerufen am 10. Januar 2016 (englisch).
- ↑ EU referendum: David Cameron 'hopeful' of February deal. In: BBC News. 10. Januar 2010, abgerufen am 10. Januar 2016 (englisch).
- ↑ David Cameron urged to delay EU referendum by first ministers. In: BBC News. 3. Februar 2016, abgerufen am 4. Februar 2016 (englisch).
- ↑ Rowena Mason, Nicholas Watt, Ian Traynor, Jennifer Rankin: EU referendum to take place on 23 June, David Cameron confirms. The Guardian, 20. Februar 2016, abgerufen am 23. Juni 2017 (englisch).
- ↑ EU referendum question assessment. Electoral Commission, September 2015, abgerufen am 5. Februar 2016 (englisch).
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