Der Preis wurde im Jahr 1998 ins Leben gerufen. Der Name des Preises geht zurück auf den Roman Die Bertinis, in dem der Hamburger Schriftsteller Ralph Giordano das Schicksal seiner Familie während der Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus schildert. Entstanden ist der Preis auf Initiative des 2023 im Alter von 80 Jahren verstorbenen Pädagogen Michael Magunna, der im Jahr 2015 dafür das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt.[1][2][3] Der Preis wird getragen von einem Verein, in dem sich unterschiedliche ideelle und materielle Förderer zusammengefunden haben.
Ziel des Preises ist die Förderung von Projekten, die sich im Rahmen von Unterricht, Seminaren und Arbeitsgemeinschaften in Schule und Universität, Jugendgruppen oder in der Freizeit gegen Ausgrenzung von Menschen wenden, die Erinnerungsarbeit leisten und Spuren vergangener Unmenschlichkeit in Hamburg sichtbar machen. Er will junge Menschen mit Zivilcourage würdigen, die ungeachtet der persönlichen Folgen mutig eingegriffen haben, um Unrecht, Ausgrenzung und Gewalt von Menschen gegen Menschen zu verhindern. Für Schulen hat der Verein Unterrichtsmaterial erstellt.[4]
„Es zählt zu den Wundern meines Lebens, dass ich ein Buch geschrieben habe, das zu einer Hamburger Institution führte, die sich um den Mitmenschen kümmert. Schöneres kann es nicht geben.“
Eine Reihe von Fördernden unterstützt die Vergabe des Preises.[6] Die Moderation der Preisverleihung, an der zahlreiche Prominente teilnehmen –wie beispielsweise bis kurz vor ihrem Tod die fast hundertjährige Peggy Parnass–, wird ebenfalls von Prominenten wie Julia-Niharika Sen übernommen. Den Preisträgern ist auf der Website des Preises eine gesonderte Unterseite gewidmet, auf der seit 2011 einige Projekte vorgestellt werden.[7]
Die Vergabe des Preises erfolgt durch eine Jury, die sich aus den Mitgliedern des Vereines Bertini-Preis e.V. sowie weiteren Personen zusammensetzt.[8] Bewerben können sich Gruppen oder Einzelpersonen bis zu einem Alter von 27 Jahren, die sich mit kreativen Projekten oder Initiativen für eine offene und demokratische Gesellschaft engagieren. Die Preise haben einen Gesamtwert von 10.000 Euro.[9][10] Der Vereinssitz befindet sich im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung.
Jährlich werden mehrere Einzelpersonen und Projekte, an denen Teams von einigen oder über hundert Mitwirkenden beteiligt sind, mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet. Seit dem Jahr 2011 ist eine Übersicht über alle Preisträger sowie weitere Informationen zu ihren Projekten auf der Website des Bertini-Preises abrufbar.[11]
Die Namen der einzelnen Preisträger werden mitunter in den Medien erwähnt, bleiben hier aber aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes der jungen Menschen außen vor.
Nachfolgend findet sich eine unvollständige Auflistung der seit 1998 gewürdigten Preisträger, ergänzt durch die Laudatoren bei den jeweiligen Preisverleihungen. Einige der Festreden sind im vollen Wortlaut im Internet veröffentlicht, darunter jene von Wolfgang Thierse, von Wolf Biermann, eine von Isabella Vértes-Schütter verlesene Ansprache von Ralph Giordano und die Festrede von Marione Ingram.
Preisträger und Festredner
Mit dem Bertini-Preis ausgezeichnete Projekte (aufsteigend nach Auszeichnungsjahr):
1. Gesamtschule Allermöhe: Eine Projektgruppe erforschte, nach welchen Frauen Straßen in Hamburg-Neuallermöhe benannt sind und erinnerten in ihrer Dokumentation unter anderem an Rahel Varnhagen und Margit Zinke.
1. Verein Jugendinitiative Politik: Projekt Future Bus. Organisation einer mobilen Ausstellung mit 16 Tafeln zu den Themen Intoleranz, Alltagsrassismus und Rechtsextremismus, wobei das Team vor verschiedenen Schulen die Diskussion mit den dortigen Schülern über aktuelle Entwicklungen in rechts- wie auch in linksextremistischen Szenen suchte.[20] Zum Team gehörte die spätere Hamburger Politikerin Anna Gallina.
1. Berufschulzentrum Bergedorf: Eine drohende Schlägerei zwischen tschetschenischen und afghanischen Jugendlichen wurde verhindert.
2. Ein Schüler: In einer Dokumentenanalyse wurde am Beispiel des Konzentrationslagers Neuengamme nachgewiesen, dass viele Verbrechen ungesühnt blieben und ein beträchtlicher Teil der Täter nicht verfolgt wurde.[22]
2004:
1. Heisenberg-Gymnasium: Zwei Schülerinnen verfassten eine Dokumentation zur ehemaligen Zwangsarbeiterin Tamara Nassonova[23] und ließen eine Gedenktafel für Johanna Günther, eine Unterstützerin der Zwangsarbeiterinnen auf dem Harburger Friedhof aufstellen.[24]
2005:
1. Heisenberg-Gymnasium: Projekt Seiner Unterwertigkeit wegen nicht tragbar. Dokumentation über einen behinderten Fünfjährigen, der NS-Euthanasieopfer wurde.[25]
1. Heisenberg-Gymnasium: Facharbeit über die Swing-Kids in der NS-Zeit.[28]
2. Sophie-Barat-Schule: Die Schülerzeitung Sophies Unterwelt von Nico Semsrott und seinen Mitschülern wurde 2004 als Gegenzeitung zur offiziellen Zeitung Sophies Welt gegründet und musste, weil deren Verteilung auf dem Schulgelände von der Schulleitung untersagt worden war, vor der Schule verteilt werden.[29]
1. Alexander-von-Humboldt-Gymnasium: Zwei Schüler schrieben und verlegten gemeinsam mit anderen Schülerinnen und Schülern ihrer Schule das Buch Weitergelebt: Sieben jüdische Schicksale über in Israel lebende Holocaust-Überlebende als Zeitzeugen.
2. Albert-Schweitzer-Gymnasium: Organisation und Durchführung einer szenische Lesung, indem Opferberichte von Zwangsarbeitern den Aussagen der eigenen Großeltern gegenübergestellt wurden.
3. Heisenberg-Gymnasium: Zwei Schülerinnen porträtierten eine jüdische Familie im Dritten Reich.
1. Stadtteilschule Eidelstedt: Erstellung eines fiktiven Tagebuchs und Beschreibung der Reise des Kameruner Prinzen Samson Dido, der 1886 aufgrund eines Vertrages mit Zoodirektor Carl Hagenbeck mit einigen Familienangehörigen in dessen Völkerschau vorgeführt wurde.[44]
1. Alexander-von-Humboldt Gymnasium: Unter dem Titel Blutdruck wurde das Skript für ein an den Film Gattaca angelehntes Theaterstück über Genmanipulation geschrieben.[47][48]
1. Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer: Der Angriff auf einen jüdischen Studenten vor der Synagoge in Hamburg-Eimsbüttel war Anlass, ein Video mit einer Solidaritätsbekundung für die jüdische Gemeinde zu drehen und, weil es nach Israel gelangte, eine zweite Version mit englischen Untertiteln versehen.[63]
1. Jugendfeuerwehr Hamburg: Zur Stärkung der demokratischen Haltung wurde als Teil des jährlichen Bildungsprogramms im Rahmen des Projekts Geschichte nacherlebbar machen ein Wochenendseminar in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme organisiert, zu dem sich junge Feuerwehrleute aus allen 66 Jugendfeuerwehren Hamburgs anmeldeten.[66]
1. Stadtteilschule am Hafen: Im Projekt Die Stimme von Rom*nja und Sinti*zze im Theater entstanden, deren Verfolgung während der NS-Zeit thematisierend, drei Theaterstücke mit den Titeln Romanilution, Das Haus brennt und Romplay Performance Soup, die unter anderem an der Berliner Volksbühne aufgeführt wurden.[67]
↑Frederic Wünsche: Marie-Luise Schultze-Jahn. Ein Leben für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit im Zeichen der Weißen Rose; ein Beitrag zum Wettbewerb um den Bertini-Preis 1999. Heisenberg-Gymnasium, Hamburg, 44 Seiten. – Siehe: „Bibliographie zur Weißen Rose“, Website der Ludwig-Maximilians-Universität München (abgerufen am 15. Februar 2025).
↑Alle Bertini-Preisträger 2003.In:abendblatt.de.Hamburger Abendblatt,28.Januar 2004,abgerufen am 17.Februar 2025(Paywall):„Schriftliche Arbeit Neuengamme: Janko Raab.“
↑Dokumentation über Zwangsarbeit.In:abendblatt.de.Hamburger Abendblatt,28.Januar 2005,abgerufen am 17.Februar 2025(Paywall):„Auf Initiative von Katharina und Soja ist auf dem Harburger Friedhof eine Gedenktafel für Johanna Günther errichtet worden.“
↑Lutz Wendler:Bertini-Preis: Menschlich gesehen.In:abendblatt.de.Hamburger Abendblatt,28.Januar 2006,abgerufen am 17.Februar 2025(Paywall):„Die Mädchen vom Heisenberg-Gymnasium in Harburg hatten beschlossen, am Fall des behinderten Jungen Alfred R., der im Alter von fünf Jahren ermordet wurde, die Euthanasie-Politik der Nazis zu erforschen … Der Lohn der Mühe: Sie wurden für ihre Arbeit „Seiner Unterwertigkeit wegen nicht tragbar“ mit dem Bertini-Preis 2005 ausgezeichnet.“
↑Lutz Wendler:Das kleine Beispiel kann Großes bewegen.In:abendblatt.de.Hamburger Abendblatt,28.Januar 2006,abgerufen am 17.Februar 2025:„Bertini-Preis: Ralph Giordano und Lea Rosh lobten das Engagement junger Hamburger.“
↑Fee Isabelle Lingnau:Sie setzten sich für Pressefreiheit ein.In:abendblatt.de.Hamburger Abendblatt,28.Januar 2007,abgerufen am 17.Februar 2025(Paywall):„Neun Gymnasiasten kämpften an der Sophie-Barat-Schule für freie Meinungsäußerung: Weil sich Nico Semsrott und ein Teil der Schülerzeitungsredaktion von "Sophies Welt" in ihrer Arbeit von der Schulleitung eingeschränkt fühlten, gründeten sie eine neue Publikation: "Sophies Unterwelt".“
↑Ann-Britt Petersen:Zivilcourage ist die Basis unserer Gesellschaft.In:abendblatt.de.Hamburger Abendblatt,30.Januar 2007,abgerufen am 17.Februar 2025(Paywall):„Mit lockeren Worten begann "Tagesthemen"-Moderatorin Anne Will ihre Festrede.“
↑BERTINI-Preis: Die 10. Preisverleihung.(PDF)In:Berichte aus dem Wettbewerbsjahr 2007/2008.epub.sub.uni-hamburg.de,S.3,abgerufen am 17.Februar 2025:„Über 700 Gäste waren am 27. Januar 2008 ins Ernst Deutsch Theater gekommen, um an der 10. Verleihung des BERTINI-Preises teilzunehmen. NDR-Landesfunkhausdirektorin Maria von Welser begrüßte im Namen des BERTINI-Preis e. V. die Gäste.“
↑Bertinipreis: Gekündigt...(PDF, S. 2)In:hlz – Zeitschrift der GEW Hamburg 1-2/2011, 09-magazin-bertini-preis.pdf.gew-hamburg.de,2011,S.49,abgerufen am 17.Februar 2025.