Bestimmte Negation
Bestimmte Negation ist ein von Georg Wilhelm Friedrich Hegel geprägter Begriff, der später auch in der Marx’schen Ideologiekritik und Kritischen Theorie verwendet wird. Während die „bestimmte Negation“ eines Gegenstands oder Themas zwischen seinen positiven und negativen Seiten unterscheidet, verwirft eine totale oder „abstrakte Negation“ beide Seiten in toto, „verschüttet das Kind mit dem Bade“.
Hegel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Philosophie Hegels ist die „bestimmte Negation“ ein notwendiges Element seines Konzepts von Entwicklung, seiner Dialektik:[1] Im Anfang existiert die Einheit der Gegensätze in ihrer wechselseitigen positiven Beziehung oder Beeinflussung. In diesem Durchgangsmoment der Entwicklung bedeutet „Existenz“ nicht Ereignislosigkeit, sondern eine produktive Unruhe, eine asymmetrische „Selbstbewegung der Objekte“, in der sich ihre Unterschiede vergrößern.[2] Wenn im bisher positiven Zusammenwirken der Elemente die Unterschiede sich „bis zu ihrer Entgegensetzung“ entfaltet haben, geht von einer der Seiten eine Dynamik aus, die die negativen Seiten der Beziehung „bestimmt negiert“: „Die Bestimmtheit ist die Negation als affirmativ gesetzt“, ist also eine Veränderung, die nur bestimmte Merkmale auslöscht und andere dagegen aufhebt.[3] In einer neuen Bewegungsform wird so der weiteren Selbstbewegung der Objekte Raum gegeben. In der neuen Realität ist aber der Prozess ihrer Entstehung unsichtbar: es ist „versteckt, dass sie die Bestimmtheit, also auch die Negation enthält; die [neue] Realität gilt daher nur als etwas [scheinbar] Positives, aus welchem Verneinung, Beschränktheit, Mangel ausgeschlossen sei.“[4] Die inneren Widersprüche der neuen Form scheinen zeitweilig in der neuen Einheit der Gegensätze gelöst, obwohl in der Selbstbewegung der Objekte die Unterschiede sich von neuem entfalten werden.
Trotz seiner Vorbehalte würdigt Hegel Spinozas Omnis determinatio est negatio als einen Satz „von unendlicher Wichtigkeit.“[5] Denn Negation ist für Hegel sowohl eine Methode der begrifflichen Erkenntnis durch Abgrenzung (soweit auch Spinoza) als auch der Motor aller Entwicklung: „Diese sich selbst und seine Negation negierende Wechselbestimmung ist es, welche als Prozess ins Unendliche auftritt [an was Spinoza nicht gedacht hat], der in so vielen Gestalten und Anwendungen [fälschlicherweise] als ein Letztes gilt, über das nicht mehr hinausgegangen wird. [Aber] dieser Progress tritt allenthalben ein, wo relative Bestimmungen bis zu ihrer Entgegensetzung getrieben sind, so dass sie in untrennbarer Einheit sind und doch jeder gegen die andere ein selbständiges Dasein zugeschrieben wird.“[6]
Im Begriffsspiel der Hegelschen Logik wird der Moment der „bestimmten Negation“ dann schließlich zur „Negation der Negation“,[7] wenn verbunden mit den bis dahin entfalteten Widersprüchen der Gegensätze: So tragen beispielsweise das Endliche und das Unendliche beide auch die Bestimmung (Eigenschaft) ihres Gegenteils in sich, negieren sich also selbst; diese wechselseitige Negation der Bestimmungen (1. Negation) wird in der Entwicklung, durch die „bestimmte Negation“ (2. Negation) in einem neuen Sosein aufgehoben.
Marx
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Marx’ Geschichtsphilosophie und die von ihm unterstütze Politik in der Arbeiterbewegung seiner Zeit basiert auf dem Konzept der bestimmten Negation des Kapitalismus: Beispielsweise im Kommunistischen Manifest unterscheidet Marx die kapitalistischen Produktionsverhältnisse grundlegend von den im Kapitalismus entwickelten Produktivkräften, die es im Interesse der Arbeiterklasse und durch ihre Aktion aus der kapitalistischen Verfügung zu befreien gelte – „konkret“ oder „bestimmt“ negiert werden kapitalistische Verhältnisse, „aufgehoben“ werden ihre Errungenschaften der ökonomischen, organisatorischen und wissenschaftlichen Entdeckungen. Im zeitgenössischen Maschinensturm dagegen wurde die damals moderne Maschinerie, die Arbeitslosigkeit in einigen Branchen verursachte, von Arbeitern zerstört, statt dass sie für eine Nutzung der Maschinerie im gesamtgesellschaftlichen Interesse der Verkürzung des Arbeitstages eintraten.[8]
„Dass die Philosophie Hegels von Anfang an der bestimmende Kontext der theoretischen Entwürfe von Karl Marx gewesen ist, zeigt bereits seine Dissertation von 1841, in der er sich Rechenschaft ablegt von deren alle philosophischen Neuansätze der 1830er Jahre bestimmenden Monumentalität wie von ihrer hermetischen Gestalt.“[9]
Kritische Theorie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Für Theodor W. Adorno ist die bestimmte Negation ein Schlüsselbegriff seiner Philosophie und Gesellschaftskritik.[10] Er verwendet ihn gleichbedeutend mit Ideologiekritik.[11] Als gesellschaftlich ohnmächtig gilt Adorno folgerichtig eine Kritik, die allgemein bleibt, sich nicht auf den jeweiligen Tatbestand einlässt und diese Abhängigkeiten nicht berücksichtigt.[12] So kritisiert er Friedrich Nietzsche wegen dessen „abstrakter Negation der Moral“: nicht die Abschaffung der Moral könne das Ziel sein, sondern eine andere Moral. Das Negierte dürfe durch die Negation nicht ausgelöscht, sondern müsse in einer neuen Form aufgehoben werden. Auch sollte durch konkrete Bezeichnung und bestimmte Negation des „Falschen“ indirekt auf das verwiesen werden, „was sein soll“. In diesem Sinne hat Adorno viele der Aphorismen seiner Minima Moralia formuliert.
Der Marxist Wolfgang Fritz Haug forderte aber beispielsweise auch von der Gesellschaftskritik der Kritischen Theorie, nicht bei einer abstrakten, also totalen Kritik des Kapitalismus stehen zu bleiben, sondern auch hier zwischen Positivem und Negativem zu unterscheiden und die Nutznießer des Kapitalismus nicht länger zu verschweigen:
„Der Sozialismus ist wissenschaftlich oder er ist nicht. Andererseits kann nur der Sozialismus den humanistischen Charakter der Wissenschaft gewährleisten. Mit Marcuse müßte man den Begriff repressiver Unmittelbarkeit prägen, ihn aber nicht allein auf die Triebe, sondern zuvor auf die ‚kritische Theorie‘ selbst anwenden. Denn wenn die Kritik ihre Form, historische Arbeit zu sein, abstreift und sich gehen läßt in abstrakt-totale Negation, bleibt sie innerhalb der Unfreiheit stehen.“[13]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik, Frankfurt: Suhrkamp1969 (ohne ISBN)
- Wolfgang Fritz Haug: Bestimmte Negation. „Das umwerfende Einverständnis des braven Soldaten Schwejk“ und andere Aufsätze. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973.
- Wolfgang Fritz Haug: bestimmte Negation. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Bd. 2: Bank bis Dummheit in der Musik. Argument, Hamburg 1985, Sp. 177–188.
- Peter Palme: Negative Dialektik, bestimmte Negation und das Nichtidentische bei Theodor W. Adorno. In: Zeitschrift für kritische Theorie 28, Heft 54/55 (2022), S. 39–62.
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ „Dialektik aber nennen wir die höhere vernünftige Bewegung, in welche solche schlechthin getrennt Scheinende durch sich selbst, durch das, was sie sind, in einander übergehen.“ Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. I., Suhrkamp 1969, S. 111.
- ↑ Zum Beispiel ist im Werden das Sein die stärkere Seite und das Nichtsein wird aufgehoben in einem neuen Seienden. Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. I., Suhrkamp 1969, S. 113 ff.
- ↑ Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. I., Suhrkamp 1969, S. 121.
- ↑ Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. I., Suhrkamp 1969, S. 118.
- ↑ „Dieser Satz ist von unendlicher Wichtigkeit; nur ist die Negation als solche [in der bei Spinoza nicht-dialektischen Bedeutung] die formlose Abstraktion; der spekulativen Philosophie muss aber nicht schuld [sic] gegeben werden, dass ihr die Negation oder das Nichts ein Letztes sei“ und nicht ein Moment der unendlichen Bewegung, wie Hegel die Negation auch versteht. Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. I., Suhrkamp 1969, S. 121. „Hegel endorses Spinoza's claim that ‚determination is NEGATION‘ (Spinoza, Letter 50), that is, that a thing or concept is determinate only in virtue of a contrast with other things or concepts, which are determined in a way that it is not. (In a typical move, Hegel argues that the indeterminacy (Unbestimmtheit) of being, with which the section begins, is itself a sort of determinacy, since being's indeterminacy contrasts with, and distinguishes it from, the determinacy of QUALITY.)“ Michael Inwood: A Hegel Dictionary. Blackwell, Oxford 2003 (1992), art. determination and determinateness.
- ↑ Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. I., Suhrkamp 1969, S. 121, 155. Kursive im Original.
- ↑ Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. I., Suhrkamp 1969, S. 161 f.
- ↑ Vgl. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunisischen Partei, MEW, Bd. 4, S. 459 ff.
- ↑ Eberhard Rüddenklau: Marx’sche Theorie. In: Metzler Lexikon Philosophie. Springer-Verlag Deutschland GmbH, 2008, abgerufen am 21. Juni 2023.
- ↑ Das Begriffsregister von Adornos Ästhetischer Theorie weist allein zwanzig Textstellen mit diesem Begriff aus. Vgl. Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. In: ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 7, 6. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 560.
- ↑ Theodor W. Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre. In: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8: Soziologische Schriften I. 3. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 466.
- ↑ Theodor W. Adorno: Drei Studien zu Hegel. In. ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 5, 5. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 318.
- ↑ W. F. Haug: Das Ganze und das ganz Andere. Zur Kritik der reinen revolutionären Transzendenz. In: Bestimmte Negation ... Aufsätze. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973, S. 119. Zuerst veröffentlicht in: Antworten auf Herbert Marcuse, hrsg. v. J. Habermas, Ffm. 1968.