Anjohibe-Rundblattnase
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Zeichnung eines unvollständigen oberen Halbkiefers | ||||||||||||
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| Systematik | ||||||||||||
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| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||||
| Macronycteris besaoka † | ||||||||||||
| Samonds, 2007 |
Die Anjohibe-Rundblattnase (Macronycteris besaoka, ursprünglich Hipposideros besaoka) ist eine ausgestorbene Fledermausart aus der Familie der Hipposideridae. Diese Art ist durch zahlreiche Unterkiefer und isolierte Zähne bekannt, die 1996 in der Anjohibe-Höhle im Nordwesten Madagaskars gefunden wurden. Die Art wurde 2007 von der Naturforscherin Karen E. Samonds anhand dieses etwa 10.000 Jahre alten Materials (Holozän) beschrieben. In derselben Höhle wurden auch Knochenreste der Commerson-Rundblattnase (Macronycteris commersoni) — einer heute lebenden Art derselben Gattung — sowie weitere Überreste gefunden, die zu einer dritten, noch nicht beschriebenen Art der Gattung Macronycteris gehören.
M. besaoka war größer als M. commersoni und damit die größte bekannte insektenfressende Fledermaus Madagaskars. Die Molaren dieser ausgestorbenen Art sind breiter, und der Unterkiefer ist kräftiger als bei M. commersoni. Ungewöhnlich für die heute der Gattung Macronycteris zugerechnete Art ist, dass der zweite obere Prämolar klein und außerhalb der Zahnreihe liegt, während der zweite untere Prämolar groß ist.
Beschreibung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Befund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Fledermaus Macronycteris besaoka ist durch zahlreiche Unterkiefer und isolierte Zähne bekannt.[1.1] Die Gattung lässt sich anhand der Zahnformel 1.1.2.32.1.2.3 bestimmen. M. besaoka besitzt nur zwei Prämolaren in jeder der vier Kieferhälften. Diese werden jedoch als P2 und P4 bezeichnet, da sie der zweiten und vierten Prämolarenposition im ursprünglichen Gebiss der Säugetiere entsprechen. Die zweite obere Prämolare (P2) liegt außerhalb der Zahnreihe, zur Seite des Schädels hin, sodass der Eckzahn (C1) und P4 sich fast berühren. Die zweite untere Prämolare (p2) ist groß und weist eine breite und steile Facette auf der bukkalen (äußeren) Seite auf. Morphometrische Analysen zeigen, dass M. besaoka sich deutlich von der Commerson-Rundblattnase (M. commersoni) unterscheidet und außerhalb der Variationsbreite dieser Art liegt. Insbesondere sind die oberen Molaren breiter und der Unterkiefer kräftiger. Bei Fledermäusen gehen robuste Unterkiefer häufig mit einer Nahrung einher, die harte Bestandteile enthält.[1.2] M. besaoka war die größte bekannte insektenfressende Fledermaus Madagaskars ihrer Zeit, eine Rolle, die heute von M. commersoni übernommen wird.[1.3]
Kiefer
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Jedes Prämaxillare trägt nur einen Schneidezahn, der an der vorderen Spitze sitzt. Sie enden vorne V-förmig und laufen nach hinten in eine schmale Spitze aus. Jedes Prämaxillare weist eine große Öffnung auf, das Foramen palatinum anterius. Der Oberkieferknochen (Maxillare) trägt die übrigen Zähne des Oberkiefers. Die Mandibula, die alle unteren Zähne trägt, ist für einen Macronycteris recht kräftig, jedoch gibt es starke Unterschiede in der Dicke zwischen einzelnen Individuen.[1.4]
Gebiss
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die oberen Schneidezähne sind klein und ihre Spitze ist flach, nur schwach in zwei Lappen geteilt. Der Eckzahn (C1) besitzt nur eine Höckerspitze sowie eine kleine Abflachung auf der hinteren Seite. Die P2 ist sehr klein, und die P4 weist eine große vordere Höckerspitze auf, eine kleinere unmittelbar davor auf der lingualen (inneren) Seite sowie eine Abflachung hinter der großen Höckerspitze.[1.4] Die P4 misst 2,13±0,104 mm in der Höhe und 2,52±0,168 mm in der Breite.[1.5] Auf der ersten oberen Molare (M1) ist die Protofossa, eine Vertiefung zwischen den Höckern im vorderen Bereich des Zahns, geschlossen. Die zweite Molare (M2) ist ähnlich, jedoch kleiner und eher quadratisch. Die M3 ist deutlich kleiner, ihre Kaufläche ist reduziert ausgebildet und weist eine W-förmige Struktur auf.[1.4]
Taxonomie
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Im Jahr 1996 sammelte ein von David Burney geleitetes Team Brekzien, die Überreste von Fledermäusen und anderen Tieren enthielten, in der Anjohibe-Höhle im Nordwesten Madagaskars.[1.6] Die Fledertiere aus diesen Proben wurden von Karen Samonds (die damals den Nachnamen ihres Ehemanns Mitch Irwin trug) zunächst 2006 in ihrer Doktorarbeit und anschließend 2007 in einem Fachartikel beschrieben.[2][1] Sie erfasste dabei mehrere heute noch lebende Arten und beschrieb zwei neue fossile Arten, Triaenops goodmani und Hipposideros besaoka.[1.7] Auf Grundlage späterer phylogenetischer und morphologischer Studien zur sogenannten commersoni-Gruppe der Hipposideridae wird diese Art heute der Gattung Macronycteris zugeordnet und als Macronycteris besaoka geführt.[3]
Das Artepitheton besaoka bedeutet auf Madagassisch „großes Kinn“.[1.8] Das Material von M. besaoka stammt aus dem Holozän und ist höchstens 10.000 Jahre alt.[1.9] Eine kladistische Analyse auf Grundlage morphologischer Daten legt nahe, dass M. besaoka enger mit den afrikanischen Festlandsarten Macronycteris gigas und M. vittatus verwandt ist als mit der Commerson-Rundblattnase (M. commersoni) aus Madagaskar.[1.10] Neuere morphometrische Untersuchungen an Schädel- und Zahnmaßen lebender und subfossiler Macronycteris-Arten bestätigen, dass M. besaoka vor allem durch größere Zahn- und Körpermaße von den rezenten Arten abweicht, während die Zahnform insgesamt ähnlich ist, und deuten darauf hin, dass die Art an feuchtere Umweltbedingungen angepasst war.[4][5]
Weitere Überreste von Macronycteris wurden von Samonds an anderen Fundstellen in Anjohibe gemeldet, jedoch nicht M. besaoka zugeordnet. Dies gilt insbesondere für eine vierte obere Prämolare (P4), die an einer anderen Fundstelle gefunden wurde, die ebenfalls 10.000 Jahre alt oder jünger ist. Diese P4 unterschied sich in ihrer Größe von denen von M. commersoni und M. besaoka und besaß eine Höckerspitze weniger an der vorderen inneren Ecke, die bei den beiden anderen vorhanden ist. Samonds bezeichnete dieses Exemplar schlicht als Hipposideros sp. cf. H. commersoni.[1.11] An einer Fundstelle, die 69.600 bis 86.800 Jahre alt ist[1.12], wurden ein unterer Schneidezahn und eine zweite untere Molare (m3) gefunden. Diese Zähne ähneln denen von M. commersoni und unterscheiden sich von denen von M. besaoka, weshalb Samonds sie der erstgenannten Art zuordnet.[1.13] Weitere Zähne und Kiefer wurden an undatierten Fundstellen gefunden. Einige Knochen weisen Maße auf, die sich von denen der beiden Macronycteris-Arten unterscheiden, und wurden ebenfalls als H. sp. cf. H. commersoni bezeichnet.[1.14]
Im Jahr 2010 löste ein von Samonds geleitetes Team eine Brekzie mit Essigsäure auf, um daraus einen gut erhaltenen Schädel von Archaeolemur zu gewinnen. Der Rückstand enthielt zahlreiche Knochen kleiner Säugetiere, die bei herkömmlichen Präparationsmethoden oft zugunsten größerer Exemplare verloren gehen. Darunter befanden sich auch einige Überreste von Hipposideridae, von denen einige M. besaoka zuzuordnen sind, andere einer nahe verwandten Art und wiederum andere der Gattung Triaenops.[6]
Paläoumwelt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die mit M. besaoka vergesellschaftete Kleinsäugerfauna aus der Anjohibe-Höhle – darunter baumbewohnende Lemuren und das waldbewohnende Raubtier Galidia elegans – deutet darauf hin, dass das Umland der Höhle im Spätquartär deutlich stärker bewaldet und feuchter war als heute, als die Region überwiegend trockene Savanne trägt.[7]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Karen E. Samonds (Irwin): The origin and evolution of Malagasy bats: Implications of new Late Pleistocene fossils and cladistic analyses for reconstructing biogeographic history. 2006, doi:10.5281/zenodo.19672403 (englisch, zenodo.org [abgerufen am 14. Mai 2026] Zenodo).
- Karen E. Samonds: Late Pleistocene bat fossils from Anjohibe Cave, northwestern Madagascar. In: Acta Chiropterologica. Band 9, Nr. 1, April 2007, ISSN 1508-1109, S. 39–65, doi:10.3161/1733-5329(2007)9[39:LPBFFA]2.0.CO;2 (englisch, bioone.org [abgerufen am 14. Mai 2026]).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Karen E. Samonds: Late Pleistocene bat fossils from Anjohibe Cave, northwestern Madagascar. In: Acta Chiropterologica. Band 9, Nr. 1, April 2007, ISSN 1508-1109, S. 39–65, doi:10.3161/1733-5329(2007)9[39:LPBFFA]2.0.CO;2 (bioone.org [abgerufen am 14. Mai 2026]).
- ↑ Karen Elizabeth Irwin: The origin and evolution of Malagasy bats: Implications of new Late Pleistocene fossils and cladistic analyses for reconstructing biogeographic history. 2006, doi:10.5281/zenodo.19672403 (zenodo.org [abgerufen am 14. Mai 2026] Zenodo).
- ↑ Nicole M. Foley, Steven M. Goodman, Conor V. Whelan, Sebastien J. Puechmaille, Emma Teeling: Towards Navigating the Minotaur's Labyrinth: Cryptic Diversity and Taxonomic Revision within the Speciose Genus Hipposideros (Hipposideridae). In: Acta Chiropterologica. Band 19, Nr. 1, Juni 2017, ISSN 1508-1109, S. 1–18, doi:10.3161/15081109ACC2017.19.1.001 (bioone.org [abgerufen am 14. Mai 2026]).
- ↑ Jamie Alumbaugh: Morphometric Analysis of Subfossil Macronycteris Spp. (chiroptera: Hipposideridae) from Madagascar. In: Graduate Research Theses & Dissertations. 1. Januar 2019 (niu.edu [abgerufen am 14. Mai 2026]).
- ↑ Jamie L. Alumbaugh, Steven M. Goodman, Karen E. Samonds: Morphometric Analyses of Modern and Subfossil Macronycteris (Family Hipposideridae) Refine Groups from Anjohibe Cave, Northwestern Madagascar. In: Acta Chiropterologica. Band 23, Nr. 1, 9. Juli 2021, ISSN 1508-1109, doi:10.3161/15081109ACC2021.23.1.003 (bioone.org [abgerufen am 14. Mai 2026]).
- ↑ Karen E Samonds et al.: Rock matrix surrounding subfossil lemur skull yields diverse collection of mammalian subfossils: Implications for reconstructing Madagascar's paleoenvironments. In: Malagasy Nature. Band 4, 2010, S. 1–16 (englisch, researchgate.net [abgerufen am 14. Mai 2026]).
- ↑ Samonds et. al: Rock matrix surrounding subfossil lemur skull yields diverse collection of mammalian subfossils: Implications for reconstructing Madagascar’s paleoenvironments. In: Malagasy Nature. Band 4, 2010, ISSN 1998-7919, S. 1–16 (englisch, sadabe.org [PDF; 1,5 MB]).